Agentin Abby Schnuto geht auf Rettungsmission
Montag Morgen, 08:15 Uhr
Ping!
In der obersten Etage des alten Leuchtturms, der nur wenige Meter neben dem Hafenbecken stand, öffnete sich die Tür des Aufzugs. Agent Tim McKatze stürmte herein, sprintete zu seinem Schreibtisch und ließ sich völlig außer Atem auf seinen Drehstuhl fallen.
Panisch blickte er sich im Büro um, dann sah er nacheinander seine Kollegen an. »War der Boss schon da? Hat er mitbekommen, dass ich schon wieder zu spät dran bin?«
Schon wollte er erleichtert ausatmen, als der Kopf eines Bengal Katers mit ernster Miene hinter einem freistehenden Schrank hervorkam. »Im Büro des NCIS Katze pflegen wir pünktlich zu erscheinen.« Agent Atheno Grips, Leiter des Teams, ging langsam um Tims Arbeitsplatz herum. Dieser duckte sich, als würde er eine Strafe erwarten, doch der ernste Blick der auf ihm ruhte, reichte schon für ein schlechtes Gewissen aus.
»Entschuldige bitte, Boss. Kommt nicht wieder vor. Ich wurde aufgehalten. An der letzten Kreuzung ist eine junge Katze mit ihrem E-Roller liegengeblieben. Sie hatte einen Platten und niemanden mit einer Luftpumpe in der Nähe. Selbstverständlich habe ich mit meinem Improvisationsgeschick ausgeholfen.«
Agent Grips nickte. »Wenn das so ist, habe ich natürlich nichts gesagt. Der NCIS hilft allen, die in Not geraten sind.«
Ping!
Ein weiteres Mal öffnete sich der Aufzug. Tony DiNase kam mit einem breiten Grinsen im Gesicht ins Büro. Weder beeilte er sich, noch versuchte er sich vor dem Boss zu verstecken. Stattdessen hatte er die beste Ausrede von allen in der Hand, eine Papiertüte mit dem Aufdruck des benachbarten Teeladens.
»Ah!« Atheno Grips war die Freude anzusehen. »Tony ist endlich da und er hat frischen Tee mit gebracht. Den kann ich wirklich gut gebrauchen.«
Tony griff in die Tüte und holte einen Becher hervor. »Einmal Baldrian pur für den Boss, zwei kleine Shots für die Kollegen Pummel und Oh-Oh, ein stilles Wässerchen für Tim, dass seinen Blutdruck nicht unnötig in die Höhe treibt, und …«, er wusste, dass er nicht lange würde warten müssen.
Ping!
Abby Schnuto, eine kleine, zierliche Katze mit schwarzweißem Fell, war aus ihrem Labor gekommen. »Schnuppere ich da etwas meinen Lieblingsduft?« Sie lief auf Tony zu, drückte ihn kurz an sich, bevor er einen extra großen Becher mit einem langen Strohhalm hervorholte. »Du weißt schon, wie du mich verwöhnen kannst.«
»Einen Baldrian Spezial mit einem kräftigen Schuss laktosefreier Milch und Knusperkissen oben drauf.«
»Tony, du bist einfach der Allerbeste.« Abby nahm einen großen Schluck, verabschiedete sich aus dem Büro und fuhr wieder herunter in ihr Labor.
Hier unten konnte sie völlig ungestört arbeiten, Proben analysieren und spannende Experimente durchführen, die nicht selten in einem lauten Krachbumm endeten. Sie wusste schon längst nicht mehr, wie viele Laborkittel und Schutzbrillen sie während ihrer Karriere beim NCIS Katze schon zerstört hatte.
Sie stellte ihren Trinkbecher neben sich auf den Tisch, wollte gerade die Flamme am Bunsenbrenner entzünden, als das Dosentelefon zu klappern begann.
Abby wirbelte herum, griff zur Dose und spannte den Faden. »Hier ist Abby Schnuto, die weltbeste Laborkatze dies- und jenseits aller großen Flüsse und Meere. Wer spricht?«
»Abby!« Es war Tim McKatze, der völlig aufgelöst durch die Leitung schrie. »Wir haben im Büro eine akute Notfallsituation, die uns alle überfordert. Wir brauchen ganz dringend deine Hilfe.«
Abby nickte. »Ganz ruhig, Tim. Atme erstmal tief ein, wieder auf und beruhige dich. Dann erklärst du mir möglichst genau, was passiert ist. So viel Zeit muss sein.«
Tim begann zu atmen, wurde tatsächlich ruhiger. Schließlich begann er zu berichten. »Es ist Agent Oh-Oh. Er ist auf einer seiner berüchtigten Klettertouren gegangen. Du weißt doch, was passiert, wenn er klettert?«
Abby schluckte schwer. Oh-Oh hätte man auch Oweiowei nennen können. Sie kannte keinen anderen Kater, der so gern auf alle möglichen Dinge kletterte, sich dabei aber so ungeschickt anstellte, dass ihm ständig schwindelig wurde und er schließlich abstürzte. Dabei hatte er sich schon so manchen Knochenbruch zugezogen.
»Verdammt nochmal, Tim! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Ich muss ihn sofort retten. Jetzt zählt jede Sekunde.«
Abby ließ das Dosentelefon fallen, stürmte ins Laborlager und griff zu einem alten Einkaufswagen, den mit allen möglichen Utensilien befüllte, die man für eine Rettung aus luftiger Höhe gebrauchen konnte. Fertig ausgerüstet ging es weiter in den Aufzug und hinauf zum Büro.
Ping!
Die Türen öffneten sich. Abby schob den Einkaufswagen hindurch. Ohne zu zögern holte sie vier orange und weiß gestreifte Baustellenpylonen hervor, stellte sie als Absperrung auf den Boden, damit sie während der Rettung nicht von anderen Besuchern aus dem Aufzug gestört werden konnte. Als nächstes breitete sie ein großes Sprungtuch aus, dass sie von der Feuerwehr bekommen hatte. Auch die große, aufblasbare Matratze kam zum Einsatz. Zuletzt nahm sie ein Megafon, damit Oh-Oh sie auch in luftiger Höhe hören konnte.
»Abby!«, rief ihr der Boss merkwürdig ruhig zu. »Es ist alles in Ordnung, Abby. Ihm wird nichts geschehen. Du kannst das alles wieder einpacken.«
Erst jetzt nahm sich Abby Schnuto die Ruhe und Zeit, um sich umzuschauen. Ein sichtlich stolzer Oh-Oh stand mit wackligen Pfoten auf einem Seil, das auf dem Boden lag. Er hatte sich zu keinem Zeitpunkt einer Gefahr ausgesetzt.
»Schau mal, Abby, wie gut ich das kann. Dafür habe wochenlang heimlich geübt.« Er lachte und freute sich, wie eine kleine Babykatze, das seine erste Fliege gefangen hatte. »Ich bin ein großer Kletterkünstler!« Doch dann geriet er in Schieflage und kippte um.
»Du bist der beste Kletterkünstler aller Zeiten.«, lobte ihn Abby. »Von so viel Mut können sich die Agenten Pummel, Tim und Tony noch eine Scheibe abschneiden.«
Lachend packte sie ihre Rettungsausrüstung wieder ein und ließ sie im Aufzug verschwinden.
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