1719. Roselotte Brombeergeist im Glanz der Lichter

Roselotte Brombeergeist im Glanz der Lichter

In einer dunklen, kalten Nacht lag absolute Stille über dem finsteren Wald. Es schien, als würden seine Bewohner allesamt ihren Winterschlaf zu genießen. Irgendwann ging hinter dem weit entfernten Horizont der Vollmond auf, schob sich langsam, aber beständig den Himmel hinauf und drängte sich zwischen die kleinen, funkelnden Sterne, die bereits ihre Plätze eingenommen hatten. Als ein erster Strahl seines Lichts über die Baumwipfel hinweg ging und eine unscheinbare Lichtung traf, tat sich plötzlich was.
Inmitten einer Wiese, die vom Frost überzogen war, öffneten sich nach und kleine, weiße Blumen, in deren Blüten sich etwas, jemand, regte. Nach und nach wurden kleine Geister geweckt, in deren Körper ein schwaches Licht zu glimmen begann und die Lichtung ist eine ganz neue Stimmung tauchte. Die einen versammelten sich, tauschten sich über ihre Träume aus, andere suchten den nahen Waldrand auf, um dort nach letzten Beeren, Nüssen und Samen zu suchen, mit denen sie hungrige Tiere in der Nachbarschaft zu füttern. Lediglich aus einer letzten Blume war lautes Schnarchen zu hören.
»Ähem!« Der Oberste Geist dieser kleinen Gemeinschaft war hierher geschwebt und räusperte sich. » Roselotte Brombeergeist, möchtest du nicht langsam wach werden? Ich bin mir sicher, dass du diese Nacht nicht versäumen möchtest.«
Das kleine Geistermädchen gähnte laut, rieb sich die Augen und schlug sie ein erstes Mal auf. Ihr müder Blick wich augenblicklich einer ernsten Miene. »Ich hab dir schon so oft gesagt, dass du mich Lotti nennen sollst. Roselotte Brombeergeist ist viel zu lang. Da bin ich schon längst wieder eingeschlafen, bevor mich jemand komplett angesprochen hat.«
Da sie nun schon einmal wach war, machte sie sich auf den Weg nach unten. Statt wie ihre Artgenossen einfach durch die Luft zu schweben, kletterte sie mühsam am Stiel ihrer Blume herab, bis sie festen Boden unter ihren schweren Stiefeln spürte. Da sie es bei ihrer Geburt etwas zu eilig hatte, verfügte sie nicht über die typischen Fähigkeiten anderer Geister.
»Brrr. Ist das kalt hier. Mir frieren meine Zehen ein. Warum muss ich zu dieser Zeit überhaupt aufstehen?«
Der Oberste runzelte die Stirn. »Ich verstehe die Frage nicht. Wir sind Geister. Wir stehen eben auf, wenn der Vollmond uns weckt und kümmern uns um unsere Aufgaben.«
»Also mich hat der Vollmond nicht geweckt.«, entgegnete Lotti und grinste breit. »Das warst du. Darf ich dann wieder zurück in meine Blume?« Die Frage hatte sie nicht ernst gemeint. Zum Einschlafen war sie nun eh viel zu wach.
Während die anderen Geister geschäftig waren, sah sich Lotti auf der Lichtung um. Seit dem letzten Vollmond schienen Menschen hier gewesen zu sein, die für einige Veränderungen gesorgt hatten, ohne die Gemeinschaft der Geister zu bemerken. Hier und da hingen bunte Kugeln an Ästen und Zweigen und zeugten von einer Zeit, die gerade vorbei gegangen war. »Weihnachten!«, entfuhr es dem Geistermädchen. »Wenn das ich gewusst hätte, hätte ich mir einen Wecker gestellt, um es mitzuerleben. Dafür dann im nächsten Jahr. Aber schön schaut es ja aus.«
Kaum hatte sie sich darüber Gedanken gemacht, verschwand der Baumschmuck nach und nach. Die anderen Geister nahmen die Kugeln eine nach der der anderen von den Ästen und sammelten sie in einem alten Fass, dass im Schutz einer großen Eiche stand.
»Aber … aber …« Lotti wurde traurig. In der grauen, dunklen Winterzeit, gab es eh schon viel zu wenig Farben und Glanz, warum mussten gerade jetzt die schönen Kugeln verschwinden?
»Ich muss etwas dagegen unternehmen.«
Sie sah sich um, überlegte, schmiedete einen Plan.
»Der Mond muss mir helfen.«
Das Geistermädchen marschierte in die Mitte der Lichtung, genau auf die Stelle zu, in der sich gerade der erste Lichtstrahl befand, der vom Erdtrabanten immer noch zum Boden geschickt wurde.
Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch, setzte Lotti einen ersten, dann den zweiten Fuß darauf. Der Strahl fühlte sich fest und vertrauenswürdig an, also ging sie weiter.
Sie kam der großen, runden, weißen Scheibe immer näher, bis sie schließlich sein Gesicht erkennen konnte und er wiederum sie bemerkte.
»Nanu?«, wunderte sich der Mond. »Was machst du denn hier? Hast du dich verlaufen? Mich kommt normalerweise niemand hier besuchen.«
Lotti grinste. »Mein Name ist Roselotte Brombeergeist, aber alle nennen mich Lotti. Wenn du magst, erzähle ich dir einen Witz.«
Sie begann zu reden, erzählte einen Witz nach dem anderen und brachte den Mond immer wieder so sehr zum Lachen, dass ihm dicke Tränen an den vollen Wangen herunter kullerten und zur Erde fielen. Die kalte Winterluft gefror sie in Sekunden, so dass bunt glitzernde Eiskristalle auf den Bäumen des finsteren Waldes landeten und ihn so sehr zum strahlen brachten, wie ihn noch niemand zuvor gesehen hatte.
»Ist das nicht toll?«, fragte Lotti den Mond.
»Oh ja, das ist richtig toll.«, antwortete der Mond begeistert. »Heute Nacht hat sich das Aufstehen wirklich gelohnt.«

(c) 2026, Marco Wittler

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