1743. Anton geht zu Fuß

Anton geht zu Fuß

Tick.
Tack.

Tick.
Tack.

Die leisen, monotonen Geräusche der alten Standuhr im Flur nahm normalerweise niemand war, obwohl sie ohne Unterlass zu jeder Sekunde zu hören waren. Doch nun, ganz tief in der Nacht, während es überall leise war, bohrten sie sich regelrecht in Antons Ohren.

Tick.
Tack.

Tick.
Tack.

Er blickte durch ein Fenster nach draußen und starrte gegen eine tief schwarze Wand. Die Nacht auf der anderen Seite der Glasscheibe war nicht nur dunkel. Sie war absolute Finsternis. Kein einziger Lichtstrahl des Mondes, kein verirrter Stern war zu erkennen, denn eine dichte Wolkendecke versperrte allem die Sicht. Es war eine Nacht, von der man genau wusste, dass man sich nicht vor die Türe wagen sollte. Und doch …
»Mir ist klar, dass man sich in einer solchen Nacht nicht vor die Türe wagen sollte …«. Anton hielt kurz den Atem an. »Und doch wird es langsam für mich Zeit aufzubrechen. Mein Weg ist noch weit und ich sollte vor Sonnenaufgang Zuhause sein. Niemand aus meiner Familie weiß, dass ich nicht in meinem Bett liege und schlafe, sondern bei meinem besten Freund zu Besuch bin.«
Er klopfte Tim auf die Schulter, drückte ihn noch einmal fest an seine Brust, bevor sich seinen Rucksack umschnallte und das Haus verließ.
»Pass gut auf dich auf und sei vorsichtig. Es heißt, dass in Nächten wie diesen schaurige Wesen auf den Straßen und Wegen unterwegs sind. So manch Wanderer ist nie mehr heimgekehrt.«
Tim machte sich große Sorgen, hätte Anton am liebsten bei sich behalten, doch dieser hätte sich niemals aufhalten lassen. Sie verabschiedeten sich ein letztes Mal, bevor sich Anton umdrehte und mit dem ersten Schritt von der Dunkelheit verschluckt wurde.
»Mir wird schon nichts passieren.«, sprach er mit fester Stimme vor sich hin. »Nur warum musste er gerade jetzt noch solche Schauergeschichten erzählen?«
Es ging über gerade Straßen und kurvige Wege. Mal musste er hinauf, dann wieder hinunter. Mal wurde der Wald, durch den Anton gehen musste, dichter und mal offener, bis er schließlich ganz verschwand.
Zunächst machte er sich darüber keine Sorgen, doch nachdem im bewusst wurde, dass sich auch die Beschaffenheit des Bodens schon vor einer ganzen Weile unter seinen Füße deutlich verändert, blieb er unruhig stehen.
»Da stimmt doch etwas nicht.« Anton sah sich um, konnte aber nicht einmal eine Hand vor Augen, geschweige denn seine Füße unter sich erkennen.
»Ich muss mich verlaufen haben, die Frage ist nur wo.« Er überlegte krampfhaft, ob er umkehren oder weitergehen sollte. Ein Zurück kam für ihn nicht in Frage, denn den Weg hätte er in der Dunkelheit niemals gefunden. Er konnte nur hoffen, dass er bald genug würde sehen können, um eine Orientierung zu haben.
Anton ging weiter, tastete sich vorsichtig mit den Händen voran, um sich nicht irgendwo zu stoßen, als der Boden unter ihm erbebte. Er schwankte hin und her.
»Ich muss hier weg!«
Anton bekam Panik und rannte los, stolperte und stürzte in die Tiefe. »Hilfe!« Er schlug auf dem Boden auf und blieb benommen liegen. Es reichte nur noch für einen letzten Gedanken: »Hoffentlich kommen jetzt keine Geschöpfe der Nacht, die mich fressen.« Dann verlor er das Bewusstsein.
Zeit verging und damit auch die Nacht. Erst mit dem ersten Sonnenstrahl, der Anton mitten ins Gesicht traf,
kam er wieder zu sich.
»Wie? Was? Wo bin ich?«
Ungläubig tastete er seinen Körper ab. Es schien kein Teil zu fehlen. Es waren keine Monster erschienen.
Langsam kam Anton wieder auf die Beine. Erst jetzt sah er, wo er sich befand. Er war in der Nacht in eine Schlucht gestürzt. Ein Glück, dass er das überhaupt überlebt, ein Wunder, dass er sich nicht einmal verletzt hatte.
Er wollte sich wieder auf den Heimweg machen, als die Sonne von einem riesigen Schatten verdeckt wurde.
Anton sah auf, erschrak und begann panisch zu schreien. »Da sind sie! Die Monster haben mich gefunden.«
Eine riesige Hand senkte sich auf ihn herab, packte Anton und hob ihn auf. Zwei Augen, die größer waren als alles, was er sich vorstellen konnte, starrten ihn böse an. »Jetzt weiß ich endlich, was mich die ganze Nacht gekitzelt hat. Da saß eine kleine Ameise in der Falte auf meiner Wange.«
Der alte Mann, der nun erleichtert auf Anton hinabblickte, erhob sich aus seinem Bett, öffnete das Fenster und setzte ihn vorsichtig nach draußen.
»Genieß deine Freiheit und komm gut nach Hause, kleiner Freund.«

(c) 2026, Marco Wittler

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