486. Helden des Tierheims (Tierheimgeschichten 8)

Helden des Tierheims

Der grau gestreifte Kater Manni lag auf der Fensterbank des Katzenhauses und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Das war seine Lieblingsbeschäftigung. Dabei durfte man ihn auch nur in dringenden Notfällen stören. Und davon gab es nicht viele. Heute war allerdings einer davon.
»Hallo? Ist da jemand?« flüsterte eine Stimme von der anderen Seite des aufgeklappten Fensters.
Manni grunzte unzufrieden. »Wer stört mich da? Ich habe zu tun.«
»Jemand braucht eure Hilfe.« sprach die Stimme weiter.
Jetzt wurde Manni munter. Hilfe war immer wichtig und durfte nie zu spät kommen.
»Wo steckst du? Zeig dich.« rief er nach draußen, als er aufstand.
Unter dem Fenster entdeckte er eine kleine, graue Ratte, die unsicher im Schatten eines Busches saß und sich immer wieder ängstlich umsah.
»Nicht so laut.« bat sie. »Ich habe Angst, dass mich eine streunende Katze entdeckt und frisst.«
Manni musste grinsen, als er auch zu flüstern begann.
»Und vor mir hast du keine Angst? Ich kann ziemlich hungrig und gefräßig sein. Sieh dir meinen Bauch an. Du solltest dich in Acht nehmen.«
Die Ratte musste schlucken. »Wer anderen hilft, kann nicht so schlimm sein – oder?«
Manni nickte. »Das Futter hier im Tierheim ist so reichhaltig und lecker. Ich muss keine anderen Tiere jagen. Aber jetzt erzähl mir, worum es geht.«
Die Ratte kletterte am Mauerwerk hinauf, setzte sich auf die andere Seite des Fenster und begann zu erklären, was sie und ihre Freunde entdeckt hatten.
»Ein paar Straßen weiter lebt ein alter Mann in einem kleinen, alten Häuschen. Es ist sieht scheußlich aus. Die Farbe blättert von den Wänden ab, das Dach ist schief, der Garten ungepflegt und überall liegt Müll herum. Da fühlt sich nicht einmal eine Ratte wohl. Trotzdem haben wir einen Blick hinein geworfen, als die Tür heute Morgen offen stand.«
»Die Hoffnung auf ein Frühstück treibt euch in jedes Haus hinein, egal wie es aussieht.« lachte Manni.
»Jedenfalls lebt der Mann nicht allein in seinen vier Wänden. In einer Ecke des Wohnzimmers steht ein Pappkarton. Darin lebt Konrad, ein kleiner Hund, der sich von seinem Platz nicht fort darf. Setzt er auch nur eine Pfote zu weit weg, bekommt er einen Schlag mit einer alten Zeitung. Er darf nicht einmal nach draußen, um sein Geschäft zu erledigen. Dass muss er alles in seinem Karton erledigen.«
Manni wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es in diesem Haus aussehen musste. Es hörte sich einfach zu schrecklich an.
»Wir werden etwas unternehmen.« entschloss er sich und trommelte sofort die anderen Katzen zusammen, denen er kurz berichtete, was er gehört hatte.
»Wir brauchen also einen Plan, wie wir den kleinen Kläffer da raus holen können. Er hat ein besseres Leben verdient.«
Eine halbe Stunde später machten sich die kleine Ratte und fünf Katzen auf den Weg.
Sie hatten das verfallene Haus nach wenigen Minuten erreicht. Sie sahen es sich von allen Seiten genau an, bevor sie etwas unternehmen wollten.
»Der Alte ist im Haus.« berichtete Manni, der von einem niedrigen Baum aus durchs Fenster sah.
»Er liegt faul im Sessel und trinkt Bier. Wir können mit dem Ablenkungsmanöver starten.«

Der alte Mann kratzte sich seinen dicken Bauch und rülpste. Er wollte gerade zu einer neuen Flasche Bier greifen, als er draußen lautes Geschrei hörte.
»Was soll denn dieser verdammte Lärm?« brüllte er, sprang auf und warf einen Blick durch das verdreckte Wohnzimmerfenster. Er konnte nichts entdecken.
Schnell lief er zur Eingangstür, öffnete sie und machte sich auf den Weg in den Garten. Dort entdeckte er er Kater Fridolin, der gerade eine Ratte hin und her jagte und dabei vergnügt lautes Miauen von sich gab.
»Verdammte Viecher!« brüllte der Alte und warf mit seiner leeren Bierflasche nach dem Kater. Zum Glück war er bereits so betrunken, dass es ihm unmöglich war, jemanden zu treffen.
»Jetzt sind wir dran.« flüsterte Manni den verbliebenen Katzen zu.
Sie schlichen gemeinsam in das Haus. Es war nicht weiter schwer den beschriebenen Pappkarton zu finden. In seinem Innern sahen sie den armen, kleinen Konrad. Wie ein Hund sah er allerdings nicht mehr aus. Überall klebte Dreck an ihm.
»Der wird nicht auf einen Beinen flüchten können.«
Ohne noch weiter darüber nachzudenken, packten die Katzen den Karton und trugen ihn nach draußen. Als sie die nächste Straßenecke erreicht hatten, pfiff Manni laut. Das war das verabredete Signal, das Ablenkungsmanöver zu beenden.

Ein paar Tage später ging es dem Hund besser. Sein Fell war sauber gewaschen worden, er hatte reichlich zu fressen bekommen und fühlte sich das erste Mal in seinem Leben frei und glücklich.
»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie dankbar ich euch bin.« erklärte er den Katzen.
»Dafür sind wir doch da, lieber Konrad.« antwortete Manni.
»Lutz.« widersprach der Hund.
Die Katzen sahen ihn verwirrt an.
»Nennt mich Lutz. Konrad ist der Name meines alten Lebens. Damit möchte ich nichts mehr zu tun haben. Ich finde, Lutz passt viel besser zu mir.«
Und so hatte Lutz endlich in ein schönes Leben mit vielen neuen Freunden gefunden.

(c) 2014, Marco Wittler

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