276. Opa Opa

Opa Opa

Alex saß in einem gemütlichen Gartenstuhl auf der Terasse und hatte die Finger in einer Schüssel voll leckerer Kirschen. Ein süßes Früchtchen nach dem anderen verschwand in seinem Mund. Die Kerne legte er auf einen kleinen Teller.
Jedes Mal, wenn einer der Kerne dort landete seufzte Opa Karl leise vor sich hin.
»Geht es dir nicht gut, Opa?«, fragte Alex.
Und wieder seufzte Opa schwer.
»Oh doch. Mir geht es sogar sehr gut.«, antwortete er.
»Aber ich kann mir einfach nicht mit ansehen, wie du Kirschen isst. Die Kerne kann man doch nicht einfach zur Seite legen.«
Alex war verwirrt.
»Was sollte ich denn sonst damit anstellen?«
Opa Karl stand auf und ging um den Tisch herum. Dann nahm er sich eine Kirsche, kaute umständlich darauf herum und hob dann den Zeigefinger.
»Jetzt pass gut auf, mein Junge.«
Er holte tief Luft und spuckte den Kern im hohen Bogen durch den Garten auf die Wiese.
»Das geht aber noch besser.«
Dieses Mal nahm er gleiche mehrere Früchtchen, aß sie und spuckte nacheinander fünf Kerne. Da flog einer weiter als der andere.
Alex wollte gar nicht glauben, was er da sah.
»Aber du kannst sie doch nicht einfach da liegen lassen. Da wachsen doch jetzt bestimmt nächstes Jahr überall Bäume.«
Opa zuckte aber nur mit den Schultern.
»Das ist Kirschkernweitspucken. Wenn man das um die Wette macht, darf man die Kerne einfach liegen lassen. Nächsten Frühling rupfe ich die kleinen Bäumen dann mit dem Unkraut einfach aus dem Boden.«
Alex konnte sich noch immer nicht daran gewöhnen, dass sein Opa so etwas ungewöhnliches tat.
»Wird Oma denn nicht sauer, wenn sie das sieht? Sie hat mir doch immerhin den Teller auf den Tisch gestellt.«
Doch Opa zuckte einfach nur mit den Schultern.
»Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß.«
Dann musste er lachen.
»Los, mach mit.«
Er reichte seinem Enkel die Fruchtschüssel.
Zuerst zögerte Alex. Doch dann griff er beherzt zu, kaute die Kirschen und spuckte dann die Kerne so weit er nur konnte. Mit jedem Mal wurde er besser und spuckte seine Kerne weiter und weiter.
In diesem Moment kam Opa Gustav aus dem Haus.
»Was treibt ihr denn da?«, rief er verdutzt.
»Ihr könnt doch nicht einfach die Kerne auf den schönen Rasen spucken. Wer  soll das denn später alles sauber machen? Hört sofort damit auf.«
Dann sah er seinen Bruder Karl an und sagte ihm, dass er so etwas nicht von ihm erwartet hätte.
Alex bekam einen roten Kopf und lief schnell ins Wohnzimmer. Er wollte jedem Ärger entgehen.
»Ach, komm schon. Sei doch kein Spielverderber, Gustav.«, sagte Karl.
»Ich wollte dem Jungen doch nur etwas Spaß bereiten.«
»Spaß nennst du das?«, fragte Gustav.
»Das ist Vandalismus.«
Da musste Opa Karl lachen.
»Das sagst du aber nur, weil du viel zu feige bist, gegen uns anzutreten.«
Das war Opa Gustav zu viel. Er griff in die Schüssel und steckte sich drei Kirschen in den Mund. Er kaute, schluckte, holte tief Luft und spuckte so fest er konnte. Die Kerne flogen fast bis zum Gartenzaun.
»Ich spiele nur deshalb nicht mit, weil du, mein liebes Brüderchen, auch nach siebzig Jahren immer noch gegen mich verlierst.«
Damit verließ der grinsend die Terrasse und ließ seinen verdutzten Bruder allein im Garten stehen.

(c) 2009, Marco Wittler

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