1326. Flaschenpostbote Knut und die Meerhexe

Flaschenpostbote Knut und die Meerhexe

Flaschenpostbote Knut hatte am heutigen Tag ein sehr seltenes Ziel auf seiner Route, dass er ansteuern musste. Sein Weg führte ihn durch die dichten Seetangwälder zu den Seegraswiesen, in denen sich ein kleines, einsames Häuschen befand. Hier, so erinnerte sich der alte Meermann, wohnte eine alte Meerhexe, der man nicht zu nahe kommen sollte. Sie verzauberte jeden unangemeldeten Besucher, der ihrem Häuschen zu nahe kam.
Knut war ganz leise. Er sprach kein Wort und versuchte, so flach wie möglich zu atmen, um nicht entdeckt zu werden. Auch dem Seestern Enno, der auf seiner Brust als Flaschenpostplakette saß, hatte er vorher gebeten, den Mund zu halten, da seine Stimme besonders laut war.
Meter für Meter näherten sie sich dem kleinen Haus. Sie schwammen aus dem Seegras heraus und verließen die schützende Deckung.
»Jetzt ganz leise.«, flüsterte Knut. Doch das war schon zu laut gewesen. Die Meerhexe riss ihre Tür auf und kam heraus geschwommen. Knut erstarrte. Vor sich sah er eine junge Meerfrau mit langen, roten, zotteligen Haaren, die in alle Richtungen abstanden. Sie trug ein langes Kleid, das aus mehreren Stoffschichten bestand und ihre Schwanzflosse fast komplett versteckte.
»Du leiber Himmel!«, rief sie. »Die Flaschenpost ist endlich da. Mit euch habe ich schon lange nicht mehr gerechnet.« Sie überlegte, grübelte, kratzte sich am Kopf. »Einen Moment, bitte. Ich muss mal eben etwas nachschauen.«
Schnell schwamm sie zurück ins Haus und ließ den verdutzten Flaschenpostboten draußen ist seiner Schockstarre stehen. War das etwa die gefürchtete Meerhexe, vor der jeder Meermensch in der Stadt unter dem Meer Angst hatte? Knut versuchte sich zu entspannen, doch da kam die Meerhexe schon wieder nach draußen. Sofort versteifte sich der alte Meermann wieder.
»Hier ist meine Bestellkarte.« Die Meerhexe wedelte mit einem kleinen Zettel im Wasser herum. »Ich habe die magischen Kräuter schon vor zehn Jahren bestellt. Ich dachte, die kommen nicht mehr, weil sich niemand zu mir traut.«
»Meine Kollegen werden schon gewusst haben, warum.« Knut konnte gar nicht glauben, dass ihm diese Worte über die Lippen gekommen waren. Sofort hob er die Hand vor den Mund, lief rot an und wünschte sich weit weg. Hatte nun sein letztes Stündlein geschlagen? Würde ihn die Meerhexe nun verzaubern?
Nein. Sie lachte und hielt sich dabei den Bauch. »Damit müssen sie meine Tante gemeint haben. Baer sie lebt schon eine ganze Weile nicht mehr. Ich bin ganz lieb und artig. Ich verzaubere nur manchmal meine Gäste. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich nicht so oft Besuch bekomme.« Si.e zwinkerte und ging auf Knut zu.
»Bist du eigentlich nicht neugierig, welches Zauberkraut ich mir bestellt habe? Möchtest du es mit mir gemeinsam ausprobieren?«
Nun bekam Knut wieder Angst. Er versuchte der Meerhexe auszuweichen, aber da war sie bereits heran. Sie griff ihn am Arm, nahm ihm die Flaschenpost ab und öffnete diese. Sie schüttete einen Teil der Kräuter über den Kopf des Meermanns und lachte. »Diese Bestellung habe ich nur für diesen einen besonderen Augenblick gemacht. Ich wünsche dir viel Spaß auf deiner Reise.«
Knut spürte, wie seine Haut zu kribbeln begann. Sein ganzer Körper begann zu glitzern und schien sich in immer kleinere Teile aufzuspalten. Nicht nur er, auch sein kleiner Begleiter Enno begann zu schreien. »Hallo! Hallo! Hallo!« Doch niemand außer der Meerhexe hörte sie. Niemand eilte ihnen zur Hilfe. Und dann waren sie von einem Augenblick zum nächsten verschwunden.
»Es hat geklappt.«, jubelte die Meerhexe. »Mein Zauber hat funktioniert.« Glücklich und zufrieden schwamm sie in ihr kleines, windschiefes Häuschen zurück und schloss die Tür hinter sich. Es war an der Zeit, die nächste Bestellung aufzugeben.
Nur wenige Sekunden später machte es vor dem Flaschenpostamt laut Plopp. Knut und Enno waren wieder da. Die Meerhexe hatte sie zurück gezaubert. Sie hatten den langen Weg nicht schwimmen müssen.
»as für ein toller Zauber.«, sagte Knut ehrfurchtsvoll. »Trotzdem möchte ich der Meerhexe nicht so schnell wieder begegnen.«

(c) 2022, Marco Wittler

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