1742. Wenn der Vollmond durch das Fenster scheint

TRIGGER WARNUNG / CONTENT NOTE:
Bitte lies meine Geschichten einmal selbst, bevor du sie deinen Kindern vorliest. Sie sind zu Halloween etwas gruseliger, auch wenn sie lustig enden. Bitte bewerte vorher, ob dein Kind die Geschichten bereits versteht, damit umgehen kann und sich nicht zu sehr gruselt.


Wenn der Vollmond durch das Fenster scheint

Der Tag war längst vergangen. Die Sonne hatte sich in ihr Schlafgemach zurückgezogen, während sich die Nacht wie eine dicke Decke über die Welt gelegt hatte. Nach und nach waren die Sterne am Firmament aufgetaucht, als hätte jemand mit einer dünnen Nadel hineingestochen.
Am Horizont stieg langsam der Mond empor und tauchte die verlassenen Straßen in ein fahles Licht, das nichts Gutes verhieß, stattdessen schaurige Ereignisse voraussagte.
Luca hatte bereits im Bett gelegen und eine Weile geschlafen, doch nun Holte ihn das Licht des Vollmonds aus seinen Träumen. Verschwitzt schlug er die Decke zur Seite und stand auf. Ein paar Mal lief er im Zimmer auf und ab, bis er die kreisrunde Scheibe am Himmel stehen sah.
Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Es lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. In seinem Inneren tat sich etwas. Das konnte er genau spüren.
Plötzlich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Er begann im Kopf, setzte sich blitzschnell durch den Rücken fort und endete in den Zehenspitzen.
Während Luca laut zu schreien begann, spürte er eine zunehmende Enge. Er wollte sich den Schlafanzug vom Körper reißen, doch da war es bereits zu spät. Der Stoff riss wie von allein auf und hing ihm in Fetzen an Armen und Beinen.
Es klopfte an der Tür. »Luca? Ist alles in Ordnung bei dir?« Papa stand draußen. Er musste etwas gehört haben.
Während er sich langsam umdrehte, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild im Fenster. Luca hatte sich verändert. Er war ein ganze Stück größer geworden, Arme und Beine kräftiger. Wo er sonst nur Haut kannte, befand sich ein dichter, weißer Pelz. »Ich … ich … ich bin ein …«
»… ein Werwolf.« Papa war inzwischen hereingekommen und stand ebenfalls in einem dichten, schwarzen Pelz vor ihm. »Ich weiß, ich hätte es dir früher sagen sollen, aber ich hatte all die Jahre gehofft, dass es eine Generation überspringen würde.«
Luca war außer sich. Es war eine Mischung auf Wut, Angst und Ohnmacht. »Du … du hast davon gewusst?«
Papa nickte. »Aber hey, sieh es doch mal so. Wir haben jetzt ein großes Geheimnis, das wir beide teilen. Wir können sogar gemeinsam losziehen, Werwolfsachen machen.« Er versuchte ein schelmisches Grinsen, was aber eher einem gefährlichen Zähne fletschen glich. »Du weißt schon, Menschen erschrecken, Kühe jagen, Schafe reißen.«
Luca rieb sich mit den Pfoten über die Augen. »Das darf doch alle nicht wahr sein. Du willst Schafe reißen? Geht’s dir noch ganz gut?«
Papa zuckte mit den Schultern. »Das sind halt Dinge, die Werwölfe so machen. Das ist eine uralte Tradition, die es seit Jahrhunderten in unserer Familie gibt.«
Luca nahm die Pfoten wieder vom Gesicht, sah seine langen, kräftigen Krallen. Dann blickte er zu Papa hinüber und grinste breit, was ebenfalls alles andere als harmlos wirkte.
»Was wären Traditionen, wenn man sie nicht mal bricht und durch neue ersetzt? Ich habe da eine ganz neue Idee, die ich mit dir einführen und ausprobieren möchte.«
Etwas später saßen die beiden Werwölfe gemeinsam im Wohnzimmer, eine schwarz, einer weiß, der Ältere mit einer Vorliebe für die Jagd, der andere, der strikt dagegen war. Sie redeten, sie lachten, sie tauschten Erinnerungen aus. Doch an diesem Abend war da noch etwas Neues.
»Und du meinst, das steht mir?«, fragte Papa etwas unsicher und blickte auf seine riesigen Krallen nieder, die sein Sohn in den Farben des Regenbogens lackiert hatte.
»Ganz unbedingt steht dir das.« Luca hatte sich ebenfalls Nagellack aufgetragen, wie er es sich schon lange einmal gewünscht hatte. Nun besaß er endlich genug Platz, um ihn aufzutragen.
Diese Idylle hätte noch die ganze Nacht weiter gehen können, wenn sie nicht durch einen lauten Schrei gestört worden wäre. Wohl wissend sahen sich die beiden an und kicherten, während Schritte auf der Treppe zu hören waren.
»Hallo? Ist noch jemand wach?« Das war die Stimme von Luis, Lucas jüngerem Bruder. »Ihr glaubt niemals, was mir gerade passiert ist.«
Papa lachte. »Lass mich raten. Im Licht des Vollmonds hast du dich in einen Werwolf verwandelt.«
»Werwolf? Wie kommt ihr denn auf so eine verrückte Idee? Ich bin … nun ja …« Luis betrat das Wohnzimmer. Beim Blick auf die beiden Wölfe mit den lackierten Krallen, wären ihm beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen. »Ich bin ein verdammter Waschbär!«
Papa grinste. »Ach, da war ja was. Seit Onkel Paul wissen wir von einem sehr, sehr seltenen Gendefekt. Manche von uns verwandeln sich ein wenig anders.«
Die Werwölfe und der Werwaschbär verbrachten die restliche Nacht gemeinsam, lackierten sich die Krallen und überlegten, was sie von nun an gemeinsam in den Vollmondnächten unternehmen konnten, ohne aufzufallen.

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