556. Tommi und die Rentiere (Tommis Tagebuch 11)

Tommi und die Rentiere

Hallo liebes Tagebuch, Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Das ist so unvorstellbar, dass ich es eigentlich niemandem erzählen möchte. Die Leute würden bestimmt denken, dass ich verrückt geworden bin. Dir schreibe ich trotzdem davon. Bei dir habe ich keine Angst, dass du es jemandem erzählst.
Also. Ich war heute Nachmittag mit Mama und Oma im Zoo. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sind die Gehege mit Lichtern geschmückt. Manchmal kann man einem Chor zuhören, der Weihnachtslieder singt und es macht einen riesigen Spaß.
Wir haben uns alles angesehen und waren von morgens bis abends unterwegs. Ich habe wirklich jedes Tier gesehen und ihm frohe Weihnachten gewünscht. Manche Tiere haben sich dafür gar nicht interessiert. Die kamen bestimmt aus Ländern, die Weihnachten gar nicht kennen. Aber alle anderen haben mir auch frohe Weihnachten gewünscht.
Irgendwann waren wir dann bei Tieren aus Nordeuropa und haben dort eine Herde Rentiere gesehen. Ja, echt. Richtige Rentiere. Die vom Nordpol. Die, die immer den Schlitten vom Weihnachtsmann durch die Luft ziehen, damit er Weihnachtsgeschenke verteilen kann.
Mama sagte, dass das nur normale Rentiere sind. Die vom Weihnachtsmann hätten gar keine Zeit bei uns im Zoo zu stehen. Sie müssten sich um den Schlitten kümmern. Aber das habe ich ihr nicht geglaubt. Ich war mir sogar sicher, dass ich Rudolph gesehen habe. Seine Nase hat zwar nicht rot geleuchtet, aber das musste sie auch nicht. Die leuchtet nur, wenn er den Schlitten zieht.
Als Mama und Oma mal kurz zur Toilette mussten, habe ich mich ganz dicht an den Zaun gestellt und zu den Rentieren gesprochen. Besonders Rudolph hat mir ganz aufmerksam zugehört.
Ich habe ihnen erzählt, dass ich das ganze Jahr über ein artiger Junge gewesen war, dass ich immer auf Mama gehört und meine große Schwester Nina nicht einmal geärgert habe.
Na gut. Das stimmte nicht so ganz. Aber ich habe wenigstens versucht, so oft wie möglich artig zu sein. Hat auch ganz gut geklappt.
Und dann habe ich den Rentieren erzählt, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Meinen Wunschzettel hatte ich dabei. Ich hab ihn laut vorgelesen, danach gefaltet und an den Zaun gesteckt.
In dem Moment kamen dann auch Mama und Oma zurück. Wir gingen weiter zum nächsten Tiergehege.
Ich habe den beiden erzählt, was ich gemacht habe. Sie haben nur gegrinst und leise gelacht. Wollten mir wohl immer noch nicht glauben, dass es die Rentiere des Weihnachtsmanns waren. Aber das war mir egal.
Ich drehte mich ein letztes Mal um. Und wer hätte das gedacht? Mein Wunschzettel war verschwunden. Und der Rudolph hat einmal kurz mit seiner Nase rot geglüht und mir zugezwinkert.
Ich freue mich schon jetzt auf meine Geschenke. Ich bin mir ganz sicher, dass Rudolph meinen Wunschzettel noch rechtzeitig zum Nordpol bringen wird.

Das war’s dann auch schon wieder. Bis zum nächsten Mal.
Dein Tommi.

(c) 2016, Marco Wittler

345. Das Licht im Kühlschrank (Tommis Tagebuch 10)

Das Licht im Kühlschrank

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Aber ich fang am Besten ganz vorne an.
Als Mama heute das Mittagessen gekocht hat, musste sie ein paar Zutaten aus dem Kühlschrank holen. Innen drin war jedes Regal schön beleuchtet und man konnte alles gut sehen. Aber weil der Papa immer sagt, dass wir Strom sparen sollen, hab ich gefragt, warum die Mama das Licht im Kühlschrank nie ausschaltet.
Mama hat angeschaut, als hätte ich eine ganz dumme Frage gestellt, dabei fand ich sie sehr wichtig. Sie hätte sogar fast angefangen zu lachen. Aber dann setzte sie sich auf den Küchenstuhl, nahm mich auf den Schoß und erklärte mir, dass das beim Schließen der Tür immer von ganz allein ausgehen würde.
Da hab ich dann natürlich ganz große Augen bekommen, so erstaunt war ich. Glauben konnte ich es aber trotzdem nicht.
»Hast du das denn auch schon übergeprüft?«, hab ich dann die Mama gefragt.
Da musste sie dann auch den Kopf schütteln. Hatte ich es doch richtig vermutet. Aber statt das dann nachzuholen, wollte sie mir einreden, dass das mit dem Licht schon immer so gewesen war und auch bestimmt so sein würde.
Ich tat dann so, als wäre ich damit zufrieden und bin erstmal in meinem Kinderzimmer verschwunden. Irgendwann später, nachdem die Mama mit dem Spülen fertig war, wollte ich der Sache natürlich auf den Grund gehen. Also bin ich in die Küche geschlichen, habe den ganzen Kühlschrank leer geräumt und habe mich hinein gesetzt.
Und weißt du was, liebes Tagebuch? Die Mama hatte tatsächlich Recht. Das Licht ging sofort aus, als sie Tür zu war.
Nun war ich also zufrieden und wollte zurück in mein Zimmer schleichen, doch da musste ich feststellen, dass ich von innen die Tür nicht mehr öffnen konnte. Ich war gefangen. Alles Rufen und Schreiben half nichts. Ich musste warten, bis jemand etwas aus dem Kühlschrank holen wollte.
Zu meinem Glück dauerte es nicht sehr lange. Schon nach ein paar Minuten tauchte die Mama in der Küche auf, entdeckte die Butter, die Marmelade und alles andere, was ich ausgeräumt hatte. Sofort wusste sie, was ich angestellt hatte und half mir aus meinem Gefängnis heraus.
Zitternd vor Kälte kletterte ich nach draußen. Aber trotzdem konnte ich noch grinsen.
»Du hattest Recht. Das Licht geht wirklich von alleine aus.«
Dann flitzte ich zurück in mein Zimmer.
Noch einmal würde ich das aber nicht machen. Es ist viel zu kalt und viel zu gefährlich. Wenn mich die Mama nicht so schnell gefunden hätte, wäre ich bestimmt im Kühlschrank erfroren oder krank geworden.

Und jetzt wird es Zeit zum Schlafen.
Bis bald, dein Tommi.

(c) 2010, Marco Wittler

321. Dicke Freunde (Tommis Tagebuch 09)

Dicke Freunde

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Aber ich fang am Besten ganz vorne an.
Vor ein paar Wochen saß ich mal wieder im Baumhaus auf dem Spielplatz, als ein anderer Junge herein kam. Er heißt Paul und wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und wurden auch schnell Freunde.
Von da an trafen wir uns fast jeden Tag und haben alles Mögliche gespielt. Wir waren Astronauten auf dem Weg zum Mond, Piraten in einer großen Seeschlacht, Steinzeitmenschen und noch viel mehr.
Aber gestern Nachmittag war plötzlich etwas anders.
Ich war der erste im Baumhaus und wartete schon auf meinen Freund. Ich hatte mir überlegt, dass wir in einem großen Geländewagen sitzen und ein Wüstenrennen fahren würden. Als Paul dann kam, sah er sehr traurig aus.
Ich hatte ihn natürlich sofort danach gefragt, aner es hat eine ganze Weile gedauert, bis er es mir erzählen wollte.
»Ich habe Morgen Geburtstag, aber ich kann ihn leider nicht feiern, weil meine Mama so wenig Geld hat. Wir können uns das einfach nicht leisten.«, erklärte er mir und fing sofort an zu weinen.
Das hat mich natürlich auch traurig gemacht und ich versprach Paul, an seinem Geburtstag, die ganze Zeit mit ihm im Baumhaus zusammen zu sein und nur seine Lieblingsspiele zu machen. Das hat dann auch seine Laune verbessert.

Heute Morgen haben Mama und Papa den Samstagseinkauf gemacht und ich durfte mit.
Im großen Kaufhaus kenne ich mich jetzt schon richtig gut aus und weiß, wo die wichtigsten Sachen sind. Die Regale mit den Süßigkeiten sind hinten in der Ecke und die Spiele ganz vorne. Alles andere muss nur Mama wissen.
Ich bin natürlich sofort zu den Spielen geflitzt und habe mir alle genau angeschaut, bis ich gefunden hatte, was ich wollte.
Es war ein kleines Kartenspiel, in dem es um Bauernhoftiere geht. Das habe ich schon zu Hause, aber ein Zweites kann ja nicht schaden.
Ich brachte es zu Mama und Papa und legte es in den Einkaufswagen.
»Moment mal. Das hast du doch schon.«, stellte Mama fest.
Da wusste ich erst nicht, was ich sagen sollte. Aber dann fiel mir etwas ein.
»Mir fehlen ein paar Karten. Das Spiel lag auf dem Boden und Bello hat drauf rum gekaut.«
Damit gab sie sich zufrieden. Ich durfte das Spiel haben.

Am Nachmittag war ich dann schon ganz aufgeregt. Ich hatte das Kartenspiel in der Hosentasche versteckt und mir ein paar Kuchenstücke aus dem Schrank geholt. Damit machte ich mich auf den Weg zum Spielplatz.
Paul war bereits da und wartete schon unbeduldig auf mich. Er hatte bereits unseren Flugkurs zum Mond in das Baumhaus programmiert.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«, rief ich schon von der Leiter aus.
Paul freute sich. Doch seine Augen wurden richtig groß, als er den Kuchen sah.
»Mensch, du bist ein richtig guter Kumpel.«, bedankte er sich bei mir.
Nur zu gern hätte er mich mal an sich gedrückt, aber da waren wir uns einig, dass das nur Mädchen machen.
Nachdem wir den Kuchen verputzt hatten, holte ich das Kartenspiel aus der Hosentasche und legte es vor Paul auf den Boden.
»Das ist auch noch für dich. Ein kleines Geschenk.«
Ich glaub, Paul hatte fast angefangen zu weinen. Jedenfalls sahen seine Augen so aus. Dieses Mal wollte er sich auch nicht mehr zurück halten und nahm mich doch in die Arme.
»Das ist der schönste Geburtstag meines Lebens.«
Da musste ich auch vor Freude grinsen.
In diesem Moment hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme hinter mir.
»Jetzt weiß ich auch, wohin der Kuchen verschwunden ist und wofür du noch ein Kartenspiel haben wolltest.«
Mama war es, die ihren Kopf in das Baumhaus gesteckt hatte.
Ich hab bestimmt einen ganz roten Kopf bekommen, weil sie mich erwischt hatte, also erklärte ich sofort, warum ich ihr nicht alles erzählt hatte.
»Da hat der Paul ja einen richtig tollen Freund.«, sagte Mama und zwinkerte mir zu.
»Dann lasst euch mal nicht weiter stören. Feiert ihr noch schön da oben auf dem Mond.«
Und dann ging sie wieder nach Hause.
Paul und ich drehten uns sofort um, setzten uns vor das Fenster und starteten den Countdown. Der Flug ins Weltall konnte beginnen.

Und jetzt wird es Zeit zum Schlafen.
Bis bald, dein Tommi.

(c) 2010, Marco Wittler

162. Die verlorene Weihnachtskugel (Tommis Tagebuch 8)

Die verlorene Weihnachtskugel

Hallo liebes Tagebuch, ich bin es, der Tommi.
Weißt du eigentlich, was wir für eine Jahreszeit haben? Ach nein. Du hast ja keine Kalenderseite. Dann verrate ich es dir. In ein paar Tagen ist Weihnachten. Und genau deswegen hat Papa heute den Baum aufgestellt.
Mit meiner Schwester Nina haben dann Mama und Papa zusammen alles geschmückt. Die Lichterketten kamen zuerst, dann die zerbrechlichen Glaskugeln und zum Schluss das Lametta.
Ich durfte wieder einmal nicht mithelfen. Papa sagt, dass ich noch zu klein wäre und ich die teuren Kugeln kaputt machen könnte. Also sah ich nur zu und langweilte mich.
Später waren die drei dann draußen spazieren. Ich bin nicht mit ihnen gegangen. Ich hatte keine Lust mehr. Wenn ich nicht mit ihnen schmücken darf, will ich mit ihnen auch nicht laufen. So einfach ist das.
Und dann saß ich ganz allein im Wohnzimmer auf dem Sessel und sah auf den geschmückten Baum. Schön war er ja geworden, aber eine der Kugeln saß noch nicht am richtigen Platz. Nur zu gern hätte ich sie umgehängt, aber das durfte ich ja nicht.
Ich überlegte hin und her und hatte am Ende ein richtig schlechtes Gewissen als ich aufstand und es trotzdem tat. Doch als ich die Kugel in der Hand hielt, stolperte ich über den Teppich und fiel hin. Das kostbare Stück flog im hohen Bogen durch den Raum und verschwand durch das offene Fenster.
Ich erwartete bereits das Zersplittern am Boden. Doch das blieb aus. Ich stand auf und sah nach unten. Die Kugel war tatsächlich auf dem Rasen gelandet und heil geblieben.
Sofort zog ich meine Jacke an, lief in den Vorgarten und wollte sie einsammeln, doch da war sie schon fort. Ich sah mich um. Ein paar Meter weiter entdeckte ich eine kleine Katze, die die Kugel mit ihren Pfoten spielend vor sich her schob.
»Lass das Ding liegen und verzieh dich!«, rief ich ihr nach.
Davon ließ sie sich allerdings nicht stören. Also lief ich ihr nach und wollte sie vertreiben. Das Kätzchen erschrak, als ich in sein Fell griff. Die Pfoten wollten die Kugel noch festhalten, schoben sie stattfdessen aber zur Seite. Unser Baumschmuck kullerte die Wiese herab und landete im Bach.
Du meine Güte. Da konnte ich doch unmöglich hinein springen. Dafür war es viel zu kalt. Aber in ein paar hundert Metern Entfernung gab es ein kleine Brücke, von der aus ich die schwimmende Kugel einfangen konnte.
Ich lief so schnell ich konnte, doch dann konnte ich vom Weiten aus sehen, dass Mama, Papa und Nina auf der Brücke standen. Ich konnte also unmöglich die Kugel retten.
Nina sah mich sofort und wurde auch gleich auf das glitzernde Glas im Wasser aufmerksam. Sie grinste über das ganze Gesicht. Sie würde alles verraten. Doch dann griff sie ins Wasser, zwinkerte mir zu und ließ die Kugel in ihrer Jackentasche verschwinden.
Schon kurz, nachdem die Drei wieder zu Hause waren, hing die Kugel wieder am Baum. Manchmal können große Schwestern auch richtig klasse sein.

Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

132. Immer die großen Jungs (Tommis Tagebuch 7)

Immer die großen Jungs

Hallo liebes Tagebuch. Ich bin es der Tommi.
Es war gestern ein unglaublicher Tag. Wie du weißt, haben meine Freunde und ich schon seit ein paar Wochen Probleme mit den großen Jungs in unserer Straße. Sie ärgern uns, wann immer sie uns über den Weg laufen. Keiner von uns ist vor ihnen sicher. Wir wussten gar nicht mehr, was wir machen sollten. Wir trafen uns nur noch heimlich zum Spielen bei einem von uns im Kinderzimmer, denn nicht einmal in unseren Gärten waren wir vor denen sicher. Nur zu gern würden wir es unseren Eltern erzählen, aber wir trauten uns bisher nicht. Die großen Jungs drohten uns immer eine Tracht Prügel an.
Gestern war es dann leider doch so weit. Wir waren alle zum Kindergeburtstag bei Christian eingeladen. Der wohnt zwei Straßen weiter und weiß nichts von unserem Problem. Wir freuten uns alle schon sehr, endlich mal wieder einen Nachmittag in einem Garten spielen zu können, ohne Ärger zu bekommen. Allerdings folgten uns die großen Jungs, was wir nicht wussten.
Um fünfzehn Uhr ging es los. Christians Mutter hatte ganz viel Kuchen gebacken und Kakao gekocht. Das war richtig lecker. Trotzdem hielten wir es nicht lange auf unseren Stühlen aus. Wir hatten alle die kleine Ritterburg im Auge, die sein Vater extra für uns aus Holzresten gebaut hatte.
Nach dem Essen kam ein Clown zu uns und bastelte für jeden von uns Schwerter, Helme und Schilde aus Luftballons. Damit waren wir zu richtigen Rittern geworden. Wir kämpften gegeneinander, zuerst jeder gegen jeden und später in zwei Mannschaften. Mal verteidigten wir die Burg, mal wollten wir sie erobern. Das hat riesig viel Spaß gemacht.
Aber unsere Freude am Spiel war ziemlich schnell vorbei.
»Was macht ihr denn da für einen Babykram? Seid nicht schon zu alt dafür?«, ertönte plötzlich eine Stimme.
Hinter dem Zaun stand Stefan. Er ist der Anführer der großen Jungs und der Fieseste von allen. Mit ihm hat sich noch niemand angelegt.
»Vielleicht sollten wir mal zu euch rüber kommen und euch mit unseren Stöcken verhauen. Die sind wenigstens nicht so langweilig wie eure blöden Luftballons.«
Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Sie waren uns gefolgt und wollten uns den schönen Nachmittag verderben.
»Wer sind die?«, fragte Christian.
»Das sind die großen Jungs, die uns jeden Tag ärgern. Wir wissen gar nicht, was wir noch machen sollen. Sie sind viel stärker als wir.«
Nun bekam Christian auch Angst. Wir zogen uns in die Burg zurück, um Kriegsrat zu halten. Jedenfalls wollten wir es so machen. Allerdings fiel keinem von uns etwas ein.
»Wir können sie nicht angreifen und auch nicht vertreiben.«, sagte Michi.
»Die werden sich für alles Rächen, was wir ihnen antun.«, fügte Basti hinzu.
Es war wie verhext. Wir wussten nicht mehr ein noch aus. Wir konnten doch nicht den Rest des Tages in undserem Versteck verbringen.
»Und das alles an meinem Geburtstag.«, maulte Christian zu Recht.
Im Garten war es still geworden. Irgendwann sprachen wir nicht mehr miteinander. Niemand wollte eine dumme Idee vorschlagen.
»Was ist denn mit euch los?«, fragte plötzlich Christians Vater, der von oben in die Burg hinein sah.
Wir erklärten ihm, was geschehen war. Er kam zu uns herein und setzte sich in unseren Kreis. Nun überlegten wir gemeinsam an einer Lösung.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee.«, sagte er schließlich.
»Ich habe vom Clown noch eine Tüte mit Luftballons geschenkt bekommen. Vielleicht reichen die ja aus, um die großen Jungs für immer zu vertreiben.«
Zuerst wollten wir das gar nicht glauben. Aber dann zählte er auf, was ihm alles eingefallen war.
Wir gingen zusammen ins Haus und fingen an zu basteln.

Eine Stunde später war es dann so weit. Wir würden Stefan und seine Freunde austricksen. Mit Mühe und Not rollte Christians Vater auf einer Schubkarre zwei schwere Hanteln in den Garten. Er schaffte es kaum, sie auf den Rasen zu legen. Doch dann kam Michi und hob sie beide hoch, als würden sie nur aus Luft bestehen. Eine hielt er mit der linken Hand in die Luft, die andere mit der rechten.
Stefan wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen, so überrascht war er. Damit hatte er bestimmt nicht gerechnet.
»Da hat sich ja das Krafttraining richtig gelohnt.«, lobte Christian.
Wir klatschten anerkennend mit den Händen und reichten dann die Hanteln einzeln im Kreis herum. Jeder von uns vollbrachte nun kleine Kunststücke. Wir bewiesen den großen Jungs, dass es nicht klug wäre, sich mit uns anzulegen. Schließlich zogen wir unsere Jacken aus und zeigten ihnen die neuen Muskeln, die wir mittlerweile bekommen hatten.
Nun hielt es Stefan nicht mehr aus.
»Das kann doch alles nicht wahr sein. Das ist unfair. Ihr könnt doch nicht auf einmal so stark sein.«, brüllte er uns an.
Langsam gingen wir auf den Zaun zu und schauten ihn grimmig an. Die großen Jungs bekamen es mit der Angst zu tun und liefen schnell weg. Stefan war nun allein und völlig verzweifelt.
»Lasst mich bloß in Ruhe. Ich habe euch doch gar nichts getan. Wenn mich einer von euch schlägt, werde ich das sofort meiner Mutter erzählen.«
Und schon drehte er sich um und rannte seinen Freunden nach.
Jetzt konnten wir endlich durchatmen. Sie großen Jungs waren auf unseren Trick herein gefallen. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass unsere Hanteln nur Luftballons an Besenstielen waren. Das gleiche galt auch für unsere Muskeln. Die bestanden auch nur aus Luft. Nun konnten wir endlich wieder um die Burg im Garten kämpfen, ohne weiter gestört zu werden.
Als wir dann heute Morgen alle zusammen zur Schule gingen, begegneten wir wieder Stefan und seinen Freunden. Als sie uns sahen, wechselten sie sofort die Straßenseite und taten so, als hätten sie uns nicht gesehen.

So einen aufregenden Tag habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Endlich sind wir die großen Jungs los.

Bis bald, dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

117. Ein Besuch bei der Feuerwehr (Tommis Tagebuch 6)

Ein Besuch bei der Feuerwehr

Hallo liebes Tagebuch. Ich bin es der Tommi.
Es war ein unglaublicher Tag. Wir sind heute Nachmittag mit der Kindergruppe weg gefahren. Es wollte uns aber niemand verraten, wo es hin gehen sollte. Erst am Ziel sahen wir die große Feuerwache unserer Stadt vor uns.
»Wir besichtigen heute die Feuerwehr.«, sagte unser Gruppenleiter.
Und schon waren wir alle mächtig aufgeregt. So etwas Tolles bekamen wir nicht jeden Tag geboten. Ich stellte mir schon vor, im Feuerwehrauto zu sitzen und mit Blaulicht und Sirene durch die Straßen zu fahren.
An der Eingangstür erwartete uns schon ein Feuerwehrmann. Jedenfalls behauptete er einer zu sein. Aber er trug gar keine Uniform, sondern nur eine dunkle Hose und ein T-Shirt, auf dem ›städtische Feuerwehr‹ stand.
Das fanden wir doch sehr seltsam und fragten gleich nach, wo denn seine richtigen Sachen seien. Da erfuhren wir, dass die großen und schweren Uniformen nur während eines Einsatzes getragen werden. Für den normalen Arbeitsalltag in der Feuerwache wäre sie viel zu warm und zu schwer.
Zuerst führte er uns durch unzählige Räume, die wie kleine Werkstätten aussahen. In jedem von ihnen standen Männer herum, die irgendwelche Sachen reparierten. Das war natürlich alles andere als spannend.
»Löscht ihr denn gar kein Feuer oder rettet Katzen, die auf Bäumen fest sitzen?«, fragte ich.
Der Feuerwehrmann musste lachen.
»Doch natürlich. Aber es gibt nicht immer rund um die Uhr etwas zu tun. In der Zwischenzeit reparieren und überprüfen wir unsere Ausrüstung, damit im Ernstfall alles richtig funktioniert und es für uns nicht zu gefährlich wird.«
Das leuchtete mir natürlich ein und ich gab mich zufrieden.
Zwischendurch musste ich immer wieder gähnen, weil es mir so gar keinen Spaß machte. Nach den Werkstätten kamen die Schlafräume dran. Dummerweise öffnete der Feuerwehrmann eine falsche Tür. Vor einem der Betten stand einer seiner Kollegen. Er war nur mit einer Unterhose bekleidet und wollte gerade unter die Dusche gehen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lustig das war. Später sahen wir dann noch die Küche und einen Freizeitraum mit Fernseher und Tischtennisplatte.
»Das gibt es doch auch alles in einer stinknormalen Jugendherberge.«, maulte Niklas.
»Wir wollen endlich etwas Spannendes sehen.«
Der Feuerwehrmann überlegte und bat uns, während wir weiter gingen, im nächsten Raum ganz still zu sein und nichts zu berühren. Als er dann schließlich eine Tür öffnete sahen wir die Zentrale vor uns. Leise gingen wir hinein und stellten uns in einem Halbkreis auf, damit jeder etwas sehen konnte.
Vor uns stand ein riesiger Tisch. Er war mehrere Meter lang und war voll gestopft mit Computern, Telefonen, Monitoren und, Knöpfen und Tasten. Es sah aus wie auf der Brücke eines Raumschiffs.
»Das hier ist die Feuerzentrale. Der Kollege hier nimmt alle Anrufe entgegen und leitet dann die entsprechenden Maßnahmen ein. Er informiert die zuständigen Feuerwehrleute und gibt ihnen den Einsatzbefehl.«
Man mag ja gar nicht glauben, was die Feuerwehr so alles zu erledigen hat. Sie löschen nicht nur Feuer. Sie pumpen Wasser aus Kellern, wenn es zu stark geregnet hat. Nach einem Sturm erledigen sie die Aufräumarbeiten auf den Straßen, wenn Bäume umgefallen sind. Naja, und Katzen holen sie auch noch aus den Bäumen, wenn genug Zeit bleibt. Ein paar der Männer haben aber eine ganz andere Aufgabe. Sie fahren mit dem Notarztwagen und dem Rettungswagen und retten kranke und verletzte Menschen. Das habe ich gar nicht gewusst.
Zu gern hätte ich ja mal den einen oder anderen Knopf auf dem Tisch gedrückt, aber das war leider verboten.
Zuletzt gingen wir eine Etage tiefer. Wir durften nun in die Garage und uns ein paar Wagen anschauen. Schon dachten wir, jetzt würde es richtig langweilig werden. Autos kennen wir doch eh alle von der Straße. Und etwas anderes fährt auch ein Feuerwehrmann nicht. Aber da lagen wir dann doch richtig falsch.
In der großen Garage standen die Rettungswagen, einer neben dem anderen. Der Feuerwehrmann öffnete einen und stieg hinein, während wir vor der Tür standen und hinein sahen. Er erklärte uns alle Geräte und probierte mit uns sogar ein paar aus. Er klemmte uns uns alle nacheinander an eine Maschine an, die den Puls und den Herzschlag misst. Das war richtig aufregend. Aber der ganz große Höhepunkt war das noch immer nicht.
Durch eine Tür kamen wir in eine zweite Garage. Dort standen nun endlich die Feuerwehrautos, vom ganz großen, mit der Leiter oben drauf, bis zum ganz kleinen. Der Kleine war ein Trabbi, der hin und wieder zu den Grundschulen fährt und allen Kindern zeigt, wie man Brände verhindert oder löscht. Aber wir hatten nur Augen für die wirklich großen Fahrzeuge.
Leider durften wir nicht auf die Leiter klettern. Das wäre zu gefährlich gewesen. Aber dafür durften wir mal hinter die eine und mal hinter die andere Tür schauen. Überall waren große schwere Geräte verstaut, mit denen man alles Mögliche machen konnte. Wofür sie aber nun gedacht waren, habe ich schon wieder vergessen, denn ich dachte nur noch daran, einmal in meinem Leben am Steuer eines Feuerwehrautos sitzen und es fahren zu dürfen.
Nach zwei Stunden war die Führung durch die Feuerwache vorbei und es wurde Zeit nach Hause zu fahren. Aber ich wollte unbedingt noch einmal einen Blick auf das ganz große Fahrzeug werfen. Ich schlich mich zurück in die Garage und bestaunte es ein zweites Mal.
In diesem Moment läutete eine Glocke und eine Sirene begann zu heulen. Ein Feueralarm war ausgelöst worden. Ich bekam Angst, dass mich nun jemand in der Garage erwischen würde. Da ich kein anderes Versteck fand, kletterte ich schnell in das Feuerwehrauto und versteckte mich hinter einem Berg Jacken, als auch schon die ersten Männer herein gestürmt kamen. Sie hatten ihre Uniformen an, bestiegen die Fahrzeuge und fuhren zu ihrem Einsatzort. Und ich war nun leider mit dabei.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis wir wieder anhielten. Die Feuerwehrmänner stiegen aus und bereiteten sich auf ihren Einsatz vor. Ich sah vorsichtig nach draußen und sah ein brennendes Haus. Aus allen Fenstern kamen große Flammen heraus.
Der Löschtrupp verteilte sich an der ganzen Straße entlang und begann mit großen Schläuchen Wasser und Schaum in das Haus zu spritzen.
Plötzlich sah ich an der Seite des Hauses zwei Kinder aus einem der Fenster heraus schauen. Sie winkten und schrien vor Angst, aber niemand sah oder hörte sie. Ich war der Einzige, der wusste, dass sie dort oben waren.
Ich kletterte sofort nach vorn auf den Fahrersitz, schnappte mir das Funkgerät und sprach hinein, in der Hoffnung, dass mir jemand zuhören würde.
Sofort sah ich, dass sich die Feuerwehrmänner zu mir umdrehten. Sie hatten mich entdeckt. Einer von ihnen kam herüber, öffnete die Tür und wollte mich heraus holen.
»Du bist doch von der Kinderführung heute Nachmittag. Wie kommst du denn in unser Feuerwehrauto?«
Mir blieb gar nicht die Zeit, alles zu erklären, während er mich griff und heraus zog. Ich wehrte mich, zeigte immer wieder mit den Händen auf die beiden Kinder. Aber es dauerte, bis er begriff, was ich ihm zeigen wollte.
Vor Schreck hätte er mich beinahe fallen lassen. Er setzte mich zurück und rief sofort seinen Kollegen etwas zu. Gemeinsam holten sie ein großes Bettlaken hervor, spannten es zwischen sich auf und ließen die Kinder dort hinein springen. Sie waren gerettet und ich durfte den Rest der Löscharbeiten vom Feuerwehrauto aus anschauen.
Nachdem kein Feuer mehr brannte, brachten mich die Männer zurück zur Feuerwache. Ich hatte wohl eine Standpauke verdient. Die bekam ich auch. Aber danach dankten sie mir, dass ich so aufmerksam gewesen war, denn sonst hätten die beiden anderen Kinder nicht mehr rechtzeitig gerettet werden können. Sie ernannten mich zum Ehrenfeuerwehrmann auf Lebenszeit.
Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie stolz ich darauf bin. So eine Auszeichnung hat niemand anderes, den ich kenne.

Bis bald.
Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

116. Das Tagebuch

Das Tagebuch

Nele saß in der Schule und unterhielt sich mit ihren Freundinnen. Der Unterricht hatte noch nicht begonnen. Sie hatten also genug Zeit, sich gegenseitig die wichtigsten Neuigkeiten zu erzählen.
»Ich habe am Wochenende ein Tagebuch von meiner Tante geschenkt bekommen.«, berichtete Marie.
Alle anderen Mädchen saßen da, machten große Augen und staunten.
»Was ist denn ein Tagebuch?«, fragte Nele.
»Ist das so eine Art Kalender?«
Marie schüttelte den Kopf und lachte.
»Ihr habt ja gar keine Ahnung. In ein Tagebuch schreibt man jeden Tag etwas rein. Dinge, die man erlebt hat oder worüber man nachdenkt, eure größten Geheimnisse.«
Die Mädchen staunten jetzt noch mehr. Doch dann war es mit ihrer kleinen Runde vorbei. Der Lehrer kam herein und bat die Schüler, ihre Bücher auszupacken.
Das Tagebuch ging Nele nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwie war das schon etwas ganz Besonderes. Man hatte alle Gedanken auf Papier und konnte nichts mehr vergessen.
Als sie mittags nach Hause kam, erzählte sie gleich ihrer Mutter davon und fragte, ob sie auch ein Tagebuch bekommen könnte.
»Aber sicher doch. Wenn du mir nach dem Essen beim Spülen hilfst, fahren wir zusammen in die Stadt und suchen ein hübsches Tagebuch und einen passenden Stift für dich aus.«
Nele freute sich und hüpfte in der Küche herum. So schnell wie an diesem Tag, hatte sie noch nie ihren Teller leer gegessen. Und noch bevor alle anderen fertig waren, stand sie bereits an der Spülmaschine und räumte alles Geschirr hinein, was sie finden konnten.
»Ich bin fertig Mama. Können wir jetzt fahren?«
Die Mutter musste lachen.
»Lass mich noch eben aufessen. Dann können wir los.«

In der Stadt suchten sie ein Schreibwarengeschäft auf. Es war ein recht kleiner Laden, hatte aber trotzdem eine sehr große Auswahl Tagebücher im Angebot.
Nele hatte es sehr schwer, sich eines auszusuchen. Immerhin würden darin die wichtigsten Dinge ihres Lebens stehen. Selbst die nette Verkäuferin konnte ihr nicht helfen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie sich schließlich für ein kleines Buch in rosa Farbe und aufgeklebten Blümchen entschied.
Ihre Mutter hatte währenddessen einen schicken bunten Füllschreiber gefunden, mit dem man besonders schön schreiben konnte.
Während der Rückfahrt blätterte Nele schon durch die Seiten und hatte viele Ideen, die sie noch am gleichen Nachmittag aufschreiben wollte. Alles sollte mit kleinen Blümchen und Herzchen verziert werden.
»Das wird bestimmt das schönste Tagebuch, das es je gegeben hat. Die anderen werden staunen.«
Als Mama zu Hause den Motor abstellte, drehte sie sich nach hinten um und gab ihrer kleinen Tochter noch ein paar Tipps.
»Ein Tagebuch ist aber nur für dich bestimmt. Du schreibst alles und irgendwann liest du es auch mal wieder. Aber anderen zeigt man es eigentlich nicht so oft, denn da stehen deine geheimsten Geheimnisse drin. Am Besten versteckst du es an einem Platz, den niemand kennt und wo es niemand finden kann.«
Nele nickte und steckte das Buch verstohlen in ihre Tasche. Nachdem sie ausgestiegen war, flitzte sie sofort ins Haus, weiter in ihr Zimmer, legte sich auf ihr Bett und begann mit dem Schreiben. Zuerst wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte, aber als sie den Stift auf das Papier setzte, ging es wie von allein.
Hallo liebes Tagebuch. Ich bin Nele, acht Jahre alt und liege gerade auf meinem Bett, während ich das allererste Mal in dich hinein schreibe. Ich war nämlich gerade mit Mama in der Stadt, wo wir dich gekauft haben. Bis bald. Deine Nele.‹
Für den Anfang gefiel es ihr schon ganz gut. Nun malte sie noch ein Blümchen und ein Herzchen neben ihren Text, klappte das Tagebuch zu und sah sich nach einem Versteck um.
»Unter das Kopfkissen? Ach nein, da wird dich Mama sofort finden, wenn sie das Bett macht. Im Schrank? Auch nicht. Da wird es jeder als erstes vermuten.«
Es war gar nicht so einfach, etwas Passendes zu finden.
Doch dann fiel ihr etwas ein. Sie holte eine Rolle Klebestreifen, eine Schere und einen alten Schuhkarton hervor. Daraus bastelte sie ein kleines Schubfach, welches sie unter ihren Schreibtisch klebte. Dort konnte sie ihr Tagebuch nun immer hinein schieben. Dort würde es nicht einmal ihr großer Bruder finden.
Und schon war die nächste Idee da. Nele holte das Tagebuch erneut hervor und schrieb noch ein paar Zeilen hinein.
Liebes Tagebuch. Da bin ich schon wieder. Pass immer gut auf dich auf und lass dich nicht von meinem großen Bruder erwischen. Der ist nämlich sehr neugierig und würde nur zu gern in dir lesen. Sollte er mal in mein Zimmer kommen, dann versteck dich gut. Bis bald. Deine Nele.‹

Am nächsten Morgen packte Nele ganz schnell ihre Sachen in ihre Schultasche, bevor sie zum Bus gehen musste. Am Abend zuvor hatte sie nichts mehr vorbereitet, weil sie bis zur Schlafenszeit in ihrem Tagebuch gemalt hatte.
In der Schule wurde es sehr hektisch. Die Kinder saßen mal hier und mal dort in einem Unterrichtsraum, verbrachten noch eine Stunde in der Sporthalle und schrieben eine Arbeit im Rechnen. Erst zu Hause kam Nele etwas zur Ruhe.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und wollte ihrem Tagebuch von ihrem bisherigen Tag berichten. Doch das Tagebuch war nicht mehr da.
»Das ist ja komisch. Es hat doch gestern Abend noch auf dem Schreibtisch gelegen. Wo ist es denn geblieben?«
Sie durchsuchte eine Stunde lang ihr ganzes Zimmer. Sie warf sogar einen Blick in das Zimmer ihres Bruders, ob er vielleicht schon in ihren geheimsten Geheimnissen blättern würde. Aber auch dort wurde sie nicht fündig.
Da fiel Nele ein, dass sie am Morgen alle Bücher, die auf dem Schreibtisch lagen, für die Schule eingepackt hatte. Sofort durchsuchte sie ihre Tasche. Aber wieder Fehlanzeige.
»Ach du Schreck. Ich hab es doch wohl nicht in der Schule verloren? Wenn das jetzt jemand findet und darin liest. Das wäre die größte Katastrophe, die ich mir vorstellen kann.«
Sofort lief sie zu ihrer Mutter und erzählte ihr von ihrem Pech. Gemeinsam riefen sie in der Schule an. Der Hausmeister war noch dort und erklärte sich bereit, einem kleinen verzweifelten zu helfen, seine geheimsten Geheimnisse zu finden.
Kurz darauf gingen sie zu dritt in der Schule von Klassenraum zu Klassenraum. Nele sah sich überall dort um, wo sie gesessen hatte. Aber zum Schluss musste sie mit ihrer Mutter, aber ohne Tagebuch, nach Hause fahren.
»Das ist das Schlimmste, das mir jemals passiert ist. Wenn jetzt jemand liest, was in meinem Tagebuch steht und es noch überall herum erzählt, dann kann ich mich nie wieder vor die Tür wagen.«
Sie schlurfte unter Tränen in ihr Zimmer und lies sich auf ihr Bett fallen. Während sie sich auf ihrer Decke hin und her rollte, fiel ihr Blick auf den Schreibtisch. Dort sah sie unter der Holzplatte ein kleines Schubfach aus Pappe mit einem rosa Büchlein kleben.
»Oh nein, was bin ich doch dumm. Da hab ich mir extra ein sicheres Versteck ausgedacht und finde es dann selber nicht mehr wieder.«
Nele lachte, holte das Tagebuch hervor und schrieb wieder etwas hinein.
Liebes Tagebuch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir heute passiert ist. Ich dachte den ganzen Nachmittag, dass ich dich verloren hätte. Überall habe ich nach dir gesucht, konnte dich aber nicht finden. Dabei warst du die ganze Zeit in deinem sicheren Versteck. Aber etwas Gutes ist schon daran. Jetzt denkt jeder, dass ich dich in der Schule verloren hätte. Also wird hier niemand mehr nach dir suchen. Ein so gut verstecktes Tagebuch hat bestimmt niemand anderes in meiner Klasse. Bis bald. Deine Nele.‹
Sie schloss das Tagebuch und versteckte es wieder unter dem Schreibtisch.

(c) 2008, Marco Wittler

104. Eine Nacht im Wald (Tommis Tagebuch 5)

Eine Nacht im Wald

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Fühlst du dich eigentlich wohl? Du liegst ja heute in einem fremden Bett und einem fremden Kopfkissen. Und fragst dich bestimmt, wie das denn passieren konnte.
Dann erzähl ich dir mal wie das gekommen ist.
Mama und Papa haben mich jetzt bei einer Kindergruppe angemeldet. Meine Schwester Nina macht das ja schon länger, aber ich war bisher immer zu klein dafür. Aber jetzt bin ich ein großer Junge und darf das auch.
Seit einer Woche gehöre ich jetzt dazu und schon stand etwas ganz Besonderes auf dem Plan. Dieses Wochenende übernachten wir in einer kleinen Hütte, die mitten im Wald steht. Eine Nacht haben wir schon hinter uns, die zweite fängt heute Abend an. Und deshalb liegst du jetzt in einem fremden Bett. Aber du musst keine Angst haben, denn ich bin ja auch hier.
Wir kamen gestern am späten Nachmittag hier an. Wir teilten uns sofort auf die beiden Zimmer auf und suchten uns die besten Betten aus. Hier sind drei Betten übereinander gebaut. Und ich darf ganz oben schlafen. Das ist richtig aufregend. Beim Beziehen des Bettzeugs mussten mir die anderen aber noch helfen. Das habe ich ja auch noch nie selber gemacht. Dafür gibt es doch zu Hause die Mama.
Kurz darauf gab es Abendessen. Riesige Berge Brot lagen auf dem großen Tisch. Dazu gab es alle möglichen Sorten Aufschnitt. Das war richtig lecker. Mit so vielen anderen Kindern macht alles einfach doppelt so viel Spaß.
Nach dem Spülen spielten wir noch ein wenig, um uns gegenseitig besser kennen zu lernen. Danach ging es ab ins Bett. Aber irgendwie passte da etwas nicht. Es gab fünfzehn Betten und wir waren fünfzehn Jungs. Die drei Gruppenleiter mussten dann in Schlafsäcken im Essraum schlafen.
Der erste Tag mitten im Wald war so aufregend gewesen, dass wir alle ziemlich schnell einschliefen.

Irgendwann tief in der Nacht wurde ich plötzlich wieder wach. Ich dachte erst, es gäbe bald Frühstück, aber auf meiner Uhr war es zwei Uhr.
Es war lauter Krach, der mich geweckt hatte. Draußen vor der Hütte wurde so viel Lärm gemacht, dass wir alle Angst bekamen.
»Da draußen sind bestimmt ganz fiese Verbrecher.«, flüsterte Nico.
»Ach Quatsch. Das sind wilde Tiere, die uns fressen wollen.«, behauptete Andi.
Die größte Angst hatte allerdings Lukas. »Das können nur Geister sein. Die machen immer solche Geräusche.«
Aus irgendeiner Ecke war sogar ein ›Ich will sofort nach Hause zu meiner Mami.‹ zu hören.
Sehen konnten wir gar nichts, denn die Fenster waren mit Holzläden verschlossen.
In diesem Moment kamen unsere Gruppenleiter herein. Sie wollten uns beruhigen. Wir bräuchten keine Angst haben. Sie würden gleich die Polizei rufen.
Da stellte ich mir die Frage, ob Polizisten wirklich Geister oder hungrige Raubtiere vertreiben könnten.
Michael, der älteste Leiter hatte gerade sein Handy ans Ohr gehoben, als er plötzlich etwas hörte und dann anfing zu lachen.
»Das sind weder Verbrecher, noch böse Tiere oder Geister. Da draußen sind ein paar Freunde von uns aus einer anderen Gruppe. Die machen nur einen Spaßüberfall.«, sagte er erleichtert.
Oh, man. Da waren wir alle beruhigt. Jetzt wurde es richtig aufregend, denn die da draußen hatten etwas ganz Bestimmtes im Sinn. Sie wollten unsere Gruppenfahne klauen. Doch so einfach durften wir es ihnen nicht machen. Unsere Waldhütte musste mit allen Mitteln verteidigt werden.
Wir zogen uns alle an und bewaffneten uns mit Wasserpistolen. Schon nach ein paar Minuten waren wir bereit, einen Gegenangriff zu starten. Der Michael gab uns ein Zeichen, dass wir die Fensterläden öffnen sollten. Wir durften mit dem Wasser auf alles schießen, was sich da draußen bewegte. Es mussten mindestens zehn Angreifer sein. An uns kamen sie aber nicht heran. Sie wollten sich nämlich nicht nass spritzen lassen.
Es dauerte eine Viertelstunde, bis der erste Angriff vorbei war. Wir wurden nur mit ungefährlichen Wasserbomben beworfen, die aber alle an der Hüttenwand zerplatzten. Nicht einer von uns wurde getroffen.
Draußen wurde es schließlich still und unsere Gegner verzogen sich.
»Wir haben es geschafft und gegen sie gewonnen.«, jubelte ich laut.
Doch in diesem Moment landete ein Papierflieger in unserem Zimmer. Ich faltete ihn auseinander und las eine Botschaft vor.
Wir haben einen von euch geschnappt und mit in den Wald genommen. Er darf nur zu euch zurück kehren, wenn ihr uns eure Fahre gebt. Einer von euch soll damit allein auf den Waldweg kommen.‹
Alle lachten erst, weil wir niemanden vermissten. Doch irgendwer musste doch entführt worden sein. Wir liefen schnell zu Michael, um ihn zu fragen, was wir jetzt machen sollten. Aber wir fanden ihn nirgendwo. Er musste sich versteckt haben oder bereitete sich auf den nächsten Angriff vor. Aber er war in keinem der wenigen Räume zu finden.
»Oh, man, was sind wir doch dumm.«, rief plötzlich Andi.
»Sie haben Martin mitgenommen. Deswegen finden wir ihn nicht. Alle anderen sind schließlich noch hier.«
Wir schlugen uns alle mit der Hand vor die Stirn. Aber was sollten wir jetzt machen? Wir setzten uns alle zusammen mit den beiden anderen Leitern, Stefan und Alexander, in den Gruppenraum, um uns zu beraten. Uns fiel allerdings nichts ein, wie wir gegen zehn große Jungs gewinnen sollten.
Wir einigten uns also darauf, aufzugeben und die Fahne auszuhändigen.
Als Kurier wurde ich ausgewählt. Stefan faltete die Fahne ordentlich zusammen, steckte sie in eine Tasche und schickte mich vor die Tür. Durch ein Fenster leuchtete er mir dann den Weg, damit ich nicht über irgendwas stolpern konnte.
Als ich gerade auf dem Weg stand, kamen schon drei große Jungs aus den Büschen gestürmt. Sie umstellten mich und warfen einen Blick in den Beutel.
»In Ordnung.«, sagte einer von ihnen.
»Die Fahne ist drin.«
Sie nahmen sie mir ab und gaben ein Zeichen in die Dunkelheit. Daraufhin kam ein vierte Junge aus den Büschen und brachte Martin mit. Dieser war an den Händen gefesselt, wurde aber nun frei gelassen.
»Die Fahne könnt ihr euch dann am Sonntag Abend im Vereinsheim abholen, wenn ihr wieder nach Hause kommt.«
Sie lachten und verschwanden wieder im Wald.
Etwas enttäuscht saßen wir später alle im Gruppenraum und redeten noch einmal über alles, bevor wir wieder ins Bett gingen. Dort sahen wir dann etwas, worüber wir alle lachen mussten.
Tim, der kleinste in unserer Gruppe lag im Bett und schlief. Er hatte doch tatsächlich das ganze Überfallabenteuer verschlafen und nichts davon mitbekommen. Als wir ihn dann heute morgen wach machten, war er ganz enttäuscht, nicht dabei gewesen zu sein.

So, das war es dann auch. Ich muss nämlich jetzt Schluss machen, weil es gleich Mittagessen gibt.

Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

094. Der Kindergeburtstag (Tommis Tagebuch 4)

Der Kindergeburtstag

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Heute war ein ganz toller Tag. Mama hatte für mich Kuchen gebacken, Papa schüttelte jede Menge Überraschungen aus dem Ärmel und Nina war auch nicht da. Das alles gibt es nur zu meinem Geburtstag.
Schon auf dem Frühstückstisch stand ein großes Paket. Auf einer langen Schleife stand mein Name.
»Ist das etwa für mich?«, fragte ich staunend.
Mama nickte, drückte mich einmal an sich und wünschte mir alles Gute zum Geburtstag. Meine Schwester Nina verdrehte die Augen und biss in ihr Brot.
»Jedes Jahr das gleiche Theater. Wenn es nach mir ginge, dann hätte ich deinen Geburtstag schon längst abgeschafft. Aber mich fragt ja leider keiner.«
Mama blickte sie böse an, dann durfte ich das Geschenk öffnen. Ich riss das Papier in Fetzen und warf es in jede Ecke der Küche.
»Juhu, ist das toll!«, rief ich.
In dem Paket war ein großes Piratenschiff. Das hatte ich mir schon immer gewünscht.
»Hoffentlich regnet es heute Mittag, dann kann ich es in der Pfütze vor dem Haus fahren lassen.«
Nina verdrehte schon wieder die Augen.
»Auf keinen Fall. Lenas Eltern nehmen mich heute mit ins Freibad. Also muss die Sonne scheinen. Ich will schließlich schön braun werden.«
Ich hörte gar nicht hin. Stattdessen bedankte ich mich bei Mama und Papa.

Nach der Schule musste ich Hausaufgaben machen. Und um fünfzehn Uhr klingelte es dann auch schon an der Tür.
Da wurde meine Freude richtig groß. Das mussten meine Freunde sein, die mit mir zusammen meinen Geburtstag feiern wollten. Aber als ich die Tür öffnete stand da Tante Ina.
»Huch!«, sagte ich überrascht. »Mit dir habe ich gar nicht gerechnet.«
»Ich aber schon.«, hörte ich Ninas Stimme hinter mir.
Meine Schwester wollte uns kleinen Jungs nicht bei unseren albernen Spielen zuschauen. Pah! So viel größer war sie auch nicht. Und wenn sie mit ihren Freundinnen vor dem Spiegel sitzt und Schminken spielt, ist das viel alberner. Die sehen dann immer aus wie die Clowns im Zirkus.
Tante Ina nahm Nina mit. Sie wollten in den Zoo fahren, damit wir Jungs ungestört feiern konnten.
»Dann pass aber auf, sonst wird sie verwechselt und ins Affengehege gesperrt.«
Meiner Schwester war sofort anzusehen, dass sie mich am liebsten in den Schwitzkasten genommen hätte, aber zu meiner Rettung kamen dann endlich meine fünf Freunde Alexander, Tim, Tobias, Nico und Andrea.
Und nicht, dass du denkst, dass Andrea ein Mädchen ist. Mädchen würde ich niemals zu meinem Geburtstag einladen. Andrea ist Italiener. In seinem Land bekommen nur Jungs diesen Namen.
Gemeinsam setzten wir uns im Wohnzimmer an einen großen Tisch, aßen ganz viel Kuchen, tranken Kakao und Eistee und nacheinander öffnete ich alle Geschenke.
Ich habe ein neues Feuerwehrauto, eine Kiste mit Bausteinen, eine laute Hupe für meinen Roller, einen Fußball und ein Buch mit ganz vielen Gute Nacht Geschichten bekommen.
Am meisten freute ich mich aber über die Hupe. Jetzt kann ich immer hinter Nina her fahren und sie nerven. Das wird bestimmt lustig.
Nach dem Essen kam Papa mit einem großen Koffer ins Wohnzimmer.
»Hoffentlich müssen wir nicht schon wieder Topfschlagen spielen wie im letzten Jahr.«, sagte Tim. »Das ist immer so langweilig. Das mögen doch nur Kindergartenkinder.«
Aber Papa hatte etwas ganz anderes vorbereitet. Er öffnete den Koffer und holte einen alten Wischlappen heraus. Unter dem Sofa hatten wir im Voraus zwei Besenstiele versteckt, die ich hetzt hervor holen durfte.
»Jungs, wir spielen heute Putzfrauenhockey.«, freute sich Papa.
Das war vielleicht ein Ding. Ich wusste zwar von den Besenstielen, aber nicht wofür sie gut sein sollten. So etwas Tolles hatte ich von Papa gar nicht erwartet.
Wir setzten uns in zwei Gruppen gegenüber auf unsere Stühle. Jedes Mal, wenn Papa uns aufrief, spielten wir gegen einander und versuchten den Wischlappen mit den Besenstielen in das Tor zu schieben. Nach einer halben Stunde war es dann vorbei. Mein Team hatte hoch verloren. Aber trotzdem hatten wir alle jede Menge Spaß.
Ich wartete schon auf das nächste Spiel. Doch in dem Moment klingelte es an der Tür.
Ich fand das seltsam, denn ich hatte sonst niemanden mehr eingeladen.
»Dann schau doch mal, wer vor dem Haus wartet.«, sagte Papa.
Verwundert ging ich nachsehen. Vor der Tür stand ein Mann in einem langen Mantel. Auf seinem Kopf trug er einen Zylinderhut. In der einen Hand hielt er einen Zauberstab, in der anderen einen großen Koffer.
»Juhu, ein Zauberer.«
Das war ja eine unglaubliche Überraschung. Etwas Besseres konnte es gar nicht mehr geben.
Sofort setzte ich mich mit meinen Freunden auf das große Sofa. Wir warteten ganz gespannt, dass die Vorstellung los gehen würde.
Der Zauberer stellte sich vor und begann sofort mit seiner Show. In seinen leeren Händen erschienen Karten, Geldstücke, und vieles mehr. Sogar eine richtig lebendige Taube lies er erscheinen. Das war richtig toll. Das Beste war allerdings seine Tageszeitung. Der Zauberer nahm ein Glas und schüttete Wasser zwischen die Seiten, ohne nasse Füße zu bekommen. Ich weiß noch immer nicht, wie das funktioniert.
Nach der Vorstellung war es richtig spät geworden. Meine Freunde wurden nach und nach abgeholt. In dieser Zeit packte der Zauberer seine ganzen Sachen in seinen Koffer und machte sich ebenfalls bereit, wieder nach Hause zu verschwinden.
Alexander, Tim, Tobias, Nico und Andrea waren bereits weg, als ich meinen Überraschungsgast zur Tür brachte.
»Bist du ein echter Zauberer, oder waren das alles nur Tricks?«, fragte ich ihn.
»Na, was denkst du denn?«, fragte er zurück und zwinkerte mir zu, bevor er ging.
Seltsam.
Ich dachte nicht weiter darüber nach und brachte meine Geschenke nach oben in mein Zimmer. Als ich zufällig aus meinem Fenster sah, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu können, denn da draußen stieg der Zauberer gerade auf einen Besen und flog davon.

Und nun liege ich in meinem Bett. Mein Geburtstag ist vorbei. Mama hat mir gerade gesagt, dass es Zeit zum Schlafen wäre. Deswegen muss ich jetzt mit dem Schreiben fertig werden.
Bis zum nächsten Mal liebes Tagebuch.

P.S.: Wenn ich groß bin, werde ich auch Zauberer.

(c) 2008, Marco Wittler

092. Die sprechende Fliege (Tommis Tagebuch 3)

Die sprechende Fliege

Hallo liebes Tagebuch, ich bin es wieder, der Tommi.

Gestern war ein ganz toller Tag. Im Moment findet nämlich eine große Fußballmeisterschaft statt. Unsere Nationalmannschaft nimmt daran teil und tritt gegen andere Länder an. In diesem Jahr darf ich das erste Mal mit Papa zusammen alle Spiele im Fernsehen anschauen.
Gestern ging es los. Das erste Spiel stand an. Die zwei Mannschaften kamen auf den Rasen. Damit sich die Spieler in den großen Stadien nicht verlaufen, werden sie jedes Mal von Kindern an die Hand genommen und an ihre Plätze geführt. Das wäre ja auch schlimm, wenn der Anpfiff verschoben werden müsste, nur weil einer den Weg nicht gefunden hat.
So ein Stadion ist unglaublich riesig. Da passen bestimmt eine Million Menschen rein. Und alle zusammen singen noch Lieder, bevor es dann richtig los geht. Das ist wie beim Lagerfeuer, nur sehr viel größer.
Nach dem Singen ging das erste Spiel los. Hin und her wurde der Ball geschossen. Beide Mannschaften waren gut, aber unsere war besser. Sie gewannen das Spiel mit drei zu zwei Toren. Papa und ich jubelten mindestens so laut wie die Leute im Fernsehen. Dazu habe ich auch immer wieder mit meinem Fähnchen gewedelt. Wir hatten unheimlich viel Spaß.
Und dann kam meine Schwester Nina ins Wohnzimmer.
Sie rümpfte die Nase, drehte sich um und verschwand gleich wieder nach oben in ihr Zimmer.
»Wie kann man nur Fußball schauen. Das ist doch so langweilig.«, war alles, was ich noch hören konnte.
»Selber langweilig!«, rief ich ihr hinterher.
Papa und mir war ihre Meinung völlig egal. Wir freuten uns schon auf das nächste Spiel, das in ein paar Minuten beginnen sollte.

Das Ergebnis des zweiten Spiels bekam ich gar nicht mehr mit. Ich war irgendwann in der Halbzeitpause eingeschlafen.
Als ich wieder wach wurde, war es Nacht und ich lag in meinem Bett. Papa hatte mich wohl vorsichtig nach oben in mein Zimmer getragen. Ich habe halt des besten Papa der Welt.
Ich wollte mich gerade wieder umdrehen und weiter schlafen, da wurde ich von einem summenden Geräusch gestört. Ich schaltete das Licht an, sah mich um und entdeckte eine Fliege, die im Kreis um die Deckenlampe flog.
»Dich krieg ich.«, schwor ich dem Quälgeist.
Ich ging zum Schreibtisch, schnappte mir meine Fliegenklatsche und wedelte wild in der Luft herum. Aber ganz so einfach war das Tierchen nicht zu erwischen.
Und dann erschrak ich, denn es geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hatte. Die Fliege sprach mit mir.
»Hey, du kannst mich doch nicht einfach erschlagen. Ich bin doch nur eine kleine wehrlose Fliege und du ein großer und gemeiner Junge. Lass mich bitte in Ruhe.
Ich war erstarrt und wusste nicht, was ich jetzt machen sollte. Ich war mir ziemlich sicher, dass Fliegen nicht sprechen können. Sie sind ja schließlich keine Menschen.
Wieder holte ich mit meiner Waffe aus. Abermals hörte ich diese Stimme.
»Leg bloß das Ding aus der Hand. Du könntest damit jemanden ernsthaft verletzen. Und ich muss dich ja nicht extra darauf hinweisen, dass ich das wohl sein werde.«
Ich wollte nichts mehr davon hören.
»Du bist eine Fliege.«, antwortete ich. »Du kannst nicht sprechen, sie das doch ein und halt den Mund.«
Ein weiteres Mal schlug ich zu, hatte aber wieder kein Glück.
»Wenn du mich erschlägst, wird es dir bestimmt Leid tun. Denn dann wird dir etwas Schreckliches passieren.«
Ich hielt mitten im nächsten Schlag inne. Ich wollte der Fliege nicht glauben, aber Angst machte mir das dann doch. Ich ließ die Fliegenklatsche fallen und rannte aus meinem Zimmer.
Papa war noch wach, denn ich konnte den Fernseher hören. Also lief ich zu ihm und erzählte ihm alles, was ich gerade erlebt hatte.
Papa zog die Stirn in Falten.
»Also eigentlich gibt es ja keine sprechenden Fliegen. Aber wenn du davon überzeugt bist, will ich lieber noch einmal nachschauen. Es kann ja auch sein, dass ich mich täusche.«
Wir gingen gemeinsam zurück nach oben und betraten langsam mein Zimmer.
Die Fliege flog noch immer im Kreis. Doch egal, was wir taten, sie blieb diesmal stumm.
Papa griff plötzlich schnell mit der Hand in die Luft. Er hatte sie gefangen.
»Siehst du, so einfach ist das. Dafür braucht man keine Fliegenklatsche.«
Er ging zum Fenster und lies die Fliege frei.
Doch in diesem Moment musste er schmunzeln.
»Ich glaube, ich weiß jetzt, wie die Fliege sprechen konnte.«
Er zog an einem Kabel. Auf der einen Seite kam ein kleiner Lautsprecher ans Licht. Auf der anderen Seite führte es an der Wand entlang, unter der Tür durch, bis in Ninas Zimmer. Wir gingen rein und erwischten meine Schwester mit einem Mikrofon in der Hand.
»Guten Abend, mein Fräulein. Solltest du nicht auch schon längst schlafen, anstatt deinen Bruder zu ärgern?«
Sie lief ganz rot im Gesicht an und ging ärgerlich ins Bett.
»Das sollte doch nur die Rache für den blöden Spruch vorhin sein.«
Papa stellte sich zwischen uns und glättete die Wogen, wie er so gerne sagt. Dann wünschte er uns noch eine gute Nacht und schickte uns beide zum Schlafen.

Jetzt bin ich wirklich richtig froh, dass ich recht hatte und Fliegen in Wirklichkeit nicht sprechen können. So oft, wie diese kleinen Tierchen in meinem Zimmer herum schwirren, hätte ich nachts bestimmt kein Auge mehr zu machen können.

Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler