1722. Der Tag der Kumpel-Ente

Der Tag der Kumpel-Ente

Der Parkplatz war wie leergefegt. Lediglich ein alter Schwimmreifen lag unbeachtet vor einem der Büsche.
Ein zarter Windhauch, der kaum zu spüren war, zog auf. Ob wohl es kaum vorstellbar war, hob er den Reifen an, drückte ihn hoch und rollte ihn den nahen weg entlang, bis sich kurz vor dem Gasometer im Asphalt eine versteckte Falltür öffnete, in der er verschwand. Nur Sekunden später wirkte alles so, als wäre nie etwas geschehen.
Währenddessen rollte der Reifen durch einen spärlich beleuchteten Gang, bis er in einer durch Menschen unentdeckten Tiefgarage zurück auf die Seite kippte und liegenblieb.
Im Gummi des Reifens öffnete sich eine Tür. Erst jetzt wurde klar, dass es sich um ein gut getarntes Fahrzeug handelte, das auf keinen Fall auffallen sollte.
Benni, der hinter dem Steuer saß, schnallte sich ab und stieg aus. Er griff zum Aktenkoffer, klemmte ihn sich unter den Arm und verschloss die Tür sorgfältig. Auf kleinen Füßen, die sich unter seinem dicken Bauch befanden, watschelte er zum Aufzug, dessen Türen sich bei Annäherung zischend öffneten. Er trat ein. »Oberste Etage!« Die Türen schlossen sich, die Kabine setzte sich mit einem kräftigen Ruck in Bewegung und kam nur wenige Sekunden später wieder zum Stehen.
Vor Bennis Augen breitete sich das geräumige Büro der Quietscheenten Agentur aus. Natürlich war er wieder der Letzte, der am Arbeitsplatz erschien.
»Na, wieder den Bus verpennt?«, fragte Theo, der mit seinem Bauhelm kaum hinter seinem Monitor zu sehen war. Dafür konnte man sehr gut hören, wie er mit gerade einmal zwei Fingern nach jeder einzelnen Taste suchen musste.
»Stau auf der 42. Selbst mit meinem kleinen Schwimmring bin ich nicht durchgekommen.« Er ging an seinen Platz, sah in die Runde. Ihm gegenüber saß Stella, die ein rosas Schleifchen seitlich am Kopf trug, am anderen Raumende die Computernerds Emilia und Mohammed, den aber alle nur Mo nannten.
Benni blickte auf seinen Stapel Papiere hinab, die er heute zu bearbeiten hatte und seufzte. »Ich kann das alles nicht mehr. Jeden Tag den gleichen Trott. Wie haltet ihr das bloß aus? Ich muss mal an die frische Luft.« Ohne auf eine Antwort zu warten, watschelte er weiter, nahm die Treppe, die auf das Dach führte und ließ vier ratlose Gesichter hinter sich.
Er marschierte quer über das riesige Dach, bis er den Rand erreichte und auf die Stadt blicken konnte. Er schloss die Augen, holte mehrmals die tief Luft und spürte, wie die Anspannung in ihm langsam nachließ.
»Ich denke, es ist an der Zeit, mein langweiliges Schreibtischleben hinter mir zu lassen und das zu tun, was mein Herz mir sagt. Ich muss jetzt endlich etwas ändern.«
Benni legte seinen Aktenkoffer vor sich auf den Boden, und öffnete ihn langsam. Er holte eine schwarze Hose, eine schwarze Jacke, eine Lampe und einen Helm, in die er sich wie bei einer wichtigen Zeremonie kleidete. Dann richtete er sich auf. Er spürte, wie ihn ein neues Gefühl durchströmte. Es war eine Mischung aus Mut und Entschlossenheit. Während er seinen Blick schweifen ließ, strich er sich mit dem Flügel über den mit Kohlenstaub verdreckten Anzug und malte sich einen dunklen Streifen, einer Maske nicht unähnlich, von einem Auge zum anderen. Leise begann er zu murmeln, wurde aber mit jedem Wort lauter.

»Aus Koks und Stahl gebor‘n
Hier hab ich mein Herz verlor‘n
Ruhrplörre fließt in meinen Venen
Den Pott hab ich in meinen Genen

Zwischen Emscherstrand und Neue Mitte
Hat dat Gesocks jetzt keine Schnitte

Schwarzer Anzug und ne Grubenlampe
Watschelgang und dicke Wampe
Dank der Kumpel-Ente ist jetzt Schluss mit lustig
Für das Verbrechen wird‘s jetzt mächtig frustig

Ich schütz dich, wenn‘s sein muss früh um Vier
Meine Heimat, Oberhausen, dat Revier.«

»Benni?«
Er riss erschrocken die Augen auf. Stella war unbemerkt aufs Dach gekommen und stand nun wenige Meter hinter ihm. Er traute sich nicht, sich umzudrehen. Kaum hatte er sich das erste Mal getraut, als Superheld in Erscheinung zu treten, gab es schon die erste Person, die hinter sein Geheimnis gekommen war. Wie konnte man nur so viel Pech haben?
»Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?«
»Schau mich bitte nicht an. Es ist alles ganz anders, als du denkst.«
Sie legte ihm einen Flügel auf die Schulter. »Ich bin nicht grundlos hier. Dreh dich bitte um.«
Benni begann am ganzen Körper zu zittern. Er holte tief Luft, drehte sich langsam um und riss ein weiteres Mal die Augen auf. Dieses Mal aber nicht in Panik, sondern völlig überrascht. Vor ihm stand eine Quietscheente, die er niemals als eine ihm bekannte Person erkannt hätte. Stella trug Trikot, Hose und Strümpfe in roter Farbe, einen dazu passenden Schal um den Hals und eine weiße Stoffmaske über den Augen.
»Hallo Kumpel-Ente, ich bin Pöhler-Duck.« Sie lächelte verlegen. »Du siehst, du bist mit deinem Geheimnis nicht allein.« Sie legte ihm nun beide Flügel auf die Schultern. »Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam den Pott vor dem Bösen schützen?«
Bennis Blick hellte sich auf. Er fühlte sich ernst genommen und verstanden. Er begann zu lächeln und nickte. »Willkommen im Team.«
Sie stellten sich gemeinsam an den Rand des Daches und blickten hinab. Alles war ruhig. Wegen der Umbauarbeiten im Gasometer, tat sich auch auf den umliegenden Parkplätzen nicht viel, bis eine größere Menschengruppe auftauchte und sich am nahen Bootshaus versammelte. Gleichzeitig blieb in östlicher Richtung ein LKW auf der Brücke stehen.
»Was geht da vor sich?« Benni kniff die Augen zusammen, versuchte etwas zu erkennen.
Der LKW rangierte hin und her, bis er quer auf der Straße stand. Dann stellte sich die Laderampe langsam auf. In großer Menge rutschten tausende Quietscheenten herunter, stürzten in die Tiefe und landeten unter der Brücke im Wasser des Rhein-Herne-Kanals.
Benni erschrak. »Was zum … was machen die denn da? Das geht nicht. Wir …« Er blickte Stella entschlossen an. »Wir müssen unsere Artgenossen retten.« Nur zu gern hätte er sich direkt in die Tiefe gestürzt, leider fehlte ihm die Fähigkeit zu fliegen.
Er musste nichts sagen. Stella wusste sofort Bescheid. Sie griff über den Rand des Daches nach unten, riss das große Werbebanner für die kommende Ausstellung ab und reichte Benni eine Seite. Die hältst dich daran fest, ich hier. Wir benutzen es wie einen Fallschirm. So schaffen wir es gemeinsam zum Kanal hinunter.«
Sie sprangen. Es klappte. Gefahrlos segelten sie zum Boden. Doch statt mit dem Banner die Quietscheenten direkt einzusammeln, gaben sie ihnen damit einen Stoß, schoben sie sanft vor sich her, bis sie am Bootshaus gemeinsam unter einem roten Seil hindurch schwammen.
Benni watschelte stinkwütend an Land. Stella folgte ihm. »Was habt ihr euch nur dabei gedacht?«, herrschte er die Menschen an. »Warum habt ihr das gemacht? Für ein ordentliches Entenrennen braucht es ein Gewässer mit Strömung, keinen ruhenden Kanal. Werft die Enten gefälligst das nächste Mal in die Emscher. Dann wird das auch was.«
Ohne die Umstehenden eines weiteren Blickes zu würdigen, nahm er Stellas Flügel und zog sie hinter sich her. Sie watschelten zurück zum Gasometer, wo sie sich noch im Aufzug wieder umzogen, um anschließend ins Büro zu treten, als wäre nichts gewesen.
»Ähm, Moment mal. Wie kommt ihr in den Aufzug?« Mo sah die beiden verwirrt an. Seid ihr nicht erst vor ein paar Minuten rauf aufs Dach?«
Benni blickte Stella entgeistert an. »Wir? Niemals. Das hast du dir bestimmt nur eingebildet.« Die Beiden zwinkerten sich grinsend zu und setzten sich an ihre Schreibtische. Nun machte auch der langweiligste Bürojob wieder Spaß.

(c) 2026, Marco Wittler

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