570. Weihnachten im Leuchtturm

Weihnachten im Leuchtturm

Mitten im Meer stand ein uralter Leuchtturm. Seine Aufgabe war es, alle Schiffe in der Umgebung vor einem Felsen zu warnen, auf dem er einst zu diesem Zweck gebaut worden war.
Und nun, zur Weihnachtszeit, hatte man das Gefühl, dass sein weisendes Licht noch wärmer, noch festlicher leuchtete.
Trotzdem wollte im Innern des Leuchtturms keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Das lag zum Einen daran, dass auf dem Meerwasser keine einzige Schneeflocke liegen bleiben wollte. Sie schmolzen sofort und verschwanden in den Fluten. Zum Anderen lag es aber auch daran, dass der Leuchtturmwärter ganz allein in seiner kleinen Wohnküche saß. Niemand leistete ihm Gesellschaft, niemand kam mal kurz auf einen Kaffee vorbei und hielt ein Schwätzchen mit ihm.
Der Leuchtturmwärter war nicht etwa unbeliebt. Im Gegenteil. Er besaß sehr viele Freunde und Verwandte. Aber eine Fahrt vom Festland bis zum Leuchtturm dauerte einen halben Tag. Viel zu lang für einen kurzen Besuch. Deswegen kam auch nie jemand vorbei. Erst in einem Monat, lange nach Weihnachten, würde das nächste Schiff einen anderen Leuchtturmwärter zur Ablösung vorbei bringen und den Jetzigen nach Hause fahren. Bis dahin würde aber noch sehr viel Langeweile im Leuchtturm herrschen.
Am Weihnachtsabend jedoch, war die Einsamkeit am Größten, denn dann saßen die Familien mit Großeltern, Eltern, Onkeln, Tanten und vielen Kindern um den Weihnachtsbaum herum und sangen besinnliche Lieder. Später würden sie alle im Bett liegen und gespannt darauf warten, dass der Weihnachtsmann durch den Kamin klettern würde, um Geschenke unter den Baum zu legen. Das alles vermisste der einsame Leuchturmwärter und wünschte sich, am heutigen Abend irgendwo, in irgendeinem Wohnzimmer, bei irgendeiner freundlichen Familie sitzen und Weihnachten feiern zu können.
Stattdessen saß er allein an seinem Esstisch, hatte eine einzelne, brennende Kerze vor sich stehen und starrte hinaus in die dunkle Nacht, in der sich hohe Sturmwellen am Felsen brachen.
»Ist das trostlos.«, seufzte der Leuchtturmwärter. »Die ganze Welt feiert heute Abend Weihnachten. Nur ich sitze hier einsam und allein und muss darauf aufpassen, dass das Leuchtfeuer nicht erlischt. Wenn mir wenigstens jemand Gesellschaft leisten würde. Aber bei diesem Schietwetter wird sich niemand auf die lange Fahrt hierher machen. Wahrscheinlich denkt heute nicht einmal jemand an mich.«
Er seufzte noch einmal laut, nahm einen großen Schluck heißen Kakao aus seiner noch größeren Tasse und blickte wieder hinaus auf das Meer und die Wellen.
Sehr spät in der Nacht, die Kerze auf dem Tisch war mittlerweile abgebrannt, schreckte der Leuchtturmwärter aus einem unruhigen Schlaf hoch. Müde rieb er sich seine Augen und gähnte herzhaft. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass es bereits drei Uhr war.
«Oh je.«, stöhnte er auf. »Jetzt bin ich wieder einmal am Tisch eingeschlafen.«
Er rieb sich mit beiden Händen den Nacken und die Schultern, die ihm mittlerweile wegen des ungemütlichen Schlafplatzes schmerzten, als er ganz hinten am Horizont ein kleines Leuchten sah, das sich langsam auf seinen Leuchtturm zu bewegte.
»Nanu? Was ist denn das? Kommt mich doch noch jemand besuchen? Um diese Uhrzeit? Mitten in der Nacht? Das kann doch gar nicht sein.«
Ein weiteres Mal rieb er sich die Augen und blickte dann wieder nach draußen. Das Licht war nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es war ein ganzes Stück näher gekommen.
»Es kann kein Schiff sein.«, murmelte der Leuchtturmwärter. »So schnell kann kein einziges Schiff fahren. Schon gar nicht bei diesem Sturm.«
Gespannt beobachtete er weiter und stellte bald fest, dass das Leuchten nicht über das Wasser zu ihm kam. Es flog in der Luft.
»Nein. Das kann nicht sein. Es ist zu windig. Da kann kein Flugzeug fliegen. Für einen Hubschrauber ist es auch zu gefährlich. Was kann das nur sein?«
Kurz bevor das Licht sein Ziel erreicht hatte, flog es eine Kurve und verschwand auf der anderen Seite des Leuchtturms. Der Leuchtturmwärter sah in alle Richtungen. Das Leuchten tauchte aber nicht wieder auf.
Ein paar Sekunden später klopfte es an der Tür. Verwirrt und überrascht stand der Wärter von seinem Tisch auf, lief die Treppe hinunter und öffnete seinem unbekannten Gast.
»Ho, ho, ho!«, schallte ihm eine tiefe Stimme entgegen. »Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir. Darf ich vielleicht herein kommen und mich ein wenig bei dir aufwärmen? Da draußen ist es kalt und ungemütlich.«
Dem Leuchtturmwärter fielen fast die Augen aus dem Kopf.
»Du … du … bist der Weihnachtsmann.« Hinter seinem Besucher sah er in der Dunkelheit den von acht Rentieren gezogenen Schlitten, der dicht über dem Meer schwebte.
»Äh, ja. Komm bitte herein.«
Sie betraten gemeinsam den Leuchtturm, gingen zurück in die kleine Küche und setzten sich an den Tisch.
Der Weihnachtsmann sah auf das verbliebene Stück Wachs, das sich über die Tischplatte verteilt und dort hart geworden war.
»Deine Kerze sieht aber mitgenommen aus. Wie wäre es mit einem neuen Adventskranz?«
Mit einem Grinsen griff er in die Tasche seines roten Mantels, holte einen Adventskranz hervor und zündete die vier Kerzen mit einem Streichholz an.
Der Leuchtturmwärter sah begeistert auf die kleinen Flammen und dann auf seinen Gast. Freudentränen standen ihm in den Augenwinkeln.
»Was machst du denn hier? Warum besuchst du mich in dieser stürmischen Nacht? Musst du nicht Geschenke an die vielen Kinder auf der ganzen Welt verteilen?«
»Ich bin schon fertig.«, kam die Antwort. »Alle Geschenke sind verteilt. Ich habe kein einziges Kind vergessen. Und weil ich heute Nacht nichts anderes zu tun habe und Weihnachten auch nicht gern allein bin, dachte ich mir, dass ich einfach bei dir vorbei schaue. Feiern wir doch gemeinsam Weihnachten.«
Ein weiteres Mal öffnete er seinen Mantel, holte zuerst einen leckeren Weihnachtsbraten hervor und dann ein kleines, verpacktes Geschenk, dass er dem Leuchtturmwärter entgegen hielt.
Und schon kullerten beim Wärter die Tränen. »Ich habe aber kein Geschenk für dich. Ich wusste gar nicht, dass du kommen wirst.«
Der Weihnachtsmann winkte ab. »Macht nichts. Du hast mir bereits ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Du hast mich in deinen Turm und an deinen Tisch eingeladen. Das ist mir schon Geschenk genug.«
Er stand auf, ging um den Tisch herum und drückte den Leuchtturmwärter fest an sich.
Gemeinsam verbrachten sie den Rest der Nacht und feierten bis zum Morgengrauen. Für beide war es das schönste Weihnachtsfest von allen. Von nun an besuchte der Weihnachtsmann den Leuchtturmwärter jedes Jahr, wenn er alle seine Geschenke ausgeliefert hatte.

(c) 2016, Marco Wittler

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