1721. Ninos großer Traum vom Fliegen

Ninos großer Traum vom Fliegen

Nino war schon sehr zeitig aufgestanden. Zusätzlich er sich ganz schön beeilt, um bis zur Mittagsstunde den Tisch am Küchenfenster zu erreichen.
Jetzt fragst du dich bestimmt, wer so viel Zeit braucht, um vom Bett bis in die Küche zu kommen. Nun, die Frage ist sehr schnell beantwortet. Nino war nämlich eine Schnecke. Natürlich war das nicht der einzige Grund, warum er so langsam durch den Flur kroch. Dazu kam noch, dass Nino auf seinem Rücken ein weiteres, kleineres Haus immer mit sich führte.
»Jeder sollte ein Haus dabei haben.«, erklärte er dann immer, wenn er nach dem Grund gefragt wurde. »Bei plötzlichem Regen kann man sich nach drinnen begeben. Wenn man Freunde trifft, hat man immer gekühlte Getränke dabei und kann sich überall im eigenen Vorgarten zum Quatschen niederlassen. Und natürlich steht immer ein Bett für ein spontanes Nickerchen bereit.«
Pünktlich zur Mittagsstunde setzte er sich an seinen Lieblingsplatz. Von hier aus konnte man nicht nur den den See und den Wald bewundern, sondern auch die Dächer der Stadt, die sich auf einer leichten Anhöhe befand, über den Baumwipfeln sehen.
Nino griff in eine große Tüte und füllte Futter in eine Schale am Boden. Wie jedes Mal, hatte er auch heute versucht, dies so leise wie möglich zu machen, doch die Ohren seines treuen Gefährten Wuschel, konnten ihn noch in der hinterletzten Ecke des Hauses hören. Wie ein Wirbelwind kam er angelaufen und begann zu fressen.
Auch Nino gönnte sich nun ein leckeres Salatbrötchen und eine Tasse Kakao dazu, bevor er sich an seine Pläne machte, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen.
»Ich bin mir sicher, dass mir heute der Durchbruch gelingt. Ich arbeite schon so lange an meinem Traum, dass es endlich so weit sein muss. Mir fehlt nur noch eine Kleinigkeit. Wenn ich nur wüsste, was es ist.«
Es war schon ein paar Jahre her, da hatte Nino unter einem Baum am See gesessen. Unter einem Blatt eines niedrigen Astes hatte sich eine Raupe verpuppt. Da Schnecken es in der Regel nicht eilig haben, hatte er neugierig abgewartet und zugeschaut. Es waren ein paar Tage ins Land gegangen, bis sich die harte Schale wieder geöffnet hatte. Unter größten Anstrengen und mit Hilfe eines winzigen Dosenöffners, war ein Tier aus der Puppe gekrochen, das nun gar nicht mehr wie eine Raupe ausgesehen hatte. Sie hatte sich in einen bunten Schmetterling verwandelt und flog nach kurzer Zeit davon.
»Seitdem träume ich davon, mein lieber Wuschel, mich selbst in die Lüfte zu erheben und die Welt von oben zu betrachten.«
Wieder starrte Nino auf die wilden Kritzeleien, die er seitdem angefertigt hatte. Da waren riesige Flügel an sein Schneckenhaus angebracht, mal ein Propeller oder auch ein Heißluftballon. Doch die Versuche mit all den Ideen waren gescheitert. Die Flügel zu schwer, der Propeller nicht schnell genug und das Feuer, um die Luft im Ballon aufzuheizen viel zu gefährlich. »Es braucht etwas ganz Anderes.«

Es klopfte an der Tür. Der Briefschlitz öffnete sich und die Zeitung wurde eingeworfen. Sie landete auf dem Boden und verlor dabei einen Werbezettel, der Nino sofort in die Augen fiel.

GROßER RUMMEL AUF DEM MARKTPLATZ
NUR DIESES WOCHENENDE

Nino riss die Augen auf. »Das ist es, Wuschel! Das ist die Idee! Wir müssen sofort aufbrechen und zum Rummel gehen.«
Eigentlich wäre der Weg für eine Schnecke viel zu weit gewesen. Doch seit geraumer Zeit hatte Nino auch dafür eine Lösung. Er holte sein Skateboard aus dem Schrank, kroch mit seinem Fuß darauf und band Wuschel eine Leine um. »Auf geht’s, mein kleiner Freund. Zieh mich in die Stadt.«
Wuschel bellte begeistert. Der letzte Ausflug war schon wieder viel zu lange her.
Es ging den ganzen Waldweg entlang, über Kieselsteine hinweg, über Schotter, der die Schnecke ordentlich durchrüttelte und über manchen Stock und Stein, die Nino beinahe angeworfen hätten. »Wie gut, dass mein Schneckenschleim so gut klebt.«
Schon am frühen Nachmittag erreichten sie den Marktplatz, der von schicken, bunten Häusern umgeben war. Die anderen Tiere, die hier spazierten und flanierten, grüßten Nino, bevor sie im Autoscooter und in der Achterbahn Platz nahmen.
Nino steuerte sehr zielsicher auf einen Bären zu, der sich als Clown verkleidet hatte und in seiner Hand mindestens zwei Dutzend Luftballons an Schnüren hielt, die über seinem Kopf in der Luft schwebten.
»Davon brauchen wir ein paar.«
Nino holte seinen Geldbeutel aus der Tasche, öffnete ihn und schüttelte ein paar rostige Münzen und ein paar verbogene Hosenknöpfe heraus.
»Wuschel, weißt du, woher die Knöpfe kommen? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht eine Hose besessen.«
Er zuckte mit den Schultern, legte alles dem Bären in die Hand, der kurz zählte und schließlich drei Ballons übergab.
Nino bedankte sich, bevor er den Knoten des ersten Ballons öffnete und das leichte Heliumgas in sein Schneckenhaus füllte. Das tat er auch mit den anderen Ballons, bis sich plötzlich sein Fuß vom Boden löste und er zu schweben begann.
»Ich hab es geschafft. Schau dir das an, Wuschel. Ich fliege.«
Schnell winkte er seinen Hund zu sich, nahm ihn in die Arme, bevor sie gemeinsam den Wolken entgegen schwebten, als wären sie ein Wattebausch im Wind.
Schnell ging es vorbei am Erdgeschoss der Häuser, am ersten und zweiten Stock und den Dächern. Nun wurde das Schneckenhaus wirklich vom Wind erfasst und in Richtung des Waldes gepustet. Ganz gemächlich flogen Nino und Wuschel auf die Bäume zu, bis sie auf der Spitze der höchsten Tanne landeten.
»Und weißt du, was wir jetzt machen?«
Nein, das wusste Wuschel freilich nicht, also schüttelte er seinen Kopf.
»Jetzt erleben wir die Fahrt unseres Lebens.«
Nino holte tief Luft, zog sich kurz in sein Schneckenhaus zurück, um die Fenster zu öffnen. Das leichte Gas konnte entweichen.
Nino kam mit dem Skateboard wieder heraus, kroch darauf und nahm Wuschel auf die Arme. »Jetzt geht’s los!«
Sie stießen sich ab, rasten dem Boden entgegen, umrundeten dabei mehrmals den Baumstamm, wichen immer wieder den Ästen aus, bis sie den Boden erreichten. Doch da war der Schwung noch lange nicht aufgebraucht. Das Skateboard fuhr einfach weiter. Es ging über Stock und Stein, Schotter und Kies, bis es vor Ninos Haus Halt machte.
»Was für eine irre Fahrt.«, war Nino begeistert. »Das müssen wir nächstes Jahr beim Rummel unbedingt wiederholen. Vielleicht wird es dann noch etwas spektakulärer.«

(c) 2026, Marco Wittler

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