1538. Der Weihnachtsstern ist weg

Der Weihnachtsstern ist weg

»Heute ist eine ganz besondere Zeit im Jahr.«, wusste der alte Uhu zu berichten, während er auf seinem Ast thronte und den Tieren des Waldes wieder einmal von den Menschen erzählte. »Alle zwölf Monate reisen sie zurück in die Städte, in denen sie geboren wurden und treffen sich mit Freunden und Verwandten.«
Das war nichts, worüber sich die Tiere wunderten, denn viele von ihnen waren selbst ihr ganzes Leben lang auf Wanderschaft und befanden sich immer genau dort, wo es besonders viel zu fressen gab.
»In kleinen und großen Gruppen sitzen sie in ihren Häusern, speisen und trinken. Manche singen sogar gemeinsam.« Nun mussten die Tiere doch ein wenig kichern. Sie waren sich felsenfest sicher, dass die Wölfe, die hoch oben auf den nahen Felsen lebten, die besten Sänger der Welt waren, zumindest wenn man die Vögel nicht beachtete.
»Wenn sie ihre Rituale beendet haben, gehen sie gemeinsam ins Freie und blicken hinauf in den dunklen Himmel.«
»Aber was machen sie denn dann? Warum blicken sie nach oben?« Der Maulwurf, der wegen seiner schlechten Augen nicht sehr weit sehen konnte, kratzte sich am Kopf. »Dann könnten sie auch gleich in einen meiner Tunnel kriechen und gegen die Wand starren.« Sein Humor erntete großes Gelächter, wofür er sich mit einer Verbeugung bedankte.
Der Uhu wiederum hob einen Flügel, und spreizte eine einzelne Feder ab, als würde er wie ein Lehrer den Zeigefinger hochhalten. »Du wirst das vielleicht nicht glauben, mein blinder Freund, aber hoch über unseren Köpfen leuchten viele kleine Lichter, die nicht größer sind, als ein Sandkorn. Dennoch kann man sie mit bloßen Auge erkennen. Und zu dieser Jahreszeit, die Menschen nennen sie Weihnachten, ist eines unter diesen Lichtern besonders hell. Es ist der Weihnachtsstern.«
Ui. Ein Raunen ging über die kleine Lichtung bis in den Wald hinein. Stern, so wussten die Tiere, waren etwas ganz besonderes, denn sie sollte es bereits sein Anbeginn der Zeit geben. Sie waren älter, als der Uhu, älter als der Baum, ja sogar älter als der Wald selbst. Das zumindest erzählten viele Legenden.
Der Uhu zeigte hinauf, alle Augen folgten ihm und suchten. »Er ist … Moment.« Er sah nach links, nach rechts, vor, zurück und einmal über den gesamten Himmel hinweg. Dabei drehte er seinen Kopf fast einmal im Kreis herum. »Nanu. Wo ist er denn geblieben? Der Weihnachtsstern taucht sonst immer auf. Jedes Jahr. Das weiß ich ganz genau.«
Er blickte zu den Häusern. Was würde geschehen, wenn die Menschen den Stern nicht zu Gesicht bekämen? Wären sie traurig? Vielleicht bestürzt? Oder würden sie Angst und Panik bekommen?
»Das kann so nicht bleiben.«, entschied der Uhu. »Wir müssen dringend etwas unternehmen. Uns bleibt nicht viel Zeit.«
Er dachte nicht lange nach, steckte je eine Feder von jedem Flügel in seinen Schnabel und pfiff damit so laut, dass es vermutlich noch am anderen Ende des Waldes zu hören war.
Neugierig sahen sich die anderen Tiere um. Was würde nun geschehen? Was hatte der alte Vogel vor?
Wie aus weiter Ferne war plötzlich ein leises Summen zu hören, das mit jedem Augenblick lauter und zu einem kräftigen Brummen wurde. Ein großer Schwarm Glühwürmchen tauchte auf, umkreiste einmal die Lichtung und blieb schließlich als leuchtende Kugel in der Luft hängen.
»Heute Nacht seid ihr der Weihnachtsstern für die Menschen. Fliegt hinauf in den Himmel, nehmt den leeren Platz zwischen den anderen Lichtern ein und strahlt so hell, wie ihr noch nie zuvor gestrahlt habt.«
Die Glühwürmchen ließen sich kein zweites Mal bitten. Sie starteten, schlugen kräftig mit ihren Käferflügeln und machten sich auf den Weg. Weit kamen sie allerdings nicht. Sie kehrten sogar wieder zum Wald zurück.
»Wir sind nicht kräftig genug. Wir sind viel zu klein und zu schwach für so eine weite Reise. Wir brauchen Hilfe.«
Der Uhu legte seine Stirn in Falten, während die anderen Tiere auf eine Lösung warteten. Was hier gerade stattfand, war spannender als der Tatort am Sonntagabend.
»Ich hab es!« Der Uhu breitete seine Flügel aus. »Ich hole Hilfe. Ihr wartet so lange hier und bewegt euch nicht vom Fleck. Ich bin in wenigen Minuten zurück.« Er hob ab. Lautlos wie ein Geist, glitt er durch die Luft und verschwand schnell in der Dunkelheit.
Banges Warten machte sich auf der Lichtung breit. Würde er rechtzeitig wieder da sein? Würde der die benötigte Hilfe finden? Die Tiere begannen zu tuscheln, suchten selbst nach Lösungen. Eines von ihnen erfand schnell eine Zwille. Dann war es aber enttäuscht, dass es zur benötigten kleinen Astgabel kein Gummiband im Unterholz finden konnte.
Auf einmal war ein Flattern zu hören, dass von vielen hundert Flügeln zu stammen schien. Man konnte allerdings nichts sehen. »Wer ist denn da?«, fragte jemand und bekam prompt eine Antwort, als unzählige schwarze Schatten an ihm vorbeirasten.
»Der Uhu hat die Fledermäuse aus dem Winterschlaf geweckt.« Jubel brandete den Helfern entgegen, die jeder ein Glühwürmchen packte und in den Himmel hinauftrugen. Nach ein paar Minuten formten sie einen hellen, leuchteten Punkt am Himmel, der alle anderen Sterne überstrahlte.
»Schaut, was dort passiert.« Der Uhu zeigte zu den nahen Häusern. Gerade öffneten sich die Türen. Die Menschen strömten auf die Straße und blickten staunend zum Himmel hinauf. Dann begannen sie wieder zu singen und hielten sich an den Händen fest.
»Wir haben es tatsächlich geschafft.«, sagte der Uhu zufrieden. »Frohe Weihnachten, meine Lieben Freunde. Frohe Weihnachten.«

(c) 2023, Marco Wittler

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