411. Die dicke Schneeflocke

Die dicke Schneeflocke

In den Wolken herrschte reges Treiben. Unzählige kleine Schneeflocken machten sich bereit auf ihren ganz großen Auftritt. In ein paar Minuten würden sie zur Erde fallen und sie weiß färben.
»Leute, ihr wisst, was zu tun ist.«, sagte der Schneegeneral.
»Aber zur Sicherheit gehen wir den Plan noch einmal durch.«
Die Schneeflocken nickten eifrig und hörten ihm zu.
»Um Punkt achtzehn Uhr öffnen wir die Wolkentore. Ihr werdet euch in Zweierreihen aufstellen und dann todesmutig in die Tiefe stürzen. Ich erwarte von euch einen erstklassigen Sprung zur Erde. Keiner von euch wird aus der Reihe tanzen. Also dreht euch schön hin und her, damit sich die Menschen da unten über euch richtig freuen können.«
Die Schneeflocken hoben die rechte Hand an die Stirn und salutierten.
Nur noch fünf Minuten. Die Aufregung steigerte sich immer mehr. Nur eine dicke Flocke war etwas unsicher. Das lag aber auch daran, dass sie von den anderen immer gehänselt wurde.
»Du fällst bestimmt wie ein schwerer Stein zum Boden.«, flüsterten sie ihr immer wieder zu.
»Du bist eine Schande für das ganze Schneeflockenvolk. Dich hätte man gar nicht erst ausbilden sollen.«
Und dann war es so weit. Die Tore der Wolken wurden geöffnet. Der General stand ganz vorn und gab das Kommando zum Sprung.
»Auf geht’s, Männer. Ich will keine Angst in euren Augen sehen. Los, raus mit euch.«
Die Flocken reihten sich ein und sprangen in die Tiefe. Sie tanzten in der Luft hin und her, wirbelten wie wild herum und färbten die Erde schließlich weiß ein, als hätte jemand ein großes Laken ausgebreitet. Doch dann kamen die Flocken ins Stocken. Es ging nicht mehr weiter.
»Los, dicker. Mach schon. Entweder du springst oder machst uns Platz.«, rief jemand von hinten.
»Du bist eh viel zu dick für den Job.«
Alle lachten. Das machte es der dicken Schneeflocke noch viel schwerer zu springen.
»Hör nicht auf sie.«, flüsterte der General.
»Ich war in meiner Jugend auch dick und nun schau, was aus mir geworden ist. Wenn du nur ganz fest an dich glaubst, dann kannst du alles erreichen.«
Er zwinkerte freundlich.
»Und nun spring. Ich bin davon überzeugt, dass du für etwas ganz Besonderes bestimmt bist.«
Die dicke Schneeflocke schöpfte Hoffnung. Sie sah sich noch einmal um, dann sprang sie nach draußen.
»Hui, ist das ein Wind.«, jubelte sie laut.
»Das macht riesig viel Spaß.«
Die anderen Schneeflocken sahen ihr nur verwirrt nach. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sie wirklich springen würde.
»Aber wo lande ich denn jetzt?«, fragte sich schließlich die dicke Flocke, als der Boden unter ihr schon bedrohlich nahe gekommen war.
Doch dann war es bereits zu spät, sich darüber Gedanken zu machen. Sie blieb an der Spitze einer großen Tanne hängen.
»Schaut mal.«, rief ein Kind aus einem nahen Haus.
»Da draußen glitzert etwas auf unserem Weihnachtsbaum.«
Sofort liefen die Menschen nach draußen und besahen sich die dicke Schneeflocke.
»Das ist noch viel schöner, als der Weihnachtsstern, den wir jedes Jahr auf die Spitze setzen.«
Also blieb in diesem Jahr der Weihnachtsstern im Keller und die Menschen feierten gemeinsam mit der dicken Schneeflocke, die nun richtig stolz war, dass sie sich getraut hatte, aus der Wolke zu springen.

(c) 2012, Marco Wittler

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