977. Des Kaisers neue Kleider (Fairyland Herold 04)

MONARCH MACHT SICH LÄCHERLICH – Kaiser dankt spontan ab

Im Kaiserreich geschahen unglaubliche Dinge, mit denen wirklich niemand gerechnet hat. Ein übler Streich gerät außer Kontrolle und bringt das Adelsgeschlecht ins Wanken.
Mit der äußerst fragwürdigen Erfindung von Bewegtbildern, die die Ereignisse des Landes festhalten und überliefern sollen, hat sich auch eine äußerst schlimme Unartig auf die Leinwand geschlichen, die unserem geliebten Kaiser nun zum Verhängnis wurde. Sie nennt sich ‚Die versteckte Laterna Magica‘.
Der legendäre Junker Edelgard traf sich mit der Produktionsgruppe, um mehr über den Sachverhalt recherchieren zu können.
Es kam zu Tage, dass nach einigen harmlosen Episoden der höchste aller irdischen Herrscher zum Ziel des Schabernacks werden sollte: der herrliche Kaiser.
Wie allgemein bekannt, war der Kaiser bisher ein Schöngeist, der es sich nicht nehmen ließ, stündlich seine Kleider zu wechseln, sich immer wieder aufs Neue herauszuputzen. Diese Eigenart, in den angelsächsischen Gefilden mag man von einem Spleen reden, wollte man sich nun als Basis für die bevorstehenden Scherze nehmen.
Es wurden zwei Lockvögel engagiert. Zwei Laiendarsteller eines Dorftheaters, die hauptberuflich als Schneider tätig waren, wurden unter großem Trara in die Stadt geführt. Man kündigte sie als die erfahrensten, modernsten und meist angesagtesten Schneider des Reiches an.
Es sollte nicht lange dauern, bis diese Nachricht den Kaiser erreichte. Dass er den ausgelegten Köder schluckte, war zu erwarten gewesen. Er lud die zwei Lockvögel in seinen Palast ein, wo er sich von den neuesten Stoffen und Schnitten berichten lies.
Er war mehr als begeistert. Der Bericht über ein Webstück, dass nur sehen konnte, wer intelligent war, klang zu verlockend. Damit würde der Kaiser endlich herausfinden, wer in seinem Umfeld schlau und wer dumm war. Sofort erteilte er den Auftrag, ihm aus jenem Stoffe etwas zu nähen.
Die beiden Schneider bauten ihren Webstuhl auf, stellten Stoffe her, schneiderten mit großen Scheren in der Luft und vernähten unsichtbare Fäden.
Der Kaiser, der über jeden Arbeitsschritt informiert sein wollte, schickte seinen obersten Minister, damit dieser ihm alles über die laufenden Arbeiten erzählen konnte.
In der Werkstube wurden dem Minister die Stoffe präsentiert. Dieser konnte allerdings nichts sehen. Es war ihm, als würde man hier nur mit Luft arbeiten.
Sofort kam ihm ein schlimmer Verdacht. War er vielleicht zu dumm, um etwas zu sehen? Das durfte der Kaiser natürlich niemals erfahren. Er log seinen Herrn an und schwärmte von den schönen Mustern, die ihm gezeigt worden waren.
Nach ein paar Tagen war das Werk getan. Der Kaiser ließ sich seine neuen Kleider bringen und stellte zu seiner eigenen Bestürzung fest, dass er nichts das Geringste sehen konnte. Er erschrak über seine eigene Dummheit. Dies durfte natürlich niemand bemerken. So spielte er den anwesenden Bediensteten und Ministern etwas vor und zeigte sich begeistert. Jeder im Thronsaal tat es ihm gleich.
Der Kaiser ließ sich einkleiden. Dass er selbst am Körper nichts spürte, so wurde ihm erklärt, läge daran, dass die Stoffe leicht wie Spinnweben wären.
In seinen neuen Kleidern trat er nun auf die Straße, um dort zu flanieren und sich von seinem Volk bewundern zu lassen.
Aus allen Richtungen flogen ihm Komplimente entgegen, bis schließlich ein kleines, vorlautes Kind etwa entgegen rief.
»Der Mann hat ja gar nichts an. Er ist nackt.«
Sofort fühlte sich das Volk wie befreit. Sie alle stimmten in lautes Lachen ein und verspotteten ihren Herrscher.
Der Kaiser, dem nun auch die überaus große Peinlichkeit bewusst wurde, bekam einen Kopf so rot wie eine überreife Tomate. Er ließ sich sogleich zum Palast zurück begleiten.
Die beiden Schneider, die ihn als Lockvögel auf‘s Glatteis geführt hatten, waren mittlerweile verschwunden.
Die Produzenten der versteckte Laterna Magica waren vom Ausgang ihres Projekts selbst überrascht gewesen. Sie waren davon ausgegangen, dass ihr Schabernack recht schnell durchschaut werden würde. Dass der Kaiser aber bis zum Ende an den Wahrheitsgehalt der Geschichte glauben würde, war eine Überraschung gewesen.
Überraschend war dann auch, dass er noch am selben Tag sein Amt niederlegte und die Regierungsgeschäfte an seinen Erstgeborenen übergab. Ihn selbst hatte man danach nie wieder zu Gesicht bekommen.

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