518. Der Profifant

Der Profifant

In den letzten zwei Stunden hatte Mama eifrig in der Küche gearbeitet. Ihre kleine Tochter Merle hatte fleißig geholfen, bis ein großer Korb mit leckerem Essen gepackt war.
»Jetzt können wir Papa Bescheid sagen, dass alles für unser Picknick im Grünen vorbereitet ist.«
Sie sah Merle ins Gesicht und gab ihr einen wichtigen Auftrag: »Geh mal ins Wohnzimmer und sag ihm Bescheid, dass er den Proviant holen und in den Kofferraum unseres Autos stellen kann.«
Merle nickte begeistert und lief sofort los.
Nach ein paar Minuten kam ein verwirrter Papa in die Küche. Er hatte seine Stirn in tiefe Falten gelegt.
»Was soll ich ins Auto bringen?« wollte er wissen. »Merle hat mir irgendwas von einem Profifant erzählt. Sowas kenne ich gar nicht.«
»Proviant!« musste Mama lachen. »Unser Proviant für das Picknick ist fertig. Einen Profifanten gibt es nicht. Jedenfalls habe ich davon noch nichts gehört.«
Papa nickte, schnappte sich den großen Korb und brachte ihn in die Garage. Dort hatte er das Auto geparkt.
»Wo bleibt ihr denn?« hörte er Merles Stimme schon im Flur rufen.
»Der Profifant ist schon im Kofferraum. Wir warten nur noch auf euch.«
Papa kratzte sich am Kopf und sah auf seine rechte Hand, in der er den großen Korb hielt.
»Schon im Kofferraum? Ich hab ihn doch noch hier. Ist ja seltsam.«
Also legte er noch einmal seine Stirn in Falten und betrat die Garage. Was er dort entdeckte, war so unglaublich, dass er es nicht wahr haben wollte.
Im offenen Kofferraum saßen Merle und ein kleiner, grauer Elefant, der mit einer roten Latzhose bekleidet war. Als er Papa sah, sprang er raus und stellte sich vor.
»Mein Name ist Paul. Ich bin der Profifant. Ich bin Profi in allen möglichen Dingen. Eine meiner Aufgaben ist es, Picknickkörbe zu kontrollieren, ob das Essen gut vorbereitet wurde und alles so eingeräumt wurde, dass nichts umkippen kann.«
Dann steckte er seinen Rüssel in den Korb und wühlte ein paar Sekunden darin herum.
»Scheint alles in Ordnung zu sein.«
Doch dann hielt er kurz inne, warf noch einen kritischen Blick auf das Essen und fischte dann eine Tüte Erdnüsse hervor.
»Die dürfen sie auf keinen Fall mit zum Picknick nehmen. Das verstößt den die deutsche Picknickverordnung. Die muss ich leider mitnehmen und vernichten.«
Er grinste und stopfte sich mit dem Rüssel ein paar der Erdnüsse in sein Maul.
»Hat mich gefreut und viel Spaß beim Picknick.« verabschiedete sich Paul und verließ die Garage durch das offene Tor.
Papa stand noch immer der Mund offen. Er wollte nicht glauben, was er da gerade gesehen hatte.
»Hab ich doch gesagt.« erklärte Merle noch einmal. »Der Profifant war schon im Auto.

(c) 2015, Marco Wittler

070. So viele Beine (Ninos Schneckengeschichten 4)

So viele Beine

Es war ein wunderschöner Nachmittag. Die Vögel zwitscherten, die Sonne strahlte und am Himmel zeigte sich nicht ein einziges Wölkchen.
Nino sah aus dem Fenster und freute sich über das Wetter.
»Schau dir das an, Wuschel. Ist das nicht ein herrlicher Tag? Er ist perfekt für einen Ausflug.«
Wuschel, Ninos kleiner Hund wusste sofort, woran sein Herrchen dachte. Daher lief er schwanzwedelnd um Nino herum und bellte vor Freude.
»Aber zuerst müssen wir uns schick machen.«
Nino stellte sich vor den Spiegel und bürstete sich sein Haar. Anschließend kümmerte er sich auch um das Fell von Wuschel.
»Das sollte reichen. So können wir uns unter die Leute wagen.«
Nino legte seinem Hund die Leine um, holte sein Skateboard aus dem Schrank, schnallte sich einen Rucksack um und verließ sein Haus, aber nicht ohne sein kleines Häuschen mitzunehmen.
Sein kleines Häuschen? Stellst du dir auch gerade diese Frage?
Bei Nino war es ganz normal, dass er ein klein Häuschen ständig bei sich trug, denn Nino war eine Schnecke.
Weil Schnecken sehr langsam sind, hatte Nino vor einiger Zeit von seinen Freunden ein Skateboard geschenkt bekommen, damit er sich von seinem Hund schnell durch die Stadt ziehen lassen konnte. So war er fast schneller als seine Freundin Fräulein Fledermaus. Aber auch nur fast.
Und schon ging es los. Wuschel lief so schnell wie der Wind durch die Straßen. Nino blieb kaum Zeit seinen Nachbarn einen schönen Tag zu wünschen.
Schließlich verließen die beiden die Stadt und kamen an den Rand des Waldes.
Die Bäume warfen weite Schatten und spendeten jedem erschöpften Wanderer etwas Abkühlung.
Nino sah sich um und hüpfte vom Skateboard herab.
»Hier gefällt es mir. Das ist ein wirklich schönes Plätzchen für ein Picknick.«
Er nahm den Rucksack vom Rücken und holte eine große Decke daraus hervor. Darauf verteilte er einige Teller, Becher, Speisen und Getränke.
»Wuschel, das sieht ja richtig lecker aus. Jetzt müssen nur noch die anderen zu uns kommen, dann können wir das alles zusammen weg futtern.«
Der kleine Hund bellte einmal und wedelte wieder mit dem Schwanz.
Es dauerte auch nicht lange, bis Ninos Freunde auftauchten. Fräulein Fledermaus flog durch die Lüfte heran und landete direkt neben Nino. Herr Maulwurf mochte es nicht, bei so viel Sonnenschein zu laufen. Seine Augen mochten das viele Licht nicht. Daher buddelte er sich einen Tunnel und hätte sich fast durch das leckere Essen gegraben, da er sich mit der Entfernung verrechnet hatte.
»Dann können wir ja anfangen.«, freute sich die Schnecke.
Doch in diesem Moment begann der Wind zu wehen. Die Bäume bogen sich hin und her, Blätter fielen von den Ästen herab und die Servietten flogen im hohen Bogen davon. Als Krönung von allem landete ein Tannenzapfen im Kartoffelsalat.
Herr Maulwurf sah dies und griff sofort zu.
»Das ist aber mein Tannenzapfen.«, sagte er und biss genüsslich in seine Beute.
Plötzlich spürte Nino etwas in seinem Rücken. Irgendetwas war auf seinem Schneckenhaus gelandet. Er drehte seinen Kopf herum und sah eine weiße Kugel hinter sich.
Er nahm sie vorsichtig herunter und legte sich vor sich auf die Decke, damit alle anderen sie sehen konnten.
»Was ist denn das?«, fragte er in die Runde. Aber niemand hatte eine Antwort.
Alle nahmen sie die kleine Kugel vorsichtig in die Hand, besahen sie von allen Seiten, wurden daraus aber nicht schlauer.
Also legten sie sie wieder auf die Decke und redeten darüber, was es sein könnte.
»Es ist einer dieser neuen superleichten Bälle, mit denen man so toll spielen kann.«
»Ach, so ein Quatsch. Das ist unbearbeitete Schafswolle.«
»Das ist Gewölle einer Katze.«
Aber sie lagen alle ganz weit daneben. Und trotzdem gab es jemanden, der genau wusste, was es war. Und dieser jemand hieß Simon. Simon kannte sich mit dieser weißen Kugel deshalb so gut aus, weil er sein ganzes bisheriges Leben in ihrem Inneren verbracht hatte. Doch nun war er neugierig, was sich da außerhalb tat und wem die Stimmen gehörten. Also öffnete er seinen Kokon und kam heraus.
Nino und Fräulein Fledermaus erschraken. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich jemand in der Kugel befand. Umso erstaunter waren sie, als plötzlich jede Menge Beine zum Vorschein kamen. Herr Maulwurf bekam zunächst nichts davon mit, denn er konnte mit seinen schlechten Augen einfach nicht genug sehen.
»Was ist denn das?«, fragte sich Nino.
»Was ist denn los?«, wollte Herr Maulwurf wissen.
»Pfui, Spinne.«, sagte Fräulein Fledermaus.
»Hey, du hast sogar Recht.«, antwortete Simon.
Er befreite sich komplett aus seinem Kokon und richtete sich langsam aus. Er blinzelte noch ein wenig mit den Augen, da er bisher kein so helles Licht gewohnt war.
»Hallo Leute. Ich bin Simon, die kleine Spinne.«
Er wollte auf Nino zugehen und ihm zur Begrüßung die Hand schütteln, doch dann stolperte er und fiel hin. Er rappelte sich wieder hoch, startete einen neuen Versuch und fiel abermals.
»Das darf doch nicht wahr sein. Ich habe so viele Beine, dass ich ständig darüber stolpere.«
Nino sah die Spinne mitleidig an. Und dann begann er zu zählen: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Du meine Güte, du hast ja acht Beine. So viele habe ich bisher bei keinem anderen Tier gesehen. Da ist es kein Wunder, dass du ständig darüber stolperst. Da müssen wir dir helfen, laufen zu lernen.«
Die drei Picknicker gaben sich alle Mühe, Simon das Laufen beizubringen. Aber Nino hatte nur einen Fuß und glitt über den Boden, Fräulein Fledermaus war das Fliegen gewohnt und Herr Maulwurf hatte selber auch nur vier Beine. Es klappte also überhaupt nicht.
Simon begann zu weinen, während er weiter vor dem Wald hin und her stolperte.
»Was soll ich denn jetzt nur machen? Ich kann doch nicht mein Leben lang alle paar Schritte zu Boden fallen. Wäre ich doch nur in meinem Kokon geblieben. Aber nun ist es zu spät. Wäre ich doch nur nicht so neugierig gewesen.«
Plötzlich kam Nino eine Idee.
»Mir fällt da etwas ein.«
Er nahm den Picknickkorb und suchte darin herum, bis er eine Schnur fand.
»Damit hatte ich die Servietten zusammen gebunden. Nun brauche ich sie nicht mehr. Damit werde ich dir jetzt die Beine zusammen binden.«
Er setzte sich zu Simon und band jeweils zwei Beine zusammen.
»Schau, jetzt hast du genau so viele Beine, wie Wuschel und Herr Maulwurf. Nun können sie dir beibringen, wie man richtig läuft. Und wenn du das erst einmal gelernt hast, dann dauert es bestimmt nicht mehr lange, bis du auf allen acht Beinen gehen kannst.«
Simon probierte es aus. Und hatte sofort Erfolg. Er fiel nicht mehr auf den Boden, sondern flitzte hin und her.
Alle freuten sich darüber so sehr, dass sie fast das leckere Picknick vergaßen.

Als es Abend wurde, packte Nino die Reste des Picknicks zusammen und lies sich von Wuschel nach Hause ziehen. Doch diesmal gingen sie zu dritt, denn Simon begleitete sie.
Die Schnecke hatte der Spinne angeboten, zusammen zu wohnen.
»Mein Haus ist so groß, da findest du auch noch einen gemütlichen Platz zu leben. Dein Kokon ist ja jetzt kaputt.«
Und so hatte Nino wieder einen neuen Freund gefunden.

(c) 2008, Marco Wittler