590. Finns erstes Kommando

Finns erstes Kommando

Finn stand im Flur vor dem großen Kalender, den Mama an die Wand gehängt hatte. Lesen konnte er noch nicht, aber trotzdem wusste er ganz genau, was für den morgigen Tag eingetragen war: ‚Finns sechster Geburtstag‘.
»Mein sechster Geburtstag. Endlich.«
Der sechste Geburtstag. Das war etwas ganz Besonderes. Nicht so gewöhnlich, wie der Vierte oder Fünfte. Es war der Sechste. Schon bald würde er in die erste Klasse der Grundschule gehen dürfen. Dann würde er kein kleines Kindergartenkind mehr sein.
»Dann gehöre ich endlich zu den Großen.«
Er dachte nach.
»Dann werde ich auch keine Kinderspiele mehr machen. Ich bin ab Morgen ein großer Junge. Dann spiele ich auch nur noch Sachen, die die Großen gern machen.«
Was das sein sollte, wusste er selbst nicht. Aber er nahm sich vor, nie wieder im Sandkasten zu spielen.
Finn lief in sein Zimmer und sah sich um. »Aber was spielen große Jungs?«
Er sah nichts. Nur zu gern hätte er seine alten Spielzeuge aus den Regalen geräumt und Neue besorgt. Aber was bloß?
»Vielleicht fällt mir Morgen früh etwas ein. Denn jetzt bin ich ja noch klein.«
Er machte sich zum Schlafen fertig, ließ sich von Mama noch eine Gute Nacht Geschichte vorlesen und freute sich beim Einschlafen auf Morgen.

Am nächsten Morgen war Finn schon sehr früh wach. Als dann endlich der Wecker klingelte, sprang er sofort von seinem Bett in seine Klamotten und Schuhe.
»Ich bin wach! Ich bin wach!. Jetzt bin ich sechs. Ich bin ein großer Junge!«
Finn stellte sich vor den großen Spiegel im Flur, in dem sich Mama jeden Tag ihre schicken Kleider ansah.
»Ist ja seltsam.«, murmelte Finn enttäuscht. »Ich sehe gar nicht größer aus. Ist irgendwie alles wie gestern.«
Er zuckte mit dem Schultern. »Ich gehöre jetzt trotzdem zu den Großen.«
Als er später im Kindergarten war, überlegte er ziemlich lange, womit er sich die Zeit vertreiben sollte. Sein Freund Lukas lud ihn ein, gemeinsam eine Sandburg zu bauen.
»Sandburgen? Nicht mit mir.«, lehnte Finn ab. »Das ist was für Kleine. Als großer Junge macht man sowas nicht mehr.«
Lisa, ein Mädchen, mit dem er schon öfter gespielt hatte, kam mit einer anderen Idee auf ihn zu.
»Magst du mit mir Vater, Mutter, Kind spielen? Ich bin die Mama, du der Papa und meine Püppi ist unser Baby. Ist doch cool, oder?«
Finn verdrehte aber nur die Augen.
»Ich mache keine Kindergartenspiele mehr. Ich bin sechs Jahre als. Das ist nichts mehr für mich.«
So ging es den ganzen Tag weiter. Finn wollte nichts mit den anderen Kindern spielen. Er wusste auch nicht, was er als großer Junge spielen sollte. Niemand war da, um ihm einen Tipp zu geben. Leider gab es im Kindergarten keine anderen großen Jungs, denn Finn war der Älteste hier.
Unzufrieden verzog er sich in den Gruppenraum und setzte sich an einen der Tische. Er holte sich ein Blatt Papier, einen Buntstift und begann, etwas zu kritzeln.
»Was wird denn das?«, fragte Kindergartentante Fritzi.
»Ich schreibe.«, antwortete Finn genervt.
»Ich versuche jedenfalls zu schreiben. Ist gar nicht so einfach, wenn man die Buchstaben nicht kennt. Aber große Jungs müssen das können.«
Fritzi setzte sich lächelnd mit an den Tisch.
»Aber warum willst du unbedingt schreiben können? Das lernst du doch bald in der Schule.«
»Weil ich jetzt sechs Jahre alt bin. Ich bin ein großer Junge. Und große Jungs machen keine Kindergartenspiele mehr.«
»Hm.«, machte Fritzi.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee. Als ich sechs wurde, wollte ich auch keine Kindergartenspiele mehr machen. Und meine Kindergartentante hat mir dann einen ganz tollen Tipp gegeben. Sie schlug mir ein ganz neues Spiel vor. Es heißt ‚Kindergarten.«
»Kindergarten?«, fragte Finn.
»Was soll das denn für ein komisches Spiel sein? Das hört sich aber gar nicht cool an.«
»Das ist es ja gerade. Es ist so cool, dass es die anderen gar nicht bemerken. Man tut so, als wäre man ein kleines Kindergartenkind. Aber weil man schon groß ist, kennt man bei allen Spielen die Regeln und ist meist besser als die anderen.«
Das leuchtete ein. Finn grinste und lief nach draußen.
»Danke, Fritzi. Ich gehe jetzt Kindergarten spielen.«

Am Abend kam Papa von der Arbeit. Finn zeigte ihm stolz seine vielen Geburtstagsgeschenke, die er am Nachmittag bekommen hatte. Danach erzählte er ihm von seinem großen Problem. Er hoffte darauf, dass Papa ihm zeigen konnte, was große Jungs gern spielen. Immerhin war Papa auch mal ein Junge.
»Hm.«, machte Papa. »Lass uns mal in dein Zimmer gehen. Wir schauen uns einfach um und finden was für dich.«
Während Papa sich alle Schränke und Regale ansah, blickte Finn gelangweilt aus dem Fenster und sah zum dunklen Himmel hinauf. Plötzlich hatte er einen Einfall.
»Jetzt weiß ich es.«, rief er. »Ich will Astronaut spielen und in den Weltraum fliegen. Das machen wirklich nur große Jungs.«
Wieder machte Papa »Hm. Ich kann aber nichts finden. Keine Spielzeugraumschiffe, keine Astronautenfiguren. Du hast auch keine Bücher über den Weltraum. Da wirst du noch etwas warten müssen.«
Finn schüttelte den Kopf.
»Keine Spielzeuge. Ich will richtig Astronaut spielen. Oder noch besser: Ich will ein Raumschiffkommandant sein. Dann kann ich auf meinem bequemen Kommandantensessel sitzen und meiner Mannschaft Befehle geben.«
Er dachte an eine Serie, die vor ein paar Tagen im Fernsehen lief. Darin war es auch so gewesen.
»Wir haben kein Raumschiff.«, entschuldigte sich Papa.
»Brauchen wir auch nicht.«
Finn verdrehte die Augen.
»Wir spielen doch nur. Können wir nicht aus unserem Auto ein Raumschiff machen? Mein Kindersitz ist der Kommandantensessel und du bist der Pilot. Gemeinsam fliegen wir dann von einem Planeten zum nächsten.
Papa schwieg und dachte wohl noch über diesen Vorschlag nach.
»Bitte, bitte, bitte.«, bettelte Finn.
»Na gut. Zieh dir deine Jacke an. Wir fliegen in ein paar Minuten ab.«

Kurze Zeit später saßen sie zu zweit im Auto.
»Maschinen starten.«, befahl Finn.
Papa drehte den Zündschlüssel um.
»Steuermann, bringen sie uns raus.«
Papa gab langsam Gas und fuhr den Wagen von der Garage auf die Straße.
»Wo soll es hingehen, Sir? Welche Richtung?«, fragte er nach hinten.
Finn dachte nach. Sollte es zum Mond gehen? Zur Sonne? Oder irgendwohin, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war?
Schließlich erinnerte er sich an eines seiner Lieblingsbücher, das ihm Mama so oft vorgelesen hatte.
»Flieg einfach vorbei am zweiten Stern von rechtsund dann immer geradeaus bis zur Morgendämmerung.«
»Aye, Sir.«, antwortete Papa und fuhr los.
Finn setzte sich seinen Fahrradhelm auf, den er nun als Astronautenhelm benutze. Dabei grinste er von einem Ohr zum anderen.
»War gut, dass mir Mama immer wieder Peter Pan vorgelesen hat. Aber ab jetzt will ich nur noch Weltraumgeschichten vor dem Schlafen hören.«

(c) 2016, Marco Wittler

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