Zwei zauberhafte Kater
Am frühen Morgen klapperte der Briefschlitz in der Tür und ein buntes Kuvert segelte langsam zu Boden. Normalerweise wäre es dort eine ganze Weile liegengeblieben, wenn nicht Anton, ein weißgrauer Kater, ihn sofort bemerkt und mit ihm zu spielen begonnen hätte.
Die kleine Hexe, die es sich gerade mit einem frisch aufgebrühten Kaffee in der Stube gemütlich gemacht hatte, stand neugierig auf und ging in den Flur.
»Ach, Anton, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mit der Post nicht spielen sollst? Wenn du den Brief zerkratzt, kann ich ihn nicht mehr lesen.«
Sie zog entzog dem Kater das Kuvert, der sich nur ungern davon trennte und öffnete es. Der Brief im Innern war nicht minder bunt.
Die Hexe rückte ihre Brille zurecht und überflog die Zeilen. Mehr und mehr Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Schließlich legte sie das Blatt auf die Kommode neben sich und seufzte.
»Heute Abend ist eine Sitzung der Schwesternschaft der Hexen. Männliche Hexen, Kater und Katzen sind ausdrücklich mitgemeint. Um vollzähliges Erscheinen wird gebeten. Anreise hat auf dem üblichen Weg zum Blocksberg zu erfolgen.« Ihr Blick wanderte zum Wandschrank, in dem sich nur ein einzelner Gegenstand befand: Der viel zu lang nicht mehr benutzte Hexenbesen. »Ich glaube, ich melde mich lieber krank und bleibe Zuhause.«
»Mäh!« An dieser Stelle der Geschichte mag man geneigt sein, ein Schaf zu erwarten, dass sich zur Hexe gesellte, doch es war Anton, der einen ähnlichen Laut von sich gab, weil es ihm noch nie gelungen war, ein ordentliches Miau hervorzubringen. »Mäh!«
»Nein, wir können nicht zur Schwesternschaft reisen. Du weißt ganz genau, dass ich Höhenangst habe. Ich kann mich unmöglich auf den Besen setzen und zum Blocksberg fliegen. Mir wird schon ganz schlecht, wenn ich nur daran denke. Zum Laufen ist es eh viel zu weit. Wir bleiben hier.«
»Mäh!« Es war Anton richtig anzumerken, dass er mit dieser Entscheidung nicht einverstanden war. Es war nämlich schon viel zu lange her, dass er mal vor die Tür gehen durfte. Meist stürmte er einfach nach draußen, wenn sie einmal geöffnet war und wartete dann vor dem Haus darauf, mit einem Lächeln der kleinen Hexen ausgeschimpft und wieder hineingetragen zu werden. Aber eine Reise zum Blocksberg war etwas ganz Besonderes. Das wollte er sich auf keinen Fall entgehen lassen.
»Mäh! Mäh! Mäh!«
Aufgeregt lief er durchs Haus, suchte in jedem Raum, bis er vor seinem besten Freund Tim stand, ein weiteren Kater mit weißem Fell und schwarzen Flecken auf der Seite, die wie eine Maus mit runden Ohren geformt waren.
»Miau!«, antwortete Tim und nickte. Auch ihm war es nach einem Ausflug.
Verstohlen blickten sich die beiden um. Auf leisen Pfoten schlichen sie in den Keller und berieten, was sie nun unternehmen konnten, um den Ausflug doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Dann griffen sie zum Werkzeug und begannen und arbeiten.
Der Tag verging. Der Morgen wurde zum Mittag und dieser zum Nachmittag. Der Lauf der Sonne führte in einem Halbkreis zum Himmel hinauf und wieder herunter. Kurz vor Sonnenuntergang standen Anton und Tim, die sich bis dahin nicht mehr hatten sehen lassen, im Türrahmen zur Stube.
»Mäh! Mäh! Mäh!«, rief Anton.
»Miau! Miau! Miau!«, stimmte Tim aufgeregt mit ein.
»Was ist los, meine liebsten Lieblingsjungs? Habe ich etwa vergessen, euch zu füttern?« Die kleine Hexe stand vom Sofa auf, rückte ihre Brille gerade und warf einen Blick auf die Näpfe in der Zimmerecke. Diese waren allerdings gefüllt und unberührt.
»Mäh!«
»Miau!«
Anton und Tim liefen in den Flur und achteten peinlich genau darauf, dass die Hexe ihnen folgte. Die Kater blieben vor dem Wandschrank stehen und legten jeweils eine Pfote an die Tür.
Wieder seufzte die kleine Hexe. »Ich hab es doch schon heute Morgen gesagt. Wir können nicht zum Blocksberg fliegen. Meine Höhenangst macht da einfach nicht mit. Wir müssen wirklich hier bleiben.«
Anton und Tim ließen nicht locker. Mit großen Augen starrten sie die Hexe an und drängten sie, doch noch die Schranktür zu öffnen.
»Nanu? Was ist denn das? Träume ich?«
Mit verwirrtem Blick griff sie zum Besen, der sich merklich verändert hatte. An den Seiten waren vier Räder mit dicken Gummireifen angebracht, auf denen er waagerecht rollen konnte. Auf der Oberseite thronte ein gemütlicher Sattel, auf dem man auch lange aushalten konnte, ohne einen schmerzenden Po davonzutragen.
»Mäh!«
»Das habt ihr zwei für mich gebaut? Ehrlich?«
»Miau!«
Die kleine Hexe musste sich vor Rührung ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischen. Mit Vielem hätte sie gerechnet, damit aber nicht. Während sie den Besen vorsichtig abstellte, verschwanden die beiden Kater kurz und kamen nach ein paar Sekunden zurück. Sie hatten sich Zaumzeug angelegt und waren bereit, das mehr als ungewöhnliche Fahrzeug durch den Wälder und Felder, über Stock und Stein bis zum Blocksberg zu ziehen.
»Tja, da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als das Angebot anzunehmen. Am Boden kann ich locker auf meinem Besen reiten ohne Flugangst zu bekommen. Ihr beiden seid die Besten, einfach nur zauberhaft.«
Sie drückte erst den Anton, dann den Tim an sich und streichelte ihnen über die Köpfe. »Dann machen wir uns mal fertig. Es ist allerhöchste Eisenbahn. Wenn wir noch pünktlich ankommen wollen, müssen wir uns beeilen.«
Kurz darauf rasten zwei Kater durch den Wald und zogen eine kleine Hexe auf einem Besen hinter sich her.
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