241. Katzenbabys im Tierheim (Tierheimgeschichten 5)

Katzenbabys im Tierheim

Die Tierheimchefin saß in ihrem Büro und las einige Briefe, die sich in den letzten Tagen auf ihrem Schreibtisch gesammelt hatten.
»Rechnungen… Mahnungen… Werbung… Gibt es denn heutzutage keine normale Post mehr?« seufzte sie.
In diesem Moment klingelte es an der Eingangspforte. »Kann mal jemand nach vorne gehen und schauen, wer da ist?« Aber es reagierte niemand.
»Hallo? Ich bin grad mit der Post beschäftigt. Öffnet mal bitte jemand?« Doch dann fiel der Chefin ein, dass ihre Mitarbeiter vor ein paar Minuten in den Feierabend verschwunden waren.
»Ich sollte mal etwas gegen meine Vergesslichkeit unternehmen.«
Sie stand auf, ging zur Pforte und öffnete. »Nanu?« wunderte sie sich. »Niemand da.«
Doch dann hörte sie ein Geräusch, dass aus der Nähe ihrer Füße gekommen war. Sie sah nach unten und entdeckte ein abgedecktes Körbchen.
»Oh nein. Nicht schon wieder jemand, der heimlich Tiere abgibt, nur weil er die Gebühren sparen will.«
Die Chefin blickte sich noch einmal um. Sie hoffte, den Tierbesitzer doch noch entdecken zu können. Aber es war niemand zu entdecken.
»Dann kommt erstmal mit rein. Ihr seid bestimmt völlig verängstigt und braucht etwas Ruhe.«
Sie nahm den Korb vorsichtig hoch, nahm ihn mit ins Büro und stellte ihn auf dem Schreibtisch ab. Dann legte sie langsam die Decke zur Seite und sah hinein.
»Sieh mal einer an. Drei kleine Kätzchen. Für euch finde ich bestimmt auch noch einen Platz bei uns.«
Die Chefin sah schnell auf einen großen Plan, der an der Wand hing und fand schnell einen Schlafplatz für ihre neuen Mitbewohner.
»Die Mietzen im Katzenhaus werden euch bestimmt mit offenen Pfoten aufnehmen. Sie freuen sich über jeden neuen Mitbewohner.«
Eigentlich hätte sie die Katzen zuerst wiegen und untersuchen müssen, aber dafür fehlte im Moment die Zeit. Außerdem war der Tierarzt bereits auf dem Weg nach Hause.
»Das holen wir alles Morgen nach.«
Sie brachte den Korb ins Katzenhaus und stellte ihn in einem leeren Käfig ab. Sie gab den drei Findelkindern etwas zu Fressen.
»Hm. Etwas zu Trinken braucht ihr aber auch noch.« Sie ging kurz in den Gang zurück, füllte eine Schale mit Wasser und kam zurück.
»Du meine Güte. Was ist denn das?« Sie wunderte sich, denn die große Futterschale war in den wenigen Sekunden bereits völlig geleert worden.
»Habt ihr etwa in den letzten Tagen nichts zu Fressen bekommen? So dünn seht ihr gar nicht aus.«
Im Gegenteil. Die drei Katzenkinder sahen sehr kräftig aus und hatten beinahe riesige Pfoten.
»Ich habe schon viele Hunde gesehen, die ihr Futter so schnell wie ein Staubsauger auffressen, aber bei Katzen ist mir das noch nie passiert.«
Verwundert sperrte sie die Käfigtür ab und verließ das Katzenhaus in Richtung Büro.
»Endlich ist die Menschenfrau weg.« war nun aus dem Nachbarkäfig zu hören, dessen Tür von innen geöffnet wurde. Eine Katzendame kam hervor und sah sich die Neuankömmlinge genau an.
»Wie machst du das bloß immer nur?« wollte eine der anderen Katzen wissen. »Ich will auch rein und raus, wie es mir passt.«
Die Katzendame lachte. »Deine Krallen sind zu kurz. Meine sind lang genug, damit ich sie in das Schloss stecken kann. Aber nun zu euch, meine Lieben.«
Sie öffnete den drei Katzenbabys die Tür und lockte sie nach draußen.
»Kommt her, meine Süßen. Keine Angst, ich beiße nicht. Kommt raus und lasst euch ansehen. Wir wollen schließlich wissen, wer von nun an bei uns lebt.«
Doch statt ein paar verschüchterter Gesichter, stürmten ihr plötzlich drei wilde Fellbüschel entgegen.
»Du meine Güte.« schnappte die Katzendame verzweifelt nach Luft und versuchte, unter den neuen Mitbewohner hervor zu kriechen.
»So kräftige Katzenkinder habe ich noch nie erlebt. So etwas gibt es doch gar nicht.«
Aber anscheinend gab es das wohl doch, denn die Katzenkinder tobten nun quer durch das Katzenhaus. Sie sprangen von Kratzbaum zu Kratzbaum, kletterten an allem hoch, was sie finden konnten und leerten jeden fremden Fressnapf, der auf ihrem Weg lag.
Die Katzen des Hauses wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Sie konnten nur tatenlos zusehen, wie ihr schönes Zuhause mehr und mehr verwüstet wurde. Niemand konnte die Katzenkinder aufhalten. Die ganze Nacht tobten sie sich aus, bis am nächsten Morgen der Tierarzt zum Dienst erschien.
»Dann wollen wir uns doch mal unsere neuen Gäste anschauen.« Er betrat den Gang zwischen den Käfigen und wollte seinen Augen nicht trauen.
»Was ist denn hier passiert? Hier sieht es ja aus wie nach einer riesigen Party. Das können unmöglich unsere Katzen angestellt haben.«
Doch dann entdeckte er die Übeltäter und wusste sofort Bescheid, was geschehen war.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Wie seid ihr denn hierher gekommen?«
Mit Leichtigkeit schnappte er sich die drei Katzenkinder, die nach einer langen Nacht müde auf dem Boden lagen, steckte sie in eine Transportkiste und rief die Tierheimchefin zu sich, die schnell aus ihrem Büro kam.
»Oh nein. Was ist denn hier passiert?« war sie erschrocken. »Das sollen unsere neuen Katzenbabys angestellt haben? Das ist doch gar nicht möglich. Sie sind so klein und süß.«
Der Tierarzt mussten laut lachen, bevor er wieder sprechen konnte.
»Haben sie sich denn gar nicht gewundert, warum die Kätzchen so großen Pfoten haben? Es sind nämlich keine Kätzchen, sondern Löwenbabys. Die sind jetzt schon richtige Kraftpakete und werden riesig groß.«
Da erschrak nicht nur die Chefin, sondern auch alle Katzen, im Katzenhaus.

(c) 2014, Marco Wittler

202. Wie der Löwenzahn entstand

Wie der Löwenzahn entstand

Leo litt Höllenqualen.
»Oh nein, ich habe so unerträgliche Schmerzen.«
Der König des Dschungels hielt sich mit seiner Pranke die rechte Wange.
»Was soll ich denn nur machen? So kann ich mich doch nirgendwo sehen lassen. Ich kann ja nicht einmal mehr richtig brüllen.«
Das muss man sich einmal vorstellen. Ein Löwe, der nicht mehr brüllen kann. Dann ist er doch kein richtiger Löwe mehr.
Der Affe Bullibo saß neben dem König und sah ihm verzweifelt zu. Er wusste sich ebenfalls keinen Rat.
»Eurer Majestät. Ihr müsst unbedingt wieder zu Kräften kommen.  In einer halben Stunde sollt ihr eine Ansprache für das Volk halten. Ihr habt überraschende Dinge angekündigt.«
Leo wollte gar nicht daran denken. Jeden Dienstag hielt er eine Ansprache. Doch schon seit langer Zeit hörte ihm niemand mehr richtig zu. Im Dschungel passierte einfach nichts Aufregendes. Also hatte er nun etwas Neues angekündigt, wusste aber selbst nicht, worum es sich handelte.
»Wie soll ich bloß auf neue Ideen kommen, wenn mein Kopf nur noch aus Schmerzen besteht? Die Medizinschlange hat mir schon vorgeschlagen, dass ich auf einem Stück Süßholz kauen sollte. Aber dadurch wurde es noch viel schlimmer.«
Bullibo näherte sich dem Maul des Löwen und warf einen vorsichtigen Blick hinein.
»Du meine Güte, der Zahn sieht ja gar nicht gut aus. Das Zahnfleisch ist ganz dunkelrot.«
Leo wimmerte wieder vor sich hin.
»Wer will denn schon einen Herrscher ernst nehmen, der jeden Moment anfangen könnte zu weinen?«
Doch der Affe machte seinem Herrn Mut.
»Macht euch nicht zu viele Sorgen. Wir haben noch etwas Zeit. Es wird uns bestimmt etwas einfallen.
Es klopfte plötzlich an der Tür. Bullibo öffnete und ließ eine alte, stattliche Eule herein.
»Na, wo brennt es denn? Horatio ist schon zur Stelle und wird jedes Problem lösen.«
Die Eule war das schlaueste Tier im Dschungel, kam öfters für eine Beratung im Schloss vorbei. Und nun wollte er sich um die Gesundheit des Königs kümmern.
Leo zeigte mit der Pranke auf seine dicke Wange.
»Dann lasst mich doch mal einen Blick in euer Maul werfen.«
Der Löwe zeigte seine Zähne vor. Horatio steckte seinen Kopf bis fast in den Hals und sah sich um.
»Hm. Hm. Seltsam. Das sieht gar nicht gut aus. Da muss dringend etwas geschehen. Ich werde euch ein Mittelchen verabreichen.«
Er griff in seine Tasche und holte ein paar Kräuter hervor, die er um den Zahn legte. Schon Sekunden später hüpfte der Löwe wild im Kreis herum.
»Hilfe, ist das heiß. Macht das weg. Ich will das nicht.«
Er spuckte wieder alles aus.
»Aber das sollte euch doch von den Zahnschmerzen ablenken.«, erwiderte die Eule.
Leo sah Horatio grimmig an.
»Aber so löst du mein Problem nicht. Vielleicht sollte ich dich einfach fressen. Ein voller Magen könnte mich auch von den Schmerzen ablenken.«
Er wollte gerade auf seinen Berater zuspringen, als dieser durch das Fenster das Schloss verließ. Leo rutschte auf dem Teppich aus, stürzte und stieß sich das Kinn am Fensterbrett.
»Au!«, rief er laut und sah zu, wie sein entzündeter Zahn aus seinem Maul fiel und im Blumenkasten landete.
»Er ist weg. Der Schmerz ist verschwunden. Bullibo, du kannst dir nicht vorstellen, wie schön das Leben ist.«
Doch der Affe hörte gar nicht zu. Sein Blick war von etwas Faszinierendem gefesselt.
»Euer Majestät, schaut euch das hier einmal an.«
Der Löwe drehte sich herum und sah zu seinem ausgefallenen Zahn. Dieser war in der Erde des Blumenkastens verschwunden. Und nun wuchs in Windeseile eine grüne Pflanze daraus hervor. Wenige Sekunden später öffnete sich eine große gelbe Blüte.
»Das ist es Bullibo. Das ist die Neuigkeit für unseren Dschungel. Ich werde diese Blume Löwenzahn nennen.«

(c) 2009, Marco Wittler

012. Das Wasserloch

Das Wasserloch

 Irgendwo in Afrika, mitten in der trockenen Steppe, brannte die Sonne heiß auf den Boden. Da es schon seit Monaten nicht mehr geregnet hatte war der Boden trocken und rissig, und die wenigen Büsche, die noch zu sehen waren, waren schon vor langer Zeit braun geworden.
Kaum ein Tier ließ sich um diese Tageszeit sehen, weil es einfach zu heiß war. Nur ein paar wenige Eidechsen saßen auf einem Stein und sammelten Sonnenwärme für die kommende kalte Nacht. Alle anderen lagen in Erdhöhlen, unter einsamen Bäumen oder hatten sich selber eingebuddelt. Dort warteten sie alle auf die kühlen Abendstunden.
Und wie Tiere nun mal so sind, hatten sie nur einen Gedanken. Wann und wo würden sie das nächste Mal etwas zu fressen bekommen.
Ein Rudel Löwen lag auf einem großen Felsen und beobachtete alles ganz genau. Denn die letzte Mahlzeit lag schon etwas zurück. Vor drei Tagen hatten sie das letzte Mal etwas zu fressen. Doch so weit sie auch in die Ferne starrten, nirgendwo war eine Tierherde oder auch nur ein einzelnes Beutetier zu sehen. Nur ein paar hungrige Giraffen fraßen die letzten trockenen Blätter von einem Baum.
Doch an diese großen Tiere traute sich kein Löwe heran, denn mit ihren langen Beinen konnten sie einen Angreifer kräftig treten und schwere Verletzungen zufügen.
Doch mehr als die Frage nach Futter hatten alle im Kopf, ob es bald regnen würde. Das letzte Wasserloch war jetzt nur noch so groß wie eine Pfütze. Und in ein oder zwei Tagen würde es auch vertrocknet sein.
Aber die Regenzeit lies noch auf sich warten. Es waren keine Wolken am Himmel zu sehen.
Überall war es still. Nur ein paar Grillen saßen zirpend in den trockenen Grasbüscheln.
Doch plötzlich erklang ein fernes Donnergrollen vom Horizont. Einige Tiere hofften schon auf ein Regen spendendes Gewitter. Aber dann sahen sie eine große Staubwolke, die sich langsam näherte. Die Geräusche wurden immer lauter. Kurz bevor die Wolke am Wasserloch ankam konnte man endlich die Ursache erkennen. Es handelte sich um eine große Elefantenherde.
Sie waren auf der Suche nach Wasser. Und Elefanten brauchen sehr viel Wasser. Weil sie so groß sind müssen sie viel mehr trinken als andere Tiere. Und wenn es ihnen zu heiß wird können sie sich nicht unter einem Strauch verkriechen oder sich selbst im Sand vergraben bis es kühler wird. Normalerweise stellen sie sich in ein Wasserloch und bespritzen ihren ganzen Körper mit schlammigem Wasser. Das kühlt ab und schützt gleichzeitig gegen Fliegen und Parasiten, damit die Elefanten nicht krank werden. Doch ohne Wasser wird der Schlamm zu Staub. Deswegen war die Herde nun auf der Suche nach einer Stelle, die noch nicht ganz ausgetrocknet war. Und jetzt hatten sie es fast geschafft.
Die Herde bestand nur aus Elefantenkühen und Kälbern, Mütter mit ihren Kindern. Die männlichen Elefanten liefen lieber allein durch die Steppe.
Noch bevor sie auch nur einen Tropfen Wasser sehen konnten wurden einige andere Tiere unruhig. Ein paar besonders große Löwen stiegen von ihrem Felsen herab und postierten sich zwischen der Elefantenherde und dem Wasserloch.
Die großen Dickhäuter blieben stehen und schauten die Löwen misstrauisch an.
„Bitte lasst uns an das Wasser gehen. Wir sind seit Tagen unterwegs und unsere Kinder können sich vor lauter Durst kaum noch auf den Beinen halten.“
Der Löwe mit der dicksten Mähne zeigte seine Zähne und versuchte so gefährlich wie möglich auszusehen.
„An uns kommt ihr nicht vorbei. Das Wasser ist fast verdunstet. Es reicht bald nicht einmal mehr für uns. Wenn wir euch jetzt trinken lassen ist bis heute abend nichts mehr da. Sucht euch euer eigenes Wasser.“
Die Elefanten überlegten, was sie nun tun könnten. Aber sie hatten keine andere Wahl als weiter zu ziehen. Für einen Kampf gegen ein Rudel Löwen waren ihre Kinder noch zu klein und die Mütter mittlerweile viel zu schwach. Also suchten sie sich eine neue Richtung aus und zogen davon. Es dauerte nicht lange bis ihre Staubwolke am Horizont verschwunden war.

 Am späten Abend, die Sonne war bereits verschwunden, kam die Herde an einem verlassenen Wasserloch an. Hier waren keine anderen Tiere mehr, denn nicht einmal eine kleine Pfütze war mehr zu sehen.
Die Elefantenkinder waren ganz traurig, aber ihre Mütter versprachen ihnen bereits für das Frühstück jede Menge Wasser ohne laufen zu müssen. Mit diesem Gedanken schliefen sie alle zufrieden ein.

 Am nächsten Morgen setzten sich die kleinen Elefanten an den Rand des Wasserloches und schauten ihren beschäftigten Müttern bei der Arbeit zu. Sie standen in der Mitte der trockenen Wasserstelle und gruben kräftig mit Beinen und Rüsseln im Boden. Die Erde flog im hohen Bogen durch die Luft und bildete einen kleinen Haufen der rasch größer wurde.
Da passierte es. Der erste Elefant stand mit den Füßen in einer kleinen Pfütze. Und während der Hügel an der Seite wuchs wurde auch das Wasser mehr. Bis zum Mittag war ein richtiges Wasserloch entstanden. Es war sogar größer als das der Löwen am Tag zuvor.
Nun war endlich genug zu trinken da. Und für ein richtiges Schlammbad würde es auch ausreichen.
Nach einiger Zeit hörten sie Geräusche. Ein paar neugierige Elefanten kletterten hoch, um zu sehen, woher sie stammten.
Nur ein paar Meter entfernt kamen die Löwen heran gekrochen. Sie sahen schwach und durstig aus. Und genauso war es auch. Ihr eigenes Wasser war verdunstet und nun hatten sie nichts mehr zu trinken. Sie konnten genau sehen, dass die Elefanten viel mehr Wasser hatten als sie brauchten, aber trotzdem trauten sich die Löwen nicht zu fragen, ob sie etwas abbekommen könnten. Lieber schauten sie sich um, wo das nächste Wasser sein könnte.
Die Elefanten hatten nicht vergessen, was die Löwen mit ihnen gemacht hatten, denn Elefanten vergaßen nie etwas. Aber trotzdem waren sie viel freundlicher zu den Löwen. Sie luden die Durstigen ein, soviel zu trinken wie sie wollten.
Und so entstand eine neue Freundschaft zwischen Löwen und Elefanten, die gemeinsam an einer Wasserstelle lebten und das wenige, was sie besaßen, zufrieden miteinander teilten. Denn auch wenn man wenig hat, ist es immer eine Freude jemandem davon zu geben, der noch weniger hat.

(c) 2004, Marco Wittler

12 Das Wasserloch