551. Der weise Wal erklärt Weihnachten

Der weise Wal erklärt Weihnachten

An einem kalten Dezembertag liefen die Menschen schnellen Schrittes durch die verschneiten Straßen. so geschäftig und gestresst sah man sie nicht oft im Jahr. Das fiel sogar den kleinen Fischen auf, die regelmäßig in das nahe Hafenbecken schwammen, um die Menschen zu beobachten. Und jedes Mal, wenn sie etwas nicht verstanden, kehrten sie zurück ins Meer um den weisen Wal zu fragen, der schon die ganze Welt bereist und schon alles einmal gesehen hatte.
»Weiser Wal, wir haben die Menschen in der Stadt beobachtet.«, begannen die Fische ihre Frage. »Wir haben uns sehr gewundert, weil sie plötzlich so beschäftigt sind, auf den Straßen der Stadt hin und her laufen und ihre Bäume vom Wald in die Häuser holen. Sind die Menschen verrückt geworden? Sind sie vielleicht krank oder stimmt etwas nicht mit ihnen?«
Der weise Wal lächelte. »Bevor ich euch auf eure Frage eine Antwort geben kann, muss ich eine Weile darüber nachdenken.«
Dann schloss er seine Augen und ließ sich ein paar Stunden mit der Strömung des Meeres treiben.
Irgendwann öffnete er seine Augen wieder und sah die kleinen Fische, die geduldig gewartet hatten, der Reihe nach an.
»Wir haben eine ganz besondere Zeit. Das Weihnachtsfest steht bei den Menschen an. Sie stellen sich Bäume in ihre Häuser, schmücken sie rundherum, singen Lieder und machen sich gegenseitig Geschenke. Die Vorbereitungen kosten viel Zeit. Deswegen sind sie so gestresst.«
»Was ist denn dieses Weihnachten? Warum feiern die Menschen dieses Fest?«, kam sofort die Frage.
»Auch darüber muss ich wieder eine Weile nachdenken.«
Wieder warteten die kleinen Fische geduldig. Sie wussten, dass der weise Wal erst nach dem richtigen Wissen in seinem Kopf suchen musste. Also trieben sie gemeinsamen mit der Strömung.
»Weihnachten ist für die Menschen ein ganz besonderes Fest. Sie feiern ein Ereignis, dass schon sehr lange zurück liegt, für sie aber noch immer sehr wichtig ist.«
»Kannst du uns davon erzählen?«
Der weise Wal lächelte und begann zu erzählen.

Es begab sich aber zu der Zeit, als Kaiserfisch Augustus Herrscher aller bekannten Meere war. Da erließ er ein Gesetz, dass jeder Bewohner der Meere in seine Heimat zurückkehren sollte, um sich zählen zulassen. so wollte der große Kaiserfisch feststellen, wie viele Bewohner zu seinem Reich gehörten.
Zur gleichen Zeit bekam der Herrscher des östlichen Mittelmeeres, Königsfisch Herodes unerwarteten Besuch von drei weisen Walen, die ihn nach dem rechten Weg fragen wollten.
»Wohin führt euch euer Weg, wenn nicht in den prunkvollen Königspalast?«, wollte Herodes wissen.
»Wir sind auf der Suche.«, erklärte einer der drei Weisen. »Wir beobachteten einen ungewöhnlichen, leuchtenden Seestern. er kündigte uns einen neuen König an, der in diesen Tagen geboren wurde. Er wird eines Tages über dieses Reich herrschen. Nach ihm suchen wir.«
Der Königsfisch war erstaunt und erbost zugleich. Ein neuer König? Ein König, der über sein Reich herrschen sollte? Nein! Das konnte Herodes nicht zulassen.
Trotz seiner Wut behandelte er die weisen Wale freundlich. Er nahm sie mit sich vor seinen Palast und zeigte ihnen den Weg. Dieser war aber falsch, denn er sollte die Weisen direkt in eine tote Einöde führen, aus der es kein Zurück gab.
Kurz darauf rief Herodes seine Soldatenfische zu sich. er gab ihnen den Auftrag, nach dem neuen König zu suchen und zu töten.
Die weisen Wale hingegen hatten den freundlichen Worten des Königsfischs sofort misstraut. Sie hatten sich nicht in die Einöde schicken lassen. Stattdessen folgten sie weiter dem leuchtenden Seestern. Nicht lange danach trafen sie in einer kleinen Stadt ein, die völlig überfüllt war.
Zu dieser Zeit waren viele Meeresbewohner gekommen, um sich zählen zu lassen. Zwei kleine, einfache Fische gehörten ebenfalls dazu, eine Frau und ein Mann. Für die beiden war der weite Weg hierher besonders mühsam gewesen, denn sie hatten auf ihren Nachwuchs gewartet, der nun endlich geboren worden war. Nur zu gern hätten sie eine gemütliche Unterkunft gefunden, um in ihr die Nächte zu verbringen. Aber jedes einzelne Koralle war bereits vergeben. Aus diesem Grund waren sie in einem einfachen, alten Schneckenhaus untergebracht, das hier und da schon erste Risse und Löcher hatte Zwischen Kuh- und Ziegenfischen lagerten sie.
Eng war es hier. Die Tiere standen dicht an dicht. Für das winzige, neu geborene Fischlein blieb nur ein kleiner Platz: ein einfacher Futtertrog.
Und genau zu diesem Ort geleitete der leuchtende Seestern die drei weisen Wale. Andächtig und ergriffen schwammen sie um das Schneckenhaus herum. Durch die einzelnen Löcher warfen sie immer wieder einen Blick ins Innere.
»Wir sind gekommen, um den neu geborenen König zu huldigen. Wir sind gekommen, um den neuen König des östlichen Mittelmeeres und aller Ozeane der Welt und Ehre zu erbieten.«, sagten sie mit sanfter Stimme.
Die beiden Fische kamen hervor und sahen die Wale an.
»Ihr müsst euch getäuscht haben, ihr weisesten Bewohner der Meere. Hier in diesem alten Schneckenhaus gibt es nur ein paar Tiere und uns einfache Fische. Einen König werdet ihr hier vergebens suchen.«
Da begannen die Wale zu erzählen. Sie berichteten vom leuchtenden Seestern, der ihnen den Weg gewiesen hatte. Sie berichteten von ihren Seesterndeutungen, die ihnen die Geburt eines neuen und großen Königs angekündigt hatten. Einem König, der über alles, was im Meer lebte, herrschen würde und das er von ganz gewöhnlicher Herkunft wäre.
Die beiden Fische waren überrascht. Aber sie glaubten den Walen. Sie brachten das Neugeborene vor die Tür. Die Wale verbeugten sich vor dem kleinen Fischlein und überreichten ihm wertvolle Geschenke: goldene Muschelschalen, edlen Seetang und teure Seegrasblätter.
In diesem Moment kamen immer mehr Meeresbewohner der nahen Korallen heran. Sie alle hatten davon gehört, dass ein König unter ihnen weilte. Sie alle wollten ihn sehen und sich vor ihm verbeugen.
Die Mutter des kleinen Fisches behielt alles, was sie an diesem Abend sah und hörte, in ihrem Herzen und würde es nie vergessen.

»So ist das damals gewesen.«, beendete der weise Wal seine Erzählung. »So oder so ähnlich. Die Menschen erzählen sich diese Geschichte vielleicht ein wenig anders.«
»Und deswegen feiern die Menschen dieses großartige Fest?«, fragten die kleinen Fische.
»Ja.«, antwortete der Wal. »Jedes Jahr um diese Zeit feiern sie den neu geborenen König. Den König, der über uns alle wacht und uns beschützt. Egal wer wir sind. Ob Mensch, ob Fisch, ob Seestern oder kleine Muschel. Ob wir schwarz sind oder weiß, rot oder blau, grün gestreift oder blau gepunktet. Ob wir aus dem Meer stammen oder dem fernen Ozean, ob wir aus einem großen Strom kommen, einem Bach oder einem kleinen Tümpel. Dieser König liebt uns alle, egal wer wir sind, woher wir stammen oder wie wir aussehen.«
Die kleinen Fische sahen sich an und grinsten.
»Dann werden wir ab jetzt auch ein großes Weihnachtsfest feiern und uns über die Geburt des großen Königs aller Lebewesen freuen.«
Sie schwammen auseinander und sammelten alle Seesterne die sie finden konnten. Damit schmückten sie einen großen Seetangbusch und begannen Weihnachtslieder zu singen, die sie bei den Menschen gehört hatten.

(c) 2016, Marco Wittler

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