557. Das schönste Geschenk

Das schönste Geschenk

Es war Weihnachten. Der Christbaum war festlich geschmückt, an fast jedem seiner Äste hing glänzendes Lametta. Bunte Kugeln brachten viel Farbe und die vielen kleiner Lichter leuchteten um die Wette.
Überall im Wohnzimmer standen Weihnachtsfiguren. Auf einem kleinen Tisch hatte Mama eine Krippe mit Figürchene aufgebaut. Überall duftete es herrlich. Und nun war es Zeit für die Bescherung.
Die Geschwister Tim und Marie saßen auf dem Boden und packten ihre Geschenke aus. Tim hatte sich eine Flugdrohne gewünscht. Das war so etwas wie ein kleiner Hubschrauber mit mehreren Propellern.
»Wuhuu!«, jubelte er. »Genau das, was ich schon immer haben wollte.«
Neben ihm wurde kurz darauf mindestens genau so laut gejubelt.
»Jaa! Super! Endlich das große Barbie Strandhaus.«, freute sich Marie.
Tim sah zu ihr rüber. »Mein Geschenk ist toller. Es ist cooler und schöner.«
Marie blickte zurück. »Stimmt ja gar nicht. Mein Strandhaus ist besser. Es ist edler und viel größer als dein komisches Ding da.«
Schon gab es den ersten Streit. Immer wieder versuchten die beiden den anderen zu überzeugen. Aber das klappte natürlich nicht.
»Hey, ihr beiden.«, mischte sich irgendwann Papa ein. »Jetzt ist aber Schluss damit. Es ist Weihnachten. An so einem Tag geht es nicht darum, wer das Schönste Geschenk bekommen hat. Jeder hat das, was er wollte. An Weihnachten denkt man auch mal an andere.«
Damit hatte er natürlich Recht. Beschämt sahen die Kinder für ein paar Augenblicke zu Boden. Und dann holten sie jeweils ein kleines Geschenk hervor, dass sie Mama in die Hand drückten.
»Hätten wir fast vergessen.«, entschuldigte sich Tim. »Frohe Weihnachten.«
Mama lächelte. Den Streit hatte sie jetzt schon wieder vergessen. Sie packte ihre beiden Geschenke aus und freute sich wirklich sehr über die kleinen Überraschungen ihrer Kinder. Sie drückte einmal Tim und einmal Marie an sich.
»Vielen Lieben Dank. Ich hab euch lieb.«
»Ha!«, sagte Tim plötzlich und wandte sich an seine Schwester. »Hast du gesehen? Bei meinem Geschenk hat sie sich mehr gefreut. Ich hab ihr das schönere Geschenk gemacht.«
»Ist ja gar nicht wahr.«, wehrte sich Marie. »Mein Geschenk ist viel schöner und sie wird sich darüber noch ganz, ganz lange freuen.«
Und da war er wieder, der Weihnachtsstreit. Mama und Papa seufzten.

(c) 2016, Marco Wittler

258. Kuscheln macht Laune

Kuscheln macht Laune

»Wenn du unbedingt meinst, dann mach doch was du willst.«
Mama bekam einen roten Kopf und drehte sich um.
»Los, Anna, du kommst jetzt mit mir. Wir schauen uns die Delfine an.«, sagte sie im Befehlston.
Anna gehorchte und lief Mama nach. Hatten sie sich doch noch durchgesetzt. Schließlich waren die Affen im Zoo so unglaublich langweilig. Diese albernen Tiere konnten nur Jungen gut finden.
Und so trennten sich die Wege. Papa und Lars verschwanden um eine Ecke und gingen zum Affenhaus.
»Da sind die beiden ja in bester Gesellschaft. Meinst du nicht auch?«, witzelte Mama.

Die Vorführung war klasse. Anna lernte, dass Delfine keine Fische waren, sondern Säugetiere. Sie hatten keine Kiemen zum Atmen. Deswegen mussten sie regelmäßig an die Oberfläche kommen um Luft zu holen.
Die eleganten Schwimmer sprangen durch Reifen, holten sich ihr Futter aus luftiger Höhe und ließen sich von ihrem Trainer als Wasserski benutzen. Zwischendurch spritzten sie dann immer wieder das Publikum nass. Wer zu weit vorne saß, bekam einige Tropfen ab. Als dann auch noch der große Schwertwal einen Bauchklatscher machte, rollte sich eine große Welle über das Schutzglas.

»Das war richtig lustig.«, sagte Anna, als die beiden wieder auf den Zoowegen standen.
»Was uns von da oben erwartet, wird aber alles andere als spaßig.«
Mama zeigte zum Himmel hinauf. Dunkle Wolken waren aufgezogen. Schon bald würde es regnen.
»Wir müssen uns beeilen, damit wir rechtzeitig im Auto sind, sonst werden wir richtig nass und bekommen eine Erkältung.«
Sie nahmen die Beine in die Hand und flitzten los. Doch genau in diesem Moment fielen bereits die ersten Tropfen. Nur Sekunden später öffnete der Himmel seine Schleusen und ein Wolkenbruch begann.
»Iiiiiiih.«, rief Anna verzweifelt.
»Ich werde ganz nass.«
Mama nahm sie an der Hand und zog sie hinter sich her.
»Da drüben können wir uns unterstellen.«
Glücklicherweise gab es vor dem Bärengehege einen kleinen Unterstand mit einer Bank.
»Was wollt ihr denn hier?«, rief Mama plötzlich.
Da saßen bereits zwei traurige, durchnässte Gestalten. Es waren Papa und Lars, die ebenfalls vom Regen überrascht worden waren.
Ohne ein Wort standen die Beiden von ihrer Bank auf und verdrückten sich in eine andere Ecke. Mama und Anna setzten sich hin, tuschelten und warfen hin und wieder einen düsteren Blick zum Rest der Familie.
»Los, wir kuscheln uns zusammen. Dann frieren wir nicht mehr so.«
Mama legte einen Arm um ihre Tochter und drückte sie an sich. Da sah sie wie Papa und Lars zitterten.
»Na los, ihr Helden. Kommt rüber.«, schlug sie vor.
»Das kann man sich ja nicht mit ansehen. Ich bin mir sicher, ihr passt auch noch auf die Bank.«
Die beiden waren dankbar und kuschelten sich zu den anderen. Nun konnten sie wieder zusammen sein und gemeinsam lachen. Jeder Ärger und Streit war verflogen.
»Wisst ihr was?«, fragte Anna in die Runde.
»Kuscheln macht Laune. Das sollten wir öfter machen.«

(c) 2009, Marco Wittler

177. Der Bon-Bon Krieg

Der Bon-Bon Krieg

Kalle stand vor dem kleinen Laden und starrte durch das Schaufenster in das Innere. Sein Blick galt nicht den Menschen, die gerade ihre Einkäufe tätigten, sondern dem großen Regal hinter der Theke. Dort lagerten in großen Glasgefäßen unzählige Bon-Bons in vielen Geschmacksrichtungen.
»Wenn ich doch bloß noch etwas von meinem Taschengeld übrig hätte. Aber ich bin schon wieder pleite.«
In diesem Moment kamen seine Freunde Paul und Johannes um die Ecke gebogen.
»Was machst du denn da? Frierst du dir nicht die Zehen ab? Es sind zwanzig Grad unter Null. Da kannst du doch nicht so einfach stehen bleiben.«
Sie hatten Recht. Der Winter hatte das Land fest in seinem Griff. Überall lag Schnee, teilweise bis zu einem halben Meter hoch. Kalle sah an sich herab und bemerkte, dass seine Schuhe bereits komplett in der weißen Masse verschwunden waren.
»Oh nein. Da wird Mama aber sauer sein, wenn ich wieder mit nassen Socken und Schuhen nach Hause komme.«
Trotzdem sah er wieder durch das Schaufenster.
»Ich will Bon-Bons haben. Ich habe schon seit zwei Tagen keine mehr gegessen.«
Seine beiden Freunde lachten zuerst. Doch dann stellten sie fest, dass es ihnen nicht besser ging. Auch ihre Taschen waren leer. Das nächste Taschengeld würde noch eine Weile auf sich warten lassen.
»Was machen wir denn nun?«
Die Frage wurde allerdings nicht mehr gehört. Kalle hatte bereits den Laden betreten und stand nun vor der Theke. Er sprach eine Weile mit der Verkäuferin und kam dann grinsend wieder auf die Straße zurück.
»Was ist los?«, wollte Paul wissen.
»Wir bekommen die Bon-Bons umsonst, müssen dafür allerdings ein paar Werbezettel in der Stadt verteilen.«
Er holte einen Stapel Papier hinter seinem Rücken hervor.
»Das schaffen wir doch mit Links.«, rief Johannes überzeugt.
In diesem Moment kamen Pit, Stoffel und Max von der anderen Straßenseite herüber.
»Was wollt ihr mit Links schaffen? Erzählt doch mal.«, fragte Pit.
Sofort ließ Kalle die Zettel hinter seinem Rücken verschwinden. Diesen drei fiesen Jungen wollte er nichts erzählen. Sie stritten sich eh schon oft genug.
»Ich werd es auch ohne eure Hilfe heraus bekommen. Los, Leute, folgt mir.«
Die drei betraten den Laden und sprachen die Verkäuferin an. Nach ein paar Minuten kamen sie wieder heraus und lachten.
»Ihr glaubt doch wohl nicht, dass ihr euch so einfach eine Tüte Bon-Bons verdienen könnt. Wir werden natürlich viel schneller sein. Die Frau sagte uns, wer schneller wieder hier ist, bekommt die Belohnung.«
Das konnte einfach nicht wahr sein. Kalle, Paul und Johannes sahen auf ihre Zettel. Was sollten sie nur tun? Doch dann begriffen sie, was nun geschehen musste. Sie rannten los und stopften ihre Zettel in alle Briefkästen, die sie finden konnten.
Die anderen drei Jungen lachten noch einmal, bevor sie selbst los zogen.

Eine Stunde später stand Kalle mit seinen beiden Freunden keuchend wieder an der Straßenecke. Sie hatten es geschafft. Nun mussten sie nur noch die letzten Meter bis zum Laden gehen.
Doch dann sahen sie am anderen Ende der Straße ihre Gegner. Pit kam mit seinen Freunden gerade von einer Seitenstraße. Die sechs Jungen sahen sich und begannen sofort zu rennen. Sie erreichten die Eingangstür zur gleichen Zeit.
»Das ist ja eine schöne Überraschung.«, sagte die Verkäuferin.
»Dann gibt es heute keinen Verlierer. Ihr dürft euch die Bon-Bons teilen.«
Sie holte eine kleine Tüte unter der Theke hervor und drückte sie Pit in die Hand. Schon während die Jungen den Laden wieder verließen, stritten sie darum, wer nun die Belohnung behalten durfte. Keiner von ihnen wollte teilen.
»In Ordnung. Dann regeln wir das wie richtige Männer.«
Alle nickten. Pit legte die Tüte auf eine kleine Mauer, während sich die anderen hinter hohen Schneehügeln zurück zogen.
»Wer getroffen wird scheidet aus. Der Gewinner bekommt den Preis.«, rief Johannes.
»Wir kämpfen nach den alten Regeln die seit Urzeiten bestehen.«
Und schon ging die Schneeballschlacht los. Die eisigen Kugel rasten hin und her. Nach und nach schieden die Kämpfer aus. Am Ende blieben nur Pit und Kalle übrig. Sie warfen ihre Schneebälle und trafen sich gegenseitig.
»Unentschieden!«, rief Johannes.
»Nicht mit mir.«, brüllte Pit zurück und lief zur Tüte.
»Das lasse ich nicht zu.«, entgegnete Kalle und stürzte sich in die gleiche Richtung.
Doch an der Mauer erlebten sie eine Überraschung. Die Bon-Bons waren verschwunden. Das Suchen und Wühlen im Schnee blieb erfolglos. Die Tüte war weg.
»Das ist nur eure Schuld.«, riefen sich alle sechs Jungen entgegen.
Als sie bemerkten, wie dumm sie gewesen waren und nun völlig gleich dachten, mussten sie zusammen lachen.
»Dann arbeiten wir halt demnächst gleich zusammen. Dann gibt es auch keinen Streit.«, schlug Pit vor.
Kalle willigte ein. Sie besiegelten die Abmachung mit einem Handschlag. Von nun an verteilten sie die Werbezettel zu sechst und teilten alles brüderlich untereinander.
Während die Jungen nach Hause gingen, saßen drei Mädchen hinter einem der Häuser und aßen eine Tüte Bon-Bons.
»Jungen sind viel zu dumm, um sich zu einigen. Haben die noch nie gehört, dass sich der der Dritte freut, wenn sich zwei streiten?«, fragte Anna ihre beiden Freundinnen.
Lena und Hermine nickten zufrieden und steckten sich wieder etwas von ihrer Beute in den Mund.

(c) 2009, Marco Wittler

160. Ein kleines Geschenk

Das kleine Geschenk

Es war Weihnachten. Das sollte eigentlich ein Grund zur Freude sein, doch den meisten Familienmitgliedern graute es vor diesen Feiertagen. Unzählige Verwandte kamen zu Besuch, redeten viel miteinander, beachteten die Kinder nicht und blieben manchmal sogar über Nacht.
Und Kinder gab es dann auch viel mehr als üblich unter diesem Dach. Normalerweise lebten hier Lea, Anna, Timo, Daniel und Sophie. An Weihnachten kamen aber noch ein paar Andere. Onkel Heinz hatte drei, die Tanten Elli und Ina jeweils zwei und Onkel Friedrich sogar vier Kinder. Insgesamt würden dann also sechzehn Kinder durch das Haus wuseln.
Es klingelte an der Tür und die ersten Gäste trafen ein. Sie stapelten im Flur ihre Jacken und die vielen Geschenke und verteilten sich dann auf den viel zu wenigen Sitzplätzen im Wohnzimmer.
»Wir haben dieses Jahr extra einen dritten Tisch gekauft und ins Esszimmer gestellt. Jetzt sollten wir alle gleichzeitig essen können.«, berichtete Papa sofort und wiederholte sich bei jedem weiteren Verwandten, der neu ankam.
Die Kinder verkrochen sich in den Kinderzimmern und spielten und zankten miteinander.
»Oma hat mich lieber als dich.«, war eine Stimme zu hören.
»Ich bekomme eh das größte und teuerste Geschenk von allen.«, ertönte eine weitere.
»Immer das Gleiche.«, stöhnte Mama, als sie das hörte, während sie in die Küche ging und nach dem Essen sah, an dem ihre zwei Schwestern bereits eifrig kochten.
»Aber in drei Tagen ist ja alles vorbei.«
Ein letztes Mal klingelte es an der Tür. Alle Erwachsenen und Kinder verstummten. Selbst Oma, die im gemütlichsten Sessel Platz genommen hatte, sah sich unsicher um. Fehlte denn noch jemand? Eigentlich war die Familie vollständig anwesend.
Papa ging an die Tür und sah zuerst durch das Guckloch. Sehen konnte er allerdings niemanden. Er öffnete vorsichtig die Tür und entdeckte zur großen Überraschung seine Tante Erika, die es sich auf einer Bank neben dem Eingang gemütlich gemacht hatte.
»Das wurde aber auch Zeit. Ich dachte schon, es macht mir keiner auf. Fast wäre ich hier fest gefroren.«
Sie stand auf und kam herein.
»Aber Tante Erika, was machst du denn hier?«, wunderte sich Papa.
»Du hast mich doch eingeladen, oder etwa nicht? Also bin ich gekommen.«, antwortete sie bissig.
Papa wunderte sich noch immer.
»Du hast doch meine Einladungen bisher nie angenommen.«
»Dann wurde es ja höchste Zeit. Willst du mir nicht aus meinem Mantel helfen?«
Aber da hatte sie ihn bereits selber ausgezogen.
Tante Erika betrat das Wohnzimmer und sah sich um. Inzwischen waren auch alle Kinder aus der oberen Etage herunter gekommen und sahen sich neugierig den unerwarteten Gast an.
»Was glotzt ihr denn so? Ihr habt mich doch alle schon einmal gesehen. Also macht nervt mich nicht.«
Sie scheuchte Oma aus ihrem Sessel und machte sich dort breit.
»Ich bin die Älteste in der Familie und habe den gemütlichsten Platz verdient.«, rechtfertigte sie sich.
»Das wird ja ein spannendes Weihnachtsfest.«, grummelte Papa, während er in den Keller ging, um einen weiteren Stuhl aus dem Keller zu holen.

Das Essen verlief ruhig und still. Kaum jemand sprach ein Wort. Jeder blickte stumm auf seinen Teller und aß, was auf den Tisch kam. Zu groß war die Angst, von Tante Erika beschimpft zu werden. Denn das tat sich nur zu gern.
Nach dem Essen zündete Mama ein paar Kerzen im Wohnzimmer an und schaltete das Licht ab. Im Hintergrund waren leise Weihnachtslieder aus der Musikanlage zu hören.
»Es ist Zeit für die Bescherung Kinder. Kommt her und sucht euch eure Geschenke.«
Doch Tante Erika schien das nicht zu gefallen.
»Wie denn? Geschenke? Einfach so? Das hätte es früher nicht gegeben. Zuerst werdet ihr nacheinander ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen, sonst bekommt ihr gar nichts.«
Die Kinder wussten nicht, wie sie darauf reagieren sollten. Sie hatten doch keine Gedichte gelernt. Also schlichen sie zum Bücherschrank und suchten nach einem Liederbuch, aus dem sie kurz darauf gemeinsam etwas sangen.
»Dürfen wir jetzt bitte unsere Geschenke auspacken?«, fragte Lea vorsichtig.
Tante Erika nickte zufrieden und trank ein paar Schlucke aus ihrem Weinglas.
»So muss Weihnachten einfach sein. Die ganze Familie ist beieinander und die Kinder machen noch etwas für ihre Geschenke.«
Das Reißen von Papier war zu hören und die Kinder freuten sich über die vielen Geschenke. Schnell war die schlechte Laune vergessen und sie begannen auf dem dicken Teppich im Wohnzimmer zu spielen. Doch das war wieder ein großer Fehler.
»Wie lange wollt ihr mich denn damit stören? Geht gefälligst in die Kinderzimmer und macht die Türen hinter euch zu. Das kann ja kein Mensch ertragen.«
Wie ein Soldat, der einen Befehl erhalten hatte, gingen die Kinder die Treppe hoch und spielten so leise wie es nur eben ging. Doch ein paar von ihnen trauten sich nicht einmal mehr das.
»Das ist doch das schrecklichste Weihnachten, dass ich je erlebt habe. Warum haben wir nur so gemeine Verwandte in der Familie. Das ist so ungerecht. Papa hätte Tante Erika gar nicht erst einladen dürfen.«
Anna sagte das, was alle Kinder dachten.
»Wir bleiben einfach hier oben, bis sie wieder verschwindet.«
Es klopfte an der Tür und Mama steckte ihren Kopf in das Zimmer.
»Tante Erika erwartet von euch noch ein Geschenk. Sie sagt, dass es sich nicht gehört, wenn die Kinder dem ältesten Familienmitglied nichts schenken.«
Sie sah den Kindern an, sie sehr ihnen das missfiel.
»Es tut mir leid. Aber Papa hatte keine andere Wahl. Sie gehört zur Familie. Deswegen muss er sie jedes Jahr einladen. Es wäre noch schlimmer, wenn er es nicht getan hätte. Dann wäre sie trotzdem gekommen und würde den ganzen Tag mit jedem von uns schimpfen. Ich kann verstehen wie ihr euch fühlt.«
Sie schloss die Türe wieder und lies die Kinder allein.
»Ich werde ihr nichts schenken.«, sagte Lea.
»Von mir aus kann sie auf ein Geschenk warten, bis es in der Wüste schneit.«, schloss sich Daniel an. Die anderen Kinder waren der gleichen Meinung.
Sie wischten die Gedanken an Tante Erika beiseite und begannen wieder zu spielen.

Eine Stunde später wurden die Kinder ins Wohnzimmer gerufen. Tante Erika wartete auf ihr Geschenk.
»Ich habe kein Geschenk für dich.«, sagte Leon selbstbewusst.
»Ich will dir nichts schenken, weil du den ganzen Tag so gemein zu uns warst.«, kam von Leonie.
Und so hatte jedes Kind etwas zu sagen.
Tante Erika wurde wütend und ihr Gesicht lief rot an. Rote Gesichter bekamen auch alle anderen Erwachsenen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die Kinder so handeln würden. Doch dann trat Anna schüchtern vor und hielt ein kleines Kästchen in der Hand.
»Ich habe ein Geschenk für dich. Und ich hoffe, dass es dir gefällt.«
Sie legte es auf den Tisch und stellte sich zurück.
Tante Erika nahm das Kästchen ungläubig in die Hand, öffnete es vorsichtig und sah hinein. Im Innern lag ein kleines Herz aus roter Knete. Sie nahm es heraus und besah es sich von allen Seiten.
»Ich möchte dir Freundschaft und Liebe schenken.«, erklärte Anna.
»Du magst vielleicht mit jedem von uns geschimpft haben und alle hier im Haus haben Angst vor dir. Aber vielleicht liegt das ja auch daran, dass dich niemand von uns im ganzen Jahr besuchen kommt und du immer allein bist. Das kleine Herz soll dir aber zeigen, dass du nicht allein bist. Wir sind deine Familie und wir haben dich trotzdem lieb.«
Tante Erika wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Dicke Tränen kullerten ihr plötzlich an der Wange herab und sie schluchzte wie ein Schlosshund. Auch die anderen Erwachsenen hatten einen dicken Kloß im Hals.
»Ja, wir lieben dich wirklich.«, hörte sich Papa plötzlich sagen. Er stand auf und umarmte seine Tante. Und dann taten sie es ihm alle gleich. Nach und nach ging jeder Verwandte zu Erika und drückte sie an sich.

Etwas später am Abend, als alle anderen Familienmitglieder schon verschwunden waren, brachten Papa und Anna Tante Erika zur Tür.
»Mein liebes Kind, du hast dafür gesorgt, dass ich in diesem Jahr das schönste Weihnachtsfest meines ganzen Lebens erlebt habe. Für dein kleines Geschenk danke ich dir sehr und ich werde dafür einen ganz besonderen Platz in meiner Wohnung finden.«
Anna lächelte und Tante Erika lächelte zurück.
»Und ich komme dich bald mit allen anderen Kindern besuchen. Dann werden wir bestimmt eine ganze Menge zusammen unternehmen.«
Tante Erika nickte zufrieden.
»Darauf freue ich mich schon sehr. Ich kann es kaum erwarten.«

(c) 2008, Marco Wittler

020. Hunger im Schlaraffenland

Hunger im Schlaraffenland

 Weit von hier entfernt gibt ein Land, in dem es jedem Menschen gut geht. Und diejenigen, die woanders leben, suchen danach, denn es ist sehr gut versteckt und auf keiner Landkarte eingezeichnet.
Das Schlaraffenland ist ein Paradies für jeden, der gerne und viel isst und dafür möglichst wenig arbeiten und sich bewegen will. Das Einzige was zu tun ist: Man muss sich unter einen Baum ins Gras legen und das Leben genießen.
Hier fließen Milch und Honig in den Bächen und Flüssen, köstlicher Wein sprudelt aus kühlen Felsquellen, süße Leckereien wachsen an jedem Busch und knusprige Brathähnchen fliegen durch die Luft. Wenn man den Mund öffnet, flattern sie einfach direkt hinein.
Es ist dort einfach alles essbar. Besser kann es einem Menschen gar nicht gehen. Allerdings muss man vorher den Weg ins Schlaraffenland finden. Und das ist gar nicht so einfach.
Ein paar Glückliche, die tatsächlich den Eingang gefunden hatten waren der Igel Benedikt, der Hase Fridolin und der kleine Mäuserich Frederick. Sie waren schon ein paar Wochen hier und ließen es sich richtig gut gehen. Das Leben war hier richtig herrlich. Alle drei lagen auf den Wiesen herum und aßen, was ihnen vor die Nase und den Mund kam. Ihre Bäuche waren mittlerweile schon kugelrund und dick geworden. Aber trotzdem wurden sie nicht satt und aßen immer weiter. Fridolin war nun auch so langsam wie ein Igel geworden, was ihm aber nichts ausmachte, denn im Schlaraffenland ist schnelles Bewegen, Arbeiten und jede Art von Anstrengung verboten. Wer sich nicht an diese Regel hält wird mit zwanzig großen Portionen Erdbeereis mit extra viel Sahne bestraft.
So hätte das Leben ewig weiter gehen können. Doch leider passierte etwas, wodurch die Gemütlichkeit empfindlich gestört wurde. Denn ein paar neue Leute hatten den Weg hierher gefunden. Es waren drei Mädchen, die Pudeldame Marie, das Flamingofräulein Anna und Petra Pony. Sie waren, wie alle Neuen hier, noch rank und schlank. Aber bei dem guten Essen würde sich das rasch ändern. Doch dann kam alles anders als es hätte sein dürfen.
Die drei Mädchen hatten schnell die Jungs entdeckt und mit ihnen die ersten Tage verbracht. So konnten sie ziemlich schnell alle wichtigen Regeln lernen. Außerdem ließen sie sich die Plätze mit dem besten und nahrhaftesten Essen zeigen.
Fridolin, Benedikt und Frederik führten sie nur zu gerne herum und zeigten ihnen alles, denn von neuen Leuten hört man neue Geschichten. Ansonsten unterhielten sich die drei Freunde nur noch übers Essen. Das wurde auf die Dauer immer schnell langweilig.

 Nachdem die Mädchen über alles Bescheid wussten, machten sie sich auf, um eine eigene Stelle zu finden, an der sie es sich gemütlich machen konnten. Jedenfalls erzählten sie das den Jungs. Aber in Wirklichkeit hatten sie ganz andere Dinge im Kopf. Denn schon ein paar Tage später passierten einige Veränderungen im Schlaraffenland.
Es fing bei den Flüssen an. Plötzlich versiegte der Strom von Milch und Hönig. Selbst der Wein sprudelte nicht mehr aus der Felsenquelle. Zuerst dachten sich die Jungs nichts dabei. Aber dann waren überall, wo sie auch nur hingucken konnten die Leckereien von den Büschen und Bäumen verschwunden. Zum Schluss fehlten ihnen sogar die Brathähnen. Fridolin lag unter seinem Baum im Schatten und öffnete seinen Mund. Aber nichts flatterte hinein.
Das konnte nicht mit rechten Dingen zu gehen, dachten sich die drei. Irgend etwas stimmte da nicht. Aber faul, wie sie mittlerweile waren, blieben sie liegen wo sie waren und warteten darauf, dass am nächsten Tag alles wieder so sein würde, wie es sein sollte.

 Doch leider mussten sie auch diesmal auf etwas Essbares verzichten. Nun musste doch etwas unternommen werden, denn langsam wurden sie sehr hungrig. Also machte sich Frederik auf den Weg, zu sehen, was passiert war. Da er eine mutige Maus war, die einige Abenteuer bestanden hatte, war er genau der Richtige für diese Aufgabe.
Mühsam wanderte er durch das ganze Schlaraffenland, denn sein dicker Bauch hinderte ihn beim Laufen. Schnell gehen konnte er nicht. Er schlich eher.
Doch am Abend, als er zurück war, hatte er den anderen etwas zu erzählen. Irgend jemand hatte in den Bächen und Flüssen Dämme gebaut und die Weinquellen mit Korken verstopft. Die Brathähnchen steckten in Käfigen und alles andere war in riesigen Speisekammern weggesperrt. Und weil Frederik mit seinem dicken Bauch viel zu schwach war, hatte er nichts davon wieder so herrichten können, wie es war.

 Am zweiten Tag versuchten sie es zu Dritt. Jedenfalls hatten sie es sich so vorgenommen. Doch war Benedikt sofort zu faul zum Laufen und Fridolin und Frederik waren alleine zu schwach um etwas tun zu können.
Verflixt und zugenäht, dass ist zum aus der Haut fahren, dachten sich die drei. Irgendwie mussten sie doch an etwas Essbares kommen. Deswegen waren sie doch hergekommen.

 Nach ein paar Tagen, die drei Jungs hatten nur ein wenig am Gras der Wiesen geknabbert, hatten sie zwar immer noch großen Hunger, aber dafür waren ihre Bäuche ein ganzes Stück kleiner geworden. Nun konnten sie endlich tun, was zu tun war: endlich etwas zu Essen besorgen.
Sie machten sich auf den Weg. Doch schon bei den Käfigen, in denen die Brathähnchen gefangen waren, gab es die ersten Schwierigkeiten. Denn dort saßen die drei Mädchen und schauten die Jungs böse an.
„Ihr wollt doch wohl nicht schon wieder etwas Essen.“, sagte Petra Pony.
„Schaut euch doch nur einmal an, wie dick ihr geworden seit. Das sieht ja schlimm aus. Ihr könnt doch nicht immer nur faul im Gras herum liegen und gar nichts tun. Das ist doch völlig ungesund.“
Darin waren sich die drei Mädchen einig. Es musste einiges im Schlaraffenland getan werden. Doch darauf hatten die Jungs keine Lust. Ihnen gefiel es wie es vorher war.
Doch leider hatten Marie, Anna und Petra schon viel Schaden angerichtet. Sie hatten mit dem dicken König des Landes geredet und ihn davon überzeugt, dass es viel gesünder wäre, wenn man neben dem vielen Essen noch eine gehörige Menge Sport treiben würde, damit der Bauch nicht zu groß würde.
Daraufhin wurden sofort alle Regeln neu überarbeitet. Ab sofort wurde Sport im Schlaraffenland zur Pflicht. Mindestens drei Stunden am Tag sollte trainiert werden. Erst dann gab es etwas zu Essen.
Das war den Jungs zuviel So hatten sie sich das gemütliche Leben nicht vorgestellt.
„Wisst ihr was, ich werde das Schlaraffenland wieder verlassen. Wenn ich mich schon bewegen soll für mein Essen, dann suche ich mir ein schöneres Plätzchen aus.“
Frederik stemmte seine Hände in die Seiten und schaute grimmig auf Petra Pony.
„Außerdem wollte ich schon immer mal in einem Leuchtturm leben. Und da kann ich fast genauso faul leben wie hier.“
Benedikt und Fridolin stimmten ihm zu. Alle drei marschierten, ohne ein weiteres Wort zu sagen zum Ausgang und verließen das Land, in dem Milch und Honig fließen.
Schon bald wurden ihre Bäuche kleiner und kleiner, bis sie wieder völlig normal aussahen. Sie konnten sogar wieder normal gehen und laufen.
Immer schimpften sie über die drei Mädchen, dass sie soviel Unheil über das Schlaraffenland gebracht hatten. Aber in Wirklichkeit waren sie ihnen sehr dankbar, dass sie nun wieder richtig gut aussahen und alles machen konnten, denn so fühlten sie sich besser. Aber das erzählten sie niemanden und behielten es für sich.

(c) 2004, Marco Wittler