923. Schreie im Keller

Schreie im Keller

Er schluckte, als er vor dem Keller stand. Seit Jahren war er nicht mehr dort unten gewesen, hatte es tunlichst vermieden, die Treppe hinab zu steigen oder auch nur die Tür zu öffnen.
Er wusste ganz genau, dass Keller nicht nur unheimlich waren, sondern unzählige schreckliche Dinge beherbergten, die einem Leib und Leben kosten konnten.
Doch nun hatte er keine andere Wahl. Er musste hinab gehen. In der Küche tropfte der Abfluss der Spüle. Neues Werkzeug war am Samstag Abend im geschlossenen Baumarkt nicht mehr zu kaufen. Dieses Mal musste er die Rohrzange aus dem Keller holen.
Was würde ihn wohl dort unten erwarten? Ein zotteliges Monster, dass ihn mit seinen Pranken in Stücke riss? Ein Geist, der ihn zu Tode erschrecken würde? Ein Vampir, der sich an seinem Blute laben wollte? Der Teufel, der neue Seelen für die Hölle einsammelte? Oder einfach nur das absolut Böse, dass niemand in einem Verhalten auch nur einschätzen konnte?
Was es auch war, er wollte damit keine Begegnung riskieren.
Er legte die Hand auf die Türklinke, drückte sie nieder und setzte einen Fuß auf die erste Stufe.
Er schloss kurz die Augen, atmete tief durch und stieg die Treppe hinab.
Langsam, Schritt für Schritt ging es nach unten. Der Staub, der sich in den letzten Jahren hier niedergelassen hatte, wurde aufgewirbelt, bildete kleine Wölkchen und kratzte im Hals.
Dann geschah plötzlich alles auf einmal. Er erreichte den Boden, machte ein paar Schritte und geriet mit dem Gesicht in dichte Spinnweben.
Schreie ertönten aus allen Ecken des Kellers, die sich schnell in panische Höhe steigerten.
»Hilfe! Ein Mensch!«, kreischten die Spinnen. »Wie kommt der denn hierher? Ich dachte, die existieren nur in Gruselgeschichten.«

(c) 2020, Marco Wittler


Bild von Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay

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