460. Der letzte Schmetterling

Der letzte Schmetterling

Siggi wachte auf. Um ihn herum war alles dunkel. Er gähnte laut und wollte sich einmal kräftig strecken, aber das funktionierte irgendwie nicht.
»Ach, fast hätte ich es vergessen. Ich stecke ja noch in meinem Kokon.«
In einem Kokon? Ja, genau. Siggi steckte in einem Kokon, denn er war ein Schmetterling, der gleich schlüpfen würde.
Also öffnete Siggi vorsichtig seinen Kokon, schlüpfte daraus hervor und breitete das allererste Mal seine bunten Flügel aus.
»Herrlich. Das tut richtig gut.«, seuzte er zufrieden.
»Und dann scheint auch noch die Sonne. Es gibt bestimmt keinen schöneren Zeitpunkt, um ein neues Leben zu beginnen.«
Nach ein paar Minuten begann Siggi das erste Mal mit seinen Flügeln zu schlagen und flog davon. Es ging hin und her, quer über die Blumenwiese und von einer Blüte zur anderen. Überall, wo er landete, schnupperte er an den duftenden Pollen und naschte etwas vom süßen Nektar.
»Mh, ist das köstlich. Wir Schmetterlinge führen ein richtig gutes Leben.«
Genau in diesem Moment fiel es ihm auf. Da waren keine anderen Schmetterlinge. Nirgendwo war einer von ihnen zu sehen. Siggi war ganz allein auf der großen Blumenwiese.
»Das ist ja seltsam. Wo sind denn die anderen Schmetterlinge? Als wir noch Raupen waren, gab es so viele von uns, dass wir uns nicht einmal zählen konnten.«
Siggi schlug wieder mit den Flügeln und machte sich auf die Suche. Aber es war kein anderer Schmetterling zu finden. Er blieb allein.
»Bin ich etwa der letzte Schmetterling der ganzen Welt? Was ist da bloß passiert?«
In diesem Moment hörte er ein paar Stimmen um sich herum.
»Mensch, Siggi. Musst du denn so einen Krach machen? Wir haben so gut geschlafen.«
Siggi sah sich verwundert um, bis er überall Kokons entdeckte, aus denen gerade weitere Schmetterlinge schlüpften.
»Du verdammter Frühaufsteher. Warum schlüpfst du auch als Erster? Kein Wunder, dass du allein gewesen bist.«
Da fiel Siggi ein riesiger Stein vom Herzen. Er war doch nicht der letzte Schmetterling der Welt. Nun sah er seinen Freunden vergnügt beim Schlüpfen zu und half, wenn jemand nicht aus eigener Kraft aus dem Kokon krabbeln konnte.

(c) 2013, Marco Wittler

111. Meine Farben sind verschwunden oder „Papa, warum hat der Kohlweißling weiße Flügel?“ (Papa erklärt die Welt 15)

Meine Farben sind verschwunden
oder ›Papa, warum hat der Kohlweißling weiße Flügel?‹

Sofie saß mitten auf einer großen Blumenwiese. Neben ihr saß Papa. Gemeinsam machten sie gerade ein Picknick mitten in der Natur und aßen leckeren Kartoffelsalat.
»Huch, was willst du denn auf meinem Teller? Dich will ich aber nicht essen. Husch, husch. Flieg schnell wieder weg.«
Ein kleiner Schmetterling mit weißen Flügeln hatte sich auf ihrem Teller niedergelassen. Als Sofie mit der Hand vorsichtig neben ihm hin und her wedelte flog er sofort davon.
»Was war das denn für ein komischer Schmetterling? Ich dachte immer die haben bunte Flügel.«
Papa musste grinsen. »Das ist ein Kohlweißling. Der hat halt weiße Flügel.«
Sofie grübelte ein wenig, bis sie schließlich eine Frage im Kopf hatte.
»Papa, warum hat der Kohlweißling eigentlich weiße Flügel?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Schmetterling mit weißen Flügeln. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Schmetterling mit schönen bunten Flügeln. Sein Name war Balduin.
Balduin saß auf einer Blume und sah sich um. Über der ganzen Wiese flogen und tanzten unendlich viele Schmetterlinge miteinander. So viele bunte Farben konnte man sehen.
»Aber ich bin der Schönste von allen.«, sagte Balduin.
In diesem Moment kam seine Freundin Lisa vorbei geflogen. Lächelnd landete sie und fragte nach, ob sie gemeinsam tanzen könnten.
»Auf keinen Fall. Ich muss doch auf meine schönen Flügel acht geben. Sie könnten verwischen oder ich verliere sie unterwegs. Dann wäre ich doch nicht mehr der schönste Schmetterling, den es auf der großen weiten Welt gibt.«
Er drehte sich einmal im Kreis und besah sich seine Flügel in einem kleinen Spiegel.
»Schönheit pflegt man, auch wenn man dafür das eine oder andere Opfer bringen muss.«
Lisa nickte nur, flog davon und suchte sich einen anderen Tanzpartner, während Balduin weiter seine Farben ansah.
»Tanzen? So ein Quatsch. Die anderen denken gar nicht an ihr Aussehen.«

Am nächsten Morgen stand Balduin schon sehr früh auf. Kaum hatte der Hahn gekräht hüpfte er schon aus seinem Bett und begrüßte die Sonne, die gerade über den Horizont gekrochen kam und zum Himmel hinauf kletterte.
»Was für ein herrlicher Tag. Und die beiden schönsten Dinge dieser Welt sind schon wach, um alle anderen Bewohner unserer Blumenwiese mit ihrer Schönheit zu erfreuen. Nur die Sonne kann es mit meinen Flügeln aufnehmen.«
Er tapste in sein Badezimmer, wusch sich zuerst das Gesicht, dann die Zähne und zum Schluss sprang er noch einmal unter die Dusche, nur im sicher zu gehen, dass seine Farben auch wirklich strahlend schön aussehen würden.
Als Balduin allerdings das erste Mal vor den Spiegel trat, um sich seine Haare zu bürsten, bekam er einen riesigen Schrecken.
»Ach du meine Güte. Was ist denn mit mir passiert? Wo sind denn meine Farben geblieben?«
Das Bild im Spiegel zeigte wie an jedem Tag einen Schmetterling. Allerdings waren seine Flügel heute nicht mehr so bunt wieder der Regenbogen, sondern weiß wie der Schnee im Winter.
»Mein Farben sind weg. Irgendwer hat meine Farben gestohlen. Was mache ich denn jetzt?«
Balduin war völlig verzweifelt. Ohne seine schönen Farben konnte er sich doch nirgendwo auf der Blumenwiese sehen lassen. Die anderen Schmetterlinge würden ihn sofort auslachen. Also lies er den Kopf hängen und verkroch sich wieder unter seiner Bettdecke.
»Ich werde nie wieder hier heraus kommen. Ich bleibe für den Rest meines Lebens in meinem Bett und will niemanden mehr sehen.«

Zur gleichen Zeit flog Lisa über die schöne Blumenwiese und hielt Ausschau. Sie hoffte Balduin zu treffen.
»Vielleicht tanzt er ja heute einmal mit mir. Er weiß gar nicht, was er verpasst, wenn er immer nur auf seine schönen Flügel starrt.«
Allerdings konnte sie ihn nirgendwo finden.
»Das ist ja wirklich sehr seltsam.«, sagte sie sich. »Sonst ist er doch immer draußen und lässt seine Schönheit bestaunen, wenn die Sonne scheint. Das stimmt doch etwas nicht.«
Lisa entschloss sich sofort, nach Balduin zu suchen. Sie wollte unbedingt heraus finden, was geschehen war.
Als sie schließlich an seine Tür klopfte, hörte sie nur leises Gemurmel.
»He, Balduin, was ist denn mit dir los? Stimmt etwas nicht?«
»Geh weg.«, ertönte es von innen.
»Ich will dich nicht sehen. Ich will niemanden sehen. Und mich will erst recht niemand mehr sehen.«
Lisa wusste nicht, was er damit meinte und klopfte erneut an die Tür.
»Lass mich doch bitte rein. Ich bin doch deine Freundin und werde dich nicht auslachen, egal was passiert ist.«
Sie warte und wartete. Ganz geduldig setzte sie sich vor die Tür und hoffte, dass ihr geöffnet werden würde.
Balduin lag noch immer in seinem Bett und war sauer, dass er seine Ruhe nicht bekam. Er wollte mit niemandem reden und sehen sollte auch niemand, was ihm widerfahren war. Aber dieses dumme Mädchen vor der Tür, so dachte er sich, würde nie verschwinden, wenn er nichts unternehmen würde.
Zuerst dachte er darüber nach, ob er aus einem seiner Fenster einen Eimer mit kaltem Wasser kippen sollte, aber das erschien ihm dann doch viel zu fies. Da ihm aber nichts besseres einfiel, öffnete er schließlich die Tür und lies Lisa herein.
»Aber bitte sie mich nicht an. Ich bin über Nacht zum hässlichsten Wesen der Welt geworden.«
Aber Lisa dachte gar nicht daran, weg zu schauen. Sie kam mit geschlossenen Augen herein, öffnete sie aber sofort, nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war.
»Deine Flügel sind ja weiß wie Schnee.«
Balduin begann zu weinen. Die Tränen kullerten nacheinander an seinen Wangen herab.
»Ich bin so hässlich. Mit mir wird niemand mehr reden wollen und alle werden über mich lachen.«
Lisa nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich.
»Ach du dummer, kleiner Schmetterling. Was sind denn schon ein paar Farben? Du bist und bleibst einer von uns. Und wenn ich ehrlich sein soll, gefällst du mir noch viel mehr als gestern. Denn da warst du einer von vielen bunten Schmetterlingen, aber heute bist du der einzige, der weiße Flügel besitzt. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.«
»Meinst du das auch wirklich so?«, fragte Balduin ängstlich.
Lisa nickte und nahm ihn an der Hand.
»Los, lass und nach draußen gehen. Wir fliegen um die Wette und tanzen so wild wie niemand anders. Und ich verspreche dir, dass dich alle um deine weißen Flügel beneiden werden.«
Balduin war sich noch immer nicht sicher, lies sich aber dennoch überreden. Gemeinsam, Hand in Hand, traten sie vor die Tür und flogen im hohen Bogen über die Wiese.
Als die anderen Schmetterlinge sie sahen, waren sie völlig verwundert. Ein weißer Schmetterling? So etwas unglaublich Schönes hatte es auf der ganzen Blumenwiese noch nie gegeben. Sie alle bewunderten und beneideten ihn um seine Flügel.
Balduin aber hatte etwas gelernt. Es kam seiner Freundin Lisa nicht auf die Schönheit der Flügel an. Sie war einfach nur seine Freundin und mochte ihn, weil er ein wirklich netter Kerl war.
Nun flogen und tanzten sie jeden Tag miteinander, vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang.

Sofie gluckste vor Vergnügen.
»Das war aber eine schöne Geschichte. Ich hätte nicht gedacht, dass der kleine Schmetterling sich an seine neuen Flügel gewöhnt.«
Aber nickte zufrieden und nahm sich einen weiteren Teller Kartoffelsalat.
»Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sofie lachte und fiel Papa um den Hals.

(c) 2008, Marco Wittler

106. Eine Raupe im Rosenbeet

Eine Raupe im Rosenbeet

Es war Freitag Morgen um acht Uhr. Herr Meier saß am Küchentisch, trank seinen Kaffee und las gemütlich in der Zeitung. Das Frühstück hatte er bereits gegessen und er freute sich schon sehr auf die Arbeit in seinem Garten. Ein großer Rosenstock, um den herum noch viele kleinere Rosen wuchsen, war sein ganzer Stolz. An diesem Wochenende sollten sich die ersten Knospen öffnen und die Blüten in ihrer ganzen Pracht und Farbe leuchten.
»Ich gehe nachher nach draußen.«, sagte er seiner Frau, ohne hinter der Zeitung hervor zu schauen.
»Ich werde die alten Rosenblätter abschneiden und das Unkraut aus dem Boden zupfen. Ja, genau das werde ich machen.«
Frau Meier lächelte nur. Sie wusste nur zu gut, wie viel Freude ihr Mann an seinem Garten hatte, seit er Rentner geworden war.
»Dann kannst du doch auch gleich mal nach meinem Gemüsebeet schauen. Da ist bestimmt auch genug Unkraut gewachsen. Kannst du das nicht für mich erledigen?«, fragte sie schließlich.
»Das ist ganz unmöglich.«, kam die Antwort prompt.
»Du weißt doch, dass meine preisgekrönten Rosen viel Arbeit kosten und meine ganze Aufmerksam brauchen. Da werde ich den ganzen Tag dran arbeiten. Deine Möhren müssen einfach warten, bis ich fertig bin. Vielleicht finde ich am Montag noch etwas Zeit. Ansonsten musst du dich selber darum kümmern.«
Herr Meier legte die Zeitung beiseite, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte eine ernste Miene auf.
Seine Frau musste bei diesem Anblick lachen.
»Dann kümmere du dich ruhig um deine Rosen. Wenn ich vom Friseur zurück bin, mache ich selber das Unkraut weg. Dafür klaue ich mir dann deine schönste Rosenblüte für meine Wohnzimmervase.«
Mit diesen Worten verschwand sie im Flur, noch ehe er etwas erwidern konnte. Sie zog sich eine Jacke über und verließ das Haus.
»Die soll bloß ihre Finger von meinen Rosen lassen.«, murmelte er vor sich hin.
»Da wird nicht eine einzige Blüte abgeschnitten. Immerhin kommen nächste Woche Sonntag die Wettbewerbspreisrichter. Ich will doch auch in diesem Jahr den ersten Platz gewinnen. Dafür muss der Rosenstock perfekt sein. Und weil wir Samstag abend für eine Woche weg fahren, bleibt mir nur noch dieses Wochenende, um alles fertig zu bekommen.«
Herr Meier trank den letzten Schluck Kaffee aus und ging in den Garten. Er hatte sich eine alte Strickjacke übergezogen und eine Arbeitshose. Nun war er mit einer rostigen Schere bewaffnet und wollte die braunen Blätter entfernen. Er nahm sich ein hölzernes Stühlchen, setzte sich vor sein Bett und begann mit seiner Arbeit.
Weit kam er allerdings nicht, denn schon nach wenigen Minuten traf ihn der Schlag. Er bekam einen riesigen Schrecken als er ein Tier entdeckte.
»Potzblitz, was ist denn das?«
Auf einem der Blätter saß eine kleine Raupe und fraß gemütlich vor sich hin.
»Dir werd ich helfen. Du kannst doch nicht einfach meine Rosen als Frühstück missbrauchen.«
Er nahm die Raupe wütend zwischen seine Finger und wollte sie gerade zerquetschen, als seine Frau in den Garten kam.
»Ich bekomme den Wagen nicht an. Kannst du mir mal helfen?«, rief sie. Doch dann sah sie das hochrote Gesicht ihres Mannes.
»Was ist denn mit dir passiert?«
Er hielt den Übeltäter in die Luft.
»Das hier ist passiert. Eine Raupe frisst meine Rosen auf. Ich werd sie zerquetschen, damit sie weiß, was sie angestellt hat.«
Frau Meier eilte schnell an das Bett und nahm ihm die Raupe ab.
»Aber du kannst doch nicht einfach so ein armes und wehrloses Geschöpf töten. Es hat dir doch gar nichts getan. Es liegt einfach in seiner Natur, dass es Blätter frisst. Oder hat die mal ein Hase gebissen, nur weil du abends einen Salat gegessen hast?«
Herr Meier lies den Kopf hängen und schüttelte ihn langsam hin und her.
»Dachte ich mir das doch. Dann darf auch diese kleine Raupe weiter leben.«
Sie brachte die Raupe an den Rand des Grundstücks und legte sie auf einem Löwenzahnblatt ab. Dann nahm sie ihrem Mann mit nach vorn auf die Straße, damit er das Auto starten konnte.
Den restlichen Tag verbrachte Herr Meier nun in besserer Laune. Es kamen ihm keine Tiere mehr in die Quere. Nach und nach sah der Rosenstock immer schöner aus.

Am Samstag Nachmittag saß Herr Meier wieder im Garten. Er kümmerte sich nun um die restlichen Rosen in seinem Bett. Es sollte alles perfekt aussehen. Er jätete Unkraut, zupfte braune Blätter ab und steckte hin und wieder ein Düngerstäbchen in den Boden.
»Ihr sollt ja auch morgen richtig schick aussehen, wenn die Rosenjury an die Tür klopft. Wir wollen doch wieder den ersten Preis bekommen.«
Nach und nach füllte sich der Eimer mit Pflanzenresten. Als er voll war, stand Herr Meier auf und brachte alles zum Komposter. Als er das Grünzeug hinein werfen wollte, erschrak er.
»Was ist denn das? Das darf doch nicht war sein. Woher kommt denn dieses Ungeheuer?«
Wieder lief er vor Wut rot im Gesicht an. Im Eimer saß eine kleine Raupe und krabbelte hin und her. Er lies alles Fallen und lief zum Bett zurück. Mit dem ersten Blick entdeckte er noch weitere Übeltäter.
»Das gibt es nicht. Was mache ich denn jetzt?«
Er überlegte bereits, ob er sie alle mit dem Gartenschlauch wegspülen und ertränken sollte, doch dann bestand auch die Gefahr, dass die frischen Rosenblüten fleckig und braun werden würden.
»Das ist die größte Katastrophe, die die Welt je gesehen hat. Meine Rosen sehen bald löchrig wie ein schweizer Käse aus und die anderen Züchter werden über mich lachen und mit dem Finger auf mich zeigen.«
Frau Meier hatte gehört, was im Garten vor sich ging und kam nach draußen.
»Was ist denn hier los? Ist was nicht in Ordnung?«
Ihr Mann war gar nicht mehr in Lage zu sprechen. Er zeigte nur noch auf die unzähligen Raupen.
»Ach, mein Lieber. Das ist doch gar nicht schlimm. Das sind doch nur Raupen.«
Sie nahm ihren Mann an die Hand und zog ihn zum Haus.
»Du gehst jetzt erstmal in die Küche, setzt dich hin und trinkst einen Kaffee. Danach wird es dir bestimmt besser gehen. Während du dich wieder beruhigst, kümmere ich mich um die Raupen.«
Herr Meier wollte zuerst nicht, doch dann gab er nach und ging ins Haus. Seine Frau bückte sich und besah sich den Schaden. Doch so schlimm sah es noch gar nicht aus.
Ganz vorsichtig wollte sie nun die Raupen von den Blättern nehmen und an eine andere Stelle des Gartens tragen. Doch dann sah sie etwas Erstaunliches. Mit den Raupen veränderten sich.
»Na, wenn das mal nicht eine große Überraschung wird.«, sagte sie und lies die Tiere auf den Rosen sitzen.

Eine Woche später kamen die beiden ganz spät in der Nacht nach Hause. Herr Meier war ganz nervös.
»Hoffentlich ist alles mit meinen Rosen in Ordnung. Ich habe die ganze Zeit im Urlaub daran denken müssen, dass sie nicht mehr da sind und der Garten von dicken Raupen überquillt. Morgen Vormittag kommen doch die Wettbewerbsrichter.«
Frau Meier schmunzelte. Sie wusste nur zu genau, was morgen geschehen würde. Doch darüber schwieg sie.

Am nächsten Morgen lief Herr Meier sofort nach dem Frühstück in den Garten und sah nach dem Rechten. Die Rosen standen noch alle. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckte er sofort ein paar lästige Tiere.
»Du meine Güte. Die Raupen sind immer noch da. Ich dachte, du hättest dich darum gekümmert? Was soll ich denn jetzt machen? Wenn die Richter löchrige Blätter sehen ist alles aus.«, schimpfte er.
»Jetzt muss alles ganz schnell gehen.«
Er wollte gerade die Tierchen entfernen, als es an der Tür klingelte. Die Wettbewerbsrichter waren bereits da und wollten sofort die Rosen sehen.
Herr Meier war verzweifelt und wusste nicht, was er machen sollte. Nun musste er mit Raupen verseuchte Pflanzen vorzeigen. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er schloss die Augen, lies sich von seiner Frau in den Garten führen und entschuldigte sich bei allen Anwesenden im Voraus.
»Es tut mir wirklich leid, meine Herren. Aber in diesem Jahr haben wir eine Ungezieferplage erleben müssen. Sie werden leider nicht das vorfinden, was sie erwarten.«
Aber als sie gemeinsam in den Garten kamen erlebten sie eine große Überraschung.
»Gute Güte, was ist denn das? So einen farbenfrohen Rosenbusch haben wir bisher noch nirgendwo gesehen. Wie haben sie denn das geschafft?«
Herr Meier öffnete langsam seine Augen und wollte nicht glauben, was er nun sah. Sein Rosenbusch leuchtete in allen vorstellbaren Farben. Die Raupen hatten sich während des Urlaubs verpuppt. Und aus den Puppen waren in den letzten Minuten wunderschöne Schmetterlinge geschlüpft, die nun alle um den Strauch herum flogen oder auf ihm saßen.
»Also dafür haben sie auf jeden Fall den ersten Preis verdient. Damit kann kein anderer Züchter konkurrieren.«, war das Urteil der Wettbewerbsrichter.

Nachdem der Besuch wieder verschwunden war, sah Herr Meier noch einmal durch ein Fenster nach draußen in den Garten und dachte ein wenig nach.
»Es ist doch unglaublich, welche Wunder die Natur für uns parat hält. Und ich dummer Kerl hätte beinahe alles kaputt gemacht.«

(c) 2008, Marco Wittler