Zwei zauberhafte Kater sorgen für Ruhe
Der Tag hätte nicht schöner sein können. Warme Sonnenstrahlen hatten sich in regelmäßigen Abständen mit watteweichen Schäfchenwolken abgewechselt. So war es weder zu heiß, noch zu kühl gewesen. Besser hätte es eigentlich nicht werden können, doch nun rundete ein Sonnenuntergang den Abend mit einem grandiosen Farbenspiel ab. Der tiefblaue Himmel verlief von einem leichten Gelb, über ein sattes Orange zu einem unglaublich schönen Rot, das jeder reifen Kirsche hätte Konkurrent machen können.
»Ist das nicht wunderschön?« Die kleine Hexe rückte ihre dunkle Sonnenbrille zurecht, mit der sie ihre viel zu empfindlichen Augen vor zu hellem Licht schützte. »Wenn es doch nur jeden Tag so schön sein könnte.«
Nur zu gut erinnerte sie sich an die viel zu heißen Tage, die noch nicht so lange zurücklagen und ihr schlaflose und verschwitzte Nächte bereitet hatten. Da war es heute deutlich angenehmer.
Die kleine Hexe legte ihre linke Hand auf Anton, die rechte auf Tim. Ihre Kater hatten es sich nicht nehmen lassen, die letzten Stunden des Tages mit ihr auf der Bank vor dem windschiefen Haus, das sich mitten im Wald befand, zu verbringen und zufrieden vor sich hin zu schnurren.
Während die Zeit verging und sich die Nacht immer mehr in der Vordergrund drängte, wurde es immer dunkler und die ersten Sterne zeigten sich am Himmel.
Die kleine Hexe klopfte sich auf die Oberschenkel und stand auf. »Es wird kalt. Wir sollten zurück ins Haus gehen.« Sie hielt sich eine Hand hinter das Ohr und lauschte. »Ich glaube, ich höre unser Bettchen. Es ruft ganz lauf nach uns. Das wäre doch der perfekte Augenblick, dass wir uns um eine Mütze voll Schlaf kümmern.«
Sie ging ins Haus. Die beiden Kater folgten ihr zu beiden Seiten. Eine halbe Stunde später schliefen sie auf einer dicken, gemütlichen Matratze, die kleine Hexe unter, die Kater auf der weichen Decke.
Während die Hexe von einem Ausflug an den Waldsee träumte, jagten Anton und Tim hinter kleinen Mäusen her, die viel zu schnell und zu schlau waren, um sich fangen zu lassen. Es hätte also eine wunderschöne, ruhige Nacht werden können, wenn sich nicht ganz unbemerkt eine dicke Wolkendecke vor den Sternenhimmel geschoben hätte.
Plötzlich schoss ein Blitz zur Erde nieder. Für die kurze Zeit eines Wimpernschlags wurde es taghell. Wenige Sekunden später folgte ein lauter Donnerschlag. Die beiden Kater schreckten auf und blickten zum Fenster. In diesem Moment begann der Regen und prasselte gegen das Fenster.
Es blitzte ein zweites, ein drittes Mal. Anton sah zu Tim, Tim schaute Anton an. Sie wussten, dass die Hexe keine Gewitter mochte. Sie machten ihr Angst. Sie beteuerte zwar immer wieder, dass es ihr nichts ausmachen würde, solang sie sich im Hexenhaus aufhalten konnte, das ungute Gefühl, während ein Unwetter über den Wald hinweg zog, konnte sie trotzdem nicht verbergen.
»Wir müssen etwas unternehmen.«, sagte Anton überzeugt. »Ich weiß nicht wie, aber wir müssen es entweder aufhalten, weiter zu blitzen und zu donnern oder zumindest in eine andere Richtung umleiten.«
Tim nickte still und machte sich augenblicklich auf den Weg zur Tür. Er steckte den Kopf durch die Katzenklappe, zog ihn aber sofort wieder zurück. »Es regnet draußen. Wir können unmöglich raus gehen. Du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn ich nass werden. Das ist eklig.«
Anton verdrehte die Augen und zeigte mit der Pfote zum Schlafzimmer. »Hier geht es nicht um uns, es geht um die kleine Hexe. Sie darf das Gewitter nicht bemerken.« Zeitgleich sah er sich um und fand zwei alte Hexenhüte, die schon seit Jahren nicht mehr benutzt worden waren. Für die Köpfe der Kater, waren sie viel zu groß, doch als Regenschirme, die den ganzen Körper schützen konnten, eigneten sie sich perfekt. Mit einem Band befestigte Anton sie auf sich und Tim. Dann verließen sie das Haus und suchten nach einer Möglichkeit und einem Plan, das Gewitter aufzuhalten.
Sie liefen von einem Busch zum anderen, und hielten genug Abstand von Bäumen, denn sie wussten, dass es unter ihnen viel zu gefährlich werden konnte.
Immer wieder schauten die Kater nach oben und versuchten, sich dem Zentrum des Unwetters zu nähern. Schließlich waren sie so weit gekommen, dass Blitz und Donner gleichzeitig geschahen.
»Ganz toll.« Tim grunzte enttäuscht. »Jetzt sind wir den ganzen Weg umsonst marschiert und haben uns nasse Pfoten geholt. Ich hatte gehofft, dass wir einen Not-Ausschalter an einem der Bäume finden wurden. Aber wieder Mal nur Pustekuchen. Wir sollten um umkehren, uns vor dem warmen Kamin einrollen und hoffen, dass das Gewitter schnell vorbeigeht. Vielleicht merkt die Hexe gar nichts davon.«
Anton schüttelte den Kopf. »Wir beenden das hier und jetzt. Wir müssen es nur irgendwie nach oben in die Wolken schaffen.« Er klopfte gegen den Stamm eines besonders hohen Baums und versuchte sich damit Mut zu machen.
»Nach oben?« Tim schüttelte den Kopf. »Hast du keine bessere Idee? Den ganzen Weg über hast du mir erklärt, dass man sich von Bäumen fernhalten soll, weil jederzeit ein Blitz in sie einschlagen könnte. Damit riskiert man Leib und Leben hast du gesagt. Und nun willst du auf einen klettern? Vergiss es. Nicht mit mir.«
»Hast du eine bessere Idee? Wir haben leider keine hohen Berge in der Nähe, die bis zum Himmel hinauf reichen.«
»Seid ihr nicht die beiden zauberhaften Kater, die bei der kleinen Hexe leben?«
Huch! Wer hatte sie belauscht und beobachtet? Wer hatte sie erkannt? Die Kater suchten blitzschnell die nähere Umgebung ab und entdeckten einen Grünspecht, der aus einem Loch in einem Baum herauslugte.
»Warum versucht ihr es nicht mit ein wenig Hexerei? Habt ihr nicht vielleicht den einen oder anderen Zauberspruch aufgeschnappt, der euch nützen könnte?«
Die Kater ließen die Schultern hängen und schüttelten die Köpfe. »Wir sind nur magischen Begleiter, können aber nicht hexen.«, entschuldigte sich Anton.
»Woher willst du das wissen?« Tim hatte vor Begeisterung die Augen aufgerissen. »Ich meine, wir haben es nie versucht. Wir sind immer nur davon ausgegangen, dass wir das nicht können, weil eben Hexen nur hexen. Es könnte aber nicht Schaden, es selbst einmal auszuprobieren.« Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern schloss seine Augen, streckte seine Pfoten aus, machte ein paar beschwörende Bewegungen und murmelte so leise Worte, dass ihn niemand verstehen konnte.
»Was sagst du denn da? Du bist zu leise.«, wollte Anton wissen.
Tim unterbrach sich und öffnete die Augen. »Ich habe doch selber keine Ahnung. Aber ich dachte mir, wenn es bei Hexen ausreicht, irgendwas Unverständliches zu murmeln, dann wird es das bei uns auch.« Er schloss die Augen wieder und murmelte weiter.
Ein weiterer Blitze schoss vom Himmel herab. In unglaublich hohem Tempo suchte er sich seinen Weg, bog mal nach hier, mal nach da ab und näherte sich auf bedrohliche Art und Weise den beiden Katern. Anton bemerkte ihn zuerst und schrie panisch auf. Für eine Flucht war es bereits zu spät. Nur wenige Hand breit über seinem Kopf kam der Blitz nicht weiter und verblasste.
»Wie krass war das denn? Hast du das gesehen?«
Tim grinste. »Ich habe es nicht nur gesehen, ich war dafür verantwortlich. Ich habe uns einen Regen- und Blitzschutz gehext. Jetzt können wir gefahrlos nach oben klettern, ohne dass uns was passiert.«
»Nicht schlecht.«, lobte der Specht. »Ich wusste doch gleich, dass mehr in euch steckt. Ich wünsche euch gutes Gelingen und kommt heil wieder zum Boden zurück.«
Anton und Tim dankten ihm, verabschiedeten sich und machten sich an den mühseligen Aufstieg.
Sie mussten ihre Krallen tief in die Baumrinde schlagen und sich Stück für Stück nach oben ziehen. Sie kletterten an dicken Ästen und dünnen Zweigen vorbei, durchdrangen das grüne Blätterdach der Krone, bis sie schließlich an der Wolkendecke ankamen. Mit letzter Kraft zogen sie sich an dieser herauf und standen nun wieder unter dem von Sternen übersäten Himmel. Hier oben war alles friedlich. Kein Unwetter tobte. Es war ruhig und still.
»Woher kommt denn nun das Gewitter?« Tim kratzte sich am Kopf, sah sich um und zog verwirrt die Schultern hoch. »Haben wir uns diese Tortur völlig umsonst angetan?«
Er hatte es kaum ausgesprochen, da blitzte und donnerte es erneut.
»Es kommt von dort vorn.« Anton zeigte auf eine Wolke, die sich besonders hoch auftürmte und lief los. »Jetzt machen wir der ganze n Sache ein Ende.«
Sie erreichten ein großes, schweres, verschlossenes Holztor. Darüber hing ein großes Schild mit leuchtenden Buchstaben: CLUB HEAVEN. Die Kater nahmen all ihren Mut zusammen und klopften an.
Es dauerte einen Moment, bis ihnen eine menschliche Gestalt mit Flügeln öffnete. Es war ein Engel.
»Hey yo!«, grüßte er. »Heute ist geschlossene Gesellschaft. Der Boss feiert mit seinen Engeln eine fette Party, von der man noch in Jahrtausenden reden und berichten wird.«
Anton verdrehte die Augen. »Das haben wir auch bemerkt.« Er blickte an dem Engel vorbei und sah mehrere Gestalten, die immer wieder auf Lichtschalter drückten und Türen zuschlugen.
»Wenn das nicht sofort aufhört, ziehe ich euch den Stecker. Dann gibt es keinen Strom mehr und die Party ist vorbei. Da unten auf der Erde will eine kleine Hexe schlafen, ohne ständig Angst vor Gewittern haben zu müssen.«
Um die Drohung zu unterstreichen, legte Tim seine Pfote auf ein dickes Stromkabel, das neben dem Tor verlegt worden war.
»Hey yo, macht nicht so einen Stress. Chillt mal eure Base.« Er drehte sich zum Festsaal um, gab ein Handzeichen. Augenblicklich wurde die Musik leiser gemacht, das blitzen und donnern hörte auf.
Anton nickte. »Warum denn nicht gleich so.«
Damit war die Sache erledigt. Die Kater machten kehrt. Es wurde Zeit für den Rückweg.
»Ach, da fällt mir noch was ein.« Anton drehte sich ein letztes Mal um. »Ihr solltet bei Zeiten einen Klempner rufen. Eure Wasserleitungen sind undicht. Bei uns regnet es so heftig, dass wir nasse Pfoten bekommen haben.«
»Wir kümmern uns. Versprochen. Nur bitte lasst die Pfoten vom Stromkabel. Ich bekomme sonst riesigen Ärger mit dem Boss.«
(c) 2026, Marco Wittler
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