626. Auf der anderen Seite

Auf der anderen Seite

Hannah saß in ihrem Zimmer und bestaunte schon eine ganze Weile das Geburtstagsgeschenk, das sie von Oma und Opa bekommen hatte. In diesem Jahr hatten sie einen Globus gekauft, also eine leuchtende Kugel, die genau so aussah, wie die Erde, nur eben viel kleiner.
Auf dem Globus konnte man alle Länder Erde erkunden. Es waren sogar einzelne Städte und Flüsse zu finden. Das alles wurde umspült vom Wasser der großen Ozeane und Meere.
»Es ist unglaublich, wie groß die Erde ist und wir so wahnsinnig klein.«
Die anderen Kinder, ihre Freunde, die heute zu Gast waren, staunten auch.
»Und hättet ihr gedacht, dass die Erde eine Kugel ist? Ich dachte immer sie ist flach, wie in meinem Länderbuch. So wie eine Buchseite. Und jetzt sitze ich vor diesem Leuchtball und alles ist anders.«
Hannah drehte den Globus immer wieder im Kreis und besah sich alles ganz genau. Irgendwann hielt sie an und tippte mit dem Finger auf eines der größten Länder Welt, das zugleich ein Kontinent war.
»Schaut mal. Australien. Ob da überhaupt jemand lebt? Kann ja eigentlich gar nicht sein. Da ist alles falsch herum. Alles steht auf dem Kopf. Wenn da mal Menschen waren, sind sie bestimmt runter gefallen. Ich kann ja auch nicht mit den Fußen an der Zimmerdecke rumlaufen.«
Die anderen Kinder kamen näher und betrachteten ebenfalls diese riesige Insel auf der der unteren Seite der Erde.
»Na klar. Die sind alle schon lange abgestürzt und fliegen jetzt hilflos im Weltraum rum.«, wusste Nick Bescheid und grinste in die Runde.
»Nee, das ist ganz anders.«, mischte sich Emma ein. »Die haben da unten Magnetschuhe an. Damit kann man auch da unten rumlaufen, ohne dass man den Boden unter den Füßen verliert.«
»Nee, das ist eine Lüge.«, wehrte sich Nick. »Die Erde ist gar nicht magnetisch. Mir ist schon mal ein Magnet hingefallen. Den konnte ich ganz einfach aufheben.«
Und dann hatte Hannah eine ganz andere Idee. »Ich bin mir ganz sicher, dass die Menschen in Australien Fliegenfüße haben. Damit können sie dann ganz einfach in ihrem Land herum laufen, ohne dass ihnen was passiert.«
»Wie kommst du denn auf den Quatsch?«, wollte Nick wissen. »Das ist der größte Blödsinn, den ich je gehört habe.«
»Dann schau einfach hin.«
Die Kinder hatten in ihrem Streit den Globus völlig vergessen, sahen sich aber nun wieder Australien an. Über den Kontinent spazierte gerade eine Fliege, die keine Probleme hatte, sich zu halten.
»Wow. Das ist ja irre. Solche Füße möchte ich auch mal haben.«, war Nick erstaunt.
Und damit waren sie endlich hinter das Geheimnis der Menschen auf der anderen Seite der Erde gekommen.

(c) 2017, Marco Wittler

431. Windbeutel (Hallo Oma Fanny 4)

Windbeutel

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Du wirst nicht glauben, was ich gestern erlebt habe. Es ist so verrückt, dass ich es selbst fast nicht glaube.
Es begann alles am Nachmittag. Tante Melanie war zu Besuch gekommen. Mama hatte dafür extra den Tisch im Esszimmer gedeckt, eine große Kanne Kaffee gekocht, einen Kuchen gebacken und eine Schüssel mit kleinen Windbeuteln gemacht. Die waren so lecker, dass ich gleich acht Stück von ihnen gegessen habe.
Als ich dann satt war, bekam ich plötzlich ein seltsames Gefühl im Bauch. Er fühlte sich so leicht und luftig an. Ich hab aber nicht darüber nachgedacht. Seltsam wurde es erst, als ich mich nicht mehr richtig auf meinem Stuhl sitzen konnte. Es fühlte sich an, als wollte mich jemand hoch heben. Aber hinter mir stand niemand. Ein paar Minuten später schwebte ich schon einige Zentimeter über meinem Stuhl und es ging noch höher.
Mama wollte gar nicht mehr zusehen, als ich ein paar Runden um die Deckenlampe drehte. Papa suchte verzweifelt nach seiner Kamera, konnte sie aber nicht finden. Er wollte das unbedingt seinen Freunden zeigen, die das ohne Beweisfoto nicht glauben würden.
Etwas später kam dann meine Schwester vom Sport nach Hause. Als sie die Tür öffnete, wehte der Wind herein und blies mich durch die Gartentür nach draußen.
Unter freiem Himmel konnte ich mich nirgendwo mehr festhalten. Ich schwebte also immer höher, bis alle Menschen unter mir so klein aussahen wie Ameisen. Als ich in den Wolken ankam wachte ich plötzlich auf, denn das alles war nur ein völlig verrückter Traum.
Hast du schon mal so etwas geträumt?

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.

Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

146. Das Geheimnis der kleinen Blume (Ninas Briefe 20)

Das Geheimnis der kleinen Blume

Hallo Steffi.

Erinnerst du dich noch an die kleine geheimnisvolle Blume, die ich von der Elfenkönigin geschenkt bekam? Endlich habe ich heraus bekommen, wofür sie gut ist. Aber ich fange erst einmal von vorn an.
Eine ziemlich lange Zeit habe ich sie jeden Tag in die Hand genommen, angeschaut, untersucht und darüber nachgedacht, was man mit ihr anstellen könnte. Eine Lösung habe ich allerdings nie gefunden. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir den Kopf darüber zerbrochen habe.
Das Seltsamste daran war allerdings, dass sie nicht welkte. Sie blieb frisch wie am ersten Tag. Ich bewahrte sie in einem kleinen Kästchen auf, damit mein Bruder Tommi sie nicht finden konnte. Schließlich vergaß ich mein kostbares Geschenk nach und nach.
Und nun ist es Herbst geworden. Draußen werden zwar die Blätter der Bäume bunt, aber Blumen und Blüten gibt es fast keine mehr. Da fiel mir wieder ein, dass ich irgendwo ein kleines Kästchen versteckt hatte. Ich fand es unter meinem Bett wieder. Ganz gespannt öffnete ich es und durfte feststellen, dass meine Blume noch immer so schön aussah, als wäre es gerade erst mitten im Frühling. Da ging es mir gleich fiel besser.
Da die Sonne an diesem Nachmittag schien, ging ich in den Garten, setzte mich auf den Rasen und sah mir wieder einmal das kleine Pflänzchen an.
»Auch wenn du mir dein Geheimnis nicht verraten willst, bist du doch eine sehr schöne Erinnerung an die warmen Jahreszeiten. Ich hoffe, dass du auch den ganzen Winter über blühen wirst.«
Ich hielt sie hoch in den lauen Wind. Dieser ergriff gleich seine Chance und blies sanft durch die Blütenblätter. Feine Pollen rieselten zum auf mich herab.
Zuerst dachte ich mir nichts dabei. Doch dann begann es in meinem ganzen Körper zu kribbeln. Ich fand das ganz lustig, aber plötzlich schien sich alles zu verändern. Es flimmerte mir vor den Augen und ich bekam das Gefühl, die Welt um mich herum nur noch durch eine Lupe sehen zu können. Sie wurde nämlich immer größer und größer.
Aber dieser Eindruck war völlig falsch. Denn irgendwann wurde mir bewusst, dass nicht die Welt größer, sondern ich kleiner geworden war. Ich wollte aufstehen und sofort zu Mama laufen, doch dann verlor ich den Boden unter den Füßen. Ich schwebte in schwindelerregender Höhe durch den Garten.
Ich blickte hinter mich und entdeckte zwei durchsichtige, kräftig schlagende Flügelchen an meinem Rücken.
Schlagartig wurde mit bewusst, was geschehen war. Der Pollen der Blume hatte mich in eine kleine Elfe verwandelt. Ich hätte eigentlich angst haben sollen, doch stattdessen machte es mir sogar Spaß. Ich drehte eine Runde nach der anderen und flog sogar ein paar Loopings. Es war, als wäre ich schon mein ganzes Leben lang eine Elfe gewesen.
Aber konnte ich wirklich für immer so bleiben? Was würden meine Eltern dazu sagen? Außerdem bekam ich Angst, dass Tommi mich mit einem Insekt verwechseln würde. Ich sah ihn schon mit einer Fliegenklatsche hinter mir her laufen.
Ich flog also in den Wald und suchte nach dem Königreich der Elfen.
Ob du es glaubst oder nicht, es war viel einfacher zu finden, als ich dachte. Ich konnte spüren, in welchem Baum der Eingang lag. Ich wurde magisch davon angezogen. Schon nach kurzer Zeit entdeckte ich ein Loch in einem Baum. Furchtlos flog ich hinein und fand mich schon in der nächsten Sekunde in einer quietschbunten Welt wieder. Ich war im Elfenland angekommen.
Die anderen Elfen bemerkten mich sehr schnell, begrüßten mich freundlich und führten mich überall herum. Ich erfuhr, dass nur die Elfenkönigin selber eine gebürtige Elfe war. Alle anderen waren auf die gleiche Weise, wie ich zu einem geflügelten Wesen geworden.
Man führte mich zum Schloss. Im Thronsaal wurde ich bereits erwartet. Die Königin, die ich damals befreit hatte, saß mir gegenüber und lächelte.
»Es ist schön, dass du das Geheimnis der Blume heraus gefunden hast, liebe Nina. Ich heiße dich in meinem Reich willkommen. Denn das ist mein wahres Geschenk an dich.«
Ich hatte so viele Fragen auf den Lippen. Aber ich war auch zu nervös, um sie alle loszuwerden. Nur eine einzige brachte ich ohne Stottern hervor.
»Wie werde ich wieder zu einem Menschen? Meine Familie wird sich bestimmt schon bald große Sorgen um mich machen.«
Was sagte ich da? Konnte ich wirklich so dumm sein? Ich wurde von einer Königin eingeladen, bei ihr zu leben. Das Schloss war so luxuriös und ich war ein richtigte Elfe geworden. Das war so traumhaft. Also warum sollte ich wieder ein Mensch werden wollen?
»Fühlst du dich denn bei uns nicht wohl?«
Ich fühlte mich sogar sehr wohl. Und genau das wollte ich ihr auch sagen.
»Es ist wirklich schön hier. Aber ich gehöre einfach nicht hierher. Mein Platz ist bei meiner Familie.«
Ich konnte es gar nicht glauben, was ich da sagte. Aber es kam eindeutig aus meinem Mund.
»Niemand wird gezwungen, bei mir zu leben.«, sagte die Königin schließlich.
»Genieße noch ein wenig den Aufenthalt bei uns. Wenn du wieder nach Hause zurück möchtest, dann benutze einfach wieder den Pollen deiner kleinen Blume.«
Das klang gut. Ich schlug also kräftig mit meinen Flügeln und sah mir das ganze Königreich an. Ich sang, tanzte und spielte mit den vielen Elfen. Das war so unglaublich schön.
Doch irgendwann wurde es Zeit zu gehen. Ich verabschiedete mich und verstreute erneut etwas Pollen über meinem Kopf.
Kaum hatte ich das getan, zog es mich fort. Ich konnte gegen diesen Sog nichts ausrichten. Meine Flügel waren dafür zu schwach. Ich wurde aus dem Baum heraus gezerrt und raste durch die Wolken hindurch quer über die Stadt hinweg, bis ich schließlich ganz sanft wieder in unserem Garten landete.
Ich war wieder so groß wie noch vor ein paar Stunden. Meine Elfenflügel waren verschwunden.
Es musste ein Traum gewesen sein. Anders konnte ich mir das nicht erklären. Doch dann kam Tommi aus dem Haus gelaufen.
»Das hab ich genau gesehen.«, rief er mir sauer entgegen.
»Du bist durch die Luft geflogen. Das werde ich Mama und Papa erzählen. Dann bekommst du ganz viel Ärger.«
Ich musste lachen. Es war wohl doch kein Traum gewesen. Aber wer würde meinem kleinen Bruder schon so etwas glauben? Meine Eltern bestimmt nicht.
Ich ging zurück in mein Zimmer und versteckte meine kleine Blume wieder unter dem Bett. Da hörte ich noch einmal die Stimme der Elfenkönigin.
»Du kannst jederzeit zu Besuch in mein Königreich kommen. Benutze dafür einfach deine Blume.«

Das war es auch schon wieder. Ich freue mich auf deinen nächsten Brief.

Deine Nina.

P.S.: Was hälst du davon, wenn wir bei deinem nächsten Besuch gemeinsam in das Elfenland fliegen?

(c) 2008, Marco Wittler

004. Die Windkinder

Die Windkinder

Draußen wurde es langsam dunkel und kalt. Ein leiser Wind pfiff um das Haus. Es war schon spät und es wurde langsam Zeit, dass Lisa ins Bett musste. Sie ging in ihr Zimmer, zog sich ihr Nachthemdchen über, flitzte ins Bad zum Zähne putzen und krabbelte dann unter ihre Decke. Dort wartete sie darauf, dass ihre Mutter hereinkam, um ihr noch ein Schlaflied zu singen. Es dauerte einen Moment, denn ihre Mutter telefonierte noch mit einer Freundin. Aber dann kam sie auch schon die Treppe herauf. Sie setzte sich neben Lisa und sang ihr ein Lied vor. Es war das gleiche wie jeden Abend, aber es war so schön es immer wieder zu hören und mitsingen zu können. Die beiden wünschten sich eine gute Nacht und dann verließ die Mutter das Zimmer.
Das Licht war noch nicht lange aus, als es draußen richtig anfing zu stürmen. Der Wind blies durch die Bäume und ließ ihre Kronen hin und her wedeln. Auch blies er gegen das Hausdach, wodurch viele Geräusche in Lisas Zimmer drangen. Aber sie konnte noch etwas anderes hören. Da war eine leise Stimme, die ihr etwas zuflüsterte. „Hallo, Lisa.“, sagte die Stimme. Das kleine Mädchen schaute sich um, aber in dem dunklen Zimmer war nicht viel zu sehen. Sie sah ihren Tisch, zwei Stühle und die großen Schränke, aber sonst war niemand da. Und da hörte sie die Stimme schon wieder. „Hallo, Lisa, wir wollen mit dir spielen.“ Nun wurde es Lisa ein wenig unheimlich. Sie machte das Licht an. Es war niemand da. Nur das Fenster stand einen Spalt breit offen. Sie stand auf und wollte es schließen, da pfiff der Wind herein und öffnete es. Es wurde richtig kalt. Das Mädchen ging zum Fenster, verschloss es fest und legte sich ängstlich wieder zum Schlafen hin.
Als sie gerade wieder einschlafen wollte, hörte sie wieder die Stimme. „Hallo, Lisa. Willst du mit uns spielen?“ Das reichte ihr jetzt. Jetzt wollte sie wissen, was los ist. „Wer bist du?“ fragte sie in den Raum.
„Wir sind Fabian und Marie, die beiden Windkinder. Und uns ist so langweilig. Hast du Lust mit uns zu spielen?“ Lisa wollte gerne etwas spielen, weil sie auch noch nicht müde war. Allerdings konnte sie die beiden nicht sehen. Aber sie war sehr schlau und schlich sich hinunter in die Küche. Aus dem Schrank holte sie ein Packet Mehl. Damit schlich sie wieder die Treppe herauf in ihr Zimmer. Sie ließ sich von den Windkindern sagen, wo sie standen uns streute etwas Mehl über sie. Und so konnte sie dann Fabian und Marie sehen. Die beiden waren nicht viel größer als Lisa und etwa genauso alt.
„Was sollen wir denn spielen?“, fragte Lisa die beiden. Aber leider kannte sie keines der Spiele der Windkinder, und die Windkinder kannten keine Spiele der Menschen.
„Was hältst du davon, wenn wir dir unsere Welt zeigen. Wir nehmen dich an der Hand und fliegen mit dir durch den schönen Nachthimmel und zeigen dir die Erde von oben.“, schlug Fabian vor.
Lisa konnte nicht glauben, dass das gehen würde, aber Fabian überzeugte sie, indem er einmal um die Deckenlampe flog. Lisa zog sich schnell ein paar warme Sachen an. Dann schlichen die drei leise die Treppe hinunter und verschwanden durch die Haustüre nach draußen. Sie stellten sich in einer Reihe auf, Lisa in der Mitte, nahmen sich an der Hand und flogen hinauf bis über das Dach des Hauses und begannen eine Runde über der Stadt zu drehen.
Hui, war das aufregend. Lisa konnte alles sehen. Unter ihr waren die Häuser in denen noch Licht brannte, dann der Zoo, in dem alle Tiere schon schliefen, und auch die Eisenbahnstrecke, auf der die kleine Dampflok Lukas gemütlich ihre Runde fuhr. Und der kleine Drache Dimitri fuhr mit seinem Segelschiff über das Meer.
Als dann langsam die Sonne wieder aufging flogen die drei wieder zu Lisas Haus. Das kleine Mädchen legte sich in sein Bett und wollte gerade unter die warme Decke schlüpfen, als es an der Tür klopfte.
„Lisa, bist du schon wach? Es ist Zeit für das Frühstück.“
Es war Lisas Mutter. Es war bereits halb neun Uhr, aber Lisa war viel zu müde. Daher bat sie ihre Mutter noch ein wenig schlafen zu dürfen.
Kurz bevor sie einschlief öffnete sie noch einmal kurz das Fenster und verabschiedete sich von Fabian und Marie, die bereits wieder auf dem Weg nach Hause wahren und noch einmal zur Erde hinab winkten.

(c) 2000, Marco Wittler

04 Die Windkinder