576. Ich will ein Schneemann sein

Ich will ein Schneemann sein

Timo stapfte mit seinem Schlitten durch den tiefen Schnee und mühte sich den Berg hinauf. Er wusste schon gar nicht mehr, wie oft er heute schon gerodelt war. Den ganzen Nachmittag hatte er hier verbracht. Doch nun ging langsam die Sonne unter. Es wurde dunkel, kalt und Mama sah immer häufiger auf ihre Armbanduhr.
»Es wird langsam Zeit, dass wir nach Hause fahren. Ich muss das Abendessen kochen.«, sagte sie schließlich.
Timo blieb vor ihr stehen, sah zu Mama hinauf und ließ die Mundwinkel sinken.
»Wirklich? Jetzt schon? Es ist doch noch gar nicht so spät. Ich will hier bleiben und weiter Schlitten fahren.«
Mama schüttelte den Kopf. »Die anderen Familien fahren auch schon nach Hause.«
»Stimmt gar nicht.«, beschwerte sich Timo. »Wir sind bestimmt die ersten, die jetzt gehen.«
Er sah sich um. Der Schlittenhang war leer. Es waren weder Kinder noch Eltern zu sehen.
»Na gut. Wir sind die Letzten. Aber trotzdem möchte ich noch rodeln.«
»An einem anderen Tag. Jetzt wird es Zeit für’s Abendessen.«
Timo ließ die Schultern hängen und folgte Mama schleichend zum Auto. Kurz vor dem Parkplatz fiel sein Blick auf einen Schneemann, der unter einer großen Tanne gebaut worden war.
»Wenn ich ein Schneemann wäre, könnte ich rund um die Uhr hier bleiben. Dann müsste ich nicht nach Hause. Das wäre echt cool.«

Am nächsten Morgen war irgendwas anders. Als Timo wach wurde, wehte ihm ein leichtes Lüftchen um die Nase. Auf der einen Seite war es kühl, auf der anderen Seite machte es ihm aber auch nichts aus. Ihm war nicht kalt.
Er wollte sich recken, strecken und laut gähnen, aber das fiel ihm alles andere als leicht. Timo öffnete die Augen und sah sich um. Sofort bekam er große Augen.
»Wahnsinn!«, staunte er. »Das ist ja unglaublich!«
Er stand ganz oben auf dem Rodelhang. Von hier aus brauchte er nur auf seinen Schlitten steigen und den Berg hinab fahren.
»Und ich bin hier der Einzige. Niemand stört mich. Niemand steht mir im Weg. Ich kann fahren wo ich will!«
Timo grinste über das ganze Gesicht. Er wollte aufstehen, den neben sich stehenden Schlitten schnappen und den ganzen Tag Spaß haben. Es gab nur ein Problem. Er konnte nicht aufstehen. Und das war noch nicht das Schlimmste. Nicht nur das Aufstehen funktionierte nicht. Er konnte weder Arme noch Beine bewegen.
Timo sah an sich herab. Er hatte sich in einen Schneemann verwandelt. Und wie das bei Schneemännern nun mal so ist, sie können sich nicht bewegen.
»Oh, nein. Wenn ich nur daran gedacht hätte. Dann hätte ich mir bestimmt nicht gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Die Zeit verging nur langsam. Timo langweilte sich fast zu Tode. Er konnte nicht spazieren gehen, er konnte keine Bücher lesen oder sich vor den Fernseher setzen. Er konnte sich nicht einmal an seiner Mohrrübennase kratzen, wenn es juckte.
Am Nachmittag kamen die Kinder der ganzen Nachbarschaft zum Rodelhang. Für die nächsten Stunden vergnügten sie sich auf ihren Schlitten und hatten ganz viel Spaß. Jeder Junge und jedes Mädchen – bis auf Timo. Als Schneemann stand er auf der Stelle und musste den anderen zusehen.
»Oh man, ist das langweilig. Ich wünschte, ich hätte mir nie gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Traurig wartete er darauf, dass der Tag vorüber ging. Irgendwann gingen die anderen Kinder nach Hause. Timo musste draußen in der Dunkelheit bleiben. Irgendwann schlief er ein und träumte davon, wieder ein ganz normaler Junge zu sein.

Am nächsten Morgen wachte Timo auf. Er reckte und streckte sich. Als er die Augen aufschlug, sah er sich schnell um. Er hatte zwei normale Arme, zwei normale Beine und eine kleine Nase im Gesicht. Er lag in seinem Bett unter der Decke und konnte sich wieder bewegen.
»Juhuu! Endlich bin ich wieder ein normaler Junge.«
Glücklich sprang Timo aus dem Bett und tanzte wie wild in seinem Zimmer herum.
»Ich werde mir nie wieder wünschen, ein Schneemann zu sein. Das ist mir viel zu langweilig.«

(c) 2017, Marco Wittler

559. Weihnachten bei der Viererbande

Weihnachten bei der Viererbande

Draußen lag hoher Schnee. Dicke Schneeflocken tobten durch die Luft. In jeder Stadt, in der Straße und an jedem einzelnen Haus duftete es bereits nach Weihnachten, obwohl es noch ein paar Tage bis Heiligabend dauerte.
Drinnen, im warmen Wohnzimmer, saß Mama Yvonne auf dem Sofa und grübelte.
In diesem Moment öffnete sich mit einem lauten Rumms die Eingangstür.  Eine Gruppe vermummter, kleiner Personen in dicken Jacken kam herein gestürmt. Die Viererbande, wie sie von allen genannt wurde, machte sich im gesamten Flur breit. Dann flogen Jacken, Handschuhe, Schals, Schuhe und Mützen durch die Gegend und blieben einfach liegen, wo sie gelandet waren.
Mama stand auf hastig auf und trat der Bande mutig entgegen. sie stemmte ihre Hände in die Seiten und setzte ein grimmiges Gesicht auf.
»Marc, David, Sina, Lucas!«, rief sie laut.
»Wie oft habe ich euch eigentlich schon gesagt, dass ihr eure Klamotten nicht einfach überall liegen lassen könnt? Los, ab damit an die Garderobe, wie es sich gehört.«
Mit einem schiefen Grinsen gehorchten ihre vier Kinder.
»Und wenn ihr fertig seid, kommt bitte zu mir ins Wohnzimmer.«
Es dauerte nur wenige Augenblicke, da saß die komplette Viererbande um den Wohnzimmertisch verteilt. alle sahen Mama neugierig an.
»In ein paar Tagen ist Weihnachten.«, begann sie schließlich. »Kein einziges meiner Kinder hat mir bis heute auch nur einen Weihnachtswunsch gesagt. So langsam wird es dafür Zeit, wenn ihr nicht ohne Geschenk vor dem Weihnachtsbaum sitzen wollt.«
Die Kinder grinsten still. Jedes Jahr das gleiche Problem. Sie wussten einfach nicht, was sie sich wünschen sollten. Mama seufzte.
»Also, ihr geht jetzt in die Küche, nehmt euch Stift und Papier und schreibt Wunschzettel. Ihr kommt nicht eher zurück, bis ihr fertig seid.«
Die Viererbande stand auf. Jeder setzte sich an den Küchentisch, aß etwas und kritzelte drauf los. Zwischendurch tuschelten die Kinder miteinander, fragten, was der jeweils andere zu Weihnachten haben wollte. Erst eine ganze Stunde später kamen sie zurück ins Wohnzimmer und legten vier gefaltete Zettel auf den Tisch. Dann verzogen sie sich in ihre Zimmer.
Mama faltete die Zettel auseinander und las.
Die Wünsche passten zu jedem der Kinder. Während der letzten Monate hatten sie immer wieder von dem geredt, was nun auf den Wunschzetteln stand. Doch dann stutzte Mama und wunderte sich.
Marc hatte dieses Jahr noch etwas Zusätzliches aufgeschrieben. ›Der Weihnachtsmann soll bitte nich ein zweites Geschenk mitbringen. Es ist nicht für mich, sondern für den guten Geist, der auf unserem Dachboden lebt.‹
Bei David las sie etwas Ähnliches. ›Ich wünsche mir nich ein zweites Geschenk. Das liegt nicht daran, dass ich gierig bin, sondern ich möchte es an das kleine Monster aus dem Keller weiter geben, dass mich nie in seinem Leben ein Geschenk bekommen hat.‹
Der dritte seltsame Wunsch kam von Sina. ›Lieber Weihnachtsmann. Ein Wunsch ist gut, zwei Wünsche sind nich besser. Deswegen hätte ich gern zwei Weihnachtsüberraschungen. Eines davon gebe ich aber dem dicken Schneemann, der draußen vor der Tür steht. Er ist immer so einsam, wenn es Nacht wird. Er würde sich bestimmt über eine kleine Kleinigkeit freuen.‹
Und zum Schluss blieb nur noch Lucas übrig. Er hatte es seinen Geschwistern gleich getan. ›In diesem Jahr will ich zwei Geschenke. Das zweite gebe ich aber weiter an das kleine Mäuschen, dass nebenan in der Scheune lebt und immer so wahnsinnig friert. Ich verspreche auch, dass ich das zweite Geschenk nicht für mich behalten werde.‹
Mama wunderte sich immer mehr. Solche Wunschzettel hatte sie noch nie gelesen. Aber da Weihnachten vor der Tür stand, wollte sie alle Fünfe gerade sein lassen. Sollte die Viererbande ruhig zwei Geschenke in diesem Jahr bekommen.

Ein paar Tage später war es dann so weit. Heiligabend stand nicht nur auf dem Kalender, sondern auch vor der Tür. Der Christbaum stand festlich geschmückt im Wohnzimmer. Aus der Küche duftete es nach leckerem Punsch. Die Viererbande saß vor dem Baum. Gespannt warteten die auf das alljährliche Startkommando.
»Ihr dürft.«, gab Mama schließlich die Erlaubnis.
Marc war der erste, der sich sein Geschenk nahm. David, Sina und Lucas waren aber nur wenige Sekunden langsamer. Das Geschenkpapier flog in großen und kleinen Fetzen durch die Luft. Die Freude über die Geschenke war riesig groß.
»Und was ist mit den zweiten Geschenken?«, fragte Mama ein paar Minuten später.
»Die bringen wir jetzt weg.«, sagte Marc und zwinkerte seinen Geschwistern zu.
Die Viererbande stand auf. Sie schnappten sich ihre Geschenke, zogen ihre Winterklamotten an und verließen gemeinsam das Haus.
Nun wurde Mama richtig neugierig. Sie zog sich ebenfalls etwas Warmes über und schlich ihren Kindern hinterher.
Der Weg war nicht weit. Nur fünfhundert Meter weiter klingelte Sina an einer Haustür. Es wurde geöffnet und eine ältere Dame kam zum Vorschein.
»Aber das ist doch …«, murmelte Mama grinsend.
Sie kannte die alte Dame sehr gut. Sie stand jedes Jahr am Eingang des Kaufhauses und sammelte Geschenke für arme Kinder, die sonst keine Überraschung an Weihnachten bekamen.
»Eine tolle Viererbande hab ich da.«, freute sich Mama und ging mit einem Lächeln zurück nach Hause.

(c) 2016, Marco Wittler

385. Der schönste Ort der Welt

Der schönste Ort der Welt

Christian kam gerade mit seinem kleinen Bruder Niklas aus dem Einkaufszentrum. Sie hatten die Zutaten besorgt, die Mama für das Abendessen brauchte. Sie gingen die Straße entlang und kamen dabei an ein paar kleinen Geschäften vorbei.
»Christian?«, fragte Niklas.
»Christian, können wir in den Laden dort gehen?«
Christan sah durch das Schaufenster hinein, schüttelte dann aber den Kopf.
»Das ist doch nur ein Kramladen. Was sollen wir denn da drin? Außerdem wartet Mama schon auf den Einkauf. Wir müssen uns beeilen.«
»Bitte, bitte, bitte.«, bettelte Niklas und wollte sich nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen.
Christian seufzte.
»Warum willst du denn unbedingt da rein?«
»Weil das ein Zauberladen ist.«
Und schon lief Niklas durch die Eingangstür.
Im Geschäft sah es sehr sonderbar aus. Es gab keine geordneten Regale. Hier und da standen alte Schränke und Regale, in denen die sonderbarsten Dinge lagerten. Mitten im Raum stand sogar ein großes, ausgestopftes Pferd. Ein Verkäufer war allerdings nicht zu sehen.
»Also ich kann hier nichts entdecken, das wie Zauberei aussieht.«, beschwerte sich Christian leise, dem es etwas unheimlich wurde.
»Weil du nicht richtig hinschaust.«, erklärte ihm sein kleiner Bruder.
»Schau dir doch nur dieses Pferd hier an.«
Er ging ganz nah heran und streichelte mit der Hand über das weiche Fell.
»Es ist ein magisches Pferd. Man muss sich nur auf seinen Rücken setzen, die Augen schließen und an den schönsten Ort, den man sich nur vorstellen kann, denken. Und wenn man die Augen wieder öffnet, ist man dort angekommen.«
Jetzt wurde es Christian zu viel.
»Ich glaub dir kein Wort. Aber wenn du meinst, dass du die Wahrheit sagst, dann beweise es mir doch.«
Niklas zuckte mit den Schultern und kletterte vorsichtig an dem Tier hinauf. Vorsichtig setzte er sich in den Sattel und schloss die Augen.
»Und?«, fragte Christian nach einer Minute.
»Was ist jetzt?«
Niklas öffnete seine Augen wieder und grinste.
»Juhuu, es hat geklappt.«
Christian verdrehte genervt die Augen.
»Und an was hast du gedacht?«
Niklas lachte.
»Natürlich an den Zauberladen. Das ist der schönste Ort der Welt.«

(c) 2012, Marco Wittler

243. Die Sternschnuppe

Die Sternschnuppe

Miriam saß am Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus. Jetzt, so kurz vor dem Winter, ging die Sonne sehr früh unter und die Sterne kamen zum Vorschein, bevor es Zeit zum Schlafen wurde.
In diesem Moment kam Mama herein und setzte sich mit auf das kleine rote Sofa.
»Was schaust du dir da draußen an, mein Schatz?«, fragte sie.
Miriam zeigte mit dem Finger in den Himmel.
»Ich sehe mit die Sterne an und denke mir Geschichten dazu aus.«
Mama lächelte.
»Da hast du dir aber viel vorgenommen.«
Auf einmal bekam Miriam ganz große Augen. Sie hielt den Atem an, bevor sie ein paar Sekunden später ihre Sprache wiederfand.
»Schau mal. Einer der Sterne fällt gerade herunter. Ist der denn nicht richtig fest gewesen?«
Da musste Mama leise lachen.
»Aber nein. Das war gar kein Stern, sondern eine Sternschnuppe.«
»Eine Sternschnuppe? Davon habe ich ja noch nie gehört. Was soll das denn sein?«
Mama seufzte.
»Das ist gar nicht so einfach zu erklären.«
Doch Miriam ließ jetzt nicht mehr locker.
»Oh, bitte, bitte. Das muss ich unbedingt wissen.«
Mama nahm sich ihre Tochter auf den Schoß und begann zu erzählen.
»Da oben im Weltall fliegen immer mal wieder kleinere und größere Steine zwischen den Sternen und Planeten hin und her. Ab und zu verirren sie sich dann zur Erde und fallen dann herab. Dabei werden sie dann so heiß, dass sie anfangen zu glühen. Bevor sie dann auf dem Boden landen, sind sie bereits komplett verbrannt.«
Nun bekam sie einen geheimnisvollen Blick.
»Aber das Wichtigste ist, dass man bei einer Sternschnuppe die Augen schließt und sich anschließend etwas wünscht. Das geht dann auch irgendwann in Erfüllung.«
Sofort klappte Miriam ihre Lider herunter, legte die Stirn in falten und wünschte so kräftig sie konnte.
Als sie die Augen wieder öffnete, warf sie sofort einen Blick in die Dunkelheit.
»Juhuu, mein Wunsch ist gerade in Erfüllung gegangen.«
Da war Mama verwundert.
»Wie? So schnell? Was hast du dir denn gewünscht?«
Miriam zeigte mit dem Finger in den Himmel.
»Schau. Da fällt gerade eine neue Sternschnuppe vom Himmel. Die hab ich mir gewünscht.«
Da mussten sie beide lachen.

(c) 2009, Marco Wittler

107. Die Zeit steht still

Die Zeit steht still

Anna stand an ihrem Fenster und sah in den Hof des Schlosses hinab. Heute war ihr großer Tag. Schon lange hatte sie sich auf dieses Ereignis gefreut. Endlich war es so weit.
Nachdem an die Tür geklopft wurde, trat ein hoher Minister des Königs ein.
»Aber Herr Minister.«, beschwerte sich Anna.
»Dies ist das Gemach einer Dame. Wie könnt ihr es wagen, ohne Erlaubnis einzutreten?«
Der Minister verbeugte sich so tief, dass er mit seiner Nasenspitze fast den Boden berührte.
»Es tut mir leid. Aber dringende Umstände veranlassten mich zu dieser schändlichen Tat. Ich bitte um eure Vergebung.«
Anna legte einen prüfenden Blick auf den Minister.
»Ich habe fünf Mal geklopft. Kein einziges Mal habe ich von euch auch nur einen Laut gehört. Da hatte ich die Befürchtung, dass euch etwas zugestoßen sein könnte.«
Nun wurde Anna rot im Gesicht. War sie so sehr in Gedanken gewesen, dass sie alles um sich herum vergessen hatte?
»Was wünscht ihr von mir, Minister?«
»Der König wünscht euch jetzt zu sehen. Es ist so weit. Die Zeremonie kann beginnen.«
Der große Moment war gekommen. In ein paar Minuten würden sich alle wichtigen Menschen des Hofes im Thronsaal befinden.
Der Minister geleitete Anna hinab in die große Halle, wo sie von einigen Dienern empfangen und mit teuren Umhängen und Schmuck ausgestattet wurde.
Die großen Türen wurden geöffnet. Am Ende des Saals saß der König auf seinem Thron. Links und rechts von ihm standen die vielen Minister, die sich um die Staatsgeschäfte kümmerten. Doch sie waren heute nur als Gäste geladen. Die Hauptperson würde heute Anna sein.
Nervös schritt sie hinein und kam erst vor dem König zum stehen. Sie kniete sich vor ihm nieder und begrüßte ihn nach alter Sitte.
»Ich wünsche euch ein langes und erfolgreiches Leben, euer Majestät.«
Der König nahm sie bei der Hand und half ihr wieder hoch.
»Meine Freunde.«, sagte er laut. »Heute ist ein großer Tag für unser Königreich. Es kommt nicht oft vor, dass jemand in einen so hohen Staatsdienst gehoben wird. Noch seltener erhält eine Frau diesen Posten. Doch heute dürfen wir beides gleichzeitig erleben.«
Er nahm eine Schriftrolle zur Hand, öffnete sie und zeigte allen Anwesenden, was darauf stand.
»Die junge Dame Anna wird heute, eine Woche nach dem tragischen Tod ihres Vorgängers, zu meiner engsten Beraterin ernannt. Sie wird mich in allen Regierungsdingen unterstützen. Ihr Wort ist für jeden von euch bindend, so lange ich es nicht widerrufe.«
Der König reichte seiner neuen Beraterin ein goldenes Schwert, welches allen Menschen zeigte, wer sie nun war.
Alle Leute begannen nun zu klatschen, während sich Anna ein weiteres Mal vor dem König verbeugte und dann neben ihm Platz nahm.
Sie hatte es nun endlich geschafft, einen sehr bedeutenden Posten am Hofe des Königs zu bekommen. Ihr großer Traum war nun Wirklichkeit geworden.

Ein paar Monate später war Anna eingearbeitet. Sie hatte nicht erwartet, was sie alles zu tun hatte. Der König kam ständig mit neuen Ideen zu ihr. Er wollte wissen, was seine Beraterin davon hielt. Zwischendurch gab es immer wieder Treffen mit den Ministern. Und wenn dann noch Zeit blieb, musste sie Anweisungen an die Bediensteten weitergeben und Gespräche mit den einfachen Leuten führen, wenn sie Probleme hatten.
»Wenn ich gewusst hätte, wie wenig Zeit mir für mich bleibt, dann wäre ich niemals Beraterin des Königs geworden. Wenn ich doch bloß mehr Ruhe hätte.«
Eines Tages hielt es Anna nicht mehr aus. Sie fühlte sich leer. Also packte sie ein paar Sachen zusammen und lief fort. Sie wollte den Hof des Königs nicht verlassen. Sie wollte einfach nur ein paar ruhige Stunden im nahen Wald verbringen, ohne ständig an die Arbeit denken zu müssen.
Völlig geschafft und müde lief sie zwischen den Bäumen her und versteckte sich schließlich hinter einem großen Busch.
»Hier möchte ich mich ausruhen und ein wenig Schlafen.«
Sie legte sich hin, schloss die Augen und war bald in die Welt der Träume entschwunden.

Es verging nicht einmal eine Stunde Zeit, bis Anna wieder wach wurde. Ein lauter Krach weckte sie unsanft.
»Was ist denn hier los? Ich möchte mich doch einfach nur ein wenig ausruhen.«
Sie sah durch die Äste hindurch und entdeckte zwei dicke fette Kater, die auf dem Waldweg saßen und mit einem kleinen Wesen spielten. Es schien wehrlos zu sein.
»Oh nein, sie werden es bestimmt töten, wenn ich nichts dagegen unternehme.«
Anna sprang hervor und scheuchte die Kater mit einem dicken Stock fort. Dann sah sie nach dem kleinen Wesen.
Sie nahm es vorsichtig in die Hand und besah es sich etwas genauer.
»Was bist du denn für ein Tier? Du hast zwar zwei Flügel auf dem Rücken, aber ein Vogel kannst du nicht sein. Du hast gar keine Federn am Körper.«
Das Wesen drehte sich langsam und ängstlich herum.
»Ich bin kein Tier. Ich bin nur eine kleine Fee. Willst du mich etwa auch auffressen, wie diese beiden schrecklichen Raubtiere?«
Anna lachte leise.
»Hab bitte keine Angst. Ich bin Anna, die oberste Beraterin des Königs. Ich werde dir bestimmt kein Leid zufügen. Ich wollte dir nur dein Leben retten.«
Die kleine Fee beruhigte sich.
»Ich danke dir. Währst du nicht gewesen, wäre ich jetzt bestimmt schon zum Mittagessen geworden. Als Dank möchte ich dir einen Wunsch erfüllen.«
Anna schüttelte den Kopf.
»Mir geht es gut. Du brauchst mir nichts zu schenken. Ich habe alles, was ich brauche.«
Doch die Fee lies sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen und wedelte mit einem kleinen Zauberstab vor der Nase ihrer Retterin herum.
»Sind die Wünsche auch groß und klein. Alle sehe ich in deinem Herz. Eine reine Seele nennst du dein. D’rum nehm‘ ich dir den Schmerz.«
Ein Licht flackerte in Annas Hand auf. Die Fee war verschwunden.
»Was für eine komische Begegnung.«
Anna wollte nun nur noch nach Hause. Sie hatte genug im Wald erlebt. Sie packte ihre Sachen zusammen und ging zurück zum Schloss. Doch dort sollten noch viel unglaublichere Dinge geschehen.
Die Wachen am Tor bewegten sich nicht. Sie standen dort wie zwei steinerne Statuen. Selbst die Bediensteten und Minister waren erstarrt. Nicht einmal der König konnte sich bewegen. Alles im Schloss war still.
»Du meine Güte, was ist denn hier geschehen? Wie konnte das passieren?«
Anna dachte gleich an den Zauber einer bösen Hexe. Doch wie sollte dieser gebrochen werden?
»Wir haben doch keinen tapferen Prinzen am Hofe, der mit der Hexe kämpfen könnte.«
Traurig zog sich Anna in ihre Gemächer zurück, legte sich auf ihr Bett und schlief sehr schnell ein.
Es wurde ein sehr unruhiger Schlaf. Sie fand einfach nicht die Ruhe, die sie brauchte. Die Geschehnisse im Schloss holten sie immer wieder aus ihren Träumen hervor. Dazu kam noch, dass sich der Tag nicht mehr zum Abend neigte. Die Sonne stand am Himmel still und bewegte sich nicht mehr auf den Horizont zu.
Schließlich stand Anna wieder auf, ging an ihr Fenster und rief verzweifelt die kleine Fee.
Es dauerte nicht lange, bis sie in einem Lichtblitz erschien.
»Was hast du denn, mein Kindchen? Bist du denn mit deinem Wunsch nicht zufrieden?«, fragte sie.
Anna war verwirrt.
»Bist du etwas daran schuld, dass sich niemand mehr bewegen kann?«
Die Fee nickte.
»Du hast dir tief in deinem Herzen so viel Ruhe gewünscht, dass ich für dich die Zeit angehalten habe.«
Anna begann zu weinen.
»Aber das wollte ich nicht. Ich will nicht allein auf der Welt wach sein, während alle anderen in der Zeit schlafen müssen. Bitte mach das wieder rückgängig.«
Die Fee sah erst enttäuscht zu Boden.
»Zu nichts bin ich nütze. Jeden Wunsch, den ich in meinem Leben erfüllt habe, war zu nichts gut. Ich werde nie eine gute Fee.«
Doch dann fiel ihr etwas ein.
»Wenn ich dir so nicht helfen kann, dann gibt es vielleicht doch noch eine andere Möglichkeit.«
Während sie mit ihrem Zauberstab wedelte, wachten alle Menschen wieder auf und gingen ihren Geschäften nach.

Ein paar Tage später ging Anna gemütlich durch das Schloss. Sie traf sich mit dem König, um ihn bei Verhandlungen mit einem Fürsten zu beraten. An ihrer Seite flog eine kleine Fee, die sich sehr darum bemühte, die beste Beratungshelferin des ganzen Königreichs zu werden. So konnte sich Anna die Arbeit mit jemand anderem teilen und hatte dadurch viel mehr Zeit zum entspannen.

(c) 2008, Marco Wittler