554. Weihnachten im Krankenhaus (Ninas Briefe 22)

Weihnachten im Krankenhaus

Hallo Steffi.

Es ist wieder so weit, dass ich dir einen Brief schicke. Der Letzte ist ja schon eine ganze Weile her. Im Moment habe ich auch sehr viel Zeit, dir zu schreiben, denn ich liege seit drei Tagen im Krankenhaus.
Warum ich im Krankenhaus liege? Na ja, das ist so eine Sache. Ich wollte unbedingt mit meinen Inlinern bei uns auf dem Gehweg fahren. Papa hatte es mir verboten. Also bin ich heimlich nach draußen. Dummerweise lag dort etwas Schnee, der Boden war rutschig und ich bin nur ein paar Meter weit gekommen. Schon vor der ersten Kurve bin ich ausgerutscht und habe mir das linke Bein gebrochen.
Bis auf die Schmerzen und den ungemütlichen Gipsverband, ist es gar nicht so schlimm. Das Essen schmeckt lecker, die Krankenschwestern sind super nett und ich bekomme jeden Tag Besuch. Was mich aber so richtig gestört hat, dass ich Weihnachten hier drin bleiben musste. Ich konnte also nicht mit meiner Familie vor dem Weihnachtsbaum sitzen, Lieder singen und Geschenke auspacken.
Ich konnte mir schon im Voraus das Gesicht meines kleinen Bruders Tommi vorstellen, wie er vor Schadenfreude von einem Ohr zum anderen grinst. Er packt seine Geschenke aus und freut sich, dass ich einen Tag länger warten muss.
An Heiligabend war es dann auch so weit. Mama, Papa, Tommi, Oma und Opa haben mich am Mittag besucht. Wir haben viel gelacht, Lieder gesungen – und dann sind sie nach Hause gefahren. Vom Fenster aus habe ich ihnen noch zugewunken. Und dann war ich allein in meinem Zimmer. Weihnachten musste ich allein verbringen. Kannst du dir das vorstellen? Das ist echt grausam. Das wünscht man niemandem.
Um nicht ganz allein zu sein, haben wir uns in einem kleinen Gemeinschaftsraum getroffen, also die anderen kranken Kinder, ein paar Krankenschwestern und ich. Das war zwar nicht das Gleiche, aber trotzdem ganz nett. Ein gutes Rezept, um das Heimweh zu vergessen.
Nach einer halben Stunde klopfte es plötzlich an der Tür. Ein kleiner Kopf schob sich grinsend herein.
»Hier sind wir richtig.«, rief er hinter sich. »Los, kommt rein!«
Es war Tommi. Ja, wirklich. Ich hatte keine Halluzinationen oder Träume und du hast richtig gelesen. Tommi, mein kleiner Bruder, war wieder ins Krankenhaus gekommen.
Nun öffnete er die Tür ganz und stürmte herein. Ihm folgten Mama, Papa, Oma und Opa. Während Papa einen kleinen, fertig geschmückten Weihnachtsbaum herein brauchte, hatten die anderen jeden Menge Geschenke unter den Armen.
Und das war noch lange nicht alles. Auch die Familien der anderen Kinder waren gekommen. Sie wollten Weihnachten bei uns im Krankenhaus feiern. Was für eine coole Idee.
Steffi, du kannst dir nicht vorstellen, wie toll dieser Abend wurde. Es war das schönste Weihnachtsfest meines Lebens. Wir hatten so unglaublich viel Spaß.
Ich musste mich immer wieder bei Mama und Papa für diese geniale Idee bedanken.
Aber irgendwann flüsterte mir Mama etwas Überraschendes ins Ohr – etwas, womit ich niemals gerechnet hatte:
»Das war nicht unsere Idee.«, sagte sie. »Dein kleiner Bruder Tommi war so traurig, dass du allein im Krankenhaus bist, dass er unbedingt Weihnachten hier feiern wollte.«
Ja wirklich. Mein kleiner Tommi hat an mich gedacht. Dabei ärgert er mich doch sonst immer nur. Ist er nicht ein richtig toller, kleiner Bruder? Ich hab ihn richtig lieb.
Na ja. Und nun ist dieser schöne Abend vorbei. Meine und die anderen Familien sind mittlerweile nach Hause gefahren. Ich liege jetzt hier in meinem Bett und schreibe an meinem Brief an dich. Ich hoffe, dass er bald bei dir ankommt und du mir schnell antworten kannst.

Ganz viele, liebe und weihnachtliche Grüße,
deine Nina.

P.S.: Schimpf nicht immer so viel über deinen kleinen Bruder. Der ist bestimmt auch irgendwann mal ganz lieb und nett zu dir.

(c) 2016, Marco Wittler

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