502. Der Zahnschmerzkobold

Der Zahnschmerzkobold

Daniel hielt sich die Hand auf die Wange. Sein Gesicht sah sehr gequält aus. Er hatte nämlich Zahnschmerzen.
„Au. Das tut schrecklich weh. Kann das nicht endluch aufhören?‟
Den ganzen Tag verkroch er sich schon unter seiner Bettdecke und wollte niemanden sehen. Aber nach ein paar Stunden waren die Schmerzen so stark, dass er es nicht mehr aushielt. Er schlich sich ins Wohnzimmer und seufzte einmal laut.
„Mama, ich hab Zahnschmerzen. Kann man was dagegen tun, ohne sofort zum Zahnarzt gehen zu müssen? Du weißt doch, dass ich Angst habe.‟
Mama machte ein ernstes Gesicht und schüttelte den Kopf. „Da kann ich dir leider nicht helfen. Das muss sich der Zahnarzt anschauen.‟

Eine halbe Stunde später saß Max im Behandlungsstuhl und öffnete ängstlich seinen Mund. Der Zahnarzt sah hinein und grinste.
„Es wundert mich nicht, dass du Zahnschmerzen hast.‟ sagte er.
In deinem Mund hat sich sin hungriger Zahnschmerzkobold eingenistet. Er ernährt vom Zahnbelag. Wenn man sich dann seine Zähne nicht richtig putzt, wird er ganz dick, kugelrund und braucht dann so viel Platz zwischen deinen Zähnen, dass es weh tut.‟
Max wurde rot im Gesicht und bekam ein schlechtes Gewissen.
„Ich werde mir ab jetzt immer meine Zähne  putzen. Das verspreche ich.‟
Der Zahnart nickte zufrieden und entfernte den Zahnschmerzkobold mit einer Pinzette.

(c) 2014, Marco Wittler

202. Wie der Löwenzahn entstand

Wie der Löwenzahn entstand

Leo litt Höllenqualen.
»Oh nein, ich habe so unerträgliche Schmerzen.«
Der König des Dschungels hielt sich mit seiner Pranke die rechte Wange.
»Was soll ich denn nur machen? So kann ich mich doch nirgendwo sehen lassen. Ich kann ja nicht einmal mehr richtig brüllen.«
Das muss man sich einmal vorstellen. Ein Löwe, der nicht mehr brüllen kann. Dann ist er doch kein richtiger Löwe mehr.
Der Affe Bullibo saß neben dem König und sah ihm verzweifelt zu. Er wusste sich ebenfalls keinen Rat.
»Eurer Majestät. Ihr müsst unbedingt wieder zu Kräften kommen.  In einer halben Stunde sollt ihr eine Ansprache für das Volk halten. Ihr habt überraschende Dinge angekündigt.«
Leo wollte gar nicht daran denken. Jeden Dienstag hielt er eine Ansprache. Doch schon seit langer Zeit hörte ihm niemand mehr richtig zu. Im Dschungel passierte einfach nichts Aufregendes. Also hatte er nun etwas Neues angekündigt, wusste aber selbst nicht, worum es sich handelte.
»Wie soll ich bloß auf neue Ideen kommen, wenn mein Kopf nur noch aus Schmerzen besteht? Die Medizinschlange hat mir schon vorgeschlagen, dass ich auf einem Stück Süßholz kauen sollte. Aber dadurch wurde es noch viel schlimmer.«
Bullibo näherte sich dem Maul des Löwen und warf einen vorsichtigen Blick hinein.
»Du meine Güte, der Zahn sieht ja gar nicht gut aus. Das Zahnfleisch ist ganz dunkelrot.«
Leo wimmerte wieder vor sich hin.
»Wer will denn schon einen Herrscher ernst nehmen, der jeden Moment anfangen könnte zu weinen?«
Doch der Affe machte seinem Herrn Mut.
»Macht euch nicht zu viele Sorgen. Wir haben noch etwas Zeit. Es wird uns bestimmt etwas einfallen.
Es klopfte plötzlich an der Tür. Bullibo öffnete und ließ eine alte, stattliche Eule herein.
»Na, wo brennt es denn? Horatio ist schon zur Stelle und wird jedes Problem lösen.«
Die Eule war das schlaueste Tier im Dschungel, kam öfters für eine Beratung im Schloss vorbei. Und nun wollte er sich um die Gesundheit des Königs kümmern.
Leo zeigte mit der Pranke auf seine dicke Wange.
»Dann lasst mich doch mal einen Blick in euer Maul werfen.«
Der Löwe zeigte seine Zähne vor. Horatio steckte seinen Kopf bis fast in den Hals und sah sich um.
»Hm. Hm. Seltsam. Das sieht gar nicht gut aus. Da muss dringend etwas geschehen. Ich werde euch ein Mittelchen verabreichen.«
Er griff in seine Tasche und holte ein paar Kräuter hervor, die er um den Zahn legte. Schon Sekunden später hüpfte der Löwe wild im Kreis herum.
»Hilfe, ist das heiß. Macht das weg. Ich will das nicht.«
Er spuckte wieder alles aus.
»Aber das sollte euch doch von den Zahnschmerzen ablenken.«, erwiderte die Eule.
Leo sah Horatio grimmig an.
»Aber so löst du mein Problem nicht. Vielleicht sollte ich dich einfach fressen. Ein voller Magen könnte mich auch von den Schmerzen ablenken.«
Er wollte gerade auf seinen Berater zuspringen, als dieser durch das Fenster das Schloss verließ. Leo rutschte auf dem Teppich aus, stürzte und stieß sich das Kinn am Fensterbrett.
»Au!«, rief er laut und sah zu, wie sein entzündeter Zahn aus seinem Maul fiel und im Blumenkasten landete.
»Er ist weg. Der Schmerz ist verschwunden. Bullibo, du kannst dir nicht vorstellen, wie schön das Leben ist.«
Doch der Affe hörte gar nicht zu. Sein Blick war von etwas Faszinierendem gefesselt.
»Euer Majestät, schaut euch das hier einmal an.«
Der Löwe drehte sich herum und sah zu seinem ausgefallenen Zahn. Dieser war in der Erde des Blumenkastens verschwunden. Und nun wuchs in Windeseile eine grüne Pflanze daraus hervor. Wenige Sekunden später öffnete sich eine große gelbe Blüte.
»Das ist es Bullibo. Das ist die Neuigkeit für unseren Dschungel. Ich werde diese Blume Löwenzahn nennen.«

(c) 2009, Marco Wittler

002. Das Märchen von den Froschzahnschmerzen

Das Märchen von den Froschzahnschmerzen

 

Es war ein schöner, sonniger Tag. Es war keine Wolke am Himmel zu sehen, die Vögel zwitscherten und die Blumen blühten in allen Farben.
An diesem Nachmittag war die kleine Fliege unterwegs zu ihrer Oma. Sie summte ein kleines Liedchen und flog eine Kurve nach der anderen.
Nach einer Weile wurden ihre kleinen Flügelchen müde. Am Ufer eines Teichs wollte sie eine kurze Pause machen und setzte zur Landung an.
Doch dann bekam sie einen riesigen Schrecken, denn mitten im Wasser saß ein Frosch. Die Angst war so groß, dass die kleine Fliege vergaß, sich zu retten. Und schon saß sie direkt neben dem grünen Fliegenfresser.
»Bitte verschling mich nicht. Ich mache nicht einmal richtig satt, so klein bin ich.«, bettelte sie.
Der Frosch blieb still sitzen und bewegte sich nicht.
»Willst du mich denn gar nicht Fressen? Du bist doch ein Frosch. Stimmt da etwas nicht mit dir?«
Der Frosch atmete schwer ein und seufzte.
»Ich habe Froschzahnschmerzen. Da tut unheimlich weh.«
Nun viel es der Fliege auf, dass sich der Frosch die Wange hielt.
»Ich habe eine Idee.«, sagte sie.
»Ich werde mich sofort auf den Weg machen und für dich ein Heilmittel suchen. Du musst einfach nur hier auf mich warten.«
Sie schlug kräftig mit den Flügeln und sauste davon.
Der kleine Frosch sah ihr verzweifelt nach und hoffte, dass er bald von den schlimmen Schmerzen erlöst würde.
Ein paar Minuten später war ein Geräusch zu hören. Es klang wie ein gespanntes Gummiband. Ein paar Augenblicke landete ein Grashüpfer am Ufer.
»Hallo, kleiner grüner Freund.«, rief dieser voller Lebenslust.
»Was sitzt du so gelangweilt im Wasser? Erfreue dich des Lebens und springe durch die Gegend. Denn es ist Sommer. Das ist die schönste Zeit des Jahres.«
Der kleine Frosch seufzte und zeigte mich den Fingern auf seine gerötete Wange.
Der Grashüpfer kam näher und sah in den Mund des Frosches.
»Du meine Güte. Der Zahn sieht ja gar nicht gut aus. Du musst ja unglaubliche Schmerzen haben.«
Ein Nicken bestätigte diese Vermutung.
»Aber ich glaube, ich weiß da ein gutes Rezept. Damit wird es dir sofort besser gehen. Erfreue dich einfach des Lebens und hüpfe wild herum. Du wirst sehen, deine Schmerzen werden verschwunden sein, bevor du bis drei zählen kannst. Mach es mir einfach nach.«
Und schon sauste der Grashüpfer mit riesigen Sprüngen davon. Der kleine Frosch sah sich verzweifelt um. Sollte er es wirklich probieren?
Zaghaft machte er einen kleinen Hüpfer, dann einen weiteren. Er zählte sogar bis drei. Besser wurde es aber nicht. Die Schmerzen wurde sogar noch schlimmer.
»Autsch!«, rief er laut.
»Wer schreit denn da? So eine Unverschämtheit. Ich halte gerade meinen Mittagsschlaf.«
Eine fremde Stimme ertönte aus dem hohen Gras.
»Entschuldigung.«, sagte der Frosch klein laut.
Es raschelte, die Grashalme bogen sich zur Seite und eine große alte Schildkröte kam zum Vorschein.
»Was ist denn los, dass du so laut schreist?«
Der kleine Frosch seufzte und zeigte auf seine Wange.
»Ich habe Froschzahnschmerzen. Das tut wahnsinnig weh. Ich weiß nicht, was ich dagegen machen kann.«
Die Schildkröte war alt und weise und wusste sofort, was zu tun war.
»Du musst dir einen Tee aus Löwenzahnblättern kochen. Das stärkt deine Zähne und sie werden nie wieder schmerzen.«
Dann drehte sie sich herum und verschwand wieder hinter den hohen Gräsern.
»Und bitte schreie nicht wieder so laut. Ich würde gerne noch ein wenig schlafen.«
Sofort riss der Frosch ein großes Stück aus einem Löwenzahnblatt heraus. Er kochte es in heißem Wasser und trank sich den entstandenen Tee. Aber die Schmerzen blieben. Er versuchte sogar auf dem Blatt zu kauen. Doch das war nicht viel besser. Er begann wieder zu wimmern und weinen.
In diesem Moment pfiff ein kalter Windhauch über den Teich.
»Was ist mit dir los?«, flüsterte dieser.
»Ach, lieber Wind, ich leide unter entsetzlichen Froschzahnschmerzen. Ich weiß nicht, was ich dagegen machen soll.«
»Ich werde ihn fort blasen.«, entschied der Wind.
»Denn es gibt nichts, was ich nicht hinweg fegen könnte.«
Er brauste auf, wurde größer und stärker. Er entwickelte sich zu einem Wirbelsturm und raste nun um den kleinen Frosch herum. Das Wasser des Teichs spritze wild. Die Grashalme rissen aus dem Boden und flogen davon. Bis der Wind wieder ruhiger wurde.
»Die Schmerzen sind immer noch da.«, sagte der Frosch traurig.
»Es hat nichts genutzt.«
Der Wind entschuldigte sich, dass seine Idee nicht funktioniert hatte und sauste leise davon.
Auf einmal summte etwas in der Luft. Es schien aus mehreren Richtungen zu kommen. Es war aber nichts zu sehen. Plötzlich sauste eine alte Fliege im Sturzflug heran und erschreckte den Frosch mit einem lauten Buh.
Der kleine Frosch erschreckte sich, riss den Mund auf und schrie. Da kam die kleine Fliege von hinten, landete auf seiner Zunge und riss mit ihren Ärmchen den kranken Zahn heraus.
»Huch, was war denn das?«, fragte der Frosch erstaunt.
Die kleine Fliege zeigte stolz den Zahn vor.
»Das war die Idee meiner Oma. Jetzt werden die Schmerzen ganz schnell verschwunden sein.«
Und sie hatte tatsächlich Recht. Die Wange schwoll ab und es tat nicht mehr so sehr weh.
Da freute sich der kleine Frosch sehr und drückte die kleine Fliege vorsichtig an sich. Er war ihr so dankbar, dass er versprach, nie wieder eine Fliege zu fressen.
So wurden die beiden dicke Freunde.

(c) 2009, Marco Wittler

02 Das Märchen von den Froschzahnschmerzen