553. Das kleine Geschenk

Das kleines Geschenk

Am Nordpol liefen die Weihnachtsvorbereitungen auf Hochtouren. In der Wichtelwerkstatt des Weihnachtsmanns liefen sekündlich große und kleine Geschenke vom Band, die seine Wichtel in liebevoller Arbeit hergestellt und wunderschön verpackt hatten. Nach und nach wurden sie alle in den großen Sack, der sich bereits auf dem Weihnachtsschlitten befand, geladen.
Seit Anfang Dezember gab es kaum noch Pausen. Ständig kamen mit der Post neue Wunschzettel von Kindern auf der ganzen Welt. Jedes von ihnen hatte einen ganz besonderen Wunsch, der erfüllt werden wollte.
Rund um die Uhr lasen die Wichtel Briefe der Kinder und gaben neue Geschenke in Auftrag.
Der Weihnachtsmann saß derweil in einem großen Ohrensessel in seinem Büro und blätterte in seinem goldenen Buch. Dort drin standen die Namen aller Kinder. Jedes von ihnen würde er besuchen. Jedem würde ein Geschenk mitbringen. Die artigen Kinder bekamen große Geschenke, die nicht ganz so artigen Kinder bekamen kleine Geschenke. Bestraft, wie es manche Eltern gern vor Weihnachten erzählten, wurde natürlich kein einziges Kind. Weihnachten sollte auch in Zukunft das Fest der Liebe, der Familie und der Freude sein und kein Fest der Angst.
Ungeduldig warf der Weihnachtsmann einen Blick auf die kleine Uhr, die auf dem Schreibtisch vor ihm stand. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Schon in wenigen Stunden musste er sich auf den Weg machen. Also stand er auf, steckte das goldene Buch in seine große Manteltasche und begab sich auf einen Rundweg durch die Wichtelwerkstatt. Alles lief ordnungsgemäß nach Plan. Fast alle Geschenke waren bereits fertig. Das ließ er sich auch noch einmal von seinem Oberwichtel bestätigen.
»Wir liegen voll und ganz im Zeitplan, Chef. Weihnachten kann kommen. In einer Stunde wird der Sack gefüllt sein. Dann spannen wir die Rentiere an und du kannst starten. Es gibt dieses Jahr allerdings ein kleines Problem.«
Er holte hinter sich ein kleines Geschenk hervor.
»Dieses kleine Geschenk ist vom Fließband gefallen und hat wohl seinen Namenszettel verloren. Wir haben bereits alle Listen und Wünsche kontrolliert, finden aber nicht heraus, für welches Kind es bestimmt ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als dass du es mit nimmst und schaust, welches Kind am Ende übrig bleibt.«
Der Weihnachtsmann nickte. Leichte Aufgabe. Das sollte er mit Links schaffen. Es hatte noch kein einziges Weihnachtsfest gegeben, an dem er nicht alle Kinder glücklich gemacht hatte. Also machte er sich auf seinen langen und anstrengenden Weg.
Sein Flug ging um die ganze Welt. Von einem Land zum nächsten, von Stadt zu Stadt und von Haus zu Haus. Überall kletterte er durch die Kamine und legte Geschenke für die Kinder unter die Weihnachtsbäume.
Der Geschenkesack wurde von Stunde zu Stunde leerer, bis er zum Ende der Nacht komplett ausgeräumt war. Zufrieden warf der Weihnachtsmann noch einen Blick in sein goldenes Buch. Er hatte jedes einzelne Kind beschenkt. Er war fertig und konnte nach Hause zurück.
Doch dann fiel ihm etwas ein. Da war noch das kleine Geschenk, das keinen Namenszettel trug. Der Weihnachtsmann strich sich nachdenklich über den Bart.
»Du scheinst niemandem zu gehören. Ich habe kein Kind vergessen. Sehr seltsam ist das. Ich nehme dich erstmal mit. Vielleicht haben meine Wichtel mittlerweile etwas über dich heraus gefunden.«

Als der Weihnachtsmann endlich zu Hause war, fand er keinen seiner Wichtel in seiner Werkstatt vor. Sie hatten so lange und viel gearbeitet, dass sie wohl schon alle in ihren Betten lagen. Sie hatten es sich mehr als verdient.
Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht des Weihnachtsmanns. Er sah wieder auf das kleine Geschenk.
»Weißt du was? Ich nehm dich einfach mit zu mir. Du wirst mein persönliches Weihnachtsgeschenk – das erste, dass ich mir in der langen Zeit als Weihnachtsmann gönne.«
Voll Vorfreude ging er in sein Haus, setzte sich in seinen gemütlichen Sessel und stellte das kleine Geschenk vor sich auf den Tisch. Stundenlang besah er sich die glänzende Verpackung und genoss diesen Anblick. Er bekam nicht genug von den vielen Gedanken, was sich im Innern befinden könnte.
Irgendwann hielt er die Spannung nicht mehr aus. Er öffnete die Verpackung, sah hinein und freute sich über sein Geschenk wie kein Mensch zuvor.
Zur gleichen Zeit wurde er durch ein Fenster beobachtet. Draußen im Schnee stand sein Oberwichtel, der vor sich hin grinste. Sein Plan war aufgegangen. Schon oft hatte er versucht, den Weihnachtsmann zu beschenken. Jedes Jahr hatte dieser aufs Neue sein Geschenk abgelehnt.
»Die Geschenke sind für die Kinder gedacht.«, war immer wieder seine Ausrede gewesen.
Aber nun hatte der Oberwichtel endlich einmal Glück gehabt. Davon musste er gleich den anderen Wichteln erzählen.

(c) 2016, Marco Wittler

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