Der Hauch des Todes
Der alte Dorfarzt saß noch spät am Abend allein in seiner Praxis und bearbeitete die Patientenkarten, in die er noch einige Daten eintragen musste. Nach und nach wurde der Stapel zu seiner Linken kleiner, der auf der Rechten dafür größer. Immer wieder sah er auf die Uhr, die an der Wand hing und gähnte laut.
»Ich werde langsam zu alt dafür. Vielleicht sollte ich mich bald zur Ruhe setzen und meine Aufgaben an einen jungen Nachfolger abgeben.« Er nahm aus seiner Tasse einen großen Schluck Kaffee, der mittlerweile kalt geworden war.
Irgendwann klopfte es dumpf an der Tür. Der Arzt blickte erneut auf die Uhr. »Hoffentlich hat eine meiner helfenden Hände nur etwas vergessen. Für Patienten ist es längst zu spät und ich bin müde.«
Er stand auf und ging langsam durch den Flur. Zu oft hatten Leute aus dem Dorf am Abend um eine Behandlung gebeten. Er öffnete, erschrak und packte sich an die linke Brust. Vor ihm stand jemand, den er nicht erwartet hatte. Eine hoch gewachsene, schlank Person, die in einer langen schwarzen Kutte mit großer Kapuze gekleidet war. Ein Gesicht war nicht zu erkennen, dafür aber die riesige Sense in der rechten Hand.
Es war der Sensenmann, der Schnitter, der Boandlkramer oder einfach nur der Tod, wie ihn die meisten Menschen kannten und fürchteten.
»Ich … ich bin noch nicht so weit. Meine Zeit kann noch nicht gekommen sein. Es muss sich um einen Fehler handeln.«
Der Arzt bekam Panik. Er wollte weglaufen, flüchten, sich irgendwo verstecken, aber er kam nicht vom Fleck. Seine Beine waren schwer wie Blei geworden. Er hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand die Füße am Boden fest geklebt.
Der Tod sagte kein Wort. Er hob stattdessen die knöcherne Hand an seinen Hals. Das war unmissverständlich eine Todesgeste. Dabei stöhnte er leise. Der Hauch des Todes wehte dem Arzt entgegen.
»Ich war immer ein guter Mensch.« Der alte Mann versuchte weiter, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. »Ich habe viele Leben gerettet und Krankheiten geheilt. Ich bin noch nicht bereit zu gehen.«
Ihm wurde schlagartig bewusst, dass gerettete Leben dem Tod gegenüber kein gutes Argument waren. Als Arzt sorgte er immer wieder dafür, dass der Sensenmann seiner Aufgabe nicht nachgehen konnte.
»Ich habe verstanden. Der Sand in meinem Uhrenglas ist aufgebraucht. Ich werde mit dir gehen müssen.«
Wieder sagte der Tod kein Wort, zeigte dafür erneut auf seinen Hals. Sein Stöhnen wandelte sich in ein merkwürdiges Röcheln, das sehr ungesund klang.
Plötzlich wurde dem Arzt klar, was hier vor sich ging. Er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte er laut gelacht. Er nahm seinem Gegenüber die Sense ab und warf sie in den Vorgarten.
»Dreh dich um, wenn dir dein Leben oder was auch immer lieb ist.«, befahl er dem Tod. Dieser gehorchte sofort.
Der Arzt packte ihn von hinten, drückte mit den verschränkten Armen gegen den knöchernen Brustkorb. Ein leises Ploppen kündete von einem Brotkrümel, der bis gerade eben im Hals des Sensenmanns fest gesteckt hatte.
»Puh! Ich danke dir. Du hast mir dem Tod gerettet. Ich wäre beinahe erstickt. Ich kann mich doch nicht selbst abholen. Das geht doch nicht.«
(c) 2021, Marco Wittler
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