1143. Das Ritual

Das Ritual

Es war der letzte Tag im Oktober. Es war Halloween. Die Sonne hatte, wie es mitten im Herbst üblich war, ihren Platz am Himmel verlassen und dem Mond mit denen Sternen im Gefolge, Platz gemacht. Die Stadt lag in Dunkelheit und wurde nur die einzelne Straßenlaternen beleuchtet. Noch war es früh genug, dass gruselig verkleidete Kinder in kleinen Gruppen unterwegs waren, um die Nachbarschaft von ihren Süßwaren zu befreien. In manchen Häusern fanden Halloweenpartys statt. Andere Leute sahen sich allein oder zu mehreren Gruselfilme an.
In einem der Häuser saßen drei Jugendliche zusammen. Romero, Elena und Ayla hatten sturmfreie Bude. Romeros Eltern feierten bei Freunden und würden wohl erst spät in der Nacht oder am nächsten Morgen nach Hause zurück kommen.
Rundherum waren Kerzen aufgestellt. Leise Musik spielte im Hintergrund. Die drei Teenager saßen auf dicken Kissen im Kreis und hielten sich an den Händen. Zwischen ihnen stand eine große Duftkerze.
Während Romero und Elena die Augen geschlossen hielten, las Ayla immer wieder die selben Worte in lateinischer Sprache von einem Zettel ab. Sie hatte in einem alten Zauberbuch aus der Bibliothek eine Beschwörungsformel entdeckt, die sie nun ausprobierten.
»Und du glaubst, dass das funktioniert?« Romero, der mittlerweile ungeduldig auf seinem Kissen hin und her rutschte, hielt es nicht mehr aus. Ihm wurde langweilig.
»Wenn du mich ständig störst, wird es umso länger dauern. Ich bin mir aber sicher, dass es nicht mehr lange dauern wird. Ich habe es im Gefühl, dass wir bald einen echten Geist vor uns sehen werden.«
Sie machten weiter, konzentrierten sich auf ihre Verbindung, lauschten den Worten und warteten ab. Plötzlich blitzte es zwischen ihnen auf. Ein heller, blendender Lichtpunkt war erschienen und schwebte auf Augenhöhe.
Die Teenager hielten den Atem an. Hatten sie es tatsächlich geschafft? Das Licht begann zu wachsen, wurde größer und größer. Es begann, sich zu verformen, bekam Arme und einen Kopf. Ein Geist entstand, der die drei Freunde entsetzt anblickte.
»Seid ihr verrückt geworden?« Der Geist schrie jedes einzelne Wort. »Wie könnt ihr es wagen, mich genau jetzt zu beschwören? Ich habe gerade in der Badewanne gesessen und bin nackt.«
Er hielt sich schnell die Hände vor den Schritt, verschwand schnell in der Wand und wurde nie wieder gesehen.

(c) 2021, Marco Wittler


Image by niyosstudio from Pixabay

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