1537. Weiße Weihnacht

Weiße Weihnacht

Der alte Leuchtturmwärter trat an das große Fenster, durch das in der Nacht das Licht weit hinaus auf das Meer strahlen würde und blickte sehnsüchtig in die Ferne. Während er den ganzen Tag mit Vorbereitungen beschäftigt war, waren die Seeleute, Fischer und Piraten dort draußen auf See und trotzten dem Wetter und den Gezeiten.
Der Alte stieg wieder die Wendeltreppe hinab, betrat die warme Stube und blickte ein weiteres Mal auf den gedeckten Tisch und den geschmückten Baum in der Ecke. Heute Abend würden alle seine Freunde zu Gast sein, der Freibeuter mit der Augenklappe, Fischers Fritz und Matrose Mike. Sie würden gemeinsam speisen, sich gegenseitig Seemannsgarn erzählen, vor Lachen die Bäuche halten und die Nacht durchmachen. Das machten sie jedes Jahr zu Weihnachten.
»Jetzt müssen sie nur noch in den Hafen einlaufen. Es kann nicht mehr lange dauern.« Der Leuchtturmwärter stieg wieder nach oben. »Was ist denn das?« Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Die dunklen Wolken waren vor ein paar Minuten noch nicht da.«
Und sie kamen schnell näher, denn ein Sturm trieb sie vor sich her. Kräftiger Wind blies gegen das Fenster und wie auf ein stummes Kommando wurden im Himmel große Schleusen geöffnet. Es begann zu schneien. Dicke Flocken führten einen wilden Tanz auf, wirbelten durch die Luft und legten sich auf die Erde wie eine dicke, weiße Decke.
»Oh je. Wenn das so weitergeht, werden es meine Freunde nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen. Hoffentlich passiert ihnen unterwegs kein Unglück.«
Plötzlich krachte es eine Etage tiefer. »Beim Klabautermann, was ist passiert?« Der Alte lief schnell die Treppe hinab, übersprang jede zweite Stufe und stand unvermittelt vor einer Katastrophe. Der Sturm hatte ein Fenster aufgedrückt und blies den Schnee in großer Menge in die Stube. Das Feuer im Kamin war bereits erloschen, ebenso die Kerzen am Weihnachtsbaum. Das Essen versank unter unzähligen Flocken.
»Das war es dann wohl. Jetzt kann ich Weihnachten vergessen. Das hat es noch nie in meinem Leuchtturm gegeben.« Er ging zum Fenster, schloss es und begann, das Chaos zu beseitigen. Der Tisch war schnell abgeräumt, das Kaminfeuer erneut entzündet. Die Kerzen am Baum wollten sich aber nicht wieder entzünden lassen. Ihre Dochte waren teilweise abgebrochen und die anderen zu feucht.
Es klopfte an der Tür. Jemand öffnete sie. »Hey ho!« Da standen Fritz, Mike und der Freibeuter. »Dürfen wir reinkommen? Alles andere wäre unhöflich, denn das Wetter ist nicht gerade freundlich zu uns.«
Der alte Leuchtturmwärter seufzte und nickte. »Kommt rauf zu mir, aber erwartet euch nicht zu viel. Der Sturm hat unser Weihnachtsfest sabotiert. Der Baum wird heute nicht mehr leuchten.«
Der Freibeuter wollte gerade die schwere Eisentür hinter sich schließen, als ein Schwarm kleiner Lichter hereingeflogen kam und sich auf der Tanne verteilte.
Der Alte lachte. »Selbst den Glühwürmchen ist der Sturm zu ungemütlich. Auch ihr seid mir herzlich Willkommen. Feiert mit uns und spendet uns dafür euer Licht.«
Er stellte eine kleine Schale mit Zuckerwasser an den Weihnachtsbaum für die kleinen Käfer und gesellte sich dann zu seinen Freunden an den Tisch. So ein verrücktes Weihnachten hatte er noch nie erlebt.

(c) 2023, Marco Wittler

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