1737. Roselotte Brombeergeist kann nachts nicht schlafen

Roselotte Brombeergeist kann nachts nicht schlafen

»Ich liebe den Geschmack von frischem Tau am frühen Morgen.«, schoss ein Gedanke wie ein kleiner, flüchtiger Blitz durch den Traum von Roselotte Brombeergeist.
Sie wachte und blickte sich verwirrt um. Wo war das Licht des Vollmonds geblieben?
In normalen Nächten blieb es auf der kleinen Lichtung inmitten des finsteren Walds ruhig und still. Die kleinen, weißen Blumen hielten ihre Blüten geschlossen. Nur wenn der Vollmond seine fahlen Lichtstrahlen über die Baumwimpfel hinweg zum Boden schickte, änderte sich das. Dann öffneten sich die Blüten und die Geister, die in ihnen wohnten erwachten zum Leben.
»Was ist passiert? Ich sollte tief und fest schlafen.«
Roselotte gähnte laut, bevor sie aufstand und vorsichtig die Blüten ihrer Blume von Hand öffnete. Die Lichtung lag in tiefem Schlaf, wie sie es sollte. Keiner der anderen Geister war erwacht.
Das Geistermädchen kratzte sich am Kopf, bis ihr der letzte Gedanke ihres Traums wieder einfiel. »Ich liebe den Geschmack von frischem Tau am frühen Morgen.«
Roselotte legte die Stirn in Falten, was ihr nur sehr schwer gelang, denn das Bettlaken, aus dem ihr Körper bestand, wirkte immer so, als wäre es frisch gebügelt.
»Was ist Morgentau?«, fragte sie sich. »Davon habe ich noch nie gehört.« Kurzerhand entschloss sie sich, der Sache auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was dieser Morgentau war.
Stück für Stück kletterte sie mit geübten Griffen am Stiel ihrer Blume hinab, bis sie festen Boden unter ihren Stiefeln spürte. Das Schweben, wie es andere Geister normalerweise taten, beherrschte Roselotte nicht. Da sie bei ihrer Geburt zu ungeduldig gewesen und etwas zu früh geboren worden war, musste sie sich mit einer Fortbewegung auf Füßen begnügen.
Sie schaute sich um. »Wenn ich nur wüsste, wo ich mit meiner Suche beginnen soll.« Sie drehte sich einmal im Kreis, ein zweites und drittes Mal. Da in keiner Richtung etwas nach Morgentau aussah, steuerte sie eine bestimmte Blume an, an deren Stiel sie klopfte.
»Frida?« Sie wartete und zählte bis drei. »Frida? Bist du wach?« Sie bekam wieder keine Antwort. »Frida!« Sie schüttelte vorsichtig den Stiel, bis sich die Blüte über ihr öffnete und das Gesicht eines verschlafenen Geistes zum Vorschein kam.
»Hast du etwa noch geschlafen?«, fragte Roselotte mit gespielter Überraschung.
»Wonach sieht es denn aus, Rosi?«, antwortete Frida. »Sogar meine Glühwürmchen liegen noch in ihren Betten und schnarchen leise vor sich hin.« Sie schüttelte sich leicht, drehte sich mehrfach um ihre eigene Achse, bis die kleinen Käfer in ihrem Körper erwachten und Frida in einem grünen Licht zu leuchten begann. Langsam schwebte sie zu ihrer Freundin hinab. Sie beugte sich vor. »Was ist passiert?«, flüsterte sie. »Warum bist du hier? Es ist keine Vollmondnacht.«
»Ich suche den Morgentau. Ich habe von ihm geträumt und weiß nicht, was er ist. Kannst du dir vorstellen, was das mit mir macht? Ich werde niemals wieder schlafen können, bevor ich diese Frage nicht beantwortet bekomme.«
Frida seufzte und nickte. »Und wenn du nicht schlafen kannst, kann ich das wohl auch nicht.«
Gemeinsam überlegten die beiden Geister, wie sie nun vorgehen, wo sie suchen sollten, wurden sich aber nicht einig. Das lag vor allem daran, dass sie nicht mal eine kleine Idee davon hatten, was Morgentau überhaupt war. Als Geister, als Wesen der Nacht, hatten sie nie einen Morgen erlebt.
Rosi und Frida legten sich ins Gras, blickten verträumt zu den Sternen hinauf und fantasierten darüber, was der Morgentau alles sein konnte. Mit jeder neuen Idee, mit jedem neuen Gedanken, verging die Zeit. Erst als die die Sonne langsam hinter dem Horizont hervorkam und ein erster Sonnenstrahl den Weg durch die dicht stehenden Bäume fand, bemerkten sie, dass die Nacht ihr Ende gefunden hatte.
Sie blickten sich überrascht an und kicherten wie zwei kleine Kinder, die die ganze Nacht mit einer Lampe heimlich unter der Decke in einem spannenden Buch gelesen hatten und nicht dabei erwischt worden waren. Erst durch ein leises Brummen, das schnell lauter wurde, ließen sie sich unterbrechen. Ein dicker Käfer näherte sich und landete nur wenige Hand breit von den Geistern entfernt auf einem Grashalm und trank von einem Wassertropfen, der sich an der Spitze gebildet hatte.
»Mh, so lecker. Es geht doch nichts über einen frischen Schluck Morgentau.« Dann flog er weiter und verschwand im dichten Grün.
Die Geistermädchen rissen die Augen auf. Ganz ohne Arbeit hatten sie die Antwort auf ihre Frage bekommen.
Rosi sprang auf, sah sich um. Überall hingen Tropfen, die im Sonnenlicht glänzten. Sie hatten den Morgentau gefunden. Sie ließ sich auf ihre Knie herab, streckte ihre Zunge weit aus und leckte das Wasser von den Halmen ab. Nur kurz behielt sie sie im Mund, bevor sie sie wieder ausspuckte. »Ih, bäh. Voll eklig. Morgentau schmeckt wie eine Wiese, über die zu viele Wesen mit ihren Stinkefüßen gelaufen sind. Ich kann echt nicht verstehen, was am Morgentau so toll sein kann.«
Rosi hob den Saum ihres Geisterlakens hoch, wischte sich damit mehrmals über die Zunge und spuckte immer wieder aus. »Frida, wenn ich das nächste Mal einem Traum nachjage, dann halte mich bitte auf. Der Morgentau war echt eine ganz schlimme Erfahrung, die ich nicht noch einmal erleben möchte.«
Sie packte ihre Freundin an der Hand. Sie gingen zurück zu ihren Blumen, kletterten und schwebten zu den Blüten hinauf und fielen schon bald wieder in den Schlaf.

(c) 2026, Marco Wittler

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