253. Ein kleines, dickes Kätzchen

Ein kleines, dickes Kätzchen

Lautes, vielstimmiges Miauen war weit über den großen Bauernhof zu hören. In der Katzenfamilie hatte es Nachwuchs gegeben. Sieben kleine Babys tummelten sich in einem warmen Körbchen und riefen immer wieder nach ihrer Mama.
»Das sind aber hungrige Mäuler.«, sagte der Katzenvater.
»Wie sollen wir die nur alle satte bekommen? So schnell kann ich die Milch doch gar nicht von den Kühen holen.«
Aber so sehr er sich auch beschwerte, er schaffte es doch irgendwie immer. Mit der großen Milchkanne lief er den ganzen Tag lang zum Stall und wieder zurück.
Die Kühe gaben nur zu gern etwas von ihrer Milch ab. Sie freuten sich immer wieder, wenn neue Tierbabys auf den Bauernhof kamen.
»Wenn die kleinen Mietzen größer geworden sind, dürfen sie auch mal auf unseren Kälbern reiten. Das wird ihnen bestimmt Freude machen.«
Und so verging die Zeit. Einige Wochen und Monate zogen ins Land, die Jahreszeiten wechselten und die Katzenbabys wurden immer größer. Man konnte ihnen fast beim Wachsen zuschauen.
Rosalie war jeden Tag besonders hungrig. Sie trank viel mehr Milch als ihre Geschwister und wuchs deswegen auch viel schneller. Mittlerweile war sie schon fast doppelt so groß, wie die anderen und hatte einen richtig dicken Bauch bekommen.
»Wir müssen dich bald auf Diät setzen, junge Dame.«, hatte Mama bereits angedroht.
»Mit so einem dicken Bauch kann man nur sehr schwer Mäuse fangen. Du wirst wohl Sport treiben müssen.«
Doch egal, was die Katzenmutter androhte, Rosalie wurde immer dicker.

Eines Tages spazierte die Katzenfamilie durch den nahen Wald. Vorsichtig tippelten sie über eine wacklige Holzbrücke, die die beiden Ufer eines Teiches miteinander verband.
»Passt gut auf, wo ihr hintretet.«, mahnte der Katzenvater.
»Ein paar der Bretter unter euren Füßen könnten morsch sein und zerbrechen.«
Also sahen sich die kleinen Kätzchen gut um. Nur Rosalie kaute genüsslich auf einem Apfel herum.
Plötzlich wehte ein Windstoß heran. Die Brücke begann zu wackeln und die Bretter brachen entzwei. Alle Katzen fielen ins flache Wasser.
Ertrinken konnten sie darin nicht. Aber da Katzen kein Wasser mögen, fingen sie sofort an zu kreischen.
»Nun macht doch nicht so einen Aufstand.«, rief Rosalie.
»Seid ihr etwa aus Zucker gemacht?«
Sie stand auf, ließ sich rückwärts wieder in den Teich plumpsen und holte einen neuen Apfel hervor.
»Huch. Mein Apfel ist schmutzig.«
Sofort wusch und putzte sie ihre Zwischenmahlzeit von allen Seiten, als hätte sie ihr Leben lang nie etwas anderes getan.
Die Katzeneltern sahen sich verdutzt an, als sie mit dem Rest der Familie ans trockene Ufer geklettert waren. Sie waren sich nicht sicher, was mit Rosalie geschehen war. Katzen gehörten einfach nicht ins Wasser. Das war gegen die Natur.
In diesem Moment war ein lautes Flattern in der Luft zu hören. Vom Himmel kam ein großer Vogel herab geflogen und landete auf einem alten Baumstumpf. Es war ein Storch.
»Hallo Katzenfamilie.«, grüßte er.
»Es tut mir leid, dass ich euren Spaziergang stören muss, aber als ich euch das letzte Mal eure Babys gebracht habe, ist mir ein schrecklicher Fehler unterlaufen. In meinem Körbchen ist doch tatsächlich ein Waschbärbaby gelandet. Könnt ihr euch das vorstellen?«
Die Katzenmama konnte es sich sogar sehr gut vorstellen. Nun wusste sie endlich warum Rosalie so groß und dick geworden war und sich offensichtlich gern im Wasser aufhielt.
»Ich möchte nun den Waschbären zum Umtausch abholen.«
Da musste die Katzenfamilie gar nicht lange nachdenken. Sofort stellten sie die Katzenkinder vor Rosalie auf.
»Unsere Schwester bekommst du nicht. Auch wenn sie ein wenig anders aussieht, größer ist und sich nicht wie eine richtige Katze verhält, gehört sie trotzdem zu unserer Familie.«
Da lachte der Storch und erhob sich wieder in die Luft.
»Wie gut, dass Babys grundsätzlich vom Umtausch ausgeschlossen sind. Ich wollte nur schauen, ob das auch so seht.«
Dann flog er davon und ging wieder seinen Geschäften nach.
Rosalie, die nun endlich wusste, dass sie gar keine Katze war, bekam ein paar Tage später einen kleinen Badesee auf dem Bauernhof geschenkt. Von nun an konnte sie jederzeit ins Wasser hüpfen. Und so nach und nach gewöhnten sich sogar ihre scheuen Geschwister an das kühle Nass.

(c) 2009, Marco Wittler

087. Einfach waschbärig

Echt waschbärig

Schäferhund Bodo lag im Hof und knabberte an einem alten Knochen, den er vor ein paar Tagen im Blumenbeet ausgegraben hatte.
»Genau so muss ein Knochen schmecken. Er hat nicht zu lang und nicht zu kurz in der Erde gereift. Welch ein unvergleichliches Aroma.«
Bodo war ein Genießer, wie es keinen zweiten gab. Aber man wollte es ihm nicht so recht glauben, denn er war der Hofhund eines Bauern. Eine lange Kette hing am Hals des Hundes und gestattete ihm, nur einige wenige Ecken des Bauernhofes zu erreichen.
»Dadurch kann er unmöglich Gäste, Besucher und vor allem Briefträger beißen.«, sagte der Bauer immer.
»Wozu soll ich denn überhaupt jemanden beißen?«, fragte Bodo sich dann.
»Gerade der Briefträger läuft den ganzen Tag durch die Stadt, da sind seine Hosen bestimmt ganz dreckig. So ein Hosenbein kann einfach nicht so gut schmecken, wie ein gut gelagerter Knochen, der drei Wochen im Lehmbogen verborgen war. Außerdem reicht doch meine schicke Kette aus, um mich böse genug aussehen zu lassen. Hier wird sich niemals ein Übeltäter herein wagen.«
Bodo war sehr stolz auf sich und seine Aufgabe. Außerdem konnte er sich keine gemütlichere Arbeit vorstellen. Er konnte den ganzen Tag vor seiner Hütte liegen, an alten Knochen knabbern, sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und zwischendurch kurz jemanden anknurren, um das Bild des bösen Hofhundes aufrecht zu erhalten. Ein besseres Leben konnte es gar nicht geben.
»Hey, du dickes Sabbertier. Heute schon die scharfen Beißerchen gefletscht oder kaust du nur auf dem stinkenden Knochen rum?«
Der Hund schreckte hoch. Wo war diese Stimme her gekommen? Er hatte nicht bemerkt, dass sich jemand angeschlichen hatte. Sofort ließ er ein lautes Knurren aus seinem Hals erklingen.
»Mal ganz langsam, mein Großer. Schalt wieder einen Gang zurück. Wir wollen doch vermeiden, dass hier Unschuldige verletzt werden.«
Bodos Stimme erstarb. Dafür begann er zu schnüffeln.
»Wie kompliziert ihr Hunde das immer machen müsst. Dreh dich doch einfach mal um und schau auf deine Hütte.«
Der Hund drehte sich, sah nach oben und fand den unverschämten Eindringling tatsächlich auf dem Dach der Hütte. Es handelte sich um einen Waschbären.
»Hallöchen, mein bissiger Freund. Du kannst mir nicht zufällig verraten, wo ich die Mülltonnen oder den Hühnerstall finde? Ich habe etwas Appetit und würde meinen Magen gerne mit ein paar Essensresten oder frischen Eiern verwöhnen.«
Jetzt platzte Bodo der Kragen. Dieser Waschbär wurde richtig unverschämt. So etwas durfte er in seinem Revier nicht dulden.
»Na warte, mein Freundchen. Wenn ich dich erwische.«
Er fletschte die Zähne, knurrte so laut er konnte und sprang auf das Dach seiner Hütte. Der Waschbär hingeben sprang hinab, flitzte einmal quer über den Hof, zeigte eine lange Nase und hielt sich den Bauch vor lachen.
Bodo war erstaunt. Er hatte es sich einfacher vorgestellt. Nun wurde er aber richtig wütend. Er sprang auf den Boden zurück und raste in wildem Galopp auf dieses unverschämte Tier zu. Es fehlten nur noch wenige Meter, bis er zubeißen konnte.
Doch dann fuhr ein kräftiger Ruck durch seinen Körper und er fiel schlagartig zu Boden. Es hatten tatsächlich nur noch wenige Zentimeter gefehlt. Aber die Kette war einfach zu kurz.
»Tja, so ist das, wenn man an der Kette hängt. Auch wenn sie noch so lang ist, meist ist sie kürzer als es einem lieb ist.«
Der Waschbär tippte dem Hund mit dem Zeigefinger kurz auf die feuchte Nase und entfernte sich dann mit einem Grinsen im Gesicht zu den Mülltonnen. Es dauerte nur kurz, bis er eine von ihnen umgeworfen und ein paar Essensreste daraus hervor geholt hatte, die er sich nun schmecken lies.
Bodo war enttäuscht. So sehr ihm die kurze Jagd auch gefallen hatte, so schnell war der Spaß auch wieder verflogen. Dieser Gegner war einfach viel zu schlau.
Enttäuscht zog er sich in seine Hütte zurück und beobachtete das wilde Treiben des Waschbären.

In den nächsten Tagen wurde es immer schlimmer. Der Waschbär plünderte den Hühnerstall und verstreute den Inhalt aller Mülltonnen auf dem Hof.
Der Bauer wurde immer ärgerlicher, weil er jedes Mal den Dreck wieder weg räumen musste. Obendrein fehlten ihm seine Frühstückseier. So konnte das nicht mehr weiter gehen.
»Hier muss endlich etwas passieren.«, sagte er ständig zu sich selber. Aber er wusste nicht was.
Bodo hatte es aufgegeben, das unverschämte Fellbüschel auch nur zu beachten. Er hatte keine Lust mehr, sich so ärgern zu lassen, wie am ersten Tag. Stattdessen lag er im Innern seiner Hütte und kaute traurig auf seinem Knochen herum. Nun war er nicht mehr der gefürchtete Hofhund.

Am Nachmittag kam der Bauer mit einer scharfen Axt aus dem Stall. Er würde nun gleich ein wenig Brennholz für die Wohnstube hacken.
Aber als er gerade ausholen wollte, rutschte ihm das Werkzeug aus der Hand und fiel scheppernd zu Boden.
»Das darf doch nicht war sein. Was mache ich denn jetzt?«
Die scharfe Schneide war vom Holzstiel abgebrochen.
»Den Stiel muss ich wohl austauschen.«
Der Bauer verschwand in seiner Werkstatt und machte sich an die Reparatur.
Bodo hatte alles beobachtet und traute seinen Augen nicht. Die Axt war genau auf seine Kette gefallen. Sie war kaputt und er frei.
»Na warte, Waschbär. Heute hat dein letztes Stündlein geschlagen. Heute werde ich dich erwischen.«, flüsterte er in sich hinein.
Es dauerte gar nicht lange, bis wieder laute Geräusche an den Mülltonnen zu hören waren.
Bodo dachte gar nicht lange und lief sofort los. Er musste schnell sein, um den Übeltäter zu erwischen. Doch als er um die Hausecke bog, bekam er einen riesigen Schrecken.
Es war gar kein Waschbär, sondern ein kleines Rudel Wölfe. Es waren gleich drei von ihnen, die etwas zum Fressen suchten. Und sie entdeckten den Hund sofort.
»Hey, Leute, schaut mal an. Da kommt ja unser Mittagessen. Wie praktisch. Hätte er jetzt noch Rollschuhe unter den Füßen, würde ich denken, sein Name ist Essen auf Rädern.«
Sie lachten kurz, wurden dann aber schnell wieder ernst und zeigten ihre spitzen Zähne.
Bodo bekam große Angst. Er wusste nicht, was er machen sollte. In seiner Not machte er sofort kehrt und rannte auf die nahe Apfelbaumwiese. Doch das war ein großer Fehler.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich die Kette, die er noch hinter sich her zog, um einen der Bäume wickelte und der gejagte Hund nicht mehr weiter kam. Er war gefangen.
»Oh nein, was mache ich denn jetzt? Ich will nicht gefressen werden.«
Die Wölfe kamen langsam näher. Sie hatten es jetzt nicht mehr eilig. Ihre Beute würde nicht aus eigener Kraft von hier entkommen können.
»Sieh an, sieh an. Es gibt doch nichts Schöneres als eine Mahlzeit, die sich selber fängt. Das erspart uns viel Zeit und Kraft.«
Der Leitwolf wandte sich an seine beiden Jagdgefährten und gab ihnen erste Anweisungen.
»Schnappt ihn euch. Macht es kurz und schmerzlos. Passt aber auf, dass ihr die schmackhaftesten Fleischstücke nicht verletzt. Denn dann werde ich sauer. Und ihr wisst ja was euch dann blüht.«
Die Wölfe kamen immer näher. Sie fletschten die Zähne und knurrten so laut es ging.
Bodo schloss die Augen, zitterte vor Angst und hoffte, dass es bald vorbei sein würde.
Doch dann erklangen plötzlich lautes Winseln und schmerzhafte Schreie.
»Was passiert denn da?«, wunderte sich Bodo.
Er öffnete die Augen und sah sich um. Die drei Wölfe saßen in größter Angst dicht beieinander und wussten nicht mehr wohin sie laufen sollten, denn sie wurden von einer großen Menge Äpfel bombardiert, die ihnen viele blaue Flecke bescheren würden.
»Hey, mein großer Freund. Sitz nicht so da und staune. Löse die Kette vom Baum und lauf so schnell, wie du kannst. Wir kümmern uns schon um die Wölfe.«
Bodo konnte es nicht glauben. In den Baumkronen saß eine ganze Waschbärfamilie. Sie alle pflückten Äpfel und warfen sie so schnell es ging auf die Angreifer.
Der Hofhund machte die Kette los und lief, so schnell es ging zurück und verkroch sich in der Scheune. Dort blieb er auch, bis der Lärm draußen nicht mehr zu hören war.

Erst am nächsten Morgen traute sich Bodo wieder nach draußen. Er hatte die Nacht im Heu versteckt verbracht. Das kam ihm sicherer vor.
Kaum hatte er eine Pfote auf den Hof gesetzt, sprang ihm ein Waschbär vor die Nase.
»Na, mein Großer, das wäre gestern ja fast schlimm ausgegangen.«
»Ich danke dir. Du hast mir das Leben gerettet.«
Bodo war ehrlich genug, das zuzugeben.
»Ich glaube, ich bin dir und deiner Familie einen Gefallen schuldig. Was meinst du?«
Der Waschbär zuckte nur mit den Schultern und zwinkerte kurz.
»Du bist mir nichts schuldig. Ich musste nur die drei bösen Gestalten verjagen, die in meinem Revier gewildert haben. Du bist mir nur zufällig in die Quere gekommen.«
Sie mussten beide lachen.
Gemeinsam gingen sie zur Hütte des Hofhundes und machten sich über den großen Napf mit Futter her.
Von nun an waren sie unzertrennliche Freunde. Sie passten auf, dass dem anderen nicht geschah. Bodo gab dem Waschbären von seinem Futter, dafür ließ dieser die Mülltonnen und die schreckhaften Hühner in Frieden.

(c) 2008, Marco Wittler