491. Der Traumfänger

Der Traumfänger

»Er ist endlich da!« riefen die Kinder von den Hügel aus zum Dorf hinunter. »Der Traumfänger ist wieder da.«
In diesem Moment kam ein großer, von zwei Eseln gezogener Planwagen um die Kurve und hielt genau auf das Dorf zu. Auf seiner Seite stand in großen Buchstaben etwas geschrieben: Mario, der große Traumfänger.
Die Kinder waren begeistert, denn nur die wenigsten von ihnen hatten den Traumfänger persönlich kennengelernt. Sie kannten ihn nur aus den Erzählungen ihrer Eltern.
»Jetzt können wir endlich träumen.«
Der Wagen hielt auf dem Dorfplatz und ein großer, dürrer Mann stieg aus. Die Bewohner umringten ihn sofort und baten ihn,  die erste Nacht bei ihm zu verbringen, bevor er zu anderen gehen würde.
»Was macht eigentlich dieser Traumfänger?« wollte die kleine Maria wissen.
»Weißt du denn gar nichts?« war ihr großer Bruder Anton genervt. »Er bleibt bei den Leuten über Nacht und fängt für sie Träume ein. Nur wenn er bei jemandem im Haus ist, kann man etwas träumen.«
Maria bekam große Augen. »Ich werde etwas träumen? Das kann ich mir noch gar nicht so richtig vorstellen.«
Aber so kam es tatsächlich. Nacht für Nacht verbrachte der Traumfänger seine Zeit in den Häusern der Dorfbewohner und fing ihnen die Träume aus der Luft, bis er eines Abends bei Marias Familie vor der Tür stand.
Das kleine Mädchen war sehr gespannt. »Ich will endlich meinen allerersten Traum erleben.«
Doch dann sah sie den müden Blick und hörte das leise Seufzen des Traumfängers.
»Was ist denn mit dir?« fragte Maria.
»Ich bin so unglaublich müde. Ich kann nicht mehr. Jede Nacht bin ich wach, sitze an den Betten der Menschen und fange ihre Träume ein. Ich würde nur zu gern einmal selbst schlafen und träumen. Aber das habe ich schon sehr lange nicht mehr machen können. Ich bin der einzige Traumfänger. Deswegen werden immer nur die anderen träumen können.«
»Aber das ist doch unfair. Da muss man doch was gegen machen.«
Mario seufzte wieder. »Wenn das so einfach wäre. Die Träume fangen sich leider nicht von allein.«
»Aber vielleicht kann man daran etwas ändern.« war Maria fest entschlossen.

Am Abend setzten sie sich zusammen ans Bett und redeten über das Fangen von Träumen.
»Sie fliegen um uns herum. Sie sind die ganze Nacht in der Luft und ziehen dort ihre Kreise.« erklärte Mario.
»Der Schläfer kann damit nichts anfangen, weil er im Bett liegt. Deswegen braucht er Hilfe. Ich greife in die Luft und ertaste die Träume. Wenn ich einen erwischt habe, lasse ich ihn fallen, damit er auf dem Schläfer landet. Schon kann der Mensch etwas Schönes träumen.«
»Es wäre toll, wenn es ein Traumfängernetz gäbe, worin sich die Träume verfangen. Dann könnten wir jede Nacht träumen und du könntest endlich einmal schlafen.«
Maria sprang auf und kramte in ihrer Bastelkiste. Daraus holte sie nach ein paar Augenblicken ein paar kleine Ringe, etwas Wolle und Federn hervor. Mit ganz viel Mühe und Fingerspitzengefühl bastelte sie sich nun ein Netz. Mario half ihr dabei, so gut er konnte, gab Tipps, wenn er der Meinung war, dass noch etwas fehlte. Nach ein paar Stunden waren sie fertig und mit der Arbeit zufrieden.
»Der Traumfänger ist fertig. Hoffen wir, dass er funktioniert.«
Mario hängte ihn unter die Decke des Raumes, direkt über das Bett. Dann legte sich die ganze Familie darunter zum Schlafen. Mario durfte bleiben und die neue Erfindung ausprobieren. Nach und nach schliefen die Menschen ein.

Am nächsten Morgen wachten sie alle frisch und ausgeruht auf. Die ganze Familie hatte ein Lächeln in ihren Gesichtern.
»Ich wusste gar nicht, dass Träume so schön sind.« war Maria begeistert und Mario konnte ihr nur zustimmen.
»Der Traumfänger ist toll. Aber dafür nimmt er mir jetzt die Arbeit weg.«
»Du brauchst keine Angst haben.« beruhigte ihn Maria. »Jeder Mensch möchte träumen. Das möchten sie jede Nacht. Ab jetzt kannst du Traumfänger basteln und sie verkaufen. Das ist doch eine viel bessere Arbeit. Du kannst ab jetzt nachts selbst schlafen.«
Das gefiel Mario sehr gut. So wurde aus dem Traumfänger der Traumfängerhersteller.

(c) 2015, Marco Wittler

435. Schäfchen zählen (Hallo Oma Fanny 8)

Schäfchen zählen

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich möchte dir mal berichten, wie schwer es ist, richtig einzuschlafen.
Ich lag nämlich gestern Abend hundemüde in meinem Bett. Ich konnte kaum ein Auge aufhalten. Trotzdem fiel mir das Einschlafen unglaublich schwer. Ständig hörte ich Geräusche und sah irgendwelche Schatten im Mondlicht. Irgendwie machte mir das ganz schön viel Angst.
Also bin ich aufgestanden und zu Mama gelaufen. Sie hat mich getröstet und mir einen guten Tipp gegeben, wie man besser einschlafen kann. Ich sollte mich in mein Bett legen und Schäfchen zählen, die hintereinander über einen Zaun hüpfen.
Ich hab mich in mein Bett gelegt, die Augen geschlossen und mit den Zählen angefangen.
Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe. Irgendwann waren es zehn, dann zwanzig, fünfzig. Als ich irgendwann bei einhundert angekommen war, wurde es ganz schön voll auf der Weide hinter dem Zaun. Die Schafe hatten so langsam nicht mehr genug Platz, um dort zu stehen. Aber trotzdem sprangen sie weiter über den Zaun. Du kannst dir nicht vorstellen, was die für einen Krach gemacht haben. Von überall waren ihre Rufe zu hören. Mäh hier und Mäh da. Wer soll denn bei dem Lärm einschlafen können? Die Idee von Mama war gar nicht gut.
Also habe ich mir einen bösen Wolf vorgestellt, der alle Schafe wieder vertreibt. Irgendwann war die Weide dann wieder leer und ruhig.
In meinen Gedanken habe ich mich dann auf das Gras gesetzt und daran gedacht, eine große Tüte Gummibärchen zu futtern. Dabei bin ich dann auch endlich eingeschlafen.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.

Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

281. Das Traumtier

Das Traumtier

Arne liegt im Bett. Gerade zieht er sich die Decke bis zur Nase hoch. Mama kommt mit einem Buch ins Zimmer und setzt sich auf die Decke.
»Jetzt lese ich dir noch eine Geschichte vor.«
Arne nickt mit dem Kopf und freut sich.
»Geschichte vom Traumtier.«
Mama schaut ihn mit großen Augen an.
»Traumtier? Das kenne ich ja gar nicht. Magst du mir davon erzählen?«
Arne freut sich. Er schlägt die Decke zurück und setzt sich auf. Er beginnt zu erzählen. Mama macht es sich gemütlich und nimmt sich den kleinen Kuschelhasen in den Arm.

Am Abend wird das Traumtier auf seiner weichen Wolke wach. Laut gähnt es durch den ganzen Himmel, bevor es zur Erde hinab schaut.
»Juhuu, gleich gehen die Kinder schlafen. Es wird Zeit für mich, Träume zu basteln.«
Es schnappt sich eine Umhängetasche, packt watteweiche Wolkenstückchen hinein und fliegt zu den Menschen hinab.
»Wo fange ich denn jetzt an?«
Das Traumtier entscheidet sich für ein kleines rotes Haus am Ende der Straße. Ganz leise schwebt es durch das geschlossene Fenster.
»Da ist ja schon ein schlafendes Kind. Dir werde ich einen richtig schönen Traum basteln.«
Es greift in seine Tasche und holt ein Stück der Wolke hervor. Mit geschickten, fleißigen Fingern formt es daraus ein paar kleine Pferde, Cowboys und Indianer. Dann legt es die Figuren auf das Kopfkissen, wo sie sich langsam auflösen.
»Viel Spaß im Wilden Westen, kleiner Junge.«, flüstert das Traumtier, bevor es das Haus wieder verlässt und sich auf den Weg zum nächsten schlafenden Kind macht.

»Geschichte vom Traumtier.«, sagt Arne stolz.
Er legt sich wieder hin, zieht seine Decke zurecht und wünscht Mama eine gute Nacht.

(c) 2009, Marco Wittler

277. Wenn Schneemänner träumen

Wenn Schneemänner träumen

Otto träumte. Er erinnerte sich zurück an den letzten Winter. Damals war er ein großer, prachtvoller Schneemann gewesen, mit Zylinderhut auf dem Kopf und einer langen, roten Möhre als Nase.
»Ach, wenn ich doch bald wieder ein Schneemann sein könnte.«, murmelte er vor sich hin.
Otto war von einer kleinen Gruppe Kinder gebaut worden und hatte die gesamte kalte Jahreszeit über im Garten gestanden.
Doch damit war es schon seit Monaten vorbei. Irgendwann im Frühling war es warm geworden. Der Schnee war geschmolzen und zu Wasser geworden.
Nun fristete Otto sein Leben als Wassermann in einem kleinen Gartenteich und wartete darauf, dass es wieder kalt werden würde.
Den ganzen Sommer über kümmerte es sich um die Fische und anderen Tiere, die durch ihn hindurch schwammen. Aber seine wahre Bestimmung, sein größtes Glück, lag darin, ein Schneemann zu sein.
»Irgendwann, zum Ende des Herbstes ist es wieder so weit.«, sagte er sich.
»Dann werde ich verdunsten. In kleinen Tröpfchen schwebe ich zum Himmel hinauf und werde mich für ein paar Tage in einer großen Wolke verstecken und über das Land hinweg fliegen. Wenn es dann richtig kalt wird, lasse ich mich in unzähligen Schneeflocken zum Boden fallen und werde alles im schönsten Weiß bedecken.«
Otto malte es sich in seinem Kopf aus, wie sich die fröhlichen Kinder in den Garten stürzten und einen neuen stattlichen Schneemann bauten.
Er sah auf seinen Kalender und staunte.
»Was ist denn das? Der November hat schon angefangen.«
Otto musste grinsen.
»Bald ist es so weit. Nicht mehr lange und ich werde wieder vom Himmel fallen und zum Schneemann werden.«

(c) 2009, Marco Wittler

097. Der Traummacher oder „Papa, woher kommen die Träume?“ (Papa erklärt die Welt 10)

Der Traummacher
oder »Papa, woher kommen die Träume?«

»… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.«
Papa klappte das Märchenbuch zu
Liest du mir noch eine zweite Geschichte vor?«, fragte Sofie.
»Nein, für heute ist Schluss. Es ist schon spät genug. Es ist Zeit, dass du schläfst.«, kam die Antwort.
Papa deckte seine kleine Tochter zu. Er gab ihr noch einen Kuss auf die Wange und wünschte ihr eine gute Nacht.
»Schlaf gut, mein Engel und träum schön.«
Sofie zog die Stirn kraus.
»Papa, woher kommen eigentlich die Träume?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Traummacher. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein junger Bursche mit Namen Martin.
Martin war ein Geschichtenerzähler. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt damit, dass er von Stadt zu Stadt zog, den Leuten die neuesten Neuigkeiten und den Kindern Geschichten und Märchen erzählte. Reich konnte man damit freilich nicht werden, aber dennoch machte es unglaublich viel Spaß.
Martin kannte alle Märchen und Geschichten des ganzen Landes. Es war ihm noch nie passiert, dass er in eine Stadt kam, den Kindern etwas erzählte und ihm anschließend jemand sagen musste, dass man diese Worte an diesem Ort bereits gehört hatte.
Der Geschichtenerzähler war überall sehr beliebt. Schon Tage, bevor er des Weges kam, verbreitete sich die Nachricht seiner Ankunft wie ein Lauffeuer.
Die Bürgermeister ließen Bühnen aufbauen und Feste vorbereiten. Die Schulen wurden informiert, dass die Kinder nicht zum Unterricht gehen mussten.
Eines Tages kam Martin in die Stadt des Königs. Er war noch nie hier gewesen, es würde sein erster Besuch sein. Doch auch hier hatte man von seinen schönen Geschichten bereits gehört. Der Bürgermeister bereitete alles vor und informierte jeden Bürger.
Als der Geschichtenerzähler auf seinem Esel durch das Stadttor geritten kam, stand bereits eine Bühne auf dem Marktplatz und eine große Horde Kinder wartete sitzend drum herum.
Martin stieg eine kleine Treppe empor, setzte sich in einen gemütlichen Sessel und holte aus einer seiner Taschen ein dickes Buch hervor.
»Ich freue mich, dass ihr alle hierher gekommen seid, um mir zuzuhören. Ich kann euch versprechen, dass ich viele Geschichten aus allen Ecken unseres schönen Landes mitgebracht habe und sie euch gefallen werden.«
Die Leute wurden still. Alle hingen nun gebannt an Martins Lippen. Sie wollten nicht einen seiner gesprochenen Sätze versäumen.

Ein wenig Abseits dieses Festes saß der König im Thronsaal seines Schlosses. Er beriet sich gerade mit seinen Ministern über neue Gesetze, als er alle Anwesenden mit der erhobener Hand um Ruhe bat.
»Was stimmt nicht in unserem Königreich? Da geht doch etwas vor sich, wovon ich nichts weiß. Wer von euch kann mir mehr berichten?«, fragte er.
Die Minister wussten nicht, was er meinte und zuckten nur mit den Schultern.
»Was ist in der Stadt los? Es ist plötzlich so still, wie sonst nie um die Mittagsstunde. Plant das Volk einen Aufstand oder ist eine böse Krankheit ausgebrochen? Findet sofort heraus, was dort vor sich geht.«
Die Minister sprangen sofort auf und verließen den Thronsaal. Sie stürmten in alle Richtungen um ihre Berater zu befragen.
Der Diener des Königs, der still am Fenster gestanden hatte, ging indes zu seinem Herrn und berichtete ihm, dass ein berühmter Geschichtenerzähler in die Stadt gekommen sei und er für die merkwürdige Stille verantwortlich gemacht werden könne.
»Die Leute hängen so sehr an seinen Lippen, dass ihnen kein einziges Wort mehr aus dem Munde kommt.«
Der König dachte nach und grübelte. Schließlich gab er einen Befehl.
»Solch einen Mann kann ich gut bei Hofe gebrauchen. Holt ihn in mein Schloss und stellt ihn in meinen Dienst. Er soll der erste königliche Geschichtenerzähler des Landes werden und künftig mich, meine Familie und den Hofstaat mit seinen Märchen unterhalten.«
Und so geschah es auch.

Martin hatte gerade einmal eine Geschichte erzählen können, bis die Ritter des Königs ihn abgeholten. Sie führten ihn in den Thronsaal, wo er neu eingekleidet und dem König vorgestellt wurde.
»Von nun an«, sagte der König feierlich, »sollst du an meinem Hofe leben und mir Geschichten erzählen, damit ich niemals an Langeweile leiden muss.«
Martin freute sich natürlich sehr über dieses Angebot. Nun hatte er regelmäßig etwas zu Essen, ein Dach über dem Kopf und schon sehr bald würde er sehr wohlhabend sein. Aber alles sollte anders kommen, als es gedacht war.
Der König und sein Gefolge erfreuten sich tagtäglich am Geschichtenerzähler. Jeden Abend ließen sie sich ein oder zwei Märchen vorlesen.
Doch schon bald war ihnen das nicht mehr genug. Sie wollten mehr und immer mehr hören. Schon nach dem Aufstehen stand Martin am Bett des Königs bereit und erzählte, was er im ganzen Land gehört hatte. Während des Frühstücks ging es weiter. Bis zum Abend taten die Menschen im Schloss nichts anderes mehr, als ihrem Geschichtenerzähler zuzuhören. Erst als sie müde in ihren Betten lagen, kam Martin zur Ruhe.
Das viele Zuhören hatte natürlich seine Folgen. Denn schon bald trafen der König und seine Minister keine Entscheidungen mehr. Sie erließen keine Gesetze und verurteilten keine Verbrecher mehr. Das ganze Land war unwichtig geworden. Sie wollten nur noch Märchen hören.
Schon sehr bald verarmte das Land und die Menschen mussten hungern. Es gab nur einen Menschen, der davon etwas hörte.
Sofort erzählte Martin dem König von den vielen Problemen im Land. Als dann die Minister davon erfuhren, reagierten sie schockiert. Es musste sofort etwas unternommen werden, damit das Volk nicht krank wurde oder sterben musste.
Wenn da doch bloß nicht diese vielen schönen Märchen und Geschichten wären, die sie unbedingt hören wollten. Aber sie hatten doch nur für eine Sache Zeit. Es musste eine Lösung her.
Der König erteilte Martin den Auftrag, er solle sich etwas einfallen lassen.

Tagelang brütete Martin über diesem Problem. Er erzählte niemandem mehr eine Geschichte. Stattdessen versuchte er die rettende Lösung zu finden, denn das Erzählen von Geschichten und Märchen war sein einziger Lebensinhalt. Er musste einfach erzählen.
Eines Nacht lag er noch lange wach im Bett und erzählte sich selber eine kleine Geschichte. Dabei schlief er ein und erlebte den Rest seines Märchens im Schlaf.

Am nächsten Morgen war Martin ganz aufgeregt. Er konnte noch gar nicht glauben, was er in der letzten Nacht erlebt hatte. Er hatte eine Geschichte während des Schlafs genießen können. Das war die Lösung, die er gesucht hatte. Wenn der König und sein Gefolge von nun an seine Märchen im Schlaf erleben konnten, hatten sie tagsüber genug Zeit, das Land zu regieren.
Als der König davon erfuhr, war er zunächst etwas unsicher. Er wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Geschichten im Schlaf? War das wirklich etwas Gutes oder war man dann zur Strafe am nächsten Tag viel zu müde, um arbeiten zu können? Aber zumindest war es ein Versuch wert.
Martin setzte sich am Abend in das Schlafgemach des Königs und wartete darauf, dass dieser einschlief. Ein paar Minuten später begann er, eine Geschichte zu erzählen. Doch nach ein paar Sätzen hörte er auf und lies den König den Rest selber erleben.

Am Morgen wachte der König erfrischt auf und war begeistert von dieser neuen Methode.
»Martin, du bist ein wirklich guter Erfinder. Wenn wir dich nicht hätten. So gut und erholt habe ich mein ganzes Leben noch nicht geschlafen. Von nun an, will ich jede Nacht eine Geschichte im Schlaf erleben und mein Volk soll auch daran teilhaben.«
Martin wurde rot im Gesicht. So viel Lob hatte er gar nicht erwartet. Doch dann wurde ihm bewusst, dass er noch eine große Aufgabe vor sich hatte. Wie sollte er denn das ganze Volk mit Träumen, so nannte er seine Nachtgeschichten, versorgen?
Wieder grübelte er viele Tage lang, bis er eine kleine Maschine erfand, mit der er jedem Menschen im ganzen Land den Beginn eines Traumes zuflüstern konnte, ohne sein Zimmer verlassen zu müssen.
Von nun an, schliefen die Menschen wesentlich besser. Sie träumten in jeder Nacht und waren glücklich und zufrieden.

»Und noch heute erzählt mir der Martin einen Traum in meinen Kopf, wenn ich schlafe?«
Papa schüttelte den Kopf.
»Nein, denn mittlerweile träumen nicht nur das Volk dieses Königreichs, sondern alle Menschen auf der ganzen Welt. Das wäre selbst für den Traummacher Martin zu viel. Er hat eine große Menge Helfer, die ihm dabei zur Seite stehen.«
Sofie gähnte und zog sich die Decke über den Kopf.
»Dann soll mir mal einer dieser Traummacher ganz schnell eine Geschichte in meinen Kopf schicken. Ich bin nämlich hundemüde und werde bestimmt ganz schnell einschlafen.«
Papa nickte nur, gähnte ebenfalls und verließ leise das Zimmer.
Noch einmal sah Sofie unter der Decke hervor und flüsterte leise vor sich hin.
»Und trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sie kicherte, schlief ein und träumte einen wunderschönen Traum.

(c) 2008, Marco Wittler

015. Kleine Maus auf großer Reise

Kleine Maus auf großer Reise

Es knarrte und knackte. Das Wasser plätscherte gemächlich vor sich hin. Die Sonne stand senkrecht am Himmel und wärmte die Erde mit ihren Strahlen. Es war ein schöner Herbsttag und Frederick, die kleine Maus hatte sich von der Scheune des Bauernhofes aufgemacht, um sich ein wenig am Hafen umzusehen. Dort gab es eine schöne Aussicht. Viele Schiffe, große und kleine, waren am Kai vertäut und schaukelten sanft auf den seichten Wellen dahin. Die Seeleute standen überall auf den Decks, sangen ihre Lieder und legten die Segel ordentlich zusammen.
„Auf so einem Schiff möchte ich auch gern mitfahren. Das muss bestimmt richtig schön sein auf dem großen Meer.“
Der Mäuserich biss genüsslich von einem Stück Käse ab, lehnte sich zurück und träumte von der Ferne.
Nach einer Weile hörte er Schritte hinter sich. Er öffnete schnell die Augen, um sehen zu können, wer sich da heran schlich und entdeckte eine große braune Ratte.
„Na, Kleiner!“, sagte die Ratte. „Du träumst wohl davon eine Seemaus zu werden, was? Aber wenn du nur hier am Hafen herum sitzt wird da nie was draus. Ich sag dir, geh mal an Bord eines Schiffes und fahr mit.“ Dann verschwand sie wieder zwischen ein paar Holzkisten, die überall herum standen.
Das wäre schon eine wirklich gute Idee, dachte sich Frederick. Einfach an Bord schleichen und mitfahren. So wird man zu einer echten Seemaus. Das wäre einmal etwas ganz anderes als jeden Tag in der Scheune nach Futtern zu suchen und vor der Katze fort zu laufen.
Am nächsten Tag stand die kleine Maus wieder am Kai und überlegte, welches Schiff wohl das Beste für die erste Fahrt wäre. Über der kleinen Schulter lag ein Stock an dessen Ende ein kleiner Beutel gebunden war. Darin war ein wenig Verpflegung für die Reise.
Am anderen Ende des Hafens war ein kleines Holzschiffchen angebunden. Hier und da hatte es ein paar Macken, und neue Farbe hätte es auch gebrauchen können. Es war bestimmt nicht das schönste hier, das genaue Gegenteil war eher der Fall. Aber es sah richtig nach Seefahrt und Abenteuer aus. Genau das Richtige für eine kleine tapfere Seemaus.
Frederick überlegte nicht lange und schlich sich über eines der Taue an Deck. Oben angekommen stellte er sich an die Reling, legte sein Hab und Gut beiseite und schaute aufs weite Meer hinaus bis zum Horizont, wo das Meer den Himmel berührte. Er atmete die neue Luft ganz tief ein, denn jetzt war er eine waschechte Seemaus.
Doch wie sollte es jetzt weiter gehen?
Er schulterte wieder sein kleines Bündel und begann sein neues Zuhause zu erkunden, denn irgendwo musste er doch einen Unterschlupf für die Nacht finden. Ein kleines Loch in einer Wand würde ihm schon reichen. Und tatsächlich wurde er in der Nähe des Steuerrades fündig. Dort gab es eine kleine Öffnung, die vor längerer Zeit eine andere Maus geschaffen hatte. Dahinter gab es ein gemütliches Plätzchen zu Schlafen und zum Glück unbewohnt.
Der Mäuserich öffnete seinen kleinen Beutel und legte den Inhalt sorgfältig in die Ecke. Wie man nun sehen konnte, war dieser nicht nur ein Beutel, sondern sogar eine Schlafdecke. Die restlichen Dinge waren ein kleines Buch in das Frederick seine erlebten Abenteuer eintragen konnte, ein Stift und ein Rest von seinem Käse.
An diesem Tag ging er früh schlafen, denn am nächsten Morgen sollte es auf die Reise gehen.

 Der nächste Morgen kam schneller als erwartet. Es war noch nicht einmal hell, da drang schon ein Gewirr aus lauten Stimmen in das kleine Mauseloch und Frederick wurde wach.
Verschlafen kroch er unter seiner Decke hervor und schaute nach draußen. Überall wurde schon eifrig gearbeitet. Die Matrosen entfernten die Hüllen in denen die Segel über Nacht verstaut waren und bereiteten das Schiff für die Fahrt vor. Die kleine Maus gähnte ganz laut und krabbelte wieder unter die Decke zurück. So stellte sich doch niemand eine richtige Schiffsreise vor.
Aber der Lärm war zu laut. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Also raus aus den Federn. Auch Seemäuse müssen früh aufstehen.
Inzwischen war das Schiff fertig. Der Kapitän stand neben dem Steuermann und gab unverständliche Kommandos von sich. Aber jeder schien zu wissen was getan werden musste.
Die Leinen wurden gelöst und ein Seemann, kräftig wie ein Bär, stieß das Schiff mit einer langen Stange vom Ufer weg. Jetzt war es soweit. Sie waren nun endlich auf See.
Das kleine Schiff verließ schnell den Hafen. Ein kühner Wind blies kräftig in die Segel und lies das Ufer schnell kleiner werden, bis es ganz und gar verschwunden war.
Nun war auch Frederick voller Tatendrang. Er nahm sich ein großes Taschentuch und band es sich um den Kopf. Nun sah er fast aus wie ein Pirat. Er zog sich einen kleinen Matrosenanzug an und ging an Deck. Doch was sollte er nun machen zwischen den vielen Seebären? Jedes der Taue war dicker als er selbst und nirgendwo konnte er etwas helfen. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Dafür setzte er sich nach ganz vorne auf die Reling und schaute auf das unendliche Meer.
Da hörte er plötzlich ein leises Kratzen hinter sich auf dem Holz. Fast unbemerkt hatte sich ein dicker großer Kater heran geschlichen und leckte sich nun über die Lippen. Eine Maus zum Frühstück kam ihr gerade recht.
Frederick erschrak. Er hatte es zwar schon einmal mit einer Katze aufgenommen, aber diesmal konnte er sich nirgendwo verstecken oder sich noch etwas ausdenken.

 Der Mäuserich schreckte hoch und sah sich um. Er war nicht mehr an Bord des Schiffes. Er saß am Hafen auf einer großen Holzkiste. Anstatt einem Kater als Vorspeise zu dienen hatte er das alles nur geträumt. Erleichtert atmete er auf.
„Hast du es dir doch anders überlegt? Ich dachte, du wolltest eine richtige Seemaus werden, Kleiner.“
Die dicke Ratte war wieder da.
„Nein, ganz gewiss nicht. Das ist mir viel zu gefährlich. Auf Schiffen sind mir viel zu gefährliche Tiere. Und früh aufstehen muss man auch. Das ist nichts für mich.“, antwortete Frederick.
Die Ratte zuckte nur kurz mit den Schultern und kletterte an einem Tau auf das nächste Schiff hinauf.
Der kleine Mäuserich aber lehnte sich gemütlich zurück, genoss den Sonnenuntergang und lies seinen Blick über das weite Meer schweifen. Alles war ruhig und das war auch gut so.
Aber irgendwann, das wusste Frederick genau, würde er doch einmal mit einem Schiff das Meer bereisen. Denn nun träumte er von einem ruhigen Leben in einem Leuchtturm am Meer. Dort war es sicher, es gab nicht so viel Arbeit, und man konnte bis zum Mittag ausschlafen.

(c) 2001, Marco Wittler

15 Kleine Maus auf großer Reise