596. Der Regenbogenfänger

Der Regenbogenfänger

Papa kam aus dem Keller. Die letzten Stunden hatte er dort unten in seiner Werkstatt verbracht. Laute Geräusche hatten seine Arbeit begleitet. Er hatte gesägt, gehämmert, geschliffen. Und nun hielt er ganz stolz sein Werk in Händen und präsentierte es dem Rest der Familie.
„Was ist denn das?“,wollte sein Sohn Paul wissen, der sich das Machwerk neugierig ansah.
„Das, mein Sohn, ist ein Regenbogenfänger. Na gut. Eigentlich nennt man so ein Ding Sonnenfänger, aber ich finde, dass Regenbogenfänger besser dazu passt.“
Paul lachte. „Was soll das sein? Ein Regenbogenfänger? Ich sehe nur die alten Treibholzstücke, die du im Urlaub gesammelt hast. Mit ein paar Bindfäden hast du Mamas alte Glassteine daran gebunden. Wie soll man denn damit einen Regenbogen einfangen können?“
Er sah aus dem Fenster. „Außerdem ist ein Regenbogen viel zu groß. Der geht doch von einem Ende des Horizonts zum Anderen. Wo soll man denn denn anschließend verstauen? Du erzählst mir doch schon wieder Märchen, die nicht stimmen. Du versuchst mich auf den Arm zu nehmen, aber dieses Mal falle ich nicht darauf rein.“
Papa grinste. „Dann warte mal ab, was ich dir gleich zeige. Lass uns mal ins Wohnzimmer gehen.“
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Papa holte einen Hammer und einen Nagel aus einer tiefen Tasche seines Hosenbeins. Den Nagel schlug er in die Wand über dem Fenster. Daran hängte er dann den Regenbogenfänger auf.
„Regenbögen sind schön. Sie sind eine der schönsten Dinge, die es auf unserer Welt gibt. Nur leider gibt es nicht so viele von ihnen. Man kann sie nur sehen, wenn es gerade regnet und dabei die Sonne scheint. Das kommt aber nicht so oft vor. Und für die restliche Zeit, gibt es den Regenbogenfänger.“
Genau in diesem Moment rissen draußen am Himmel die Wolken auf. Sonnenstrahlen kamen durch das Fenster herein und trafen auf die vielen Glassteine des Regenbogenfängers. Und dann geschah das Unglaubliche. Überall, auf allen Wänden des Wohnzimmers erstrahlten kleine Regenbögen. Es waren so viele, dass Paul sie gar nicht zählen konnte.
„Das ist ja der totale Wahnsinn.“, flüsterte er ergriffen.
„Siehst du. Ich habe dir nicht zu viel versprochen.“, war Papa stolz.
Paul grinste über das ganze Gesicht, lief von einem kleinen Regenbogen zum nächsten und untersuchte sie ganz genau.
„Und wo sind jetzt die Goldtöpfe, die am Ende jedes Regenbogens stehen sollen? Bei so vielen Regenbögen müssten wir steinreich werden.“

(c) 2017, Marco Wittler

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