556. Tommi und die Rentiere (Tommis Tagebuch 11)

Tommi und die Rentiere

Hallo liebes Tagebuch, Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Das ist so unvorstellbar, dass ich es eigentlich niemandem erzählen möchte. Die Leute würden bestimmt denken, dass ich verrückt geworden bin. Dir schreibe ich trotzdem davon. Bei dir habe ich keine Angst, dass du es jemandem erzählst.
Also. Ich war heute Nachmittag mit Mama und Oma im Zoo. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sind die Gehege mit Lichtern geschmückt. Manchmal kann man einem Chor zuhören, der Weihnachtslieder singt und es macht einen riesigen Spaß.
Wir haben uns alles angesehen und waren von morgens bis abends unterwegs. Ich habe wirklich jedes Tier gesehen und ihm frohe Weihnachten gewünscht. Manche Tiere haben sich dafür gar nicht interessiert. Die kamen bestimmt aus Ländern, die Weihnachten gar nicht kennen. Aber alle anderen haben mir auch frohe Weihnachten gewünscht.
Irgendwann waren wir dann bei Tieren aus Nordeuropa und haben dort eine Herde Rentiere gesehen. Ja, echt. Richtige Rentiere. Die vom Nordpol. Die, die immer den Schlitten vom Weihnachtsmann durch die Luft ziehen, damit er Weihnachtsgeschenke verteilen kann.
Mama sagte, dass das nur normale Rentiere sind. Die vom Weihnachtsmann hätten gar keine Zeit bei uns im Zoo zu stehen. Sie müssten sich um den Schlitten kümmern. Aber das habe ich ihr nicht geglaubt. Ich war mir sogar sicher, dass ich Rudolph gesehen habe. Seine Nase hat zwar nicht rot geleuchtet, aber das musste sie auch nicht. Die leuchtet nur, wenn er den Schlitten zieht.
Als Mama und Oma mal kurz zur Toilette mussten, habe ich mich ganz dicht an den Zaun gestellt und zu den Rentieren gesprochen. Besonders Rudolph hat mir ganz aufmerksam zugehört.
Ich habe ihnen erzählt, dass ich das ganze Jahr über ein artiger Junge gewesen war, dass ich immer auf Mama gehört und meine große Schwester Nina nicht einmal geärgert habe.
Na gut. Das stimmte nicht so ganz. Aber ich habe wenigstens versucht, so oft wie möglich artig zu sein. Hat auch ganz gut geklappt.
Und dann habe ich den Rentieren erzählt, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Meinen Wunschzettel hatte ich dabei. Ich hab ihn laut vorgelesen, danach gefaltet und an den Zaun gesteckt.
In dem Moment kamen dann auch Mama und Oma zurück. Wir gingen weiter zum nächsten Tiergehege.
Ich habe den beiden erzählt, was ich gemacht habe. Sie haben nur gegrinst und leise gelacht. Wollten mir wohl immer noch nicht glauben, dass es die Rentiere des Weihnachtsmanns waren. Aber das war mir egal.
Ich drehte mich ein letztes Mal um. Und wer hätte das gedacht? Mein Wunschzettel war verschwunden. Und der Rudolph hat einmal kurz mit seiner Nase rot geglüht und mir zugezwinkert.
Ich freue mich schon jetzt auf meine Geschenke. Ich bin mir ganz sicher, dass Rudolph meinen Wunschzettel noch rechtzeitig zum Nordpol bringen wird.

Das war’s dann auch schon wieder. Bis zum nächsten Mal.
Dein Tommi.

(c) 2016, Marco Wittler

362. Der Baum muss weg

Weg mit dem Baum

»Heilige Drei Könige.«, las Alexander vom Kalenderblatt und sah im Augenwinkel, dass Mama und Papa die Kugeln und das Lametta vom Weihnachtsbaum nahmen.
»Was macht ihr denn mit dem Baum?«, fragte er entsetzt und drehte sich schnell um.
»Der ist doch so schön. Den könnt ihr doch nicht einfach so ohne irgendwas hier stehen lassen.«
Papa setzte sich auf das nahe Sofa und nahm seinen Sohn auf den Schoß.
»Der Weihnachtsbaum soll ja nicht stehen bleiben. Es wird Zeit, dass er aus der Wohnung raus kommt. Weihnachten ist ja schließlich schon zwei Wochen vorbei. Irgendwann wird eine Tanne nun mal trocken und stirbt ab. Dann fallen ihre Nadeln ab und sie sieht gar nicht mehr schön aus.«
Aber das wollte Alexander gar nicht hören. Stattdessen protestierte er lautstark.
»Wir können doch nicht einfach einen Baum wegwerfen. So was macht man nicht. Den kann man doch bestimmt noch irgendwie gebrauchen.«
Er lief schnell zum Fenster und sah hinaus in den Garten.
»Können wir den Baum denn nicht dort draußen eingraben bis zum nächsten Weihnachten?«
Papa musste grinsen.
»Nein, das geht leider nicht. Der Baum ist doch abgesägt. Er hat keine Wurzeln mehr.«
Alexander war beleidigt.
»Die Nachbarn werden bestimmt mit euch schimpfen, wenn ihr den Baum weg werft.«
»Dann schau doch mal durch das Fenster auf die Straße.«, schlug Papa vor.
Der Junge lief sofort in die Küche. Nur Sekunden später staunte er nicht schlecht. Vor jedem Haus lag mindestens eine Tanne, meistens sogar zwei oder drei.
»Das gibt’s ja gar nicht. Jeder wirft einfach seinen Baum weg. Das ist so gemein. Vielleicht braucht sie noch irgendwer.«
Papa seufzte.
»Ich hab da eine Idee. Wir fahren in den Zoo. Dort werde ich dir etwas zeigen.«
Er half Alexander in die dicke Winterjacke und setzte ihn ins Auto. Gemeinsam fuhren sie in den nahen Zoo, wo direkt zum Kamelhaus gingen.
»Was machen wir denn hier?«, wollte Alexander wissen.
»Das wirst du gleich sehen.«, antwortete Papa.
Sie öffneten die Tür und traten ein. Zu beiden Seiten waren Gitter angebracht, hinter denen die Kamele standen. Und nun musste Alexander grinsen.
»Die fressen ja Weihnachtsbaume.«, sagte er erstaunt.
»Du siehst also, dass unsere Bäume nicht einfach nur in den Müll kommen.«, erklärte Papa.
»Das hättest du doch gleich sagen können. Dann darfst du unseren Baum an die Straße legen.«

(c) 2011, Marco Wittler

304. Murmeltiertag

Murmeltiertag

Es war der zweite Februar, als Tim ganz aufgeregt in seinem Zimmer herum hüpfte.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Papa neugierig, als er zufällig einen Blick durch die Tür warf.
»Weißt du denn gar nichts?«, antwortete Tim.
»Heute ist doch einer der wichtigsten Tage des ganzen Jahres.«
Papa warf einen verwirrten Blick auf den Kalender, konnte aber nicht feststellen, was so besonders an einem Dienstag sein konnte.
Tim verdrehte die Augen, holte ein Tierbuch aus dem Regal und schlug eine bestimmte Seite auf.
»Das Waldmurmeltier.«, las Papa vor. Mehr verstand er aber immer noch nicht.
»Heute ist Murmeltiertag. Heute entscheidet es sich, wie lange der Winter  noch dauern wird. Das weiß doch jedes Kind.«
Papa sah aus dem Fenster und deutete auf den Schnee, der gerade taute.
»Wenn du mich fragst, dann ist es vorbei mit dem Winter. Es wird wärmer.«
Tim legte das Buch zur Seite und nahm Papa mit in den Flur.
»Du hast doch keine Ahnung. Deswegen werde ich auch ein Murmeltier befragen und nicht dich.«
Er zog sich seine Jacke über.
»Beeil dich. Wir müssen in den Zoo. Um fünfzehn Uhr kommt das Murmeltier aus seinem Bau und schaut sich um.«

Ein paar Minuten vor fünfzehn Uhr standen die beiden mit unzähligen anderen Kindern und Eltern vor dem Murmeltiergehege. Ein Tierpfleger stand schon bereit und sah immer wieder auf seine Uhr.
»Es ist Zeit.«, rief er und alle anderen verstummten.
Drei Mal klopfte er mit einem Stock gegen einen künstlichen Baumstumpf mit Türchen. Dann öffnete er das Türchen und holte das Murmeltier hervor.
Die Kinder jubelten und wurden wieder still.
»Kannst du deinen Schatten sehen, Toni?«, fragte der Tierpfleger das Murmeltier und hielt es sich an sein Ort.
Es dauerte eine Weile. Die Kinder wurden langsam unruhig.
»Toni hat sich umgesehen.«, rief plötzlich der Tierpfleger.
»Heute Nachmittag hat er seinen Schatten gesehen. Deswegen wird er sich für die nächsten sechs Wochen wieder in seinen Bau zurück ziehen. Wir werden also noch weitere sechs Wochen mit dem Winter leben müssen.«
In diesem Moment erschallte lauter Jubel aus allen Kindermündern. Sie freuten sich auf weiteren Spaß im Schnee.

(c) 2010, Marco Wittler

258. Kuscheln macht Laune

Kuscheln macht Laune

»Wenn du unbedingt meinst, dann mach doch was du willst.«
Mama bekam einen roten Kopf und drehte sich um.
»Los, Anna, du kommst jetzt mit mir. Wir schauen uns die Delfine an.«, sagte sie im Befehlston.
Anna gehorchte und lief Mama nach. Hatten sie sich doch noch durchgesetzt. Schließlich waren die Affen im Zoo so unglaublich langweilig. Diese albernen Tiere konnten nur Jungen gut finden.
Und so trennten sich die Wege. Papa und Lars verschwanden um eine Ecke und gingen zum Affenhaus.
»Da sind die beiden ja in bester Gesellschaft. Meinst du nicht auch?«, witzelte Mama.

Die Vorführung war klasse. Anna lernte, dass Delfine keine Fische waren, sondern Säugetiere. Sie hatten keine Kiemen zum Atmen. Deswegen mussten sie regelmäßig an die Oberfläche kommen um Luft zu holen.
Die eleganten Schwimmer sprangen durch Reifen, holten sich ihr Futter aus luftiger Höhe und ließen sich von ihrem Trainer als Wasserski benutzen. Zwischendurch spritzten sie dann immer wieder das Publikum nass. Wer zu weit vorne saß, bekam einige Tropfen ab. Als dann auch noch der große Schwertwal einen Bauchklatscher machte, rollte sich eine große Welle über das Schutzglas.

»Das war richtig lustig.«, sagte Anna, als die beiden wieder auf den Zoowegen standen.
»Was uns von da oben erwartet, wird aber alles andere als spaßig.«
Mama zeigte zum Himmel hinauf. Dunkle Wolken waren aufgezogen. Schon bald würde es regnen.
»Wir müssen uns beeilen, damit wir rechtzeitig im Auto sind, sonst werden wir richtig nass und bekommen eine Erkältung.«
Sie nahmen die Beine in die Hand und flitzten los. Doch genau in diesem Moment fielen bereits die ersten Tropfen. Nur Sekunden später öffnete der Himmel seine Schleusen und ein Wolkenbruch begann.
»Iiiiiiih.«, rief Anna verzweifelt.
»Ich werde ganz nass.«
Mama nahm sie an der Hand und zog sie hinter sich her.
»Da drüben können wir uns unterstellen.«
Glücklicherweise gab es vor dem Bärengehege einen kleinen Unterstand mit einer Bank.
»Was wollt ihr denn hier?«, rief Mama plötzlich.
Da saßen bereits zwei traurige, durchnässte Gestalten. Es waren Papa und Lars, die ebenfalls vom Regen überrascht worden waren.
Ohne ein Wort standen die Beiden von ihrer Bank auf und verdrückten sich in eine andere Ecke. Mama und Anna setzten sich hin, tuschelten und warfen hin und wieder einen düsteren Blick zum Rest der Familie.
»Los, wir kuscheln uns zusammen. Dann frieren wir nicht mehr so.«
Mama legte einen Arm um ihre Tochter und drückte sie an sich. Da sah sie wie Papa und Lars zitterten.
»Na los, ihr Helden. Kommt rüber.«, schlug sie vor.
»Das kann man sich ja nicht mit ansehen. Ich bin mir sicher, ihr passt auch noch auf die Bank.«
Die beiden waren dankbar und kuschelten sich zu den anderen. Nun konnten sie wieder zusammen sein und gemeinsam lachen. Jeder Ärger und Streit war verflogen.
»Wisst ihr was?«, fragte Anna in die Runde.
»Kuscheln macht Laune. Das sollten wir öfter machen.«

(c) 2009, Marco Wittler

210. Der unsichtbare Pfau

Der unsichtbare Pfau

Zoodirektor Müller spazierte die Wege entlang. Hin und wieder sah in eines der Tiergehege hinein und winkte den Bewohnern zu. Es waren große Bären, Tiger, Giraffen, Elefanten, aber auch kleine Erdmännchen, Waschbären, Hängebauchschweine und mehr.
Jeden Tag kamen unzählige Besucher hierher und bestaunten die vielen Tiere. Auf der anderen Seite der hohen Zäune und Glasscheiben besahen sich die Tiere ihre Besucher und staunten ebenfalls.
»Hast du das Kind mit dem großen Eis in der Hand gesehen?«, flüsterte ein Affe dem anderen zu.
»Ich wette, wenn ich gleich einen Purzelbaum mache, fällt das Eis zu Boden.«
»Zwei Bananen, dass es auf sein Eis aufpasst.«, ging der andere auf die Wette ein.
Und schon sprang einer der Affen vor das Fenster und machte einen Purzelbaum nach dem anderen. Doch das Eis blieb fest in der Hand des Kindes.
»Verdammt und zugenäht.«, fluchte er nach ein paar Minuten und übergab die zwei verlorenen Bananen.
So ging es jeden Tag. Die Menschen vertrieben sich ihre Zeit damit, die Tiere anzusehen. Und die Tiere taten das Gleiche, nur umgekehrt.
Zwei Seehunde kamen in diesem Moment durch eine Klappe aus ihrem Schlafraum und betraten das Gehege.
»Applaus, ich will unbedingt Applaus.«, rief einer der beiden.
Der Zweite stimmte sofort mit ein. Sie glitten in ihr Wasserbecken, tauchten von einer Seite zur anderen und vollführten atemberaubende Sprünge in die Luft. Für jedes Kunststück klatschten die Menschen so laut sie konnten.
Zoodirektor Müller sah den Besuchern und seinen Tieren nur zu gern zu. Er freute sich, dass sich hier jeder wohl fühlte und Spaß hatte.
Doch als er um eine Ecke bog, sah ein trauriges Tier. Es war Paul, der Pfau, der mit gesenktem Kopf einen Weg entlang schlich.
»Mensch, Paul, was ist denn mit dir los?«, fragte der Direktor.
Paul seufzte.
»Ach, Herr Direktor. Es ist einfach nur traurig. Tag für Tag durchstreife ich den Zoo. Ich laufe den Besuchern entgegen, gehe mit ihnen mit oder stehe ihnen sogar im Weg. Aber niemals werde ich beachtet.«
Er ließ einen weiteren Seufzer hören.
»Jedes Kind läuft an mir vorbei. Kaum kommen sie um die Ecke, höre ich schon ihre Stimmen. Sie wollen zu den lustigen Affen oder wollen den hungrigen Löwen bei der Fütterung zuschauen. Selbst die langweilige Riesenschlange, die sich den ganzen Tag über nicht bewegt, bekommt mehr Aufmerksamkeit als ich. Ich glaube, wenn ein Tier im Zoo nicht eingesperrt ist, wird es nicht als es Besonderes angesehen. Es ist fast so, als wäre ich komplett unsichtbar.«
Direktor Müller hatte sich das Problem genau angehört und versprach Paul, sich darum zu kümmern. Er wollte sich etwas einfallen lassen.
Am Abend setzte er sich in das Kassenhäuschen und verabschiedete die Besucher. Jeden befragte er, wie ihm der Pfau gefallen hätte. Doch die Antworten waren immer gleich.
»Pfau? Welcher Pfau? Habe ich nicht gesehen.«
Es war zum verzweifeln.
Die nächsten Tage waren nicht besser. Auch ein großes Schild über dem Eingang, das auf den Pfau hinwies, brachte keine Besserung.
»So kann das doch einfach nicht mehr weiter gehen.«, sagte sich der Zoodirektor.
»Es muss etwas geschehen.«
Er betrat den Dachboden seines Hauses und wühlte durch alle Kisten und Kästen, die sich dort befanden. In ihnen lagerten unzählige Dinge, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte. Da waren große Geweihe, Hörner, Felle, lange Zähne und mehr. Doch nichts schien zum Pfau zu passen. Doch dann fand Herr Müller in der letzten Kiste einen Haufen Federn. Sie waren lang, bunt und sahen an ihrem Ende wie große Augen aus.
»Das ist es. Das ist die Lösung.«
Er packte alle Federn und seinen Arm und rannte durch den Zoo, bis er Paul fand.
»Mein lieber Paul, ich glaube, ich habe etwas für dich gefunden, dass dir mehr Beachtung einbringen wird.«
Ganz stolz zeigte er die Federn vor, die er schnell zu einem Rad gebunden hatte.
»Das befestigen wir an deinen Schwanzfedern. Wenn du dieses bunte Rad aufstellen wird und es hinter dir im Sonnenlicht schimmert, wird jeder stehen bleiben und unbedingt ein Foto von dir machen wollen.«
Paul war begeistert, als er sich ein paar Minuten später betrachtete. Denn schon im nächsten Augenblick blieben die ersten Zoobesucher stehen und sahen erstaunt auf dieses Tier, dass sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatten.
Seit dieser Zeit tragen die meisten Pfauen ein buntes Federrad mit sich.

(c) 2009, Marco Wittler

021. Ein viel zu heißer Sommer

Ein viel zu heißer Sommer

 Es war Sommer. Seit mehreren Wochen schon hatte sich keine einzige Wolke mehr am Himmel blicken lassen. Von Tag zu Tag wurde es heißer und heißer. Die Menschen bewegten sich nur, wenn es sich nicht mehr anders vermeiden lies. Die einzigen Orte, an denen man sie antreffen konnte, waren dunkle Keller und erfrischende Freibäder. Allerdings brachten diese auch keine richtige Abkühlung mehr, denn das Wasser hatte mittlerweile die Temperatur einer Badewanne.
Aber nicht nur den Menschen erging es so. Auch den Tieren im Zoo war es viel zu heiß. Allen voran der Klaus. Dieser war ein großer dicker Eisbär und stammte eigentlich vom Nordpol. Dort war es immer kalt und das ganze Jahr über lag Schnee. Daran war jeder Eisbär von Geburt an gewöhnt. Doch nun lebte Klaus schon seit einiger Zeit im Zoo und ihm war viel zu heiß. Anders wie bei den Menschen, die in Badehose oder Bikini herumlaufen konnten,  musste er sein dickes Fell anbehalten. Auch sein Badeteich kühlte nun nicht mehr. Trotzdem lag der den ganzen Tag am Wasser. Das war immer noch besser als in der Sonne zu schwitzen.
Er war allerdings nicht der einzige. Den Pinguinen war es auch zu heiß und allen anderen Tieren ebenfalls. So konnte es doch nicht weiter gehen. Irgendetwas musste dringend und schnell unternommen werden – nur was?
Der Abend kam und damit ein fast nicht spürbares, leicht kühlendes Lüftchen. Manch einer im Zoo atmete etwas auf. Aber nicht Klaus. Und genau deswegen hatte er schon beim Frühstück alle Tiere im Zoo informiert. Sie sollten sich nach Einbruch der Dunkelheit im Elefantenhaus treffen. Dort war genügend Platz für eine große Versammlung.
Und nun war es auch soweit. Alle machten sich auf den Weg. Um diese Zeit konnten sie das auch machen, denn der Zoo war mittlerweile geschlossen, und kein Mensch sah sie frei auf den Wegen umherlaufen. Und wirklich alle waren unterwegs. Die Schlangen schlängelten durch die Büsche, die Vögel flatterten hinterher und selbst die großen Krokodile machten sich mit ihren kurzen Beinen auf den Weg. Die Elefanten waren hingegen nicht zu sehen, denn sie waren ja heute Abend die Gastgeber und konnten zu Hause bleiben.
Die erste offizielle Zootier Versammlung der Geschichte konnte beginnen. Jeder, der etwas zu sagen hatte, durfte nach vorn kommen und sich an einem Rednerpult alles von der Seele reden. Und das sollte bis zum Morgengrauen dauern, denn jeder wollte erzählen, wie sehr ihm die Hitze zu schaffen machte.
Zum Schluss, kurz bevor die Sonne aufging redete Klaus als letzter. Er hatte beschlossen eine Gruppe aus unerschrockenen Tieren zu bilden, die sich dieses Problems an- und etwas dagegen unternehmen wollten. An seiner Seite hatte er schließlich die Elefantendame Elisa, den Kaiman Kalli und die Nasenbärin Nadine. Zu viert versprachen sie, schnellstens etwas gegen die Hitze machen zu wollen und viele Regenwolken hierher zu locken.
Um das Vertrauen der anderen auf ihrer Seite zu haben schüttelten sie allen beim Verlassen des Elefantenhauses die Hand, Kralle, Tatze, Pfote und was auch immer sie am Ende ihrer Arme und Beine besaßen.
Dabei fiel Klaus auf, dass eine Tiergruppe nicht zur Sitzung erschienen war. Die Löwen war nicht gekommen. Das war doch ziemlich komisch. Auf dem Weg zu seinem Gehege dachte er darüber nach und als er sich in seinen Teich gleiten lies fiel es ihm auf.
Die Löwen hatten keine Lust gehabt zu kommen. Sie sonnten sich sogar noch auf ihrem Felsen und fühlten sich regelrecht wohl. Eigentlich war das sogar klar, denn Löwen kamen ja ursprünglich aus der Steppe Afrikas. Dort war es immer heiß und nur selten kam Regen vom Himmel. Das war ihr Verhalten doch ziemlich eindeutig. Und nun hatte Klaus eine Idee, aber dafür musste er noch einen Tag schwitzen und bis zur nächsten Nacht warten.

 Als es wieder dunkel wurde traf er sich mit Elisa, Kalli und Nadine. Zusätzlich hatte er alle Vögel zu Hilfe gerufen. Sie sollten sich in einem Busch, nahe dem Löwengehege, verstecken und auf sein Zeichen warten.
Als der Eisbär mit seiner Gruppe bei den Löwen ankam schliefen diese bereits tief und fest in einer kleinen Höhle.
Der Zeitpunkt war günstig. Elisa packte den Eisbär, den Kaiman und die Nasenbärin und hob sie mit dem Rüssel in das Gehege. Dort fingen sie an, sich zu dritt umzuschauen.
Klaus Riecher hatte genau richtig gelegen. Denn hinter den Löwen, im Innern der Höhle waren jede Menge Regenwolken gefangen. Deswegen konnte es auch nicht regnen. Die Löwen waren an allem schuld.
Jetzt musste alles schnell gehen. Elisa trötete laut mit ihrem Rüssel, dass es im ganzen Zoo zu hören war. Die Löwen wurden von dem Lärm sofort wach und liefen aufgeregt zur Elefantendame an den Zaun um zu erfahren, warum sie so laut war. Diese Chance nutzten Klaus und seine beiden Freunde aus. Sie holten alle Wolken aus der Höhle und legten sie vorsichtig auf den Boden davor.
Nun war es Zeit für die Vögel. sie kamen aus dem Busch geflogen und schnappten sich mit ihren Krallen die Wolken und brachten sich mit kräftigen Flügelschlägen zum Himmel, wo sie hingehörten.
Plötzlich fing es an zu regnen. Es regnete wie aus Blechkübeln und es wollte gar nicht mehr aufhören. Die Löwen waren sehr erschreckt, denn Löwen waren eigentlich nur zu groß geratene Katzen. Und wie jeder weiß, sind Katzen sehr wasserscheu. Also rannten sie jaulend in ihre Höhle zurück um schnell wieder trocken zu werden.
Da sie nun nicht mehr am Zaun standen konnte Elisa die drei Wolkenretter wieder über den Zaun heben. Nun hatten sie es endlich geschafft. Die Wolken waren wieder da und die Hitze war verschwunden.
Alle Tiere im Zoo freuten sich und feierten bis zum Morgengrauen. Nur eine Gruppe war sauer. Die Löwen wurden nämlich nicht trocken, denn die Höhle hatte Löcher in der Decke und es regnete durch. Aber das war die gerechte Strafe für den viel zu langen und zu heißen Sommer. Sie hatten ihre Lektion gelernt und würden so eine Gemeinheit bestimmt nicht wieder machen.

 (c) 2004, Marco Wittler