580. Nik und Nele auf Empfang (Nik und Nele 06)

Nick und Nele auf Empfang

»Warum muss es denn jetzt schon so spät sein?« Nik sah auf die große Uhr an der Wand und seufzte laut. »Ich mag noch gar nicht schlafen.«
»Irgendwann muss der Tag mal vorbei sein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Ich bin noch gar nicht müde.« flüsterte Nik aus der oberen Hälfte des Etagenbetts. »Was ist mit dir?«
Seine Zwillingsschwester Nele schüttelte den Kopf und grinste. Natürlich konnte ihr Bruder das nicht sehen, aber es machte ihr so viel Spaß, ihn hin und wieder zu ärgern.
»Nele? Schläfst du schon?«
»Nein. Und ich bin auch nicht müde.«
»Sollen wir noch etwas Radio hören?« Nik wartete keine Antwort ab, sondern drückte einen Knopf. Leise Musik war nun zu hören. Leise genug, damit Mama sie nicht hören konnte, laut genug, um die Kinder zu unterhalten.
Doch dann wurde das Lied von einem kurzen Geräusch unterbrochen.
Die Kinder dachten nicht weiter darüber nach, denn Geräusche gab es immer wieder im Radio. Vor allem bei schlechtem Wetter konnte es manchmal ziemlich laut rauschen.
Ein paar Sekunden später kam das Geräusch wieder. Dann ein drittes und ein viertes Mal.
»Was ist das?« fragte Nik in die Dunkelheit, als sie es ein fünftes Mal hörten.
»Ich weiß es auch nicht.« antwortete Nele. »Aber ich will es wissen.«
Sie kramte in einer kleinen Kiste, die unter dem Bett stand und holte zwei Gegenstände hervor. Der erste war eine Stoppuhr. Der andere eine Taschenlampe, mit der sie die Anzeige der Stoppuhr sehen konnte.
Das Geräusch meldete sich erneut. Nele drückte auf den Startknopf. Als es noch einmal zu hören war, drückte sie auf Stopp. Ein paar Mal maß sie die Zeit zwischen zwei Geräuschen, bis sie etwas feststellte.
»Immer genau sechs Sekunden. Es ist jedes Mal die gleiche Zeit.«
»Aber was bedeutet das?«
Nele zuckte mit den Schultern. »Weiß ich auch nicht. Aber ich schaue mal, was mein schlaues Buch dazu sagt.«
Sie holte ihr Weltraumbuch aus dem Regal und blätterte durch die Seiten, bis sie etwas fand.
»Das muss ein Pulsar sein.«
»Ein was?«
»Ein Pulsar. Das ist ein Neutronenstern, eine alte Sonne am Ende ihrer Lebenszeit. Sie ist nur noch ungefähr zwanzig Kilometer groß. Mehr ist nicht von ihr übrig geblieben. Ein Pulsar dreht sich extrem schnell um seine eigene Achse und sendet dabei Signale aus. Mir jeder Drehung gibt es ein Geräusch.«
Nik verdrehte ungläubig die Augen. »Der Stern dreht sich in nur sechs Sekunden um sich selbst? Das ist ja nicht zu fassen. Wie soll denn das gehen?«
»Weiß ich auch nicht. Wie wäre es, wenn wir uns das mal aus er Nähe ansehen? Hast du Lust?«
Nik nickte. Er kletterte von seinem Bett herunter und setzte sich zu seiner Schwester. Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

Die Zwillinge hatten den Pulsar schnell erreicht. Nun sahen sie ihn direkt vor sich. Immer noch sandte er sein Signal alle sechs Sekunden in die Weiten des Alls hinaus.
»Jetzt kann man sogar sehen, was da vor sich geht.« staunte Nik.
Tatsächlich war es nicht nur ein Geräusch, das zu hören war. Im gleichen Takt sah man auch ein Licht aufblitzen.
»Wir sollten landen und nachschauen, was da vor sich geht.« entschied Nele und setzte mit dem fliegenden Etagenbett zur Landung an.
Als sie ausstiegen, sahen sie in ein paar Metern Entfernung eine schmale Schienenstrecke, die sich in wilden Kurven, Steigungen und Gefällen um den Pulsar zog.
»Eine Eisenbahn? Aber wo kommt sie her und wo führt sie hin. Wir haben doch von oben keine Städte sehen können.«
Nik wunderte sich und konnte sich keinen Reim darauf machen, bis er von Ferne ein lautes, rumpelndes Geräusch hörte, das sich schnell näherte.
Ein helles Lichte raste auf sie zu, düste mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbei und verschwand auf der anderen Seite hinter dem Horizont.
»Das war eine Achterbahn.« staunte Nele. »So eine schnelle habe ich ja noch nie gesehen.«
Sechs Sekunden später kam sie erneut auf sie zu.
»Hilfeeeeee!« hörten sie Stimme schreien. Weitere sechs Sekunden wiederholte sich das Ganze. »Hilfeeeee!«
»Das ist der Grund für die Signale und Leuchtzeichen des Pulsars.« stellte Nele fest. »Die Achterbahn braucht nur sechs Sekunden, um einmal herum zu fahren.«
»Und irgendwer sitzt darin und hat panische Angst.« fuhr Nik fort. »Wir müssen ihn da raus holen.«
Ohne weiter darüber nachzudenken, liefen sie zurück zum Etagenbett und flogen damit der Achterbahn nach.
»Hilfeeeee!« rief ein kleiner, grüner Außerirdischer, der verzweifelt an eine Haltestange klammerte.
»Hilfeeeee! Ich will hier raus.«
Sie passten ihre Geschwindigkeit an, gingen tiefer. Als sie direkt über der Achterbahn waren, hängte sich Nik raus.
»Greif meine Hand!« rief er.
Das ließ sich der Außerirdische nicht zweimal sagen. Er nahm die Hand und ließ sich hoch ziehen.
»Vielen Dank.« keuchte er erschöpft. »Ihr habt mich gerettet.«
Er atmete ein paar Mal durch, bevor er erklärte, was passiert war.
»Ich habe Achterbahnen immer geliebt und habe jede im bekannten Universum ausprobiert. Aber irgendwann wurden sie mir zu langweilig, zu langsam. Ich wollte die schnellste Achterbahn von allen bauen. Und als ich sie dann fertig war und ich einstieg, wollte sie nicht mehr anhalten. Die Bremse war kaputt. Ich habe jetzt fünf Jahre darin verbracht.«
Es war also wirklich höchste Zeit, den Außerirdischen da raus zu holen.
Mit dem fliegenden Bett verließen sie den Pulsar und machten sich auf den Weg nach Hause. Unterwegs setzten die Zwillinge den Geretteten zu Hause ab. Er versprach ihnen noch, nie wieder in eine Achterbahn zu steigen.

(c) 2014, Marco Wittler

571. Der Besuch vom Mars

Der Besuch vom Mars

Die Sommerferien waren vorbei. Während nun die Tage langsam wieder kürzer und die Temperaturen kühler wurden, hatte Alex seine erste Woche in der Grundschule verbracht. Für ihn war alles noch ganz neu und aufregend gewesen. Endlich würde er Lesen, Schreiben, Rechnen und vieles mehr lernen. Dann würde er seiner großen Schwester, die schon in die fünfte Klasse ging, zeigen können, dass er kein dummes, kleines Kind war, wie sie immer sagte.
In den ersten zwei Schultagen hatten sie noch nichs gelernt. Die Klassenlehrerin hatte wichtige Informationszettel für die Eltern verteilt, schwere Bücher an jedes Kind gegeben, die Benimmregeln erklärt und allen Schülern die Schule gezeigt. Erst am dritten Tag hatte es richtigen Unterricht gegeben.
‚Sachunterricht‘ stand dick und fett im Stundenplan. Alex hatte sich schon vom ersten Tag an gefragt, was man dort wohl lernen würde. Es gab sehr, sehr viele Sachen auf der Erde.
Doch dann musste er feststellen, dass es gar nichts mit Sachen von der Erde zu tun hatte. Es ging nämlich um Sterne, Planeten und den Weltraum.
Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. So hießen die acht Planeten aus der Nachbarschaft. Die einen groß, die anderen eher klein. Die Großen bestanden nur aus Gas, die kleinen waren so fest, wie die Erde. Leben gab es aber nur auf einem von ihnen: Auf der Erde. Woanders gab es dafür keine Chance. Der Merkur hatte keine Atmosphäre, also keine Luft. Die der Venus war zu giftig und auch auf dem Mars hätte niemand atmen können. Trotzdem, erklärte die Lehrerin, hatten Wissenschaftler immer die Vermutung, Spuren von Leben auf dem Mars finden zu können.
Da waren die Schreiber und Erfinder von Weltraumbücher, Marsgeschichten und Filmen mit Außerirdischen schon viel weiter. Darin wimmelte es nur so vor lauter Lebewesen.
»So ein Blödsinn.«, hatte sich Alex immer wieder gedacht. »Warum sollte es denn so weit von der Erde entfernt Marsmenschen geben? Wie sollten die denn da hin gekommen sein?«
Das hatte er auch immer wieder zu Hause erzählt. »Spannend war das auf jeden Fall. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es auf dem Mars jemanden gibt.«
Er holte sein Sachbuch hervor, blätterte hin und her, bis er schließlich ein Bild des roten Planeten fand.
»Da sieht man doch, dass es da kein Wasser gibt, keine Pflanzen und auch keine Städte. Da lebt nichts und niemand.«
»Na, wenn du dich da mal nicht täuschst.«, hatte Papa grinsend geantwortet. »Ich habe ganz viele Filme gesehen, in denen die Menschen das Gleiche dachten. Am Ende kamen dann doch die Marsianer auf die Erde und haben für Angst und Panik gesorgt.«
Nun grinste Alex auch.
»Ich habe bestimmt keine Angst vor Marsmenschen. Wenn mir einer begegnet und er mir Angst machen will, dann trete ich ihm in den Hintern, stopfe ihn zurück in seine Rakete und schieße ihn auf den Mond. Dann werden wir ja sehen, wer mehr Angst hat.«
Er lachte laut und musste sich dabei sogar den Bauch halten.

Am Abend saß die Familie noch lange draußen im Garten. Während ein paar Würstchen auf dem Grill brutzelten sahen sie dem Sonnenuntergang und den auftauchenden Sternen zu, als Alex plötzlich sah, wie einer von ihnen zur Erde stürzte.
»Papa, hast du das gesehen? Ein Stern ist grad vom Himmel gefallen. Der muss irgendwo in der Nähe eingeschlagen sein.«
Aufgeregt sprang er von seinem Gartenstuhl auf und versuchte über die Hecke zu sehen.
»Mach dir da mal keine Sorgen.«, beruhigte ihn Papa. »Sterne fallen nicht vom Himmel. Das war nur eine Sternschnuppe, ein kleiner Stein oder Staub, der in der Atmosphäre verbrennt. Es passiert nur ganz selten, dass davon etwas am Boden ankommt.«
Er machte eine kurze Denkpause und überlegte, bevor er grinsend weiter sprach.
»Es könnte aber auch das Raumschiff eines Außerirdischen gewesen sein, dass irgendwo dort hinten gelandet ist.«
»Das glaubt dir doch eh keiner.«, antwortete Alex. Trotzdem ließ ihn der Gedanke nicht los, dass da vielleicht doch ein Besucher von einem anderen Planeten angekommen war.

Wenig später lag Alex im Bett. Das Schlafen fiel ihm allerdings schwer. Ständig dachte er daran, dass ein Alien auf der Erde gelandet war und nun unentdeckt sein Unwesen hier trieb.
Sobald er die Augen schloss, sah er in seinen Gedanken Raumschiffe, die durch die Luft flogen und mit ihren Laserstrahlern Häuser zerstörten.
»Warum muss Papa auch so einen Blödsinn erzählen. Der ist Schuld, wenn ich nicht schlafen kann.«
Kurz dachte er darüber nach, ob er hinunter ins Wohnzimmer gehen und sich beschweren wollte, traute es sich aber nicht, weil er kein Angsthase sein wollte.
In diesem Moment klopfte es leise an der Tür. Alex hielt vor Aufregung den Atem an. Die Tür öffnete sich und eine unbekannte Person trat ein. Zuerst konnte Alex nicht viel erkennen. Aber dann sah er einen silberfarbenen Raumanzug, grüne Haut um Gesicht und lange Fühler auf dem Kopf. Auf der Nase saß eine große, verspiegelte Brille. Es war der Außerirdische und er stand mitten in Alex Zimmer.
Am Liebsten hätte Alex geschrien. Aber er bekam keinen Laut aus seinem Mund. Der Alien hingegen lächelte freundlich, legte einen seiner sechs Finger auf seine Lippen und gab dem Jungen zu verstehen, dass er leise sein sollte.
Alex nickte vorsichtig und sagte nichts.
Der Außerirdische griff langsam in seine Anzugtasche und holte ein kleines Holzkästchen heraus. Dieses legte er auf Alex Schreibtisch. Dann winkte er noch einmal zum Bett hinüber und verließ das Zimmer.
»Boah. War das aufregend.«, flüsterte Alex.
Er schlich zur Tür und sah hinaus. Der Alien war verschwunden. Also schlich Alex zum Schreibtisch und sah in das Kästchen. Darin lag ein kleiner, roter Stein und ein Zettel. Mit zitternden Händen las Alex die wenigen Worte, die darauf geschrieben waren.
‚Ein kleiner Stein von meiner Heimatwelt, dem Mars. Dieses Geschenk soll dich immer daran erinnern, dass wir uns in dieser Nacht getroffen haben. Erzähle aber bitte niemandem davon.‘
Dieses Versprechen hätte Alex nur zu gern gemacht, wurde dann aber abgelenkt, als sich seine Schranktür öffnete.
Der Junge fuhr herum und erschrak. Zwischen den vielen Jacken und Hemden, die gerade zur Seite geschoben wurden, kam ein kleiner, grauer Kerl hervor. Er war kleiner als Alex, viel dünner als irgendein Mensch nur hätte sein können. Dafür war der Kopf umso größer. Das Wesen hatte riesige Augen und einen schmalen Mund. Eine Nase fehlte dafür völlig. Es hatte eine Haut so grau wie das Fell einer Maus. Kleidung trug es keine.
»Puh, war das knapp.«, sagte es.
»Ich wollte schon vor ein paar Minuten aus meinem Versteck kommen. Aber dann hätte mich dein Vater in seiner komischen Verkleidung erwischt. Was für ein Glück.«
Er kam auf Alex zu, nahm dessen Hand in seine und schüttelte diese kräftig.
»Ich bin Mapul, ein Astronaut vom Planeten Mars. Eigentlich hatte ich vor, dass mich niemand sieht, aber da mein Raumschiff abgestürzt ist und ich ein Ersatzteil brauche, habe ich mich in euer Haus geschlichen.«
Er hielt eine kleine Schraube in die Höhe, die er wohl aus dem Schrank geholt haben musste.
»Dein Schrank wird auch ohne halten. Und vielen Dank dafür. Damit werde ich bald wieder nach Hause fliegen können.«
Er klopfte Alex auf die Schulter, winkte kurz und wurde langsam durchsichtiger. Bevor er ganz verschwunden war, hatte er noch eine Bitte.
»Verrate bitte niemandem, dass ich hier gewesen bin.«
Alex nickte nur. Sagen konnte er vor lauter Überraschung gar nichts mehr.

Am nächsten Morgen saßen Alex und Papa am Frühstückstisch und grinsten sich gegenseitig an.
»Und wie war deine Nacht. Etwas Besonderes erlebt oder geträumt?«
Alex nickte. »Ich hatte Besuch von einem Außerirdischen.«
Papa nickte grinsend. »Das war bestimmt richtig aufregend. Du glaubst jetzt also, dass es Aliens gibt?«
»Ja, klar. Er hat mir nämlich auch bewiesen dass er echt war.«
Papa lachte laut. Sein Plan hatte also funktioniert. Dass Alex in der letzten Nacht Besuch von einem zweiten Außerirdischen hatte, der tatsächlich vom Mars gekommen war, wusste er nicht.

(c) 2016, Marco Wittler

261. Was ist Spaß?

Was ist Spaß?

Tim saß gelangweilt vor dem Fenster. Es regnete ohne Pause. Die Tropfen prasselten sekündlich gegen das Glas.
»Das ist so unfair.«, murmelte er vor sich hin.
»Ich wollte doch heute mit meinem neuen Fahrrad über den Spielplatz fahren.«
Er seufzte.
In diesem Moment durchbrach ein helles Licht die grauen Wolken. Zuerst hoffte Tim, dass die Sonne durchkommen würde. Doch stattdessen erschien ein silbrig glänzendes Raumschiff das direkt auf der anderen Straßenseite landete und das Gras platt drückte.
Ein paar Sekunden später öffnete sich eine Tür und ein kleiner Raumfahrer stieg aus.
Tim drückte sich die Nase am Fenster platt. So etwas hatte er noch nie gesagt.
»Ich dachte, es gibt keine Ufos.«
Kaum hatte er seinen Satz beendet, sah der Raumfahrer zum Kinderzimmer herauf und winkte.
Tim war erstaunt. Zuerst wollte er sich verstecken, doch dann war seine Neugier geweckt. Er winkte zurück und ging nach draußen.
»Hallo, Junge von der Erde.«, sagte der Besucher.
»Mein Name ist Bomm und ich habe einen Auftrag zu erfüllen.«
Tim stellte sich ebenfalls vor und schüttelte dem Raumfahrer die Hand.
»Ich helfe dir gern, wenn ich es kann.«
Sie setzten sich auf die Eingangstreppe des Ufos und redeten.
»Mein Volk beobachtet euch schon sehr lange. Aber es gibt etwas, das wir nicht verstehen. Was ist Spaß? Warum lacht ihr? Das kennen wir auf unserem Planeten einfach nicht.«
Tim war verwirrt. Ein Planet, auf dem nicht gelacht wird? Das konnte er sich gar nicht vorstellen.
Der Junge überlegte kurz und begann einen Witz zu erzählen, doch irgendwie schien der Außerirdische diesen nicht zu verstehen. Er verzog nicht eine Miene und blieb so ernst wie zuvor.
»Vielleicht sollten wir zusammen einen Comic lesen.« Also liefen sie zum nächsten Buchladen und schauten sich viele bunte Bildergeschichten an. Leider war auch dieser Versuch vergeblich.
»Wir haben auf der Erde lustige Filme, über die man viel lachen kann.«
Tim nahm seinen Besucher mit ins nahe Kino. Sie setzten sich mitten ins Publikum. Rundherum lachten die Menschen mindestens einmal pro Minute. Doch der Raumfahrer blieb still.
»Das wird ja schwieriger als ich dachte.«, sagte Tim verzweifelt.
Sie verließen den Vorführraum und gingen zurück auf die Straße. Tim grübelte weiter, was er noch alles anstellen könnte, um auch nur ein müdes Lächeln im Gesicht seines Lachschülers zu erzeugen. Dabei war er so konzentriert, dass er nicht darauf achtete, wohin er seine Füße setzte. Der nächste Schritt endete auf einer Bananenschale.
Tim rutschte aus und stürzte der Länge nach hin. In seiner Verzweiflung wollte er sich an etwas festhalten und riss dabei einen Prospektständer um. Das viele Papier flog im hohen Bogen durch die Luft und Tim landete platschend in einer großen Pfütze. Das Wasser spritzte in alle Richtungen und machte drei Frauen nass, die gerade das Kino betreten wollten.
In diesem Moment ertönte ein lautes Lachen. Es war der Außerirdische, der sich den Bauch halten musste.
»Das findest du also witzig?«, fragte Tim sauer.
Doch dann sah er, was gerade geschehen war. Sein Besucher hatte das Lachen gelernt.
»Weißt du was? Das war wirklich lustig.«
Während sie nach Hause gingen, lachten sie ohne Pause, dafür aber um die Wette.

(c) 2009, Marco Wittler

060. Der Besucher

Der Besucher

Der Himmel war mit grauen Wolken verhangen und dicke Regentropfen fielen auf die Erde. Bei diesem Wetter wollte man keinen Hund vor die Tür jagen. Auf den Straßen war keine Menschensseele zu sehen. Nur das Prasseln des Regens war zu hören.
Tim saß in seinem Zimmer am Schreibtisch, arbeitete an seinen Hausaufgaben und sah zwischendurch immer wieder aus dem Fenster.
»Das ist richtig gemein. Ich wollte mich doch nachher mit meinen Freunden auf dem Spielplatz treffen.«
Er warf einen Bleistift in die Ecke, lief aber sofort hinterher, da er ihn gerade brauchte.
Er setzte sich zurück und blickte in die Wolken.
»Wann hört das denn endlich auf? Ich will nach draußen.«
Er packte seine Schularbeiten in seine Tasche und lief durch sein Zimmer.
»Was mache ich denn jetzt?«
Er holte seine große Spielzeugkiste und suchte darin herum, fand aber nichts, was ihn interessierte. Also setzte er sich wieder an den Schreibtisch und starrte gelangweilt auf die Straße.
Plötzlich blitzte etwas auf.
»Oh, nein. Jetzt gibt es auch noch ein Gewitter.«
Doch das Licht wurde größer und heller und verschwand nicht wieder. Er schien, als würde es näher kommen, bis es schließlich durch die Wolken kam.
Es war so hell, dass es blendete. Tim musste seine Augen mit der Hand bedecken.
Als er kurz darauf erneut hinaus sah, war das Licht verschwunden.
Tim lief schnell nach unten zu seiner Mutter.
»Mama, da draußen ist etwas. Ich habe ein helles Licht gesehen, das aus dem Himmel kam.«
Seine Mutter warf einen kurzen Blick aus dem Fenster und sah dann ihren Sohn ungläubig an.
»Das hast du dir nur eingebildet. Da draußen regnet es im Strömen. Da ist nichts. Du hast bestimmt nur die Scheinwerfer eines Autos oder eines Flugzeugs gesehen.«
Sie winkte ihn aus dem Zimmer, da sie sich ihren Film im Fernsehen weiter ansehen wollte.
Tim war verärgert. Er wusste, dass er sich nichts eingebildet hatte. Das Licht war eindeutig da gewesen, es war aus dem Himmel gekommen und auf die Erde gestürzt.
»Ich muss heraus finden, was es gewesen ist.«
Als Zeichen seiner Entschlossenheit schlug er sich mit der rechten Faust in die linke Hand. So hatte er es oft bei Papa gesehen.
Dann zog er sich Gummistiefel und Regenmantel an und ging wieder nach unten.
»Ich geh noch nach drüben zu Marvin. Wir wollten uns zum spielen treffen.«
Seine Mutter sagte nur, dass er zum Essen zurück sein sollte, was Tim bejahte. Und dann stand er auch schon im Regen auf dem Gehweg.
Er drehte sich einmal im Kreis, sah in jede Richtung und entschied sich dann für den Stadtpark.
Es dauerte ein paar Minuten, bis er vor dem großen Eisengittertor stand und hindurch sah. Nun bekam er doch ein mulmiges Gefühl im Magen.
»Soll ich oder soll ich nicht?«
Er überlegte noch einmal kurz, stieß dann das Tor auf und marschierte den breiten Kiesweg entlang.
Es dauerte nicht lange, bis er fand, was er suchte. Auf einer großen Wiese war ein ein großes Loch im Boden. Was auch immer hier abgestürzt war, hatte einen großen Krater in die Erde gerissen.
»Du meine Güte.«, flüsterte Tim vor sich hin.
»Das muss aber ziemlich schnell gewesen sein.«
Er kletterte hinab und suchte. Doch das war gar nicht so einfach. Der Boden war heiß und es dampfte überall. Man konnte kaum etwas sehen. Aber plötzlich sah er einen großen Schatten.
»Das muss es sein.«
Er lief hin und entdeckte ein silbernes Raumschiff. Es war nur wenige Meter hoch und lang. Er umrundete es einmal und besah es sich von allen Seiten, bis sich schließlich eine Luke öffnete und ein kleiner Mann daraus hervor kam, der gerade einmal so groß, wie Tim selber war.
»Hallo, Fremder, geht es dir gut? Hast du dich verletzt?«
Der Fremde sah erschöpft und traurig aus.
»Ja, es geht mir gut Erdling. Nur ist mir leider auf dem Weg zur Venus der Treibstoff ausgegangen. Deswegen ist mein Raumschiff auf deinen Planeten gestürzt. Und nun komme ich hier nicht mehr weg.«
Tim überlegte, aber es fiel ihm auch nichts ein, wie er dem unfreiwilligen Besucher helfen konnte.
»Was hältst du davon, wenn wir ein wenig hier im Park spazieren gehen und du mir etwas von dir erzählst. Bin so wahnsinnig neugierig darauf. Und vielleicht fällt uns dann gemeinsam eine Lösung ein.«
Der kleine Mann willigte ein. Er wusste auch nicht, was er sonst hätte unternehmen können.

Eine ganze Stunde liefen sie gemeinsam durch den Regen, geschützt durch ein unsichtbares Feld, das die Tropfen abhielt.
»Dein Planet ist so unglaublich schön. Ich habe noch nie einen gesehen, der es mit eurer Erde hätte aufnehmen können. Eure Bäume sind so riesig wunderschön. Auf der Venus gibt es nur Wüste und kleine trockene Pflanzen.«
Plötzlich blieb der kleine Mann stehen. Er sah sich um, kratzte sich am Kopf, sah sich erneut um und rieb sich am Kinn.
»Ja genau, das ist es. Das ist die Lösung.«
Er lief zu einem der Bäume, Tim rannte sofort hinter im her.
Der kleine Mann riss ein paar Blätter von den Bäumen und schnupperte daran.
»Die sind ja viel besser, als ich es mir gedacht hatte.«
Er hüpfte wie wild im Kreis und freute sich so sehr, als hätte er gerade einen wichtigen Preis gewonnen.
»Schau dir das an, Erdling. Das hier ist die Lösung. So werde ich wieder nach Hause kommen. Aber ich brauche diene Hilfe.«
Tim verstand nichts.
»Weißt du, mein Raumschiff, das fliegt mit den Blättern einer kleinen Pflanze von der Venus. Und da es nicht viele von ihnen gibt, ist die Raumfahrt sehr teuer und viele Schiffe machen unterwegs schlapp oder stürzen ab, weil ihr Blättervorrat zu Ende gegangen ist. Und als ich dann diesen Baum hier sah, wusste ich, dass es die gleiche Pflanze ist, nur viel größer.«
Er zeigte mit dem Finger auf eine Kastanie.
»Ich hätte nie gedacht, dass sie bei anderem Wetter so groß werden und so viele Blätter tragen würden.«
Jetzt musste Tim lachen.
»Und wir ärgern uns immer im Herbst, wenn die vielen Blätter herab fallen und wir nicht wissen, wohin damit.«
Er half dem kleinen Mann, einen Sack voller Blätter einzusammeln, mit denen sie den Tank des Raumschiffs füllten.
»Ich danke dir, mein Freund von der Erde. Ohne deine Hilfe, wäre ich nie wieder von hier weg gekommen. Ich verspreche dir, dass ich bald wieder kommen werde. Im Herbst werde ich mit ein paar Freunden zu euch kommen und wir befreien euren Planeten von den vielen Blättern, die von den Bäumen fallen.«
Er schüttelte Tim noch einmal die Hand, stieg in sein Raumschiff und flog davon.

Als Tim nach Hause kam, erzählte er seiner Mutter nichts von seinem Erlebnis. Sie würde es ihm auch niemals glauben.

(c) 2007, Marco Wittler