589. Nik und Nele und das Weltraummonster (Nik und Nele 12)

Nik und Nele und das Weltraummonster

Die Zwillinge Nik und Nele lagen in ihrem Etagenbett und sollten eigentlich schlafen. Zumindest hatte Mama darauf bestanden. Schlafen konnten die beiden aber trotzdem nicht. Zu groß war die Abenteuerlust. Sie wollten noch etwas unternehmen.
»Wohin fliegen wir heute Nacht?«, fragte Nik von der oberen Matratze.
»Ich schaue mal in mein Weltraumbuch.«, antwortete Nele von unten und begann sofort zu blättern.
Normalerweise wartete Nik geduldig darauf, dass seine Schwester etwas fand. Doch dieses Mal, hatte er selbst Lust, ein Flugziel zu suchen. Er kletterte aus dem Bett und ging zur Balkontür. Dort stand das Teleskop, mit dem die Kinder abends immer die Sterne am Himmel beobachteten.
Er richtete das Teleskop auf den Mond aus und warf einen Blick hindurch.
Verdutzt zog er sofort seinen Kopf zurück und sah verwirrt zu Nele. Dann schaute er noch einmal zum Mond hinauf.
»Ich glaube, da stimmt etwas nicht. Wenn ich das richtig gesehen habe, wird der Mond von einem riesigen Weltraummonster angegriffen. Wir müssen sofort etwas unternehmen.«
Nele legte sofort ihr Buch zur Seite und sprang aus dem Bett.
»Kann doch gar nicht sein. Was soll das denn für ein Monster sein, das dem Mond gefährlich werden kann? Lass mich mal sehen.«
»Aber wenn ich es dir doch sage. Das Monster sieht unglaublich gefährlich aus uns ist sogar ein Stück größer als der Mond. Es wird ihn bestimmt fressen und dann die Erde angreifen.«
Nele schob Nik zur Seite und sah nun selbst durch das Teleskop in den Nachthimmel.
Sie begann zuerst zu grinsen, dann kicherte sie leise. Schließlich lachte sie fast so laut, dass Mama es hätte hören können.
»Du bist mir ja ein großer Angsthase. Du kannst eine Spinne nicht von einem Weltraummonster unterscheiden.«
Sie ging um das Teleskop herum und nahm eine kleine Spinne vom Objektiv auf. Das Tier war nur wenige Millimeter klein und krabbelte ängstlich auf Neles Hand hin und her.
»Die bringe ich mal lieber nach draußen, bevor sich dich noch auffrisst.«, neckte sie ihren Bruder.
»Ich glaube, wir bleiben heute Nacht zu Hause. Das Weltall ist eindeutig zu gefährlich für dich, Bruderherz.«
Sie öffnete die Balkontür, entließ die Spinne in die Freiheit und legte sich dann wieder ins Bett.

(c) 2017, Marco Wittler

337. Morgentau oder „Papa, was ist Altweibersommer?“ (Papa erklärt die Welt 33)

Morgentau
oder ›Papa, was ist Altweibersommer?‹

Der Herbst hatte begonnen. Die heißen Tage des Sommers gehörten mittlerweile der Vergangenheit an und die Blätter an den Bäumen färbten sich langsam rot, gelb und braun. Doch nach den letzten regnerischen Tagen, war es nun wieder sonnig und angenehm warm.
Das hatten Papa und Sofie natürlich ausgenutzt und waren den ganzen Tag über draußen an der frischen Luft gewesen. Aber nun saßen sie gemeinsam in Sofies Zimmer und sahen durch das Fenster der untergehenden Sonne zu.
»Das war heute richtig schön.«, schwärmte Sofie, während sie sie in ihr Nachthemd schlüpfte.
Papa nickte und lehnte sich gemütlich zurück.
»Das ist das schöne am Altweibersommer.«, erklärte er.
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, was ist eigentlich Altweibersommer? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Altweibersommer. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Spinne, die den ganzen Tag an Ästen und Pflanzenhalmen herum kletterte und ein Spinnennetz nach dem anderen wob. Ihr Name war Eleonora.
Am frühen Morgen kam Eleonora aus ihrem Versteck gekrochen und begann mit ihrer Arbeit. Erst am späten Abend, wenn die Sonne unterging, unterbrach sie ihr Tun und ging zu Bett.
Eines Tages, es war gerade früher Morgen, kam ein junges Mädchen daher. Sie spazierte durch die grüne Wiese und erfreute sich am frischen Morgentau, der ihre Füße kitzelte und mit Wassertropfen benetze. Das war ein herrlich erfrischendes Gefühl.
In diesem Moment kam ihre Freundin um eine Ecke gebogen.
»Marie, warte auf mich. Du sollst doch nicht allein durch den Wald laufen. Dir könnte etwas zustoßen.«
Aber Marie lachte nur und lief einfach weiter.
»Ella, komm her.«, rief sie.
»Zieh dir Schuhe und Strümpfe aus. Genieße den schönen Morgen. Bald ist es Herbst und es wird zu kalt dafür sein.«
Nur ungern kam Ella der Aufforderung nach und setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen in die nasse Wiese.
»Brrr, ist das kalt.«
Marie grinste über das ganze Gesicht.
»Nun hab dich nicht so. Es ist einfach nur schön.«
Sie nahm ihre Freundin an der Hand und zog sie hinter sich her.
Doch plötzlich blieben die beiden Mädchen stehen. Sie hatten etwas Seltsames entdeckt.
»Wie schön es doch ist.«
Sie mussten es sich von allen Seiten genau anschauen und konnten ihre Blicke nicht mehr davon lösen.
Das bemerkte natürlich auch die kleine Spinne Eleonora. Sie sah sich um und es fiel ihr auf, dass die Menschen von den Spinnennetzen fasziniert waren. An ihren Fäden hingen die frischen Tropfen des Morgentaus.
»Das geschieht nur im Altweibersommer.«, flüsterte Marie.
»Wenn der Wind geht, gehen die kleinen Gespinste auf die Reise. Sie fliegen den alten Weibern nach, die noch immer nicht verheiratet sind. Wer von den Netzen berührt wird, steht schon bald vor dem Traualtar und bekommt ein Baby.«
Ella bekam große Augen.
»So ein Quatsch. Das glaube ich dir nicht. Du willst mir doch wieder nur einen Bären aufbinden.«
Trotzdem war es ihr nicht ganz geheuer.
Marie grinste wieder.
»Doch. Jedes meiner Worte ist wahr. Also geh lieber nicht zu nah heran.«, neckte sie ihre Schwester weiter.
Eleonora musste leise lachen, als sie das alles hörte.
»Wartet es nur ab. Euch werde ich einen kleinen Schrecken einjagen.«
Schon kletterte sie zum nächsten Netz und biss die Befestigungsfäden durch. Genau in diesem Moment gab es einen kleinen Windstoß, der das Gespinst direkt zu Marie wehte.
Mit einem entsetzten Aufschrei sprang das Mädchen zur Seite und konnte dem Netz gerade noch ausweichen. Sie bekam einen hochroten Kopf und das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.
Nun war es Ella, die lachen musste.
»Jetzt bist du selbst auf deinen Scherz herein gefallen.«
Marie verzog die Mundwinkel und brummte leise vor sich hin, bevor sie antwortete.
»Ich wollte nur sicher gehen. Vielleicht ist ja doch etwas Wahres dran. Denn zum Heiraten ist es mir noch viel zu früh.«
Aber dann schoben die beiden Mädchen die ängstlichen Gedanken fort und liefen wieder vergnügt über die grüne Wiese.
Eleonora aber bewahrte dieses kleine Erlebnis in ihrem Herzen. Von nun an musste sie immer im September an Marie und Ella denken, wenn sich ihre Netze mit Morgentau benetzten.
»Ja, der Altweibersommer ist wirklich die schönste Zeit im ganzen Jahr.«, murmelte sie dann vor sich her.

Sofie hatte Papa aufmerksam zugehört. Während sie noch über das Gehörte nachdachte, schlüpfte sie bereits unter die Decke.
»Das war eine sehr schöne Geschichte.«, sagte sie schließlich.
Papa war zufrieden als er das hörte. Doch dann fiel Sofie noch etwas ein.
»Aber ich glaube dir trotzdem kein einziges Wort davon.«
Grinsend zog sie sich die Decke bis zur Nase und schloss ihre beiden Augen.

(c) 2010, Marco Wittler

070. So viele Beine (Ninos Schneckengeschichten 4)

So viele Beine

Es war ein wunderschöner Nachmittag. Die Vögel zwitscherten, die Sonne strahlte und am Himmel zeigte sich nicht ein einziges Wölkchen.
Nino sah aus dem Fenster und freute sich über das Wetter.
»Schau dir das an, Wuschel. Ist das nicht ein herrlicher Tag? Er ist perfekt für einen Ausflug.«
Wuschel, Ninos kleiner Hund wusste sofort, woran sein Herrchen dachte. Daher lief er schwanzwedelnd um Nino herum und bellte vor Freude.
»Aber zuerst müssen wir uns schick machen.«
Nino stellte sich vor den Spiegel und bürstete sich sein Haar. Anschließend kümmerte er sich auch um das Fell von Wuschel.
»Das sollte reichen. So können wir uns unter die Leute wagen.«
Nino legte seinem Hund die Leine um, holte sein Skateboard aus dem Schrank, schnallte sich einen Rucksack um und verließ sein Haus, aber nicht ohne sein kleines Häuschen mitzunehmen.
Sein kleines Häuschen? Stellst du dir auch gerade diese Frage?
Bei Nino war es ganz normal, dass er ein klein Häuschen ständig bei sich trug, denn Nino war eine Schnecke.
Weil Schnecken sehr langsam sind, hatte Nino vor einiger Zeit von seinen Freunden ein Skateboard geschenkt bekommen, damit er sich von seinem Hund schnell durch die Stadt ziehen lassen konnte. So war er fast schneller als seine Freundin Fräulein Fledermaus. Aber auch nur fast.
Und schon ging es los. Wuschel lief so schnell wie der Wind durch die Straßen. Nino blieb kaum Zeit seinen Nachbarn einen schönen Tag zu wünschen.
Schließlich verließen die beiden die Stadt und kamen an den Rand des Waldes.
Die Bäume warfen weite Schatten und spendeten jedem erschöpften Wanderer etwas Abkühlung.
Nino sah sich um und hüpfte vom Skateboard herab.
»Hier gefällt es mir. Das ist ein wirklich schönes Plätzchen für ein Picknick.«
Er nahm den Rucksack vom Rücken und holte eine große Decke daraus hervor. Darauf verteilte er einige Teller, Becher, Speisen und Getränke.
»Wuschel, das sieht ja richtig lecker aus. Jetzt müssen nur noch die anderen zu uns kommen, dann können wir das alles zusammen weg futtern.«
Der kleine Hund bellte einmal und wedelte wieder mit dem Schwanz.
Es dauerte auch nicht lange, bis Ninos Freunde auftauchten. Fräulein Fledermaus flog durch die Lüfte heran und landete direkt neben Nino. Herr Maulwurf mochte es nicht, bei so viel Sonnenschein zu laufen. Seine Augen mochten das viele Licht nicht. Daher buddelte er sich einen Tunnel und hätte sich fast durch das leckere Essen gegraben, da er sich mit der Entfernung verrechnet hatte.
»Dann können wir ja anfangen.«, freute sich die Schnecke.
Doch in diesem Moment begann der Wind zu wehen. Die Bäume bogen sich hin und her, Blätter fielen von den Ästen herab und die Servietten flogen im hohen Bogen davon. Als Krönung von allem landete ein Tannenzapfen im Kartoffelsalat.
Herr Maulwurf sah dies und griff sofort zu.
»Das ist aber mein Tannenzapfen.«, sagte er und biss genüsslich in seine Beute.
Plötzlich spürte Nino etwas in seinem Rücken. Irgendetwas war auf seinem Schneckenhaus gelandet. Er drehte seinen Kopf herum und sah eine weiße Kugel hinter sich.
Er nahm sie vorsichtig herunter und legte sich vor sich auf die Decke, damit alle anderen sie sehen konnten.
»Was ist denn das?«, fragte er in die Runde. Aber niemand hatte eine Antwort.
Alle nahmen sie die kleine Kugel vorsichtig in die Hand, besahen sie von allen Seiten, wurden daraus aber nicht schlauer.
Also legten sie sie wieder auf die Decke und redeten darüber, was es sein könnte.
»Es ist einer dieser neuen superleichten Bälle, mit denen man so toll spielen kann.«
»Ach, so ein Quatsch. Das ist unbearbeitete Schafswolle.«
»Das ist Gewölle einer Katze.«
Aber sie lagen alle ganz weit daneben. Und trotzdem gab es jemanden, der genau wusste, was es war. Und dieser jemand hieß Simon. Simon kannte sich mit dieser weißen Kugel deshalb so gut aus, weil er sein ganzes bisheriges Leben in ihrem Inneren verbracht hatte. Doch nun war er neugierig, was sich da außerhalb tat und wem die Stimmen gehörten. Also öffnete er seinen Kokon und kam heraus.
Nino und Fräulein Fledermaus erschraken. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich jemand in der Kugel befand. Umso erstaunter waren sie, als plötzlich jede Menge Beine zum Vorschein kamen. Herr Maulwurf bekam zunächst nichts davon mit, denn er konnte mit seinen schlechten Augen einfach nicht genug sehen.
»Was ist denn das?«, fragte sich Nino.
»Was ist denn los?«, wollte Herr Maulwurf wissen.
»Pfui, Spinne.«, sagte Fräulein Fledermaus.
»Hey, du hast sogar Recht.«, antwortete Simon.
Er befreite sich komplett aus seinem Kokon und richtete sich langsam aus. Er blinzelte noch ein wenig mit den Augen, da er bisher kein so helles Licht gewohnt war.
»Hallo Leute. Ich bin Simon, die kleine Spinne.«
Er wollte auf Nino zugehen und ihm zur Begrüßung die Hand schütteln, doch dann stolperte er und fiel hin. Er rappelte sich wieder hoch, startete einen neuen Versuch und fiel abermals.
»Das darf doch nicht wahr sein. Ich habe so viele Beine, dass ich ständig darüber stolpere.«
Nino sah die Spinne mitleidig an. Und dann begann er zu zählen: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Du meine Güte, du hast ja acht Beine. So viele habe ich bisher bei keinem anderen Tier gesehen. Da ist es kein Wunder, dass du ständig darüber stolperst. Da müssen wir dir helfen, laufen zu lernen.«
Die drei Picknicker gaben sich alle Mühe, Simon das Laufen beizubringen. Aber Nino hatte nur einen Fuß und glitt über den Boden, Fräulein Fledermaus war das Fliegen gewohnt und Herr Maulwurf hatte selber auch nur vier Beine. Es klappte also überhaupt nicht.
Simon begann zu weinen, während er weiter vor dem Wald hin und her stolperte.
»Was soll ich denn jetzt nur machen? Ich kann doch nicht mein Leben lang alle paar Schritte zu Boden fallen. Wäre ich doch nur in meinem Kokon geblieben. Aber nun ist es zu spät. Wäre ich doch nur nicht so neugierig gewesen.«
Plötzlich kam Nino eine Idee.
»Mir fällt da etwas ein.«
Er nahm den Picknickkorb und suchte darin herum, bis er eine Schnur fand.
»Damit hatte ich die Servietten zusammen gebunden. Nun brauche ich sie nicht mehr. Damit werde ich dir jetzt die Beine zusammen binden.«
Er setzte sich zu Simon und band jeweils zwei Beine zusammen.
»Schau, jetzt hast du genau so viele Beine, wie Wuschel und Herr Maulwurf. Nun können sie dir beibringen, wie man richtig läuft. Und wenn du das erst einmal gelernt hast, dann dauert es bestimmt nicht mehr lange, bis du auf allen acht Beinen gehen kannst.«
Simon probierte es aus. Und hatte sofort Erfolg. Er fiel nicht mehr auf den Boden, sondern flitzte hin und her.
Alle freuten sich darüber so sehr, dass sie fast das leckere Picknick vergaßen.

Als es Abend wurde, packte Nino die Reste des Picknicks zusammen und lies sich von Wuschel nach Hause ziehen. Doch diesmal gingen sie zu dritt, denn Simon begleitete sie.
Die Schnecke hatte der Spinne angeboten, zusammen zu wohnen.
»Mein Haus ist so groß, da findest du auch noch einen gemütlichen Platz zu leben. Dein Kokon ist ja jetzt kaputt.«
Und so hatte Nino wieder einen neuen Freund gefunden.

(c) 2008, Marco Wittler