1410. Die Hütte des Sammlers

Die Hütte des Sammlers

Josephine hatte sich einen wunderschönen Sommertag ausgesucht, um im Wald wandern zu gehen. Das Rascheln in den Baumkronen, das Zwitschern der Vögel und das Summen der Insekten begleiteten sie auf ihrem Weg.
»Das ist so herrlich hier. Das hätte ich schon lange machen sollen.«
Vor sich entdeckte sie eine Lichtung und freute sich bereits darauf, dort in der Sonne ihre Picknickdecke auszubreiten und sich ihren Proviant schmecken zu lassen.
»Was ist denn das?« Josephine passierte die letzten Bäume und stand plötzlich vor einer kleinen, windschiefen Hütte, die bestimmt schon bessere Tage gesehen hatte. Zuerst fielen ihr spannende, gruselige und traurige Geschichten ein, die sich hier vielleicht abgespielt hatten, doch dann wusste sie plötzlich, wo sie war. »Das muss die Hütte des Sammlers sein, von dem man im Dorf immer redet.«
Der Sammler. Das war dieser kauzige, alte Mann, den man seit Jahren niemand zu Gesicht bekommen hatte. Was genau er in seiner Hütte hortete, wusste niemand, aber es musste unglaublich seltsam sein. Josephine wurde neugierig und klopfte an.
Quietschend öffnete sich die Tür und gab den Blick in das staubige Innere frei. Hier war schon seit langer Zeit niemand mehr gewesen. Der Sammler schien verschwunden.
Josephine fasste sich ein Herz und betrat die Hütte. Sie kämpfte sich durch die Spinnweben und sah sich um. Sofort zogen zwei Regale ihre Blicke auf sich. Das eine war aus dunklem, das andere aus hellem Holz. In beiden standen kleine, mit Korken verschlossene Glasfläschchen, in denen Lichter glommen.
Josephine ging näher heran und las die Etiketten. Im schwarzen Regal standen unter anderem Hass, Ekel, Neid, Missgunst, Eifersucht und mehr. Auf der anderen Seite gab es neben Liebe auch Freundschaft, Vertrauen, Zufriedenheit, Mut und mehr.
»Sind das etwa Gefühle?«
Mit zitternden Fingern griff Josephine nach der Freude. Sie hielt einen Augenblick inne, dann zog sie den Korken heraus. Ein Teil des Glimmens setzte in Bewegung, schwebte auf sie zu und drang in ihre Brust ein.
Sofort flutete ein starkes Gefühl durch Josephines Körper. Sie wurde von großer Freude übermannt. Der Fund der Hütte machte sie unglaublich glücklich. Aber schon mischte sich etwas anderes dazu. »Diese Hütte darf auf keinen Fall in die falschen Hände geraten. Diese Sammlung kann in den falschen Händen zu großem Unheil führen. Jemand muss auf sie aufpassen.«
Josephine blickte durch das staubbedeckte Fenster und lächelte. »Jetzt bin ich wohl die kauzige Sammlerin, die ein Leben im Wald führt.« Sie schnappte sich einen Besen und begann, die Hütte wieder wohnlich zu machen.

(c) 2022, Marco Wittler

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