576. Ich will ein Schneemann sein

Ich will ein Schneemann sein

Timo stapfte mit seinem Schlitten durch den tiefen Schnee und mühte sich den Berg hinauf. Er wusste schon gar nicht mehr, wie oft er heute schon gerodelt war. Den ganzen Nachmittag hatte er hier verbracht. Doch nun ging langsam die Sonne unter. Es wurde dunkel, kalt und Mama sah immer häufiger auf ihre Armbanduhr.
»Es wird langsam Zeit, dass wir nach Hause fahren. Ich muss das Abendessen kochen.«, sagte sie schließlich.
Timo blieb vor ihr stehen, sah zu Mama hinauf und ließ die Mundwinkel sinken.
»Wirklich? Jetzt schon? Es ist doch noch gar nicht so spät. Ich will hier bleiben und weiter Schlitten fahren.«
Mama schüttelte den Kopf. »Die anderen Familien fahren auch schon nach Hause.«
»Stimmt gar nicht.«, beschwerte sich Timo. »Wir sind bestimmt die ersten, die jetzt gehen.«
Er sah sich um. Der Schlittenhang war leer. Es waren weder Kinder noch Eltern zu sehen.
»Na gut. Wir sind die Letzten. Aber trotzdem möchte ich noch rodeln.«
»An einem anderen Tag. Jetzt wird es Zeit für’s Abendessen.«
Timo ließ die Schultern hängen und folgte Mama schleichend zum Auto. Kurz vor dem Parkplatz fiel sein Blick auf einen Schneemann, der unter einer großen Tanne gebaut worden war.
»Wenn ich ein Schneemann wäre, könnte ich rund um die Uhr hier bleiben. Dann müsste ich nicht nach Hause. Das wäre echt cool.«

Am nächsten Morgen war irgendwas anders. Als Timo wach wurde, wehte ihm ein leichtes Lüftchen um die Nase. Auf der einen Seite war es kühl, auf der anderen Seite machte es ihm aber auch nichts aus. Ihm war nicht kalt.
Er wollte sich recken, strecken und laut gähnen, aber das fiel ihm alles andere als leicht. Timo öffnete die Augen und sah sich um. Sofort bekam er große Augen.
»Wahnsinn!«, staunte er. »Das ist ja unglaublich!«
Er stand ganz oben auf dem Rodelhang. Von hier aus brauchte er nur auf seinen Schlitten steigen und den Berg hinab fahren.
»Und ich bin hier der Einzige. Niemand stört mich. Niemand steht mir im Weg. Ich kann fahren wo ich will!«
Timo grinste über das ganze Gesicht. Er wollte aufstehen, den neben sich stehenden Schlitten schnappen und den ganzen Tag Spaß haben. Es gab nur ein Problem. Er konnte nicht aufstehen. Und das war noch nicht das Schlimmste. Nicht nur das Aufstehen funktionierte nicht. Er konnte weder Arme noch Beine bewegen.
Timo sah an sich herab. Er hatte sich in einen Schneemann verwandelt. Und wie das bei Schneemännern nun mal so ist, sie können sich nicht bewegen.
»Oh, nein. Wenn ich nur daran gedacht hätte. Dann hätte ich mir bestimmt nicht gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Die Zeit verging nur langsam. Timo langweilte sich fast zu Tode. Er konnte nicht spazieren gehen, er konnte keine Bücher lesen oder sich vor den Fernseher setzen. Er konnte sich nicht einmal an seiner Mohrrübennase kratzen, wenn es juckte.
Am Nachmittag kamen die Kinder der ganzen Nachbarschaft zum Rodelhang. Für die nächsten Stunden vergnügten sie sich auf ihren Schlitten und hatten ganz viel Spaß. Jeder Junge und jedes Mädchen – bis auf Timo. Als Schneemann stand er auf der Stelle und musste den anderen zusehen.
»Oh man, ist das langweilig. Ich wünschte, ich hätte mir nie gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Traurig wartete er darauf, dass der Tag vorüber ging. Irgendwann gingen die anderen Kinder nach Hause. Timo musste draußen in der Dunkelheit bleiben. Irgendwann schlief er ein und träumte davon, wieder ein ganz normaler Junge zu sein.

Am nächsten Morgen wachte Timo auf. Er reckte und streckte sich. Als er die Augen aufschlug, sah er sich schnell um. Er hatte zwei normale Arme, zwei normale Beine und eine kleine Nase im Gesicht. Er lag in seinem Bett unter der Decke und konnte sich wieder bewegen.
»Juhuu! Endlich bin ich wieder ein normaler Junge.«
Glücklich sprang Timo aus dem Bett und tanzte wie wild in seinem Zimmer herum.
»Ich werde mir nie wieder wünschen, ein Schneemann zu sein. Das ist mir viel zu langweilig.«

(c) 2017, Marco Wittler

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