1402. Glühende Geisterkohlen

Glühende Geisterkohlen

Der Sommer war viel zu schnell ins Land gegangen. Mittlerweile waren die Tage wieder deutlich kürzer, die Nächte umso länger. Die Temperaturen waren in den letzten Monaten deutlich gefallen. Der Winter stand vor dem Wald und ließ den eisigen Wind durch die Bäume und Büsche pfeifen. Auf der kleinen Lichtung hatten sich viele Frostkristalle gebildet, die nun im Licht des Mondes glitzerten.
In dieser Nacht lief Roselotte Brombeergeist zwischen den Grashalmen auf und ab. Man hatte sie bereits vorgewarnt. Es sollte schon bald in dicken Flocken schneien und noch kälter werden. Das wollte sie auf keinen Fall verpassen.
Schnee. Das klang so mystisch. Unter dem Wort konnte sie sich nichts vorstellen, wünschte sich aber, dass es ein wundervolles und besonderes Ereignis werden würde.
Während das kleine Geistermädchen noch darüber nachdachte, landete eine erste Schneeflocke unbemerkt auf ihrem Kopf und schmolz langsam dahin.
»Huch, das kitzelt.« Roselotte hob den Kopf und war sofort begeistert. Es glitzerte plötzlich in allen Richtungen und über ihr. Es hatte zu schneien begonnen.
Schnell wurden die Lichtung und die um sie herum stehenden Bäume wie von feinem Mehl oder Puderzucker überzogen. Dann bildete sich eine Schneedecke, die rasch dicker wurde.
»Es wird Zeit, dass du dir Schutz suchst.«, rief einer der älteren Geister. »Wenn du weiter da draußen stehst, wirst du irgendwann im Schnee versinken und dich nicht mehr vom Fleck rühren können.«
Roselotte verdrehte die Augen. »Denk dran, dass du nicht wie die anderen einfach fort schweben kannst.«, murmelte sie genervt.
»Denk dran, dass du nicht wie die anderen einfach fort schweben kannst.«, sagte der Ältere wie erwartet.
»Ist mir egal.«, antwortete das Geistermädchen und begann, durch den Schnee zu hüpfen. Mit ihren dicken, klobigen Schuhen hinterließ sie tiefe Spuren, die dann aber wieder von neuen Flocken überdeckt wurden.
»Das ist so unglaublich herrlich. Ich liebe es. Ich liebe Schnee und den Winter.« Roselotte streckte die Zunge raus, schnappte sich eine Flocke nach der anderen und ließ sie sich im Mund zergehen. Immer wieder lachte sie laut auf und freute sich insgeheim, dass die anderen Geister niemals würden durch den Schnee hüpfen und das leise Knirschen unter den Füßen würden hören können. Es hatte eindeutig Vorteile, zu früh geboren worden zu sein, auch wenn Roselotte dafür viele andere Geistereigenschaften nicht besaß.
Verträumt spazierte sie durch den Wald, hielt an jedem Busch und jedem Ast, um sich daran zu erfreuen, wie der Schnee auf ihnen immer dicker wurde. Doch dann hörte sie jemanden schluchzen.
Zuerst versteckte sich Roselotte. Sie hatte Angst. Man hatte ihr schon viel von den Menschen erzählt, die man für gefährlich hielt und denen man besser aus dem Weg ging. Doch dann siegte die Neugier. Sie lief weiter. Auf einer anderen, viel kleineren Lichtung entdeckte sie einen kleinen Geist, der verzweifelt vor einem Haufen Kohlen saß.
»Hallo.«, sagte Roselotte zaghaft, um den anderen nicht zu erschrecken. »Wer bist du? Ich habe dich hier noch nie gesehen. Mein Name ist Roselotte Brombeergeist. Du darfst aber Lotti zu mir sagen.«
Der Geist sah auf und wischte sich schnell die Tränen aus dem Gesicht. »Ich bin Baxter und ich kann kein Feuer machen.« Wieder liefen Tränen aus seinen Augenwinkeln herab und tropften auf die Holzkohlen, die vor ihm lagen.
»Die hat ein Mensch hier verloren. Ich weiß genau, dass sie damit Feuer entzünden, aber ich habe immer noch nicht den richtigen Zauber gefunden, es ihm nachzumachen. Die großen Geister würden mich bestimmt auslachen, weil ich die einfachsten Sachen nicht schaffe.«
Roselotte setzte sich zu ihm und legte Baxter einen Arm um die Schultern. »Aber das ist doch gar nicht schlimm. Man muss nicht immer alles können. Ich kann dafür nicht schweben, kann mich nicht unsichtbar machen und durch Wände schweben geht auch nicht. Aber das macht mir nichts. Dafür habe ich zwei wunderbare Füße, mit denen ich durch den Schnee wandern kann.«
Baxter sah auf. Die Tränen trockneten langsam und er rang sich ein kleines Lächeln ab. »Das ist lieb von dir, dass du mir das erzählt. Jetzt geht es mir gleich ein wenig besser.« Er sah auf die Kohlen. »Aber nur ein ganz klein wenig.« Er lachte. »Und was mache ich jetzt mit den Kohlen?«
Lotti nahm ein Kohlenstück in die Hand und besah es sich von allen Seiten. »Das kann doch gar nicht brennen. Es ist pitschnass. Da hilft auch nicht der beste Zauber vom schlauesten Geist der Welt. Ich habe aber eine Idee, was wir stattdessen damit machen können.«
Die beiden Geister standen auf. Lotti fing an, aus dem Schnee eine Geisterfigur zu formen und Baxter tat es ihr gleich. So formten sie nach und nach ihre Ebenbilder.
»Und die Kohlen stecken wir als Augen hinein. Fertig sind unsere Doppelgänger.«
Baxter nickte. Plötzlich fühlte er sich richtig glücklich. Die Zeit mit dem Geistermädchen hatte ihm geholfen und richtig viel Spaß gemacht.
Er überlegte kurz. Sollte er es noch einmal versuchen? Er schnippte mit den Fingern. Sofort begannen die Holzkohlenaugen in den Schneegeistern zu glimmen und brannten dann lichterloh. Sie brachten die noch jungen Figuren zum Schmelzen, bis sie als kleine Pfützen endeten.
»Du hast meinen Schneegeist kaputt gemacht. Das war fies.«
Baxter erschrak. Doch dann sah er die gespielte Entrüstung in Lottis Augen, die kurz darauf zu lachen begann. Sie griff in den Schnee und bewarf ihn damit. »Schneeballschlacht!«
Sie bewarfen sich gegenseitig, bis sie irgendwann aus der Puste waren und nebeneinander im Schnee lagen und den Flocken beim Fallen zuschauten.
»Du bist eine tolle Freundin, Lotti.«, sagte Baxter irgendwann.
»Und du bist ein toller Freund, Baxter.«

(c) 2022, Marco Wittler

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