614. Das neue Kinderzimmer

Das neue Kinderzimmer

Tim saß in seinem Schrank und las in seinem Lieblingsbuch.
Moment mal. Er saß im Schrank? Ja, tatsächlich. Und das hatte auch einen guten Grund. Denn Tim und seine Familie waren erst vor ein paar Wochen in ein neues Haus gezogen. Im Kinderzimmer fehlte es bisher noch an ordentlichen Möbeln.
In der einen Ecke stand das Bett, in der anderen der Schreibtisch und gegenüber der große, alte Kleiderschrank, der schon seit über einhundert Jahren im Besitz der Familie war. Und weil Tim noch keinen gemütlichen Sessel besaß und kein Sofa, hatte er es sich mit ein paar dicken Kissen unter dem Po im Schrank gemütlich gemacht. Um ordentlich lesen zu können, trug er seine Stirnlampe auf dem Kopf, die er sonst beim abendlichen Laufen mit Papa benutzte.
In diesem Moment steckte Mama den Kopf durch die Tür und suchte ihren Sohn.
„Tim? Wo bist du?“
Sie suchte kurz in jeder Richtung, bis es ihr wieder einfiel.
„Sitzt du schon wieder im Schrank? Warum setzt du dich denn zum Lesen an den Schreibtisch oder auf dein Bett? Der Schrank ist doch viel zu ungemütlich. Außerdem macht man sowas einfach nicht.“
Tim öffnete eine der beiden Türen und sah nach draußen.
„Wieso macht man das nicht? Steht das irgendwo geschrieben? Gibt es da ein Gesetz oder eine Regel?“
Dann hielt er Mama sein Buch unter die Nase.
„Du glaubst ja nicht, wozu Schränke so alles benutzt werden. In diesem Roman gehen sogar durch den Schrank in das Land Narnia und erleben unglaubliche Abenteuer.“
Mama seufzte.
„Aber Narnia ist nur eine Geschichte.“
Tim grinste.
„Wer weiß. Vielleicht leben wir ja auch nur in einer Geschichte, die gerade jemand liest.“
Jetzt musste Mama lachen. Dass sie nur Teil einer Gute Nacht Geschichte sein sollte, konnte sie sich so gar nicht vorstellen.
An meinem Schreibtisch ist es viel zu ungemütlich.“, erklärte Tim. „Und das Bett ist zum Schlafen gedacht. Ich finde es halt einfach cool, einen ganz besonderen Platz zum Lesen zu haben.“
Mama gab es auf. Gegen so viele Argumente kam sie im Moment einfach nicht an – noch nicht. Aber bis Weihnachten sollte sich das geändert haben.

Eine Woche später war es dann so weit. Heiligabend. Tim hatte seit Gestern seine zeit bei Oma verbracht und würde erst zur Bescherung wieder zu Hause sein. Währenddessen war Papa im Kinderzimmer besonders fleißig gewesen. Die alten Möbel hatte er abgebaut und durch ganz neue ersetzt.
In der einen Ecke stand nun ein Hochbett, darunter ein gemütliches Sofa mit einem schicken Bücherregal, das darauf wartete, mit spannenden Geschichten gefüllt zu werden. Zumindest ein großer MP3 Player stand schon drin. Daneben, unter dem Fenster stand auch ein neuer Schreibtisch mit passendem Drehstuhl. Der alte Familienschrank stand nun im Wohnzimmer und war einem anderen gewichen, der zum restlichen Zimmer passte. Das einzige, was noch fehlte, waren Bilder und Poster. Aber die sollte sich Tim später selbst aussuchen.
„Jetzt kann Tim es sich auf dem Sofa so richtig gemütlich machen.“, war Mama stolz auf die Auswahl der Möbel, die sie getroffen hatte.

Die Bescherung war ein voller Erfolg gewesen. Tim war von seinem neuen Zimmer begeistert. Endlich ein cooles Hochbett. Endlich beim Einschlafen Höhenluft schnuppern. Und für das Bücherregal hatte es auch schon eine ordentliche Füllung gegeben. Oma hatte ein paar spannende Bücher gefunden und ihrem Enkel geschenkt. Was für ein tolles Weihnachtsfest.
Irgendwann nach dem Essen saßen Mama, Papa und Oma allein Im Esszimmer und tranken gemeinsam Kaffee. Tim war mittlerweile verschwunden.
„Wo ist der Junge eigentlich?“, fragte Oma neugierig.
„Der hat seine Nase bestimmt schon in die neuen Bücher gesteckt.“, lachte Mama. „Du weißt doch, wie gern er liest.“
Sie standen auf und machten sich auf den Weg ins Kinderzimmer. Aber dort war Tim nicht zu finden. Das Bett war leer, das Sofa mit Kuscheltieren überfüllt. Ein Kind hätte darauf keinen Platz mehr gefunden.
Mama dachte kurz nach, dann öffnete sie den Kleiderschrank. Doch auch da war Tim nicht zu finden.
„Tim? Wo bist du?“, rief sie durch das Haus.
Tim meldete sich und seine Stimme schien aus dem Wohnzimmer zu kommen.
„Ich bin hier!“
Die Familie ging neugierig ins Wohnzimmer. Doch auch dort war das Sofa leer.
„Tim?“
Die Tür des alten Schranks öffnete sich. Tim saß grinsend darin. Unter seinem Po lagen dicke Kissen. Er hatte ein Buch in der Hand und seine Stirnlampe auf dem Kopf.
„Ja?“
„Was machst du denn da?“, wollte Mama wissen.
„Danke für das neue Kinderzimmer und das tolle Sofa.“, erklärte Tim. „Aber das hier ist halt einfach der coolste Leseplatz im ganzen Haus.“

(c) 2017, Marco Wittler

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