607. Das peinliche Wichtelgeschenk

Das peinliche Wichtelgeschenk

Nick betrat andächtig die Schule. Heute war ein besonderer Tag. Es war der letzte Unterricht vor den Weihnachtsferien. Heute würden sie nichts mehr lernen müssen. Stattdessen durfte jeder Kekse mitbringen und kurz Schulschluss wurde unter den Kindern in seiner Klasse gewichtelt.
Für das Wichteln hatte jedes Kind ein Geschenk mitgebracht. Im Gegensatz zum letzten Jahr, hatte Nick die Regeln etwas verändert. In seiner Aufgabe als Klassensprecher hatte er einen entsprechenden Vorschlag gemacht, der auch angenommen wurde.
Vorbei war nun die Zeit, in der die meisten Kinder unzufrieden mit ihren Geschenken waren. Niemand sollte mehr ein Geschenk bekommen, das er nicht mochte. Jeder sollte sich etwas aussuchen dürfen. Und darauf freute er sich schon sehr. Aber bis dahin war noch etwas Zeit.
Statt nun in den Klassenraum zu gehen, blieb Nick an der Eingangstür der Schule stehen. Er wartete auf seine Mitschüler und begrüßte an diesem Tag jeden einzelnen persönlich. Nach und nach trudelten sie ein. Wenn einer von ihnen mit dem Auto gebracht wurde, versuchte Nick zu erraten, wer sich darin befand.
In den ersten Wagen, der vorfuhr, konnte Nick nicht hinein sehen. Die Fenster der Rückbank waren mit Einhornbildern verziert.
„Das muss eins von unseren Mädchen sein.“, war er sich sicher. „Ich tippe auf Sofie.“
Der Wagen blieb stehen. Die Tür öffnete sich. Statt Sofie stieg aber ein Junge aus. Es war Max, der mit hochrotem Kopf auf schnellstem Weg in die Schule lief. Als er an Nick vorbei kam, flüsterte er ihm schnell etwas zu.
„Du hast nichts gesehen. Vor allem keine Einhörner.“
Dann lief er weiter in die Klasse.

Ein paar Schulstunden und etliche Kekse später war es dann so weit. Das Wichteln begann. Nick stand vorne am Pult und griff nach und nach in einen großen Sack. Er holte jedes Päckchen einzeln hervor und öffnete das Geschenkpapier. Zu jedem fand sich ein Kind, dass sich über die Geschenke freute.
Fast zum Schluss, es waren nur noch zwei Päckchen übrig, hielt Nick ein buntes Einhorn mit langer Regenbogenmähne in den Händen. Er sah durch die Klasse, stellte aber fest, dass alle Mädchen bereits ein Geschenk in Händen hielten. Und dann fiel sein Blick auf Max. Kurz sah er in dessen Augen riesige Begeisterung. Doch dann schüttelte dieser kaum merklich den Kopf. Es schien ihm zu peinlich zu sein, ein Geschenk anzunehmen, über das sich sonst nur Mädchen freuen würden. Er musste große Angst haben, dass die anderen Jungs ihn auslachen würden.
Wie zur Bestätigung kam aus der letzten Reihe sofort ein dummer Spruch.
„Na los, Nick, gib Max das Einhorn. Der kann das bestimmt gebrauchen. Der hat auch noch kein Geschenk.“
Sofort begannen die anderen Jungs zu lachen, während MAx ganz rot im Gesicht wurde.
„Nix da!“, sagte Nick mit fester Stimme. „Das Einhorn bleibt bei mir. Sowas hab ich mir schon immer gewünscht.“
Die Jungs in der Klasse verstummten. Der coole Nick stand auf Einhörner? Damit hatte keiner von ihnen gerechnet. Waren Einhörner vielleicht doch ein tolles Spielzeug?
Niemand traute sich, Nick zu beleidigen oder ihn auszulachen. Er war immerhin der Klassensprecher und sehr beliebt. Mit ihm wollte niemand Streit haben.
Das letzte Geschenk, ein Spielzeugauto landete schließlich in den Händen von Max.

Kurz nach Schulschluss verabschiedete Nick seine Klassenkameraden an der Tür des Klassenraums. Der letzte, der noch blieb, war Max, der schließlich ganz verlegen auf ihn zukam.
„Hey, danke. Das hätte ich echt nicht von dir gedacht. Ich bin echt froh, dass du mir geholfen hast. Die anderen hätten mich bestimmt voll fertig gemacht, wenn sie wüssten, dass ich Einhörner mag.“
Nick grinste und tauschte sein Einhorn gegen das Auto.
„Ist doch nur ein Einhorn. Nichts, wofür man fertig gemacht werden sollte. Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.“
Gemeinsam verließen sie die Schule. Kurz bevor sich ihre Wege trennten, verriet auch Nick noch ein großes Geheimnis, das niemand sonst wissen sollte.
„Wenn bei uns eine Feier ansteht, dann tragen mein Papa und ich immer rosa Hemden, weil man da irgendwie echt cool drin aussieht.“
Dann grinste er und zwinkerte noch einmal zum Abschied.
„Ich wünsch dir frohe Weihnachten und viel Spaß mit deinem Einhorn.“

(c) 2017, Marco Wittler

342. Ein ungewöhnliches Tier

Ein ungewöhnliches Tier

Es war ein schöner, sonniger Tag, als Prinzessin Flora durch den Wald spazierte. Überall sangen die Vögel lustige Lieder zu denen die kleinen Grillen zirpten. Da konnte sich auch die Prinzessin nicht zurück halten. Sie hüpfte, sie sprang, sie sang. Doch plötzlich hörte sie ganz in der Nähe ein leises Wimmern.
»Huch, was ist denn das?«, fragte sie sich und spähte durch die Büsche hindurch.
»Wie kann man denn an einem solchen Tag nur weinen?«
Nach ein paar Minuten entdeckte sie ein kleines Pferd, das mitten auf einer Lichtung im Gras lag und bitterliche Tränen weinte.
»Hallo, kleines Pferd. Warum weinst du?«, fragte Flora besorgt.
Das Pferd blieb liegen und drehte sich nicht einmal herum. Dafür schluchzte es nur noch lauter.
»Komm nicht näher und sie mich nicht an. Ich bin so hässlich, dass mich niemand leiden kann und mich jeder auslacht.«, jammerte es.
So etwas konnte sich die Prinzessin nicht vorstellen, schließlich lebte in ihrem Schloss ein altes Weib mit Buckel und einer großen, hässlichen Warze auf der Nase. Aber trotzdem begegnete man ihr mit Respekt, weil sie nett, weise und klug war.
Flora kam langsam näher und ging ein paar Schritte um das Pferd herum und nur ein paar Augenblicke später entdeckte sie das Problem. Auf der Schnauze des Tieres saß ein großes Horn. Es war kein edler Schmuck, wie ihn ein Einhorn auf der Stirn trug, sondern ein klobiges Ding, ähnlich einem Nashorn.
»Jedes Tier im Wald lacht über mich. Sogar die wunderschönen Einhörner meiden mich. Ich bin das einsamste Tier der ganzen Welt.«
Das Pferd begann wieder laut zu weinen. Die Prinzessin bekam großes Mitleid, aber sie wusste keine Lösung für dieses Problem. Man konnte das Horn nicht einfach absägen oder weg zaubern.
In diesem Moment waren Schritte zu hören. Sie kamen schnell näher und werden mehr und mehr. Es schien, als wären alle Bewohner des Waldes auf den Beinen. Plötzlich raschelte es in den nahen Büschen und unzählige Tiere kamen zum Vorschein. Sie alle sahen unglaublich verschreckt und ängstlich aus.
»Verschwindet!«, riefen ein paar von ihnen.
»Sucht euch ein sicheres Versteck oder verlasst den Wald. Ein gefährlicher und hungriger Wolf ist hier eingetroffen.«
Die Tiere rannten so schnell sie konnten und verschwanden auf der anderen Seite der Lichtung im Dickicht.
»Du solltest besser auch verschwinden, bevor dir etwas geschieht.«, sagte das Pferd zur Prinzessin. Doch diese weigerte sich zu gehen.
»Du kannst doch nicht hier liegen bleiben und dich fressen lassen.«
Und da kam er auch schon. Kurz bevor er zu sehen war, hörte man bereits leises Knurren. Auf leisen Pfoten kam er langsam näher. Mit seinen wachsamen Augen ließ er das Pferd und die Prinzessin nicht mehr aus den Augen.
»So ist es brav.«, flüsterte er beschwörend.
»Bleibt einfach, wo ihr seid, dann ist es umso schneller für euch vorbei und es tut nur halb so weh.«
Er leckte sich über die scharfen Zähne und überlegte, wen der beiden er als erstes fressen sollte. Er entschied sich schließlich für die Prinzessin. Mit einem kräftigen Sprung raste er plötzlich auf Flora zu.
»So haben wir aber nicht gewettet.«, rief das Pferd und stand unerwartet auf.
Es stellte sich dem Wolf in den Weg und empfing ihn mit seinem spitzen Horn.
Schmerzverzerrt verzog er sein Maul, jaulte laut auf und verzog sich humpelnd zurück.
»Du hast mir das Leben gerettet.«, sprach die Prinzessin ehrfürchtig.
»Und wir haben es alle gesehen.«, riefen die Tiere des Waldes, die nun aus ihren Verstecken kamen.
Ehrfürchtig verneigten sie sich vor dem Pferd mit dem Horn und bedankten sich, dass es den bösen Wolf vertrieben hatte. Von diesem Moment an, war das Pferd nie wieder einsam.

(c) 2010, Marco Wittler