409. Das verlorene Geschenk

Das verlorene Geschenk

Weihnachten.
Aus dicken Wolken fielen unaufhörlich dicke Schneeflocken und färbten den Boden schnell weiß. Keine Menschenseele war  in den Straßen zu sehen. Entweder saß man gemütlich im warmen Wohnzimmer mit einer Tasse Tee oder besuchte den Gottesdienst in der Kirche.
Doch dann war da plötzlich eine Stimme, die durch die Luft zu fliegen schien. Immer wieder war ihr lautes Lachen zu hören.
»Ho, ho, ho.«
Wäre nun doch ein Mensch unterwegs gewesen, hätte er den Weihnachtsmann mit seinem großen Schlitten auf den Dächern landen sehen.
Der Flug ging nach links, nach rechts, nach oben, nach unten, von einem Kamin zum anderen. Überall hinterließ der Weihnachtsmann wunderschön verpackte Überraschungen für die Kinder, die an ihn glaubten. Für die anderen waren die Eltern zuständig.
In seinem riesigen Sack stapelten sich unzählige Päckchen bis zum Rand. Bei jedem Start, jeder Landung und jeder Kurve drohten sie, herauszufallen. Aber bisher war jedes Jahr alles gut ausgegangen.
Doch dieses Mal sollte alles anders sein. Ein kleines Geschenk lag ganz oben im Sack und wagte einen Blick nach draußen. Es war ein herrlicher Anblick, den tanzenden Schneeflocken beim Wirbeln zuzuschauen.
»Das würde ich auch gern mal ausprobieren.«, sagte das Geschenk zu sich selbst.
Sein Wunsch wurde schneller erfüllt, als es ihm lieb war. Denn plötzlich kam ein kräftiger Wind auf. Das Geschenk wurde aus dem Sack geweht, fiel schnell zum Boden herab und verschwand zur Hälfte im Schnee.
»He!«, rief es laut zum Himmel hinauf.
»Was soll denn das? Ich muss doch heute noch ausgeliefert werden. Weihnachtsmann, du kannst mich doch nicht einfach auf der Straße liegen lassen. Komm sofort zurück.«
Aber egal, ob es sich beklagte, schimpfte oder verzweifelt bettelte, es wurde nicht gehört und auch nicht wieder eingesammelt.
»Das ist gemein.«, brach es schließlich in Tränen aus.
»Ich soll doch ein Kind glücklich machen.«
Hätte das Geschenk eine Nase gehabt, hätte es bestimmt laut geschnieft.
Ein paar Minuten später kamen zwei Menschen die Straße entlang. Es waren eine Frau und ein Kind.
»Aber warum müssen wir denn heute zur Oma gehen?«, fragte das Kind.
»Weil sie drauf besteht. Sie denkt, dass man Weihnachten als Familie zusammen feiern sollte.«, antwortete die genervte Mutter.
»Bekomme ich denn dann auch ein Geschenk vom Weihnachtsmann?«
»Weihnachtsmann?«, fragte die Mutter zurück.
»Wie kommst du denn auf so ein Märchen? Den gibt es doch gar nicht. Wenn es nach mir ginge, würde dieses unnütze Fest abgeschafft.«
Das Kind wurde traurig und blickte verzweifelt zum Boden, wo es etwas Unerwartetes entdeckte.
»Was ist denn das?«, wunderte es sich und lief ein paar Meter vor.
Es griff mit den Händen in den Schnee und holte ein wunderschön verpacktes Geschenk hervor.
»Schau mal Mama. Ein Geschenk vom Weihnachtsmann.«, freute sich das Kind und riss sofort das bunte Papier auf. Darin fand es drei kleinere Geschenke.
»Für dich, für deine Mama, für deine Oma. Alles Liebe, der Weihnachtsmann.«, lasen Mutter und Kind verblüfft.
In diesem Moment ertönte wieder ein lautes Lachen vom Himmel.
»Ho, ho, ho. Frohe Weihnachten. Und lasst die Köpfe nicht hängen. Geht endlich glücklich feiern.«

(c) 2012, Marco Wittler

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