1738. Abby und der Fall der Sterne

Abby und der Fall der Sterne

Eine kleine, zierliche Katze mit schwarzweißem Fell und großen, aufmerksamen Augen, hatte es sich am Abend auf der Fensterbank gemütlich gemacht. Hier an ihrem absoluten Lieblingsplatz konnte sie stundenlang in den Himmel blicken und die Sterne beobachten, die seit einer Weile als kleine, weiße Punkte funkelten.
Die Zeit verging. Aus flüchtigen Augenblicken wurden Minuten, aus Minuten ganze Stunden. Trotzdem wurde es Abby nicht langweilig. Die Sterne über ihr leisteten ihr Gesellschaft und erzählten so manch spannende Geschichte, die man aber nur dann hören konnte, wenn man aufmerksam genug hinhörte.
Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Einer der Sterne begann zu zittern. Panisch versuchte er sich an seinem Platz festzuhalten. Es gelang ihm nicht. Er stürzte ab und sauste mit so hoher Geschwindigkeit zur Erde hinab, dass er einen langen, hell leuchtenden Schweif hinter sich her zog, bevor er im nahen Wald verschwand.
»Nein!« Abby sprang sofort auf und lief zur Tür. Mit einem letzten Blick vergewisserte sie sich, dass die anderen Katzen tief und fest schliefen, bevor sie durch eine kleine Klappe das Haus verließ. »Ich muss den Stern finden. Ich muss ihn retten, bevor ihm noch mehr passiert. Hier unten wird er nicht überleben. Er braucht seinen Platz am Firmament.«
Auf leisen Pfoten flitzte sie unter dichten Büschen hindurch, an dicken Baumstämmen vorbei und überwand mehrere kleine Bäche.
»Wo ist er denn nur?«
Kaum hatte sie zu zweifeln begonnen, überhaupt auf dem richtigen Weg zu sein, fiel Abby ein kleines, kaum wahrnehmbares Schimmern auf. Langsam ging sie darauf zu und fand den gefallenen Stern in einem alten Laubhaufen.
»Hilfe!« Der Stern erschrak und versuchte verzweifelt, die Absturzstelle zu verlassen, kam aber mit seinen fünf kleinen Zacken nicht sehr weit.
»Du musst dich nicht fürchten, kleiner Stern. Ich werde dir nichts tun. Ich habe nach dir gesucht, um dich zurück an deinen Platz zu bringen. Du gehörst hier einfach nicht hin.«
»Sprichst du auch die Wahrheit?« Er holte tief Luft und hielt inne. »Die Menschen suchen immer nach uns, wenn wir abstürzen. Es heißt, dass wir Wünsche erfüllen können. Es weiß nur niemand, dass wir dann für immer verschwinden.« Der Stern schluckte schwer, schluchzte. »Ich möchte nicht verschwinden.«, setzte er etwas leiser fort.
Abby lächelte freundlich. »Was sollte ich mir denn wünschen? Mir geht es gut, meinen Freunden auch. Wir haben ein Dach über dem Kopf und immer genug zu fressen. Ich habe nichts, das ich mir wünschte könnte.« Vorsichtig streckte sie ihre Pfoten aus, kam dem Stern aber nicht so nah, dass er sich bedroht fühlen musste. »Darf ich dir helfen?«
Der Stern überlegte kurz, wusste aber bereits, dass er aus eigener Kraft den Wald nicht würde verlassen können. Er nickte und ließ sich von Abby hochheben.
Sie drückte ihn vorsichtig an ihre Brust. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg aus dem Wald heraus. Unter freiem Himmel sollte sich doch eine passende Idee finden lassen.
Als sie die letzten Bäume hinter sich ließen, wurde es über ihnen hell, heller als es in einer Nacht sein durfte.
Abby sah mit einem unguten Gefühl im Bauch nach oben. Dutzende, wenn nicht sogar hunderte Sterne fielen plötzlich zeitgleich zur Erde hinab. Sie alle hatten ihren sicheren Halt verloren.
»Was geht da vor sich? Wie kann das sein?«
»Es geschieht jedes Jahr. Wenn die Sommerhitze ihren Höhepunkt erreicht und zum Himmel hinaufsteigt, bekommen wir Sterne schwitzige Hände. Dann fällt es uns immer schwerer, uns am Himmelszelt festzuhalten. Wer zu schwach ist, fällt dann einfach herunter. Die einen vergehen schon auf dem Weg in einem hellen Glühen, die anderen werden gesucht und für Wünsche benutzt.« Abbys Blick wurde mit jedem weiteren Stern verzweifelter. Sie wollte etwas unternehmen, die Sterne retten, wusste aber nicht wie. Es waren einfach zu viele.
»Wenn ich doch nur etwas tun könnte. Ich weiß aber nicht wie.« Tränen schossen ihr in die Augen und fielen auf den Stern in ihren Händen.
»Doch, du weißt es bereits. Du hast nur Angst, es auszusprechen.« Der Stern schluckte, kämpfte selbst mit den Tränen. »Es ist in Ordnung. Es ist nicht für dich, sondern für meine Freunde. Rette sie.«Abby schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht nicht. Was passiert denn dann mit dir?«
»Ich werde dir niemals vergessen, dass du meine Freunde gerettet hast.«
Wieder schüttelte Abby den Kopf. Doch dann sprach sie ihn aus. »Ich wünsche mir, dass alle Sterne wieder an ihrem Platz erscheinen, dass sie nicht mehr auf die erde stürzen und keiner von ihnen einer Gefahr ausgesetzt wird.«
Der Stern in ihren Händen verblasste, erlosch und verschwand schließlich ganz. Im selben Augenblick fiel kein einzige Stern mehr vom Himmel. Abby hatte sie gerettet. Sie konnte sich allerdings nicht so richtig darüber freuen.
Müde schlich sie langsam nach Hause und legte sich zum Schlafen auf ihre Fensterbank. Auf dem Weg ins Traumland warf sie einen letzten Blick zum Himmel hinauf und wollte ihren Augen nicht trauen. Dort oben war er wieder. Der Stern, den sie gerettet und der sich für ihren Wunsch geopfert hatte, hing an seinem Platz, als wäre nichts geschehen. Voller Freude winkte er der kleinen Katze und flüsterte ihr eine letzte Botschaft zu.
»Nur ein Selbstloser Wunsch, den man für andere vergibt, kann einen Stern wieder zum Leben erwecken. Vielen Dank, kleine Abby.«

(c) 2026, Marco Wittler

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