583. Nik und Nele machen eine Sonnenfinsternis (nik und Nele 08)

Nik und Nele machen eine Sonnenfinsternis

Es war Abend geworden. Die Zwillinge Nik und Nele saßen mit Papa vor dem Fernseher und sahen sich die Nachrichten an.
»Morgen Vormittag erwartet uns am Himmel ein ganz besonderes Ereignis.« erklärte der Sprecher. »In der Zeit zwischen halb zehn und zwölf Uhr wird der Mond zu einem großen Teil die Sonne verdecken. Es gibt eine Sonnenfinsternis.«
Die Kinder sahen sich begeistert an.
»Eine Sonnenfinsternis.« jubelte Nik. »Das wird richtig cool. Das müssen wir uns unbedingt ansehen. Das kommt hier in Deutschland nur ganz selten vor.«
»Aber leider wird die Sonne nicht komplett verdeckt. Das kann man nur im hohen Norden Europas sehen.« erklärte Papa.
»Woher weiß man eigentlich, wann und wo eine Sonnenfinsternis stattfindet?« wollte Nele wissen.
»Dafür gibt es Computerprogramme.« wusste Papa. »Schlaue Wissenschaftler haben es geschrieben und mit ganz vielen Daten gefüttert.«
»Das muss ich mir unbedingt mal genauer ansehen.« Nik wollte sich bereits seinen Tabletcomputer schnappen.
»Nichts da. Das kannst du Morgen noch machen. Jetzt ist es Zeit, ins Bett zu gehen.«
Mit deutlichem Murren zogen sich die Kinder in das gemeinsame Kinderzimmer zurück.
Ein paar Minuten später sah Mama noch einmal durch die Tür herein, wünschte den Beiden eine Gute Nacht und schaltete das Licht ab. Nur eine Sekunde später holte Nik den Tablet unter dem Kopfkissen hervor. Er tippte ein paar Mal auf den Bildschirm und suchte sich alle Informationen über die Sonnenfinsternis, die er finden konnte. Dann legte er die Stirn in Falten.
»Ist ja komisch.« murmelte er vor sich hin.
»Was ist denn?« wurde Nele neugierig und kletterte zu ihm auf die obere Hälfte ihres Etagenbetts.
»Was bedeuten die vielen Zahlen? Ich verstehe das nicht.«
»Mit diesen Formeln berechnet man die Bahnen von Erde und Mond. Am Ende sieht man dann, wann eine Sonnenfinsternis stattfindet.« erklärte Nik.
»Und was ist daran so komisch?«
»Ich hab die Formel von meinem Tablet aus Spaß nachrechnen lassen und komme immer wieder auf das selbe Ergebnis. Morgen findet keine Sonnenfinsternis statt. Irgendwer hat sich da verrechnet.«
Nele bekam große Augen. »Glaub ich nicht. Zeig mal her.«
Aber das Ergebnis blieb. Die Sonnenfinsternis würde nicht stattfinden.
»Das darf nicht passieren. Da bekommt sonst noch jemand Ärger. Außerdem werden sich alle Menschen sauer sein, die nur darauf warten. Wir müssen etwas unternehmen.« entschied sie.
Nik nickte. Sie kletterten vom oberen Bett herunter und setzten sich auf das Untere. Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

In wenigen Minuten war das Etagenbett am Mond vorbei geflogen.
»Wo geht’s eigentlich hin?« wollte Nik wissen.
»Wir fliegen auf direktem Weg zum Mars. Dort kann man immer Raumschiffe antreffen. Sie machen dort Rast, wenn sie vom Asteroidengürtel kommen, wo sie wertvolle Metalle abbauen. Mit denen müssen wir uns treffen.«
In der Ferne war bereits ein roter Fleck zu erkennen, der rasch größer wurde. Der Mars zeigte sich in seiner ganzen Pracht. Auf der Rückseite, die man von der Erde aus nicht sehen konnte, befand sich ein großer Raumhafen, auf dem hunderte Raumschiffe gleichzeitig parken konnten. Allerdings war heute nicht sehr viel los.
»Die meisten sind wohl gerade unterwegs.« überlegte Nele. »Das ist gar nicht gut für unseren Plan.«
Sie landeten, verließen das Bett und betraten ein Schnellrestaurant mit dem wohl klingenden Namen ‚McGalaxy‘.
»Einen SpaceBurger bitte!« rief Nik aus Spaß.
»Kommt sofort!« kam die prompte Antwort von der Theke.
»Wir haben jetzt keine Zeit zum Essen.« ermahnte ihn Nele. »Wir müssen ein paar Raumfahrer finden, die für uns die Sonne verdunkeln. Sonst wird das nichts mehr mit der Finsternis.«
Mühsam kletterte sie auf einen Barhocker am Tresen und rief den essenden Leuten zu: »Wir sind auf der Suche nach ein paar Raumschiffen, die für uns eine Sonnenfinsternis nachstellen. Die Menschen auf der Erde haben schon lange keine mehr gesehen und würden sich darüber sehr freuen.«
Lächelnd sah sie von Tisch zu Tisch, aber dann wich das Lächeln einem enttäuschten Gesichtsausdruck. Niemand meldete sich.
»Irgendwie klappt das nicht. Wir brauchen einen neuen Plan.«
Der Meinung war Nik auch. »Das hat eh keinen Sinn. Es sind viel zu wenig Raumschiffe da draußen. Die könnten niemals die Sonne so stark verdunkeln, dass es echt aussieht.«
Sie setzten sich an einen Tisch, aßen SpaceBurger, tranken Venus Limonade und grübelten. Dabei schweifte Niks Blick immer wieder durch die Fenster nach draußen.
»Einige Raumschiffe fliegen ganz schön schnell hier durch. Das sieht ziemlich gefährlich aus.«
»Ich weiß.« antwortete Nele. »Das ist ganz schön leichtsinnig. Ich hab sogar mal gehört, dass immer wieder Schiffe gegeneinander antreten.«
»Moment mal!« rief Nik. »Das ist die Idee.«
Er nahm sich gar nicht erst die Zeit, zu erklären, was ihm eingefallen war. Er verließ das Restaurant, lief zum Bett und holte sich ein paar Buntstifte und Papier, die er immer unter seinem Kopfkissen versteckt hielt, falls ihm nachts mal langweilig werden würde.
Als er wieder am Tisch saß, schrieb und malte er, was das Zeug hielt. Nach ein paar Minuten war sein Plakat fertig. In bunten Buchstaben stand darauf:

MORGEN GROSSES RAUMSCHIFFRENNEN!!!

Als Startpunkt hatte er einen Platz zwischen Erde und Sonne gewählt. Ab halb zehn in der früh durften sich die teilnehmenden Schiffe an Ort und Stelle versammeln.

»Das klappt nie.« schüttelte Nele den Kopf. »Du glaubst doch nicht, dass die Raumfahrer darauf reinfallen.«
Aber Nik war anderer Meinung. Er heftete eines der Plakate an die Eingangstür und wartete ab. Schon ein paar Minuten später standen mehrere Männer davor und lasen mit Begeisterung, was darauf stand.
»Davon müssen wir sofort den anderen erzählen. Das wird großartig.« war immer wieder zu hören.
»Jetzt müssen wir nur noch nach Hause fliegen und abwarten.«
Dann nahm Nik seine Schwester an die Hand und führte sie zum Etagenbett zurück.

Am nächsten Morgen konnten es die Kinder kaum erwarten, die Sonnenfinsternis zu sehen. Mit besonders guten Fernrohren, deren Gläser mit Ruß geschwärzt waren, saßen sie am Fenster und sahen zur Sonne hinauf.
»Es geht los!« rief Nik. »Die ersten Raumschiffe kommen.«
Tatsächlich tauchten immer mehr von ihnen auf. Zuerst waren es nur wenige, aber von Minute zu Minute wurden es mehr. Es waren Hunderte, dann Tausende. Die Sonne verdunkelte immer mehr, bis schließlich kaum noch etwas von ihr zu sehen war.
Nele holte ein kleines Gerät aus dem Schreibtisch und schaltete es ein. »Mal hören, was im Funkverkehr los ist.«
Man hörte viele Stimmen aus den Raumschiffen. Die Kapitäne konnten es kaum erwarten, dass sie starten durften.
»Hallo, hallo!« sprach Nele in ein Mikrofon.
»Hier spricht die Rennleitung. Wegen eines unerwarteten Problems muss das Rennen abgesagt werden. Leider kann es heute nicht stattfinden. Bitte verlassen sie das Startfeld langsam und in geordneten Bahnen. Wir danken für ihre Aufmerksamkeit.«
Lautes Murren und Knurren war zu hören. Die Raumfahrer waren sauer. Aber sie taten, was die Kinder von ihnen verlangten. Nach und nach flogen die Raumschiffe davon. Die Sonne wurde wieder sichtbar. Die Sonnenfinsternis war vorbei.
»Prima.« war Nik stolz. »Alles perfekt im Zeitplan. Wir können stolz auf uns sein.«

Auf der anderen Seite der Erde saß ein junger Wissenschaftler über ein paar Papieren, zog die Stirn in Falten und wunderte sich sehr.
»Wie kann das sein? Das ist doch nicht möglich. Ich hab mich doch verrechnet. Ich sehe den Fehler genau vor mir. Die Sonnenfinsternis hätte gar nicht stattfinden dürfen. Aber warum war sie dann da?«
Er sollte nie eine Antwort auf seine Fragen finden. Aber weil es ihm zu peinlich war, seinen Fehler zuzugeben, knüllte er nach ein paar Stunden seine Papiere zusammen und warf sie in den Müll.

(c) 2015, Marco Wittler

578. Nik und Nele auf dem Roboterplaneten (Nik und Nele 04)

Nik und Nele auf dem Roboterplaneten

»Warum muss es denn jetzt schon so spät sein?« Nik sah auf die große Uhr an der Wand und seufzte laut. »Ich mag noch gar nicht schlafen.«
»Irgendwann muss der Tag mal vorbei sein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte nun auch Niks Zwillingsschwester Nele in die Dunkelheit hinein.
»Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hälst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an, holte ihr dickes Weltraumbuch unter der Decke hervor und blätterte ein paar Sekunden darin herum. Sie tippte mit geschlossenen Augen auf eine der Seiten.
»Kepler 186-f im Sternbild Schwan. Ist nur 490 Lichtjahre von hier entfernt. Praktisch um die Ecke.« Nele grinste. »Der Planet wurde erst vor zwei Jahren entdeckt und ist ungefähr so groß wie unsere Erde. Fliegen wir hin und sehen, was es da zu entdecken gibt.«
Sie klappte das Buch zu, legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Kepler 186-f. Intergalaktischer Raumflughafen.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während die Kinder mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

Es war ein langer Flug gewesen. Die Zwillinge hatten unzählige Sterne, Planeten und Kometen gesehen, bevor sie im Sternbild Schwan angekommen waren.
»Ist ganz schön kalt hier.« beschwerte sich Nick, der gerade ausstieg.
»Der Planet ist etwas weiter von der Sonne entfernt als unsere Erde. Deswegen kommt auch weniger Wärme an. Hier leben bestimmt nur Eisbären und Pinguine.« vermutete Nele.
Dass sie damit falsch lag, wurde schnell klar, als ihnen eine kleine Gestalt entgegen kam.
»4-6-A-Beta erbittet eure Kennung.« verlangte eine Computerstimme.
»Ist das etwa ein Roboter?« bekam Nik große Augen. »Ein echter Roboter?«
»4-6-A-Beta erbittet eurer Kennung.« kam die Aufforderung ein zweites Mal.
»Wir sind Nik und Nele.« erklärte Nele. » Wir sind Geschwister und kommen vom Planeten Erde.«
»Warum seid ihr zu uns gekommen?« wollte 4-6-A-Beta wissen.
»Wir fliegen gern durch das All und besuchen andere Welten. Es macht uns einfach Spaß.«
Der 4-6-A-Beta legte verwirrt den Kopf schräg. Dies konnte man nun auch bei den anderen Robotern beobachten, die sich mittlerweile zu ihm gesellten.
»Was ist Spaß?« fragten sie gemeinsam.
»Wie? Ihr wisst nicht, was Spaß ist?« Nik konnte es nicht glauben.
»Spaß hat mit Freude zu tun. Es ist ein schönes Gefühl.«
»Was ist sind Gefühle?«
Die Roboter machten es den Kindern nicht einfach.
»Sie sind Maschinen.« begriff Nele langsam. »Sie haben kein Herz und deswegen auch keine Gefühle.«
Die Roboter schüttelten langsam ihre Köpfe. »Wir haben Herzen.« Sie öffneten alle gleichzeitig eine Klappe im Brustpanzer. Darin steckte ein kleiner, metallischer Klumpen, dem man nicht mehr ansehen konnte, was er mal gewesen war.
»Wir müssen dagegen etwas unternehmen.« war Nele entschlossen. Wir zeigen euch, was Gefühle sind.«
Nik war der gleichen Meinung. »Fangen wir mit mit Freude und Spaß an. Lacht mal.«
Die Roboter lachten leise und mechanisch. Es klang nicht so richtig echt.
»Das muss aus dem Bauch kommen. Wartet, ich erzähle euch einen Witz.«
Und dieser Witz erzielte endlich eine Wirkung. Das Lachen der kleinen Maschinen wurde herzlicher. Es klang endlich nach einem richtigen Gefühl. Das zeigte sich auch den verklumpten Herzen. Sie leuchteten leicht rot und wuchsen.
»Und jetzt machen wir mit Freundschaft und Liebe weiter.« fuhr Nele fort, während sie ihren Bruder umarmte und drückte. »Macht es einfach nach.«
Es sah sehr steif aus, wie sich die Roboter umarmten. Doch mit jedem Moment, der verging, wirkte es herzlicher.
»Das ist wirklich schön.« war 4-6-A-Beta begeistert, der noch gar nicht glauben konnte, dass sein Herz ein ganzes Stück gewachsen war.
»Kommen wir nun zur Trauer. Man denkt an etwas, das einem gar nicht gefällt.« erklärte Nele.
»Unser Opa ist im letzten Jahr gestorben. Wir werden ihn nie wieder sehen, nie wieder mit ihm lachen können. Er wird uns nie wieder eine Geschichte vorlesen können.«
Ihr liefen dicke Tränen über die Wangen, die im Schnee unter ihren Füßen verschwanden. Nik erging es nicht anders.
Die Roboter dachten nach. Sie sahen sich um. Schließlich landeten ihre Blicke auf ihren Herzen.
»Wir wollen unsere neu gewonnenen Gefühle nicht verlieren.«
Sie fielen sich gegenseitig in die Arme und schon rollten an ihren Gesichtern Tränen hinab.
»Sie haben es verstanden.« war Nele begeistert.
Doch dann geschah etwas, womit die Zwillinge nicht gerechnet hatten. Die Roboter verkrümmten sich und schrien vor Schmerzen.
»Hilfe!« rief 4-6-A-Beta. »Die Tränen tun mir weh. Ich fange an zu rosten.«
»Oh nein.« Nik wusste nicht, was sie unternehmen sollten. »Die Roboter dürfen nicht weinen. Der Rost wird ihre Panzer zerfressen. Sie werden sterben.«
Aber da hörten die Roboter schon wieder mit ihrem Geheul auf. Sie grinsten über das ganze Gesicht.
»Schadenfreude.« lachte er begeistert. »Witz und Schabernack. Wir haben euch auf den Arm genommen. Noch ein schönen Gefühl. Wir sind euch wirklich dankbar. Ihr habt uns mit den Gefühlen das größte Geschenk unseres Lebens gemacht. Wir sind euch so dankbar, wissen aber nicht, was wir euch dafür geben könnten.«
Nele schüttelte den Kopf, während sie schon wieder in das Bett stieg.
»Eure Freude ist uns schon Dank genug. Der Besuch bei euch hat uns sehr viel Spaß gemacht.«
Sie zog ihren Bruder zu sich auf die Matratze. Dann winkten die Geschwister zum Abschied und flogen wieder nach Hause.

(c) 2014, Marco Wittler

560. Nik und Nele fliegen zum Weihnachtsstern (Nik und Nele 10)

Nik und Nele fliegen zum Weihnachtsstern

Weihnachten stand vor der Tür. Nein, nicht so, wie du grad vielleicht denken magst. Es stand natürlich nicht vor der Tür, klopfte, klingelte und wartete darauf, dass es jemand herein ließ. Es war nur langsam an der Zeit, den Christbaum ins Wohnzimmer zu holen, ihn mit bunten Kugeln, Strohsternen und Lametta zu schmücken. Nur noch einmal schlafen bis zum Heiligen Abend.
Überall auf der Welt waren viele Millionen Kinder aufgeregt. Die einen wollten jetzt schon wissen, welche Geschenke sie bekommen würden, andere konnten die ganze Nacht nicht schlafen und einige von ihnen dachten darüber nach, ob der Weihnachtsmann nicht zu viele Dummheiten von ihnen in sein dickes, goldenes Buch eingetragen hatte.
Zwei dieser vielen Kinder waren die Zwillinge Nik und Nele. Sie standen an diesem Abend am Fenster und sahen in die sternenklare Nacht hinaus. Sie suchten nicht etwa nach dem von Rentieren gezogenen Schlitten des Weihnachtsmanns. sie taten das, was sie jeden Abend taten. Sie beobachteten die Sterne und fragten sich, wie das Leben auf anderen Planeten sein würde. Gab es dort in den fernsten Fernen Menschen wie sie oder Außerirdische, die ganz anders aussahen, als es sich überhaupt irgendwer auf der Erde vorstellen konnte?
Ganz viele spannende Fragen spukten in den Köpfen der beiden Kinder herum. Aber Antworten konnte ihnen niemand darauf geben – jedenfalls konnte das kein einziger Mensch von der Erde.
In diesem Moment zog für mehrere Augenblicke eine große, helle Sternschnuppe über den Himmel und beleuchtete das Firmament, bis sie schließlich erlosch und wieder verschwand.
»Oh, war das schön.«, schwärmte Nele und seufzte einmal laut. »Ob der Weihnachtsstern auch so hell über dem Stall in Bethlehem geleuchtet hat?«
Nik wiegte den Kopf nach links und nach rechts.
»Der war bestimmt viel größer und heller und prächtiger. Aber so genau wird das wohl niemand mehr wissen. Es ist ja schon über zweitausend Jahre her. Wir müssten schon selbst nachschauen.«
In seinen Augen war plötzlich ein abenteuerliches Glitzern zu sehen.
»Denkst du etwa an einen nächtlichen Ausflug?«, fragte Nele neugierig. Auch in ihren Augen war dieses Glitzern zu sehen.
»Wäre möglich.«, antwortete Nik mit einem Grinsen im Gesicht. »Die Entscheidung liegt, wie immer, ganz bei dir.«
Nele ließ sich nicht lange bitten. Sie nahm ihren Bruder an der Hnad und zog ihn hinter sich her zum unteren Teil des gemeinsamen Etagenbettes. Dann hob sie ihr Kopfkissen zur Seite unter dem ein großer, roter Knopf zum Vorschein kam.
Nele hielt ihre Hand darüber und wartete mehrere Sekunden lang.
»Nun mach es nicht so spannend.«, flüsterte Nik drängelnd in die Stille hinein. »Opa hat uns das Bett nicht nur zum Schlafen gebaut.«
Ja, der Opa der Zwillinge war schon ein besonderer Mann gewesen. Er war Erfinder, Tüftler und Bastler ein einem. Über viele Monate hatte er an diesem Etagenbett gebaut, bis es etwas Einzigartiges dabei entstanden war. Er hatte es wirklich nicht nur zum Schlafen gebaut. Es hatte nkch ein paar zusätzliche Spielereien bekommen, die die beiden Kinder regelmäßig nutzten, wovon ihre Eltern aber nichts wussten. Und in dieser Nacht vor dem Heiligen Abend würden die Zwillinge wieder davon Gebrauch machen.
Nele drückte endlich auf den roten Knopf. Unter der Matratzebegann es zu Surren und zu Brummen. Man konnte leises Klickenmund Klacken hören, vermischt mit leisem Zischen und Pfeifen.
Dann schoben sie rundherum vier große, durchsichtige Scheiben von unten nach oben und schlossen das Bett luftdicht ab. Gleichzeitig öffneten sich die beiden Türen zum Balkon. Das Bett erhob sich ein paar Zentimeter vom Boden, schwebte nach draußen und flog dem Himmel entgegen.
»Wo geht es hin?«, fragte Nele.
Nik holte ein dickes Buch unter der Bettdecke hervor – seinen Sternenatlas – und blätterte durch die Seiten, bis er das Gesuchte fand und den Zeigefinger drauf legte.
»Zum Weihnachtsstern. Wir schauen nach, wie hell er leuchtet.«
Nele juchzte erfreut. Dann drückte sie ein weiteres Mal auf den roten Knopf. Das Bett beschleunigte, wurde schnell und raste den unendlichen Weiten des Weltraums entgegen.

Der Flug war, wie in fast jeder Nacht, sehr ereignisreich. Die Zwillinge winkten dem Mann im Mond zu. Sie verwirrten die Astronauten in der Raumstation, die nicht glauben wollten, dass Etagenbetten fliegen konnten. Außerdem machten sie mit mehreren Raumschiffen ein lustiges Wettrennen vom Mars bis zum Saturn, bevor sie am eigentlichen Ziel ankamen – dem Weihnachtsstern.
Jedenfalls dachten die Geschwister, dass sie den Weihnachtsstern erreicht hätten. Irgendwas stimmte aber nicht.
»Sind wir hier wirklich richtig?«, fragte Nik unsicher. »Es ist so dunkel. Man sieht nicht mal seine Hand vor Augen. Hier kann sich unmöglich der helle Weihnachtsstern befinden. Wir müssen am Pluto falsch abgebogen sein.«
Selbst Nele, die sich immer um den Flugkurs kümmerte, hatte das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.
»Es ist aber auch gar nichts zu sehen. So extrem leer ist der Weltraum nur selten. Hol doch mal deine Taschenlampe raus und mach Licht.«
Nik schlug die Bettdecke zur Seite, tastete sich im Dunkeln über die Matratze, bis er sie gefunden hatte. Dann schaltete er die Taschenlampe an und leuchtete einmal im Kreis.
»Moment mal. Da war was.«
Nele hatte etwas im Licht gesehen. Ihr Bruder schwenkte zurück. Einen Moment später entdeckten sie vor sich einen dunklen Felsklumpen, der sich in einer finsteren Ecke des Weltalls versteckte.
»Ist das etwa …?«, grübelte Nik.
»Nein.«, war sich Nele sicher. »Das kann doch gar nicht sein. »Oder vielleicht doch?«
»Es ist tatsächlich der Weihnachtsstern.«, flüsterten sie sich gleichzeitig zu.
Der dunkle Klumpen musste die Kinder gehört, denn er drehte sich nun langsam um und sah die beiden aus trüben Augen traurig an.
»Ja, der bin ich. Ich bin der Weihnachtsstern, der vor über zweitausend Jahren den drei heiligen Königen den Weg zum Stall von Bethlehem gezeigt hat.«
Er seufzte laut. Eine dicke Träne kullerte vom seinem Auge nach unten.
»Aber das ist alles so lange her. Die Könige sind schon tot. An diese Geschichte bestimmt keiner mehr. Man hat mich vergessen. Wer weiß  denn heute noch, was Weihnachten überhaupt ist? Lasst mich einfach hier in der Einsamkeit des Weltalls allein. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, nicht mehr gebraucht zu werden.«
Die Geschwister schüttelten den Kopf.
« Das können wir unmöglich zulassen. Du wirst noch gebraucht.«, sagte Nele bestimmt.
»Gebraucht? Bist du dir da wirklich sicher? Wofür? Ich tauge nicht als Schreibtischlampe. Dafür bin ich zu groß. Nein, nein. Ich bin hier in der Dunkelheit viel besser aufgehoben. Hier störe ich niemanden und falle auch nicht zur Last.«
»So schlimm ist es eigentlich gar nicht.«, versuchte Nik zu trösten. »Auf der Erde kennt man den Weihnachtsstern – kennt man dich. Man erinnert sich an dich. Viele Menschen mögen vielleicht vergessen haben was Weihnachten wirklich ist und was dundazunbeigetragen hast. Aber man kennt dich. Komm doch einfach mit uns mit. Du könntest in den Köpfen der Menschen etwas verändern?«
»Meint ihr wirklich? Ich weiß nicht. Eigentlich bin ich auch nur ein einfacher Stern unter vielen anderen. Ich würde mit den anderen am Himmel stehen, leuchten und niemand würde mich beachten. Ich sollte hier bleiben.«
Nele verdrehte die Augen. Dieser Weihnachtsstern war noch viel schwieriger zu überzeugen als ein störrischee Esel.
»Wenn du nicht mit uns kommst, wirst du nie erfahren, ob man dich wirklich vergessen hat oder das es so ist, wie wir dir erzählt haben.«
Der Stern seufzte. »Ich kann es ja mal versuchen. Wenn mich dann wirklich niemand mehr kennt, kehre ich einfach in meine dunkle Ecke zurück.«
Und so geschah es dann auch. Der Weihnachtsstern hielt sich am Etagenbett fest. Nele drückte auf den großen, roten Knopf und setzte es damit in Bewegung. Zu dritt machten sie sich auf den Rückflug zur Erde.

Etwas später hatten sie ihren Heimatplaneten erreicht. Da schon viel Zeit vergangen war, würde schon bald die Sonne aufgehen. Der Morgen wartete bereits auf seinen Auftritt und die ersten Menschen gingen bereits die Straßen entlang.
»Seht ihr.«, sagte der Stern traurig. »Niemand beachtet mich. Man hat mich also doch vergessen. Ich hab es von Anfang an gewusst.«
Nik schüttelte den Kopf und tippte dem Stern auf die Schulter.
»Dass dich niemand beachtet liegt bestimmt daran, dass du vergessen hast zu leuchten.«
Nun fiel es dem Stern auch auf. Er knipste sein Licht an, schickte es schwach und zaghaft zur Erde hinab, auf der es kaum zu erkennen war. Er gab sich viel Mühe, es stärker leuchten zu lassen, aber das war gar nicht so einfach.
In diesem Moment sahen ein paar Menschen zum Himmel hinauf. Sie entdeckten zwischen all den Sternen am Firmament einen, den sie noch nie zuvor gesehen hatten.
»Ist das etwa …?«, fragten sie sich.
»Kann das wirklich sein? Ist der Weihnachtsstern zu uns zurück gekehrt?«
Immer mehr Menschen kamen zusammen, sahen in den Himmel, redeten miteinander und waren sich sehr schnell einig, dass es sich bei dem schwachen Licht tatsächlich nur um den Weihnachtsstern handeln konnte. Sie waren sich aber auch einig, dass er traurig und glanzlos aussah.
»Da muss man doch was tun. Wir müssen ihm helfen.«
Die Menschen liefen zur nächsten Kirche und klopften an die Eingangstüren, bis ihnen geöffnet wurde. Sie ließen sich Gesangsbücher geben, mit denen sie wieder hinaus auf die Straße traten. Dort stimmten sie gemeinsam ein Lied an.
»Hört ihr das?«, war plötzlich der Weihnachtsstern hoch erfreut. »Sie singen ein Lied über mich. Das bedeutet, dass sie mich wirklich nicht vergessen haben. Man kennt mich noch.«
Sofort strahlte sein Sternenlicht heller. Es wurde sogar so hell, dass es das Licht der anderen Sterne überstrahlte. Es wurde so hell wie damals, als es den drei heiligen Königen den Weg zu Bethlehems Stall wies.
»Vielen Dank ihr Beiden. Ohne euch wäre mir dieses große Glück zur Weihnachtszeit niemals geschehen.«
Und von da an kam der Stern jedes Jahr in der Weihnachtszeit zur Erde, um die Menschen mit seinem Licht zu erfreuen.

(c) 2016, Marco Wittler