Ich und der spontane Ausbruch
Nach einer wirklich langen Zeit, die ich nur in unseren vier Wänden verbracht hatte, war ich endlich wieder mal unterwegs. Ich unternahm mit den Mitgliedern meiner WG einen Ausflug. Ich saß in einem Körbchen, der sich am Fahrradlenker der Frau befand.
Moment! Jetzt fragst du dich sicher, warum jemand so faul ist und sich in einem Körbchen spazieren fahren lässt. Das lag natürlich daran, dass ich ein stattlicher Kater war. Außerdem war ich nicht der Einzige, der diesen Luxus genießen durfte. Auf dem Gepäckträger saß mein Bruder, Lord Schweinenase in einem zweiten Korb und versuchte verzweifelt, einen angetrockneten Rest des Nassfutters vom Frühstück von seiner Nase abzuschlecken.
Auf dem Fahrrad des Mannes war der Rest meiner Mitbewohner untergebracht. Vorn saß die Mini-Mietze, die jedem noch so kleinen Tier hinterher jagen wollten, auf dem Gepäckträger der am ganzen Körper zitternde Bengale, der jederzeit damit rechnete, herunter fallen zu können.
Zu sechst waren wir unterwegs, um uns im Zoo ein paar Tiere anzusehen, die es bei uns nicht in freier Wildbahn gab.
Ganz unter uns: Ich war über diesen Umstand auch nicht ganz unglücklich, denn so manchen Raubkatze, die ich hier hinter Gittern sitzen sah, wollte ich nicht in der Nacht auf der Straße treffen. Ich könnte mir nämlich nur zu gut vorstellen, dass sie die übelsten Verbrechen der Geschichte begangen hatten. Sie waren schließlich nicht umsonst hier eingesperrt.
Warum allerdings die kleinen, unschuldig drein schauenden Wüstenrennmäuse hier eingebunkert waren, konnte ich mir nicht erklären. Sie waren einfach viel zu schwach, um jemanden zu gefährden. Sie konnten allerhöchstens in ein Betrugsdelikt verwickelt gewesen sein.
Hach ja, meine große Leidenschaft, die Ermittlungen in Kriminalfällen, ging wieder mit mir durch. Egal wo ich mich befand, ich sah überall Verbrechen. Dabei war doch heute mein freier Tag.
In den nächsten Stunden sahen wir erstaunlich viele verschiedene Tierarten. Manche waren groß, andere eher klein, die einen dick, die anderen schmächtig. Manche sahen sogar aus, als hätte man zwei verschiedene Arten wild miteinander vermischt.
Irgendwann waren wir in einem Affenhaus angekommen. Dort fiel mir sofort auf, dass etwas nicht stimmte. Mein Spürsinn sprang an. Ich wollte gerade aus meinem Korb springen, zum Mann hinüberlaufen und ihn darauf aufmerksam machen, dass eines der Affengitter offen stand. Doch da stolperte ich unglücklich, stürzte ab und landete in einer großen Pfütze.
Die anderen Mietzen der WG hatten es natürlich mitbekommen und lachten mich aus. Lord Schweinenase trieb diesen peinlichen Moment allerdings auf die Spitze. Er zeigte auf ein Schild, das über meinem Kopf aufgehängt war. Darauf stand das Wort MEERKATZE.
Ja, ich weiß. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht mehr zu sorgen.
In diesem Moment wünschte ich mich weit weg, in eine ferne Galaxie, in der ich in aller Stille rot im Gesicht werden konnte.
Zu meinem Glück währte dieser peinliche Moment nur sehr kurz. Denn die echten Meerkatzen nutzten diesen Moment, in dem alle Augen auf mich gerichtet waren und brachen aus. Sie verließen das Affenhaus durch die Vordertür und wurden nie wieder gesehen.
(c) 2020, Marco Wittler
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