513. Die Zahnfee auf den Arm genommen

Die Zahnfee auf den Arm genommen

Max drückte auf die Klingel und konnte es kaum erwartet, dass Oma die Tür öffnen würde. Als er schließlich ins Haus durfte, stürmte er sofort in den Flur.
»Oma! Oma! Oma!« rief er voll Freude.
»Wo ist Opa? Ich muss euch unbedingt was erzählen.«
Max rannte durch das ganze Haus. Vom Flur in die Küche, weiter ins Wohnzimmer, bis er im Wintergarten angekommen war. Dann griff er in die Hosentasche und holte einen Taler daraus hervor.
»Schaut euch das mal an. Den hab ich heute Nacht von der Zahnfee bekommen.« erklärte er stolz.
»Von der Zahnfee?« fragte Oma neugierig. »Wer ist denn das?«
»Ach, Mensch. Weißt du denn gar nichts, Oma?«
Max setzte sich in einen großen Sessel und begann zu erzählen.
»Wenn man einen Zahn verloren hat, legt man ihn abends unter sein Kopfkissen. In der Nacht kommt dann die Zahnfee, holt den Zahn ab und legt dafür einen Taler hin. Davon kann man sich dann ganz viele tolle Sachen kaufen. Ich kann es kaum erwarten, bis mir der nächste Zahn rausfällt.«
»Das ist ja eine tolle Sache.« war Oma begeistert. »Sowas hat es bei uns früher nicht gegeben. Wir haben unsere Zähne in eine kleine Schachtel gelegt und immer wieder angeschaut.«
Opa grinste plötzlich.
»Die Zahnfee gibt einem wirklich Geld für alte Zähne?«
Max nickte eifrig.
»Mensch, das ist ja wunderbar. Das muss ich unbedingt ausprobieren.«
Jetzt lachte Max.
»Aber du bist doch kein Kind mehr. Dir fallen keine Zähne mehr raus.«
»Das denkst du.«
Opa griff sich in den Mund und holte seine Zähne heraus. »Die sind aus Plastik. Wenn ich nicht aufpasse, fallen die ständig raus.« Dann lachte er laut und musste sich sogar den Bauch festhalten, bevor er seine Zähne zurück in den Mund steckte.

In der nächsten Nacht war die Zahnfee wieder unterwegs. Sie saß in ihrem schicken, fliegenden Auto und sah immer wieder auf das moderne Navigationssystem. Dort wurden ihr alle Zähne angezeigt, die unter Kopfkissen lagen.
»Da ist wieder ein neuer Zahn. Der leuchtet aber besonders hell. Der muss wohl sehr groß sein.«
Verwundert kratzte sie sich am Kopf, flog dann aber hin. Nach der Landung holte sie ihren Zauberstab, wedelte mit ihm in der Luft herum und stand einen Augenblick später neben Opa, der schlafend in seinem Bett lag.
Vorsichtig griff die Zahnfee unter das Kopfkissen und hielt plötzlich Plastikzähne in der Hand.
»Huch, was ist denn das? Sowas hab ich noch nie gesehen.«
Sie zählte die Zähne und kam auf achtundzwanzig Stück.
»So viele Zähne habe ich noch nie auf einem Haufen bekommen. Das wird aber teuer.«
Sie holte ihren Geldbeutel hervor, zählte achtundzwanzig Taler daraus ab und legte sie unter das Kopfkissen. Dann ging sie ein paar Schritte zur Seite, wedelte erneut mit ihrem Zauberstab und war wieder verschwunden.
In diesem Moment war ein leises Kichern aus Opas Mund zu hören. Er hatte nämlich seine falschen Zähne mit einem dünnen Faden an seinem Zeigefinger festgebunden. Nun lagen sie auf dem Boden und er konnte sie weiter benutzen. Er hatte die Zahnfee ausgetrickst.
»Das probiere ich Morgen auf jeden Fall wieder aus.«

In der nächsten Nacht war die Zahnfee wieder da. Nun fand sie nicht nur unter Opas Kopfkissen Zähne. Bei Oma lagen auch noch welche. Das waren insgesamt sechsundfünfzig Zähne.
»Jetzt muss ich aber aufpassen, dass mir heute Nacht meine Taler nicht ausgehen.«
Sie legte das Geld unter die Kopfkissen, nahm die Zähne an sich und verschwand.
»Dasa klappt ja prima.« flüsterte Opa zu Oma. »Wenn das so weiter geht, haben wir bald genug Geld zusammen, um uns ein neues Auto zu kaufen.«
Dann steckte er die vielen Taler in seine Spardose und schlief wieder ein.

In der dritten Nacht versuchten es Oma und Opa wieder.
Ich bin mal gespannt, ob sie unsere Ersatzzähne auch mitnehmen will. Dann bekommen wir heute Nacht sogar einhundertundzwölf Taler.« freute er sich schon.
Da erschien auch schon die Zahnfee im Schlafzimmer und sah sich um.
Sie holte die vielen Plastikzähne unter den Kopfkissen hervor und seufzte.
»Das werden ja immer mehr. Hoffentlich habe ich auch genug Taler dabei.«
Sie zählte, was sie in ihrem Geldbeutel fand. »Einhundertundzwölf. Das reicht so gerade eben. Aber dann kann ich heute Nacht keine anderen Kinder mehr besuchen. Die werden bestimmt enttäuscht sein.«
Sie legte das Geld unter die Kopfkissen und verschwand.
Opa begann zu lachen und freute sich schon darauf, seine Spardose füllen zu können. Als er aber unter sein Kopfkissen griff, suchten seine Finger vergebens nach den Talern.
»Was soll das denn? Wo ist mein Geld?«
Auch bei Oma lag nichts. Enttäuscht zogen sie an den Bändern, um sich ihre Zähne einsetzen zu können. Aber an den Enden fanden sie nichts.
»Wo sind unsere Zähne?«
Verzweifelt schaltete Opa das Licht an und sah sich um. Auf der Bettdecke entdeckte er sofort einen kleinen, roten Briefumschlag. Er öffnete ihn und las, was auf dem Brief stand.

Lieber Opa, liebe Oma.
Das war gar nicht nett von euch, mich so auf den Arm zu nehmen. Ich muss als Zahnfee durch die ganze Welt fliegen. Es ist anstrengend, überall die Milchzähne der Kinder einzusammeln, die sich über meine Taler freuen. Aber noch nie hat sich jemand getraut, mich auszunutzen.
Als kleinen Denkzettel habe ich meine Taler an Schnüre gebunden und wieder mitgenommen. Eure Zähne habe ich abgeschnitten und versteckt. Viel Spaß beim Suchen.
Eure Zahnfee.

Opa war entsetzt und begann sofort die Suche. Erst nach zwei Stunden fand er die versteckten Zähne unter der Bettmatratze. Erleichtert setzten und er und Oma sie wieder ein.
»Das machen wir nie wieder. So einen Schrecken möchte ich nicht mehr erleben.«
Dann sah er noch einmal zur Spardose hinüber, die aber auch nicht mehr da war. Das Geld hatte sich die Zahnfee zurück geholt.
Oma und Opa seufzten enttäuscht.

(c) 2015, Marco Wittler

334. Der magische Zauberhut

Der magische Zauberhut

Die zwei Brüder Daniel und Sebastian saßen mit ihren Freunden im Kinder auf dem Boden und spielten. Es wurden Legosteine gestapelt, mit Plüschtieren gekuschelt und viel über unglaubliche Erlebnisse berichtet, egal ob wahr oder erfunden.
»Mein Nachbar ist Bauer und in seinem Stall steht der größte Ochse der Welt.«, erzählte Alexander.
»Mein Onkel ist Polizist.«, sagte ein zweiter Sebastian.
»Der verhaftet jeden Tag hundert Verbrecher und sperrt sie ins Gefängnis.«
Florian stemmte seine Hände in die Seiten und stand auf.
»Das ist doch gar nichts. Meine Tante ist die schnellste Strickerin der Welt. Die strickt drei Pullover an einem einzigen Tag.«
Darüber konnte Simon nur lachen.
»Stricken ist doch langweilig. Meine Mama kann für fünfhundert Menschen gleichzeitig ein leckeres Mittagessen kochen. Das muss ihr erstmal einer nachmachen.«
Yves und Rafael taten sich zusammen und behaupteten gemeinsam, einen ganzen Tag lang auf dem Rücken eines Elefanten durch den Zoo geritten zu sein.
Nils bekam einen verträumten Gesichtsausdruck, als er zu erzählen begann.
»Also ich war am letzten Wochenende auf einer Rennbahn. Da durfte ich mit einem richtigen Formel Eins Auto mitfahren. Das war unglaublich aufregend.«
»Ich habe mal einen Astronauten getroffen. Der ist bis zum Mond geflogen und wieder zurück.«, erzählte Leon.
Nun mussten die beiden Brüder grinsen.
»Wir kennen da jemanden, der übertrumpft das alles.«, begann Daniel.
»Der ist nämlich Zauberer und kann nur mit einem einfachen Zauberhut Geld erscheinen lassen.«, sprach Sebastian weiter.
Da lachten die anderen Kinder.
»Das glauben wir auf keinen Fall. So etwas gibt es gar nicht. Ihr erzählt uns doch nur Märchen.«
Doch da betrat ein Mann mit Zauberhut auf dem Kopf das Kinderzimmer.
»Alles nur Märchen?«, fragte er in die Runde.
Dann nahm er seinen Hut herab, zeigte ihn leer vor und drehte ihn herum. Sofort vielen ein paar Münzen heraus, die klimpernd auf dem Boden landeten.
Die Kinder bekamen große Augen und aus allen Mündern war ein erstauntes ›Ooooh‹ zu hören.

(c) 2010, Marco Wittler

245. Flohmarkt

Flohmarkt

Sebastian stieg aus dem Auto, schlug die Tür hinter sich zu und ergriff anschließend Mamas Hand. Er sah sich um. Überall auf dem Platz liefen Leute zwischen unzähligen Tischen hin und her. Ab und zu klimperten Geldstücke in der einen oder anderen Hand. Über diesem ganzen Trubel hing ein großes Schild: Trödelmarkt.
»Hier werden wir unsere Sachen los?«, fragte Sebastian.
Mama nickte.
»Man muss nicht immer alles gleich in den Müll werfen. Es gibt immer Leute, die alte Sachen noch gebrauchen können, wenn sie in Ordnung sind.«
Sie öffnete den Kofferraum und lud ein paar Kisten aus. Papa machte sich bereits an den Aufbau eines großen Tisches, auf dem dann alles, was zum Verkauf stand, verteilt werden konnte.
Neugierig hielt Sebastian seine Nase in jede der mitgebrachten Kisten, obwohl er beim Einpacken geholfen hatte.
Nach und nach packte Mama aus. Da gab es alte Teddybären, Spielzeugautos, Bilderbücher und noch vieles mehr. Es waren Dinge, an denen Sebastian keinen Spaß mehr hatte. Sie hatten nur noch im Schrank gelegen.
Und schon kamen die ersten Käufer des Weges und nahmen die große Schachtel mit den Spielzeugautos mit. Nach ein paar Minuten waren dann auch alle Teddybären verkauft. Sogar die Bilderbücher fanden neue Besitzer. Innerhalb einer Stunde war alles verkauft, was Sebastian aussortiert hatte. Die alten Schallplatten und Bücher von Papa hatten bisher niemanden interessiert.
Immer wieder sah Sebastian in die kleine Geldkassette. Darin lagen jetzt viele glänzende Münzen und auch ein paar Scheine.
»Was machen wir denn jetzt mit dem Geld?«, fragte er neugierig seine Eltern.
Mama lächelte ihn an.
»Das haben wir für deine Spielsachen bekommen, also gehört es auch dir. Wenn du möchtest, kannst du es dir einstecken, über den Flohmarkt laufen und dir etwas Schönes davon kaufen.«, schlug sie vor.
Das ließ sich Sebastian natürlich nicht zweimal sagen. Sofort machte er die Kasse leer und flitzte los. Er wollte sich jeden Stand der anderen Leute anschauen und sich dann davon das Beste aussuchen.
Nach etwa einer Stunde kam Sebastian mit einer großen Einkaufstüte zurück. Schon von fern konnte er sehen, dass Papa nun auch seinen alten Trödel verkauft hatte.
»Und?«, fragte Mama neugierig. »Was hast du dir gekauft?«
Sebastian öffnete stolz seine Tüte und legte seine Einkäufe auf den Tisch.
»Ich habe mir einen neuen Teddybären gekauft, ein paar Spielzeugautos und drei Bilderbücher.«
Er grinste über das ganze Gesicht, denn so tolle Sachen hatte er vorher noch nie besessen.

(c) 2009, Marco Wittler

217. Der Zahn der Zeit und das liebe Geld

Der Zahn der Zeit und das liebe Geld

Papa saß am Esstisch und hatte sein Gesicht in seinen Händen vergraben. Vor ihm lagen ein paar geöffnete Briefe.
»Mensch, Papa, was ist denn mit dir los?«, fragte Christian, der durch die Tür hinein sah.
Papa sah auf und schüttelte mit dem Kopf.
»Das willst du gar nicht wissen.«
Doch dann begann er doch zu erzählen.
»Das sind alles Mahnungen und Rechnungen.«, sagte er und zeigte auf die Briefe.
»Wenn wir nicht bald alles bezahlen, bekommen wir ganz viel Ärger.«
Er holte seine Geldbörse aus der Hosentasche und öffnete sie. Aber bis auf einen alten Knopf, war nichts darin zu finden.
»Ich weiß nicht, was wir jetzt machen sollen. Wenn Opa bloß nicht damals sein versteckt und das Versteck vergessen hätte.«
Christian spitzte die Ohren.
»Opa hat viel Geld versteckt, bevor er gestorben ist?«
Papa nickte.
»Das Problem daran ist nur, dass er uns nie verraten hat, wo es ist. Er hat immer nur seltsame Dinge vor sich hin gemurmelt, bevor er gestorben ist. Er war wohl nicht mehr ganz bei Sinnen, als er auf dem Sterbebett lag.«
Christian setzte sich an den Tisch und stützte sein Kinn auf seine Hände.
»Was hat er denn damals erzählt?«
Papa überlegte.
»Das war ganz wirres Zeug. Ich weiß schon gar nicht mehr, was es war.«
Papa überlegte noch einmal.
»Er hat mich damals ganz nah an sich heran gezogen und mir alles ins Ohr geflüstert. Er meinte, an seinem Geld nage der Zahn der Zeit. Mit diesem Hinweis würde ich alles finden. Aber ich weiß bis heute nicht, was es bedeuten sollte.«
Christian konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sein Opa musste ein unglaublich großer Rätselkönig gewesen sein, wenn er seiner Familie solche Aufgaben stellte.
In diesem Moment räumte Papa alle Briefe zur Seite.
»Damit kann ich mich auch noch Morgen beschäftigen. Jetzt muss ich mich erst einmal ablenken.«
Da hatte Christian schon eine gute Idee. Er flitzte durch das Haus, kletterte auf den Dachboden und kam mit einer großen Kiste zurück ins Wohnzimmer.
»Was schleppst du denn da an?«, fragte Papa.
In der Kiste waren alle Dinge verstaut, die Opa einmal gehört hatten und die niemand in den Müll werfen wollte.
»Ich will mehr von Opa erfahren. Und da dachte ich mir, dass du mir mit dem ganzen Kram einmal zeigst, wer er überhaupt gewesen ist.«, erklärte Christian.
Gemeinsam wühlten sie sich nun durch die vielen Erinnerungsstücke. Da waren unzählige Fotos, ein abgegriffenes Tagebuch, Postkarten und sogar ein paar alte Auszeichnungen und Orden, die Opa im Krieg bekommen hatte.
»Schau mal Papa, da ist doch Geld.«
Christian holte ein dickes Bündel Geldscheine hervor. Auf ihnen waren hohe Zahlen gedruckt.
»Das müssen ja mindestens hunderttausend Euro sein.«
Papa seufzte.
»Das ist leider altes Geld. Das ist nichts mehr wert. Damit werden wir die Rechnungen auch nicht bezahlen können.«
Schließlich holte Christian ein riesiges Gebiss aus der Kiste.
»Was ist denn das?«, staunte er.
»Da waren wir uns früher schon nicht sicher.«, erzählte Papa.
»Opa hatte dieses hässliche Ding immer in der Glasvitrine stehen. Er benutzte es als Bonbonschale.«
Christian dachte kurz nach. Dann drehte er das Gebiss um und besah es sich von beiden Seiten.
»Weißt du was? Wenn du es wirklich so hässlich findest, müssen wir es auch nicht behalten.«
Und schon ließ er das Gebiss auf den Boden fallen. Mit einem lauten Knall brach es auseinander.
»Du meine Güte.«, staunte Papa. »Was ist denn das?«
Er stand auf und kniete sich vor dem Scherbenhaufen auf den Fußboden. Zwischen den Scherben waren mehrere Papierrollen zu sehen. Papa nahm eine davon und entrollte sie.
»Das sind Geldscheine.«
Christian lachte und hielt sich den Bauch.
»Da hat wohl wirklich der Zahn der Zeit an Opas Geld genagt.«
Nun musste Papa auch lachen.
»Und wenn ich mir das so anschaue, ist genug Geld da, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Es wird sogar noch sehr viel übrig bleiben.«
Papa freute sich so sehr über den Fund seines Sohnes, dass er ihm sofort versprach, am nächsten Tag ein neues Fahrrad zu kaufen.

(c) 2009, Marco Wittler