604. Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier stand auf dem großen Weihnachtsplatz am Nordpol zwischen vielen anderen großen und kleinen Rentieren und Weihnachtswichteln. Gemeinsam warteten sie darauf, dass der berühmte Rudolf mit seiner Rentiergruppe den Schlitten anzog und dem Weihnachtsmann half, die vielen Geschenke an die artigen Kinder der Welt zu verteilen.
Und da kam er auch schon aus seinem Haus: Der Weihnachtsmann war bereit. Überall auf dem großen Platz wurde gejubelt und applaudiert.
Der Weihnachtsmann winkte noch einmal in die Runde. Dann stieg er ein, nahm die Zügel des Schlittens in die Hände und gab das Startsignal. Schon ging es los. Rudolf zog als erster. Dann taten es ihm die anderen Rentiere gleich.
Das kleine Rentier sah begeistert zu, wie der große Schlitten kleiner und kleiner wurde, bis er schließlich in der Dunkelheit der Weihnachtsnacht verschwand.
Während sich die meisten Wichtel und Rentiere auf den Weg nach Hause machten, blieb es selbst noch eine ganze Weile stehen und blickte in den Himmel hinauf.
»Wie gerne würde ich auch mal eines Tages den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Lüfte ziehen. Am Liebsten würde ich dann ganz vor sein und wie Rudolf die Richtung bestimmen.«
Ein paar größere Rentiere blieben stehen und blickten das kleine Rentier an. Nach ein paar Sekunden begannen sie zu lachen und hielten sich die Bäuche.
»Du willst den Schlitten ziehen? Du willst den Platz von Rudolf einnehmen? Ein kleiner Zwerg, wie du einer bist, taugt dafür nicht. Träum lieber von Dingen, die dir mehr liegen. Du kannst Rudolf die Hufe putzen. Mehr aber auch nicht.«
Dann gingen sie weiter und lachten immer wieder so laut sie konnten.
Das kleine Rentier wurde traurig. Trotzdem wollte es seinen Traum nicht aufgeben. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als den Schlitten zu ziehen?

Am nächsten Tag waren der Weihnachtsmann, Rudolf und die anderen Rentiere wieder zurück am Nordpol. Der Schlitten wurde in einer Garage untergebracht, die Rentiere machten es sich in ihren Ställen gemütlich und der Weihnachtsmann begann bereits mit den Planungen für das nächste Jahr. Die Wichtel gingen in ihre Werkstatt und fertigten bereits die neuen Geschenke an. So würde es nun die nächsten zwölf Monate weiter gehen.
Das kleine Rentier träumte in dieser Zeit weiter davon, eines Tages den Schlitten zu ziehen. Also sammelte es ein paar seiner Freunde, um für das Weihnachtsfest zu trainieren. Sie holten den alten, viel zu kleinen Schlitten hervor, der seit Jahrhunderten nicht mehr vom Weihnachtsmann benutzt worden war und trainierten damit immer wieder.

Die Monate vergingen. Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Dann kam der Herbst und schließlich der nächste Winter. Für den Nordpol machte das allerdings keinen Unterschied, da dort das ganze Jahr über Schnee lag.
Schließlich wurde es Weihnachten. Der große Schlitten stand wieder auf dem Weihnachtsplatz bereit, die Rentiere, ganz vorne der berühmte Rudolf mit der roten Nase, hatten das Zaumzeug angelegt. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann. Auf ihn warteten, wie in jedem Jahr, die Rentiere und die Wichtel, um ihm bei seinem Abflug zuzujubeln.
Und dann war es auch schon so weit. Die Tür zum Haus des Weihnachtsmanns öffnete sich. Der Weihnachtsmann höchstpersönlich kam heraus und winkte in die Runde. Langsam ging er auf seinen Schlitten zu.
Er wollte gerade einsteigen, als er eine Stimme hörte, die ihn rief. Er sah sich um, denn es war noch nie geschehen, dass ein Einzelner in diesem Moment auf sich aufmerksam machte.
»Wer ruft nach mir?«, wollte der Weihnachtsmann wissen. Er legte seine Hand an die Stirn und sah über den gesamten Platz hinweg.
Ganz weit hinten, ganz am Rand entdeckte er seinen alten Schlitten. Davor stand eine Gruppe kleiner Rentiere, die Zaumzeug angelegt hatte und ebenfalls darauf wartete, dass der Weihnachtsmann zu ihnen kam.
»Guck mal einer an. Was ist denn das?«
Der Weihnachtsmann war amüsiert. »Da stehen meine lieben, kleinen Rentiere und wollen mir helfen. Das ist ja mal eine tolle Überraschung.«
Nun drehten sich auch die anderen Rentiere und Wichtel um. Sie waren allerdings weniger amüsiert. Die meisten von ihnen sahen ganz schön grimmig aus. Ein paar von ihnen sagten sogar ganz schlimme Dinge.
»Verzieht euch in euren Kindergarten. Ihr habt hier nichts zu suchen mit eurem mickrigen Schlitten. Damit könnt ihr niemals den Weihnachtsmann und seinen Schlitten um die Welt ziehen. Ihr seid unglaublich lächerlich. Und ein echter Rudolf fehlt euch auch. Keiner von euch hat eine rote Nase.«
Das kleine Rentier ließ sich davon nicht entmutigen. Stattdessen grinste es. Dann zog es eine rote Clownsnase hervor und steckte diese auf seine eigene.
Der Weihnachtsmann hielt sich den Bauch und lachte vor Vergnügen.
»Schau dir das an, Rudolf. Du bekommst tatsächlich Konkurrenz.«
Auch Rudolf konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Idee der kleinen Rentiere war nicht nur lustig, sondern auch genial.
»Hey Boss.«, rief Rudolf. »Was hältst du davon wenn meine Jungs und ich in diesem Jahr einfach mal Urlaub machen? Wir hatten noch nie an Weihnachten frei. Ich bin mir sicher, dass unsere Kleinen den Job hervorragend erledigen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, der kleine Schlitten hat früher auch gereicht, um deinen Geschenkesack zu transportieren.«
Der Weihnachtsmann kratzte sich an seinem haarigen Kinn und dachte nach. Er schmunzelte und nickte schließlich.
»Du hast Recht. Lassen wir es einfach auf einen Versuch ankommen.«
Er ging auf den kleinen Schlitten zu und amüsierte sich über die erstaunten Gesichter der anderen Rentiere und Wichtel. Damit hatten sie alle nicht gerechnet.
»Ladet den Sack um und spannt meine Rentiere ab. Beeilt euch, Weihnachtswichtel. Ich habe einen engen Terminplan.«
Dann stieg er auf seinen alten Schlitten und zwinkerte dem kleinen Rentier grinsend zu.
»Dann zeig mir mal, kleiner Rudolf, was du und deine Freunde drauf haben.«
Das kleine Rentier war unglaublich stolz und freute sich sehr auf die kommende Weihnachtsnacht. Schon wenige Minuten später ging es los. Die kleinen Rentiere zogen den Schlitten in die Dunkelheit und waren nur Augenblicke später nicht mehr zu sehen.

(c) 2017, Marco Wittler

558. Der schnellste Schlitten der Welt

Der schnellste Schlitten der Welt

Weihnachten. Der Weihnachtsmann war schon seit Stunden unterwegs, kletterte durch unzählige Kamine auf der ganzen Welt und verteilte noch mehr Geschenke an die braven Kinder in allen Ländern.
Doch in diesem Jahr war er langsamer unterwegs als sonst. Das lag vor allem daran, dass Rudolf, eines seiner Rentiere, viel zu viel getrunken hatte.
»Chef, wir müssen noch mal anhalten.«, rief er immer wieder. »Ich muss schon wieder.«
Es gab eine Pause nach der anderen. Mal hielten sie mitten in einem Wald, wo sich Rudolf an einem Baum erleichtern konnte, mal an einer Autobahnraststätte, wo die Menschen verwundert auf diese seltenen Gäste sahen. Die Zeit bis zum nächsten Morgen wurde immer kürzer.
»Jetzt müssen wir uns aber beeilen, Rudolf.«, schimpfte mittlerweile der Weihnachtsmann. »Wir schaffen es sonst nicht, alle Geschenke rechtzeitig auszuliefern.«
Das ließ sich Rudolf natürlich nicht zweimal sagen. Er feuerte die anderen Rentiere kräftig an. Von nun an ging es so schnell voran, wie nie zuvor. Der Schlitten flog schneller als ein Blitz durch die Lüfte.
Irgendwann kamen sie an einer Rennstrecke vorbei, auf der sich noch ein paar Autos befanden.
»Nanu?«, wunderte sich der Weihnachtsmann. »Ich dachte, die Menschen schlafen schon lange.«
Er sah verstohlen auf seine Armbanduhr. »Na gut, ein paar Sekunden können wir noch erübrigen.«
Der Weihnachtsmann interessierte sich schon immer für Autorennen. Jedes Wochenende saß er vor seinem Fernseher und sah den schnellen Autos zu, wie sie im Kreis fuhren und der beste von ihnen gewann. Aber noch nie hatte er ein Rennen mit eigenen Augen gesehen.
Er steuerte den Schlitten tiefer und sauste über die Rennstrecke hinweg. Während er die Rennwagen hinter sich ließ, bemerkte er gar nicht, dass ein Mann mit einer schwarz und weiß karierten Fahne winkte.
»Hast du das gesehen, Chef?«, rief Rudolf ihm zu.
»Ich glaube, wir haben gerade das Rennen gewonnen. Wir sind als erste über die Ziellinie geflogen.«
Und so war es auch. Der Weihnachtsmann stoppte den Schlitten, landete neben der Rennstrecke und bekam einen großen Pokal in die Hand gedrückt. Danach machte er sich wieder auf den Weg, um noch rechtzeitig die letzten Geschenke unter den Weihnachtsbäumen zu verteilen.

(c) 2016, Marco Wittler

532. Die verlorenen Stiefel

Die verlorenen Stiefel

In der Nacht vor Weihnachten gingen alle Kinder dieser Welt früh zu Bett. Wie in jedem Jahr waren sie wahnsinnig gespannt, was sie vom Weihnachtsmann geschenkt bekommen würden. Dieses Mal gab es allerdings Probleme.
In der Nähe des Nordpols stapfte ein dicker Mann mit rotem Mantel durch den tiefen Schnee. Nur mit Mühe und Not kämpfte er sich Schritt für Schritt vorwärts und warf seinem großen Schlitten einen sehnsüchtigen Blick zu.
»Das ist mir noch nie passiert. Bricht dem Schlitten doch glatt eine Kufe ab. Jetzt kann ich den Sack nicht mehr hinter mir her ziehen.«
Er warf sich den Sack wieder über die Schulter und ging weiter, denn als Weihnachtsmann musste er unbedingt in dieser Nacht Geschenke verteilen.
»Das schaffe ich nie bis Morgen früh.«, sagte er sich verzweifelt.
Und dann passierte ihm das nächste Unglück. Irgendwo unter dem Schnee blieb sein Fuß an einer dicken Baumwurzel hängen. Der Weihnachtsmann stürzte und verschwand für ein paar Sekunden komplett unter der weißen Pracht.
»Bäh! Jetzt hab ich den ganzen Bart vereist. Ich hasse meinen Job.«
Er kämpfte sich hoch und versuchte, seinen Weg fortzusetzen. Dann bekam er plötzlich nasse Füße.
»Nanu?«
Der Weihnachtsmann sah an sich hinunter. »Wo sind denn meine Stiefel geblieben?«
Er ließ den Sack fallen und sah sich verzweifelt um. Aber der Wind hatte bereits seine Spuren verwischt und alle Fußabdrücke zugeweht.
»Wenn ich schon mal Pech habe, dann aber richtig.«
Der Weihnachtsmann seufzte und versuchte, irgendwie in die nächste Stadt zu kommen.

Ein paar Minuten später kam eine Herde Rentiere durch den Wald. Der hohe Schnee hatte sie hungrig werden lassen, denn das wenige Gras, dass es noch gab, war zugeschneit. Immer wieder mussten sie tief graben, um ihre Mägen ein wenig zu füllen.
»Was ist denn das für ein komisches Ding?«, wunderten sie sich, als sie vor dem Schlitten des Weihnachtsmanns standen. »Das muss ein Menschending sein. Dass die immer ihren Müll überall liegen lassen müssen.«
Sie gingen weiter und scharrten irgendwann mit den Hufen den Schnee zur Seite, um etwas zum Futtern zu finden.
»Hier liegt noch etwas. Sieht aus wie abgefallene Menschenfüße.«, sagte eines der Rentiere.
»Das sind doch keine Füße. Das sind Stiefel. Die ziehen sie über ihre Füße.«, erklärte ein anderes.
Sie sahen sich um und entdeckten in der Ferne einen dicken Mann mit einem großen Sack auf der Schulter.
»Die Stiefel müssen dem dort gehören. Hat sie bestimmt im hohen Schnee verloren. Er hat bestimmt schon kalte Füße. Wir sollten ihm schnell helfen.«
Die Rentiere schnappten sich die Stiefel und rannten über den Schnee hinweg. Es sah fast so aus, als würden sie knapp über ihn hinweg fliegen, so schnell waren sie. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie den Weihnachtsmann erreicht hatten.
»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie dankbar ich euch bin. Mir wären fast die Zehen abgefroren.«, bedankte er sich.
»Aber wie könnt ihr so schnell über den Schnee laufen? Ich brauche dafür viel zu viele Stunden.«
Die Rentiere lachten. »Wir leben fast das ganze Jahr über im Schnee. Wir sind es gewohnt.«
Der Weihnachtsmann überlegte kurz. »Habt ihr vielleicht Lust auf einen Job? Einmal im Jahr könnte ich Hilfe gebrauchen.«
Der Weihnachtsmann begann zu erklären. Kurz darauf hatte er mit seinen neuen Freunden seinen Schlitten repariert. Gemeinsam jagten sie nun über den Schnee hinweg. So schnell hatten die Kinder der Welt noch nie ihre Weihnachtsgeschenke erhalten.
Von nun an arbeiteten Weihnachtsmann und Rentiere jedes Jahr zusammen.

(c) 2015, Marco Wittler

424. Das kleine Rentier

Das kleine Rentier

Weihnachten.
Der Schlitten des Weihnachtsmanns stand bereit, die Rentiere waren angespannt und der große Sack mit den Geschenken aufgeladen. Die Weihnachtselfen standen bereit, um ihren Boss vor seinem Flug zu verabschieden. Zwischen ihnen warteten aber noch ein paar andere Neugierige.
Es waren drei junge Rentiere, die ihren Eltern zuschauen wollten, wie diese in den Himmel hinauf steigen. Einer von ihnen, war besonders aufgeregt. Es war zwar nicht das erste Mal, dass er am Weihnachtsabend zuschauen durfte, aber es war immer wieder ein großer Augenblick für ihn.
„Wann geht es denn endlich los? Ich kann es kaum noch abwarten.“, rief der kleine Rudi seinen beiden Freunden immer wieder zu.
„Wann kommt er denn endlich aus dem Haus? Der Weihnachtsmann wird noch zu spät zu den Menschenkindern kommen.“
Der Weihnachtsmann ließ sich aber noch Zeit.
„Wenn ich den Schlitten ziehen würde, hätte ich schon längst an die Tür geklopft, um dem Boss Bescheid zu sagen, dass es Zeit für den Abflug ist. Ich kenne mich nämlich bestens mit dem Flugplan aus. Mein Papa hat ihn seit Monaten auf dem Schreibtisch liegen gehabt. Ich habe ihn jeden Tag gelesen und auswendig gelernt.“
Und dann wurde Rudis Blick träumerisch, während er weitersprach.
„Eines Tages werde ich auch den Schlitten durch die Lüfte ziehen.“
Die zwei anderen Rentiere begannen zu lachen.
„Du willst den Schlitten ziehen? Bist du nicht viel zu klein dafür? Du wächst viel langsamer als wir. Bevor du den Schlitten auch nur aus der Nähe sehen darfst, sind wir schon längst davor gespannt.“
Doch davon ließ sich Rudi nicht entmutigen. Er versuchte, sich so groß, wie es eben ging, zu machen und rief ganz laut entgegen, dass er es schon schaffen würde.
„Was wirst du schaffen?“, fragte da eine tiefe Stimme hinter ihm.
Rudi drehte sich um. Der Weihnachtsmann stand direkt hinter ihm und sah dem Rentier direkt in die Augen.
„Oh, äh, nun ja.“, stotterte er.
„Meine Freunde behaupten, dass ich es nie schaffen werde, später einmal den Schlitten zu ziehen oder ihn auch nur aus der Nähe zu sehen. Dabei ist das doch mein allergrößter Traum.“
„So, so.“, schmunzelte der Weihnachtsmann und wandte sich an die anderen beiden Rentiere.
„Man zerstört nicht die Träume seiner Freunde. Man sollte sie viel lieber dabei unterstützen.“
Dann nahm er den kleinen Rudi an die Hand und zog ihn sanft hinter sich her.
„Und du kommst heute mal mit mir. Hast du Lust, neben mir im Schlitten zu sitzen und mich zu begleiten?“
Rudis Augen leuchteten vor Freude. Zuerst bekam er kein einziges Wort heraus. Aber dann schluckte er einmal kräftig, jubelte laut und hüpfte in den Schlitten.

(c) 2012, Marco Wittler