1215. Der alte Leuchtturmwärter hört ein Geräusch

Der alte Leuchtturmwärter hört ein Geräusch

Der alte Leuchtturmwärter stand in seiner kleine Küche und kochte sich eine Kanne Ostfriesentee, den er mit einer Hand voll Kandis und einem Schuss Sahne in der warmen Sommersonne genießen wollte. Dazu hatte er sich bereits einen kleinen Tisch und einen gemütlichen Sessel auf dem Deich hergerichtet und einen Sonnenschirm aufgespannt.
Der Wärter stellte den Tee, die Zuckerdose und das Sahnekännchen auf ein Tablett und wollte es gerade nach draußen bringen, als ich auffiel, dass er etwas vergessen hatte. Also stellte er alles noch einmal ab und bückte sich. Er musste seine Pantoffeln gegen seine Schuhe tauschen. Er griff nach den Schnürsenkeln und hörte plötzlich ein Geräusch. Ein lauter Pups donnerte durch den Leuchtturm und wurde immer wieder als Echo von den metallenen Wänden zurück geworfen.
Der Leuchtturmwärter schreckte hoch und sah sich um. »Wer ist da?«, rief er laut, weil er sich ganz sicher war, dass der Pups nicht von ihm stammen konnte. Eine Antwort bekam er aber nicht.
»Bei meinem vollen, weißen Bart. Hier geht etwas Seltsames vor sich.«
Er lief mehrmals die Treppe hinauf und hinunter, sah in jeder noch so kleinen Ecke nach, konnte aber niemanden entdecken. Hatte er sich etwa getäuscht? Nein, denn der Geruch hing auch nach ein paar Minuten noch immer in der Luft.
»Der stinkende Übertäter muss draußen sein.« Der Leuchtturmwärter trat durch die schwere Eisentür und lief drei Mal um seinen Turm herum, bis er auf den Gedanken kam, nach oben zu schauen. Über ihm schwebte, ob er es glauben wollte oder nicht, eine Art Bettlaken mit Augen. »Ein Geist!«
Der Leuchtturmwärter traute seinen Augen nicht und rieb sich mit den Händen darüber, bevor er ein weiteres Mal über sich blickte. Der Geist war immer noch da.
»Hallo!«, sagte der Geist mit einem Lächeln im Gesicht.
»Hallo!«, antwortete der Leuchtturmwärter unsicher.
»Du lebst doch hier am Meer. Kannst du mir Geschichten darüber erzählen?«
Er nickte. Geschichten und Seemannsgarn waren ein Teil seines Lebens. Davon kannte er mehr als genug. »Setz dich zu mir, dann werde ich dir etwas erzählen.«
Der Geist ließ seinen Blick zwischen dem Leuchtturmwärter und dem Meer hin und her wandern. »Aber von hier oben habe ich ein viel besseren Blick auf das Meer. Können wir uns nicht einfach auf das Dach deines Turms setzen?«
Der Wärter seufzte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Trotzdem nickte er. Er griff in seine Tasche, holte einen Kaugummi hervor und machte eine große Blase, die ihn sanft nach oben brachte. Er setzte sich neben den Geist, holte sein Pfeifchen hervor und begann, seinem Gast die wildesten und verrücktesten Geschichten zu erzählen.
Irgendwann, nachdem die Sonne schon lange hinter dem Horizont verschwunden war und die Nacht begonnen hatte, fiel dem alten Leuchtturmwärter wieder etwas ein. Er musste noch etwas fragen. »Hast du heute Nachmittag in meinem Leuchtturm gepupst?«
Der Geist begann zu lachen. »Gepupst? Ich? Nein! Ich bin ein Geist. Ich kann gar nicht pupsen.«
Verdammt. Dann musste es wohl doch der Leuchtturmwärter selbst gewesen sein.

(c) 2022, Marco Wittler


Image by Łukasz Siwy from Pixabay

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*